Indische Weisheit

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Es wäre anmaßend, Euch vorzugaukeln, ich kennte ein Land, in dem ich lediglich meine Ferien verbracht habe. In meinen Beiträgen blitzen Streiflichter auf, kurze Momentaufnahmen, die meine persönlichen Eindrücke spiegeln, die andere Reisende womöglich völlig unterschiedlich beurteilen. Ich glaube allerdings nicht, dass zum Beispiel Indien irgendjemanden kalt lässt. Vielmehr scheint es bei allen Besuchern äußerst intensive Empfindungen hervorzurufen.

Im riesigen Land fallen als Erstes Gegensätze von geradezu Shakespeare’scher Dramatik auf. So viele Farben von einzigartiger Leuchtkraft! So viel Lebendigkeit und ausgelassene Fröhlichkeit! So viel Ruhe in den sich ins Unendliche erstreckenden Landschaften! So viel handwerkliche Kunstfertigkeit! So viel reine Schönheit und Anmut in Menschen und Baukunst! So viel Würde und Religiosität! Solch betörende Düfte! Und dicht daneben Gestank, Hoffnungslosigkeit, Armut, Schmutz, Elend, Verachtung… Ein Land, das den Taj Mahal hervorgebracht hat und eine derart vielfältige, reiche Kultur voller Erhabenheit, Formvollendung und Pracht sein Eigen nennt, hat – wie könnte es anders sein – ebenso eindrückliche Schattenseiten.

Die scharfen Gegensätze drangen mir direkt in Herz und Gemüt. Im Völkerkundemuseum der Entfaltung eines indischen Ragas zu lauschen, war für mich schon immer ein besonderer Kunstgenuss. (Die Tonleitern der westlichen Musik benutzen maximal 12 Töne pro Oktave. Die klassische indische Musik orientiert sich dagegen an den Shrutis (Mikrotönen), die eine Oktave in 22 Schritte unterteilen, was das Musizieren anspruchsvoll macht.)

Und nun drohte mich die Spannung zwischen Zauber und Not zu zerreißen. Das Märchenland-Ambiente der Hotels machte diese zu wahren Oasen, die Chaos und Entbehrung weit weg verbannten – und doch hielten wir uns nicht mit wirklich reinem Gewissen dort auf, obwohl sie Erholung von den stets neuen Gefühlsaufwallungen des Tages boten, eine Erholung, nach der wir uns jeweils dankbar ausstreckten:  

Da war der Handwerker, der unter Schmerzen – mit dem glanzvollen Taj Mahal im Rücken und einem wegen der Arbeit mit dem Meißel abfallenden Fingerglied – die edelsten Gegenstände aus dem pickelharten Marmor hervorzauberte. Oder die Mutter, die am Boden kauernd neben einer Kloake aus Scheiße und Motorenöl Chapati briet, um die große Familie im zerrissenen Plastikzelt zu ernähren. Oder die Straßenarbeiterin in ihrem leuchtend violett/gelben Sari, die in der glühenden Mittagshitze den Pickel wuchtig schwang und schwerste Bauarbeiten ausführte. Oder die brandmagere Kuh, die mit sanften Augen in die Welt blickte und hungrig Plastikabfälle fraß, denn Kühe, die keine Milch mehr geben, bringen Unglück. Sie werden deshalb von zu Hause weggetrieben und ihrem Schicksal überlassen, obwohl sie heilig sind.   

Oder der Maler, der im Keller des prunkvollen Palast-Museums die göttlichsten Miniaturen schuf, umgeben vom beißenden Gestank nach Urin. Oder die versehrte Bettlerin, deren flehender Blick in puren Hass umschlug, als wir ihrer Bitte um Almosen nicht gleich Folge leisteten, während das winzige Baby auf ihrem Arm die ausdrucksstarke mütterliche Gestik für „Hunger“ exakt nachahmte. Oder die Familie, die auf der Eisenbahnstation lebte und sich wenigstens notdürftig waschen konnte, weil aus einem kleinen Hahn an einer Bahnsteigsäule etwas kaltes Wasser rann. Oder der Priester, der am Pilgerort in einem Häuschen mit verschissener Hausmauer wohnte und mit feierlich-würdevoller Miene Opfergaben in den Heiligen See streute. Oder der Mann, der auf seiner armseligen Matratze am Straßenrand starb, während der hektische Verkehr unablässig vorbeirollte: abenteuerlich beladene Lastwagen, farbig bemalte, berstend volle Busse mit lachenden Gesichtern an den Scheiben, Kühe, Ziegen, Motorroller, Privatautos, Hand-, Ochsen- und Eselskarren, deren hoch aufgetürmte Lasten gefährlich schwankten, Velos, Tuk-Tuks, Rikschas, ja sogar Kamele und Elefanten. Das pralle Leben hält in Indiens Städten keinen Moment still. Es ist eine ungewöhnliche, fremdartige Welt, die einen ganz eigenen Sog auf den westlichen Betrachter ausübt.

Einlullend, aber nicht eigentlich tröstlich, wirken indische Weisheiten wie etwa jene, die Dickie, ein Anhänger des Jainismus, mir verraten hat: „Die Lotusblume ist ein Symbol dafür, wie man weise lebt. Sie wächst aus Schlamm und Wasser heraus, wird davon jedoch nicht berührt. So sollte man sein Leben führen: unberührt vom äusseren Schmutz und innen rein.»

Schön und gut, aber kommt es nicht eher darauf an, in welchem Land man geboren wird? Oder ist dies falsch gedacht? Sind die meisten dieser Menschen nur in unseren westlichen Augen derart benachteiligt?

Elisabeth, 21.8.2019