Leben, lieben, sterben

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»Herr, es ist Zeit…» Der dies dichtete, war bekanntlich Rainer Maria Rilke. Er hatte den Herbstanfang im Sinn. Ich möchte den Gedanken weiter fassen. Wenn man 75 ist, schwindet die Lebenszeit spürbar, stetig, und man hat bereits mehrere Male erleben müssen, wie ein geliebter Mensch auf einmal nicht mehr ist.

Der endgültige Weg, der Weg ins Sterben, ist die schwierigste aller Lebensaufgaben, das letzte grosse Loslassen. Es heisst, das Leben selbst mit allem Drum und Dran aufgeben; sich verabschieden von Bitternis und Enttäuschung, die sich im Laufe der Jahre im Herzen angesammelt haben, aber auch von aller Zärtlichkeit und Freude. Was ist wohl schwieriger preiszugeben, das Belastende oder das Schöne? Mit zunehmendem Alter dämmert einem, dass die Tatsache der eigenen Vergänglichkeit weder trivial noch angenehm ist, sondern im Gegenteil belastend. Sie erscheint einem widernatürlich. Selbstverständlich wissen wir, dass Leben am Ende Tod bedeutet, aber fast unser ganzes Dasein lang ist es nicht viel mehr als ein abstrakter Gedanke, der das Herz (noch) nicht erreicht hat. Können wir uns den Tod überhaupt vorstellen? Ich frage mich, wie der wandelbare Geselle wirklich aussieht, der mal auf leisen Sohlen, mal laut und hässlich, mal als Freund und mal als Feind, und meistens zur Unzeit, auftaucht. Das Bild vom Sensenmann hat mir nie behagt. Viel lieber male ich mir aus, dass es ein Todesengel mit mächtigen Schwingen ist, der einem den Lebensatem vom Munde küsst und die Augen sachte schliesst, bevor er die Seele zum Schöpfer zurückträgt.

Was geschieht nach dem Tod mit unserem Bewusstsein? Was mit den während des Lebens zusammengetragenen Erfahrungen? Spürt man etwas von der Kälte und Erstarrung, die den Körper von einer Sekunde zur anderen befallen? Die meisten Menschen hängen am Leben und wollen nicht sterben. Wir wissen ja praktisch nichts darüber, müssen dennoch den endgültigen Schritt ins Unbekannte alleine tun. Ich finde, das kostet enorm viel Tapferkeit. Ist Sterben ein schmerzhafter Prozess wie die Geburt, oder ist es im Gegenteil eine beglückende Befreiung von der Erdenschwere? Was erwartet uns im Jenseits – ein totales Nichts – oder die Fülle bei Gott? Mich besänftigt Letzteres. Die Aussage Rilkes: «Vergangen nicht – verwandelt ist, was war» setzt ebenfalls ein hoffnungsvolles Zeichen.  

Wenn ich versuche, in die verschwiegenen Ursprünge unserer Existenz einzutauchen, komme ich zu neuen Bildern. Auf Erden werden wir gezeugt, meist in Liebe, manchmal in Not oder Schande, doch unser Ursprung liegt nicht prioritär in menschlichem Tun; er geht auf eine göttliche Quelle zurück. Geheimnisvoll lässt der ewige Lebensfunke neue Geschöpfe erglühen, lässt sie wie Sternschnuppen in die irdische Wirklichkeit gleiten und dort ihre Bahn ziehen, bis sie auf göttliches Geheiss – man weiss nie wann – erlöschend an ihren Ursprung zurückkehren.

Für mich persönlich wird Sterben dereinst bedeuten: Abschied von der Musik, von morgenfrischen Sonnenaufgängen und feurigen Sonnenuntergängen, von lauen Frühlingslüftchen, blühenden Bäumen und blumenübersäten Wiesen, von warmen Sommernächten mit ihren fröhlichen Festen, vom Farbentaumel des Herbstes, von winterlichen Traditionen, jubelnden Gesängen, Kerzenschein – kurz, Abschied von der Schönheit des Lebens. Vor allem aber beinhaltet Sterben das herzzerreissende Abschiednehmen von meinen Allernächsten und von vertrauten Freunden.

Unser Dasein verläuft auf verschlungenen Wegen, rätselhaft, undurchschaubar. Wir mühen uns ab und lieben es dennoch, wir lehnen uns auf und machen’s uns selbst nicht leicht. «Das Leben ist eine Wundertüte aus Gottes Hand», hat unsere Pfarrerin neulich gesagt. Der Glaube, dass eine höhere Weisheit über allem steht, vermag indes nicht jedermann zu trösten. Doch wie wunderbar, wenn am Ende unseres Lebens das Einverstanden-Sein in uns gereift ist und wir dankbar sein können für Freude und Leid. Denn am Schluss, so denke ich, gleicht sich alles aus. Was zählt, was überdauert, ist die Liebe und ihr Nachklingen in den Herzen der Zurückgebliebenen. Selbst vergangene Liebe bleibt Liebe. Ihr Zauber ist nicht vergänglich. Sie ist das Unbegreiflichste und Kostbarste, was zwischen Menschen entstehen kann. Schon als junge Frau war ich angerührt von Theodor Storms Zeilen: «Wer je gelebt in Liebesarmen, der kann im Leben nie verarmen.»

Elisabeth, 15.5.2019