Der Zeitgeist

Kürzlich las ich diesen witzigen Satz von Schopenhauer: «Wer sich mit dem Zeitgeist verheiratet, ist morgen verwitwet. Hatte er Recht?

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Es war der Dichter und Philosoph Herder, der 1769 den Begriff «Zeitgeist» prägte. Für ihn bedeutete er Einschränkung, die sich bleiern und drückend auf das Verhalten des Individuums auswirke. Wo der Zeitgeist regiere, fehlten für Herder traditionelle Verhaltensstandards. Des Weitern schrieb auch Goethe in Faust I: Was ihr den Geist der Zeiten heißt, das ist im Grund der Herren eigner Geist, in dem die Zeiten sich bespiegeln. Hans Magnus Enzensberger drückte sich drastischer aus: „Etwas Bornierteres als den Zeitgeist gibt es nicht. Wer nur die Gegenwart kennt, muss verblöden.“ Und weiter: „Wer sich ganz und gar dem Zeitgeist verschreibt, ist ein armer Tropf. Die Innovationssucht der ewigen Avantgarde hat etwas Kastrierendes.“ Diese Schmähungen könnten glatt als Eierkopf-Trend durchgehen…

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Wenn diese Herren wüssten! Lassen wir uns nicht trotz ihrer Warnung laufend «kastrieren»? Innovationen, neue Moden wechseln schneller, als wir denken können, und werden pausenlos rund um die Welt geschleust, so dass niemand den Überblick wirklich zu behalten vermag. Erinnert Ihr Euch daran, wie japanisches Sushi oder ein Champagner-Frühstück auf einmal als letzter Schrei für trautes Beisammensein galten? Wie Avocados und Mangos den westlichen Markt im Sturm eroberten? Wie vor ein paar Jahren die halbe Welt plötzlich den Gangnam-Style eines übermütigen Südkoreaners nachmachte? Inzwischen hopst er vermutlich alleine herum.

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Was bedeutet für uns der «Zeitgeist»? Wie gehen wir um mit den ständig wechselnden Trends? Mit Verhaltensweisen, die ein Einzelner oder eine Gruppe sozusagen erfindet und die dann mit einem Mal von Millionen von Menschen rund um den Erdball mit heiligem Eifer befolgt werden? Es geht um Geld! Vor allem um Geld! Man gehört nur dazu, wenn man unersättlich Social Media mit den neuesten Mode Styles, den aktuellsten Life Styles etc. konsumiert. Wie auf Kommando wurde «Influencing» weltweit zur vielbewunderten, fürstlich bezahlten Tätigkeit, liessen sich zahllose junge Frauen die Lippen aufspritzen, begannen sich auf die gleiche Art zu kleiden, wendeten die gleichen Frisuren- und Schminktipps an, buken die gleichen dicken Torten, probierten erfolglos die gleichen Schlankheitsmittel aus… Soll mir einer sagen, es sei weniger aufregend, den Co2-Fussabdruck des einmal pro Jahr gekauften Weihnachtsbaumes zu errechnen! 

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Habt Ihr etwas gegen Veganer? Wohl kaum. Doch erinnert Euch: Diese Essenskultur ist urplötzlich aufgetaucht, woher weiss ich nicht. Vor ein paar Jahren hatte ich eine einzige Freundin, die überzeugte Veganerin war, und wenn wir uns zum Essen trafen, mussten wir nach einem passenden Restaurant suchen wie nach einem Stecknadelkopf. Und heute? Quasi aus dem Nichts hat sich der Veganismus zum weltweiten Life Style gemausert, und Supermärkte und Gastronomen haben sich einer anfänglichen Minderheit rasend schnell angebiedert. Geht es ihnen wirklich um Klimaschutz und um Gesundheit?

Weshalb ist es für eine junge Mutter spannender, sich unterwegs am Smart-Phone ausgiebig mit Freunden zu unterhalten, anstatt in die klaren Augen ihres kleinen Kindes zu schauen und mit ihm zu plaudern? Nur, um es dann später mit elektronischem Spielzeug zu überhäufen, damit es weiss, wie sich beschäftigen??

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Wozu müssen Spargeln oder Erdbeeren das ganze Jahr über für uns Konsumenten verfügbar sein? Wären wir sonst todunglücklich? Hingegen vermisse ich im Sommer die reifen Früchte! Trotz natürlicher Erntezeit kommen sie steinhart in den Supermarkt und faulen zu Hause von innen heraus, ohne noch nachzureifen. Ich frage mich, ob junge Menschen noch eine Ahnung haben, wie köstlich eine reife Aprikose, ein saftiger Pfirsich schmeckt.

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Ein weiteres Zeichen für den Zeitgeist ist es, Nachrichten nicht mehr in der Zeitung zu lesen, sondern nur noch im Netz, wo es wimmelt von abwertenden Kommentaren, Gerüchten, Fakenews und unnützem Klatsch. Merken wir es noch, wenn wir manipuliert werden?   

Vielleicht wäre es tatsächlich einfacher, dem ständig ändernden Zeitgeist zu folgen und nicht gross nachzudenken. Einfach Spass zu haben mit den Einfällen anderer Leute! Zudem gibt es unter den Innovationen natürlich höchst erstrebenswerte Entwicklungen, die unser Leben verbessern. Jede Zeit hat ihren eigenen Stempel und ist dadurch einzigartig. DER MANN und ich finden es einfach ermüdend, ständig den neuestens Trends hinterher zu laufen. Und doch! Wer Traditionen kompromisslos liebt und sie bewahren möchte, oder wer im Alter findet, früher sei alles einfacher gewesen und man könne dieses und jenes «moderne Zeugs» getrost links liegen lassen, fällt schneller aus der Gegenwart als ihm lieb ist. Solche Menschen gelten rasch als hoffnungslos veraltet, sind die Verlierer der heutigen Zeit – von den Konsequenzen auf Grund ihres technischen Rückstands ganz zu schweigen!

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Meine Lieben, ich bin versucht, den Zeitgeist als «Ungeist» zu bezeichnen – obwohl der Zeitgeist mit seinen zahlreichen schillernden, erstaunlichen und innovativen Auswirkungen eigentlich eine faszinierende Sache ist.

Wie immer, liegt die Lösung darin, weder das eine noch das andere zu übertreiben, sondern den berühmten goldenen Mittelweg zu wählen. Oder etwa nicht? Heiraten ja, aber verwitwet sein, eher nein.

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Elisa, 12.01.2022