Nachklang

Bernie zu Besuch in Südfrankreich bei Barbie, Christof und Anouk

Es war schwerer, als ich es mir vorgestellt hatte.

Nun ist die Wohnung meines Sohnes beinahe geräumt. Dem Leben und Sterben eines über alles geliebten Menschen so nah zu sein, ihm anhand von Alltäglichkeiten und Erinnerungsstücken während Tagen immer wieder aufs Neue intensiv zu begegnen, kostete mich eine schier übermenschliche Anstrengung. Es war aufwühlend, erschütterte mich als Mutter bis ins Innerste. Auch gleicht solches einem Eindringen in das ganz persönliche, intime Leben eines anderen, das man normalerweise auch unter Nächsten respektiert.

Die Begegnungen weckten natürlich nicht nur Trauer. Ein weiterer Schritt im Loslassen konnte gewagt werden, frohe Erinnerungen wurden wach. Die praktisch ausgestattete Küche mit den vielen Gewürzen und den Kochbüchern, die halb abgebrannten Kerzen und Kerzenständer im Wohnzimmer, die betörenden Duftlämpchen, die eindrückliche Musiksammlung, der elektronische Sternenhimmel im Schlafzimmer, die Klimaanlage, die zahlreichen eleganten Kleider und Schuhe, die von seinem Schönheitssinn erzählten, die Bücher, die von seinem starken Willen zu beruflicher Vervollkommnung und persönlicher Reifung zeugten – all dies ist Ausdruck davon, dass sich aus dem einst empfindsamen Kind ein feiner, tüchtiger Mann entwickelt hatte, der mitten im Leben stand. Immer wieder aufs Neue vermochte er mich zu Lebzeiten zu überraschen und zu bezaubern. Jetzt ist da nur noch die fast abstrakte und doch so kostbare Erinnerung… Gut, kann ich auf DEN MANN und seine Fürsorge zählen. Wiewohl «lediglich» Stiefvater, leidet er ebenfalls und versteht mich.

Tröstend klingen die Abdankungsworte des Pfarrers in mir nach: «Ein Mensch, der morgens noch voll Leben ist, kann schon vor Abend unbeachtet sterben. Wenn Gott die Seile seines Zeltes löst, dann muss er fort. Er weiss nicht, wie’s geschieht.» (Hiob 4,21) Erklärend fügte er bei: «Gott löst die Seile, wenn es Zeit ist. Gott und nicht der blinde Zufall oder ein tragisches Schicksal. Und weil Gott selbst die Seile löst, dürfen wir wissen: Mit dem Sterben gehen wir nicht verloren. Nein, Gott löst die Seile, weil die Reise weitergeht, weil er mit uns eine Zukunft vorhat, die über das Zeitliche hinausgeht (Zitat: Pfr. Markus Niederhäuser,Bern).

Diese Worte lassen Verstehen in mir aufkeimen. Bitterkeit ist keine in mir – nur ein grenzenloser Schmerz, der jetzt zu mir gehört – bis auch meine Seile von Gott gelöst werden.

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26.8.2020, Elisa

Ewiges Leben – Eternal Life

Ich weiss nicht, ob es Euch ähnlich ergeht. Vermutlich ist es eher eine Altersfrage. Denn bei uns Älteren bricht das Thema Sterben jeweils ins Bewusstsein ein wie ein unerwünschter Gast, vor allem dann, wenn DER MANN und ich einmal mehr vor einem Sarg oder einer Urne stehen und Abschied von einem lieben Menschen nehmen müssen. Die Generationen vor uns äusserten sich kaum zum Tod, schienen ihn einfach so hinzunehmen. Und wir?

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Mich dünkt, im 21. Jahrhundert befinden wir uns an einem Scheideweg. «Turmbau zu Babel» oder Ehrfurcht vor einer Höheren Macht? Will heissen: Wollen wir dem Schöpfer kräftig ins Handwerk pfuschen oder ihn gewähren lassen? Das Sterben hat sich für manche in unserer säkularisierten Welt offenbar in ein zunehmendes Schrecknis verwandelt, das es mit allen Mitteln zu verhindern gilt. Wie sonst liesse sich erklären, dass vor allem Spezialisten in Technik und Medizin mit Hochdruck an Methoden arbeiten, um uns ein ewiges Erdendasein zu verschaffen? In einer Zeit, in welcher unsere Pflegeheime überquellen von sehr gebrechlichen, sehr dementen, sehr alten Menschen? In welcher jüngere Generationen von drängenden Umweltproblemen, Arbeitsplatzsorgen und zunehmendem Arbeitsdruck geplagt werden? Unsterblichkeit auf dem blauen Planeten – eine kühne Vision? Um Himmels willen nein! Mir graut vor einem solch eitlen, vermessenen Griff nach den Sternen.

