Der Elefant von Murten

Foto Wikipedia, nach Hermann Schöpfer

Nach einer wahren Begebenheit

Im Jahre 1866 trug sich Schreckliches zu im sonst so beschaulichen Städtchen Murten im Freiburgerland. Doch niemand ahnte das Unheil, das nur zu bald hereinbrechen sollte, gab es doch atemberaubende Neuigkeiten: Ein amerikanischer Wanderzirkus sollte Murten besuchen!

Als der Abend der Vorstellung kam, gurrten die Tauben eindringlich von den Dachrinnen, doch die Bevölkerung war viel zu aufgeregt, um irgendwelche Gefahren zu wittern. Zum ersten Mal würde die Bevölkerung zwei echte, riesengrosse Elefanten aus dem Urwald zu Gesicht bekommen, ein Männchen und ein Weibchen! Und die würden Kunststücke vorführen! Es wurde denn auch ein mitreissendes Abenteuer, und die Menschen gingen nach der Vorstellung voller Stolz und Freude nach Hause. Doch die Geschichte endete damit leider nicht.

In den frühen Morgenstunden nach der Vorstellung wurde der Elefanten-Bulle wild, er brach brüllend aus seiner Stallung aus und tötete den Elefantenwärter, dem er 14 Jahre lang gehorcht hatte. Dann rannte er wütend durch das aufgeschreckte Städtchen, Gass-auf, Gass-ab, es war beängstigend, die Menschen schrien, weinten, flohen, rannten ziellos umher, es gab verständlicherweise tumultartige Szenen. Der leidenschaftliche Ausbruch aus der Hitze des afrikanischen Busches wirbelte das ruhige helvetische Leben im Städtchen tüchtig durcheinander und trieb manch kühles Blut in Wallung. Da galt es, die gewohnte Ordnung rasch wieder herzustellen und die Gefahr zu bannen. Unruhestifter bringen Unruhe. Das wussten die Murtener nicht erst seit Napoléon. Und der war bloß aus Frankreich gekommen…

Doch es gelang niemandem, auch den Zirkusbetreibern nicht, den Störenfried zu bändigen. Der Elefantenwärter hätte ihn vielleicht besänftigen können, doch der hatte ja leider, freilich ungewollt, das Zeitliche gesegnet. Zum Glück säumten Lauben die Altstadthäuser, und ein paar besonnene Männer kamen auf die Idee, in aller Eile in der Rathausgasse hölzerne Barrikaden aufzurichten. Ihr könnt Euch denken, dass die Geschichte damit nicht ausgestanden war. Unter den Zurufen von ein paar mutigen Zuschauern setzten sie ihr Leben aufs Spiel, indem sie den unbändigen Kerl mit Geschrei von den Lauben in die Gasse hinunter jagten und ihn dergestalt gefangen nahmen.

Doch was nun? Denn das Tier war durch die erneute Gefangenschaft mitnichten zahm geworden. Da war grobes Geschütz gefragt. Wozu gab es Kanonenkugeln im nahen Freiburg? Gesagt, getan! Unter dem Beifall der Murtener setzte ein solcher, eilig herbeigeschaffter Sechspfünder mit Munition, dem bedauernswerten, stolzen Prachtbullen ein unrühmliches Ende. Mit einer einzigen Kanonenkugel wurden seine irrwitzigen Freiheitsträume für immer zerstört.

Foto Swissinfo: Das bedauernswerte Tier

Nach der ganzen Aufregung verteilten die Behörden das viele Fleisch unter der Bevölkerung. Das Skelett, das besonders große Stoßzähne aufwies, verkauften sie für teures Geld nach Bern. Es befindet sich noch heute im dortigen Naturhistorischen Museum. Man hatte, zwecks Zurschaustellung, die Haut ebenfalls präpariert und ausgestopft, doch das erwies sich als wenig lukrativ. Auf mysteriös-afrikanische Weise verschwand der künstliche Koloss mit der echten Haut bei einem Umzug des Museums.

Die Murtener haben das Ereignis nie vergessen. Schließlich wird man hierzulande nicht jeden Tag zum abenteuerlichen Elefantenjäger! Noch immer nennen sie den unteren Teil der Rathausgasse die «Elefantengasse». Ein findiger Bäcker begann aus Butterteig kleine Elefäntli zu backen, die es ebenfalls noch heute in einer Murtener Bäckerei zu kaufen gibt. Mmh, fein!

Die todbringende Kanonenkugel kann im Museum des Städtchens besichtigt werden.

Foto Elisa: Das feine Gebäck „Murten-Elefäntli“

Alles in allem: ein wahrhaft mitreissendes Abenteuer!

Bleibt mir nur die Frage: Wie hat wohl das Fleisch des wahrscheinlich brünstigen Bullen geschmeckt?

Foto Elisa: Auch ein Schwergewicht!

Eine einmalige Begegnung: Text Nr. 3

Ihr könnt Euch nicht vorstellen, was die Leute auf Reisen so alles erleben! Da kühlten sich nach der Safari zwei Damen im kleinen privaten Swimming Pool vor ihrem Zelt ab, als ein ausgewachsener Elefant daher trottete. Genüsslich tauchte er seinen Rüssel ebenfalls ins kühle Nass – dem Himmel sei Dank: nicht um zu baden , sondern nur um zu saufen. Brüske Bewegungen sind in einer solchen Situation natürlich nicht ratsam. Keine Sorge: Die Damen waren wie vom Donner gerührt und sassen stocksteif, bis der Riesenkerl volltrunken von dannen zog…

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Bei mir ist ein anderes Erlebnis mit einem Rüsseltier hängengeblieben. Auf einer Jeep-Safari in Kenia entdeckte unser Fahrer einen imposanten Elefanten, der allein im hohen Gras stand. Ganz vorsichtig fuhr er nahe an das Tier heran.

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„Schaut nur“, rief ich begeistert, „der hat sogar fünf Beine! (So etwas kann auch nur mir passieren…) Unter dem Gelächter der übrigen Jeep-Passagiere korrigierte mich der Ranger: „Was heisst da fünf Beine, „das fünfte ist doch kein Bein, es ist…“ In diesem Moment witterte uns der Bulle. Streitlustig hallten seine dröhnenden Trompetenlaute durch die Stille der Savanne, die Ohren flatterten warnend und er begann, auf unser (auf einmal sehr kleines) Fahrzeug Jagd zu machen. Uns allen war das Lachen vergangen, sogar dem Fahrer. Er riss das Steuer herum und, fünftes Bein hin oder her, raste mit uns den grasigen Abhang hinunter, so rasch es nur ging. Wir hatten ein Riesenglück: Der Koloss gab die Verfolgung auf, hatte er doch sein Ziel erreicht und uns verjagt. Als der Schreck vorbei war, erklärte der Ranger: „Allein lebende Elefanten können sehr aggressiv sein, sie wurden vielleicht verstossen oder haben sonstwie den Kontakt zu ihrer Familie verloren.“

Wie gesagt, wir hatten Glück. Seine beeindruckende Erscheinung hat sich mir lebhaft ins Gedächtnis eingegraben. Wenn an einem Sommertag die Sonne tief am Horizont steht und goldenes Licht durch die warme Luft flimmert, sehe ich den Dickhäuter vor mir im Grase stehen, in sich gekehrt, den mächtigen Kopf mit den Stosszähnen regungslos. In meiner Erinnerung wirkt er verlassen und traurig, als warte er auf Heimat, auf Zugehörigkeit und Freundschaft.

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Mit freundschaftlichem Gruss, Elisa
24.08.2022