Nicht, dass ich etwas gegen Technik im Allgemeinen hätte – sie erleichtert unser Leben in mancherlei Hinsicht und ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Die technischen Möglichkeiten sind indes für eine beachtliche Zahl von Freaks zur überhöhten Doktrin oder gar zum Gottesersatz geworden. Für sie ist das ewige Leben hier auf Erden in greifbare Nähe gerückt. Als Beispiele denke man nur an:

  • Cyborgs (Menschen, die dauerhaft ein nicht menschliches Bauteil tragen. Gewiss, Herzschrittmacher, Hörgeräte, Armprothesen sind bereits Vorboten und überaus nützlich, aber echte Cyborgs wollen viel mehr);
  • Kryonik (sich wie Walt Disney nach dem Tod einfrieren lassen, um später, wenn die Wissenschaft dazugelernt hat, wieder auferweckt zu werden);
  • Mind-Uploading ist neuerdings ebenfalls im Gespräch: sein Gehirn samt der eigenen Persönlichkeit vor dem Nichts bewahren, indem man seinen Verstand, sein Wissen, seine Eigenschaften und Gedanken am Ende des Lebens auf eine Festplatte bannt, um wenigstens seinen Geist in einem Roboter oder Videogame wieder aufleben zu lassen…
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Das sind verrückte Dinge, an denen jedoch schon seit Jahren geforscht und an deren Durchbruch unverrückbar geglaubt wird. Oder ist dies der Ausdruck einer neuen Evolution?

DER MANN und ich können uns nicht vorstellen, hier auf Erden ewig zu leben. Körper und Geist sind einem natürlichen Alterungsprozess ausgeliefert, gegen den die besten technischen Möglichkeiten keine glückliche Alternative bilden, und wären sie noch so ausgeklügelt. Wer will schon mit einem grösstenteils computerunterstützten Körper weiter existieren? (Mit Sicherheit wären dann wenigstens die #MeToo-Probleme gelöst…) Schlimmer noch: Ein beispielsweise 200jähriges oder gar ewiges Leben in einer völlig verfremdeten, womöglich nicht einmal mehr lebenswerten Welt wäre ein Alptraum. Wir würden uns bestimmt tödlich langweilen!

Wie habt Ihr’s mit dem Thema? Gewiss, das Sterben stellt für die Lebenden primär eine Urangst dar, ein unbegreifliches Geschehnis, eine eigentliche Absurdität, von der wir am liebsten nichts wissen würden (siehe auch meinen Beitrag vom 15.5.19). Verdrängen ist keine Lösung. Verpassen wir also nicht die Chance, im Leben zu reifen und zu lernen, am Ende vertrauensvoll loszulassen!

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Ich denke, Menschen fürchteten sich schon immer vor dem Sterben, aber in uralter Zeit hat man der Angst einfach ein erdachtes Weiterleben entgegengesetzt. Während jedoch das einfache Volk bei schlechter Gesundheit oder in Kriegen früh starb, konnten es sich Pharaonen, Könige, Kaiser und andere einflussreiche Leute leisten, hoffnungsvolle Gegenmassnahmen zu treffen: Im alten Ägypten z.B. gab man dem Herrscher alles Nötige mit ins Grab, sogar Möbel und kleine Dienerfiguren, damit er, nach bestandenen Gefahren, im Hades auferstehen und im Jenseits das gleiche Leben wie im Diesseits führen könne. Auch die Kelten glaubten an eine Reise nach dem Tod, auf der irdische Güter notwendig waren. Ganz zu schweigen von den Azteken, die die Fürstengräber nebst Schmuck, Waffen und Gebrauchsgegenständen zusätzlich mit vorgängig grausam geopferten Gefolgsleuten ausstatteten.

Wie wir wissen, wurde in Indien die Ehefrau bei lebendigem Leibe mit dem Leichnam des Mannes verbrannt. Hochgestellte Chinesen befahlen ihre lebenden Ehefrauen gleich mit ins Grab. Besonders bekannt ist der erste chinesische Kaiser, der im Jahre 221 v.Chr. für sich eine riesige Grabanlage errichten liess, in welcher er 11 Jahre später beigesetzt wurde. Es ist einer der weltweit größten Grabbauten und vor allem berühmt für seine lebensgroßen Soldatenfiguren, die spektakuläre Terrakotta-Armee. Doch davon mehr in meinem nächsten Beitrag. (Forts. folgt)

Elisabeth, 5.2.2020