Von Linsen und Filzläusen – und von nächtlichen Schrecken

Foto DER MANN: Der alte Mann sitzt den ganzen Tag beim Hoteleingang

(Forts.):

Ihr Lieben, seid Ihr bereit für ein weiteres Stück Sri Lanka? Also denn:

Im nachhaltigen Hotel steht unser Bungalow etwas abseits, am Rande eines Wäldchens, hinter dem die Strasse ins Dorf liegt. Auch hier herrscht grosse Ruhe, und so schlafen wir in der ersten Nacht sofort ein. Mit einem Ruck erwache ich. Schritte tappen ums Häuschen, Flaschengeklirre, flüsternde Männerstimmen sind zu hören, Taschenlampen blinken an den Wänden hinauf- und hinunter, leuchten zum Fenster herein. Ist eine Einbrecherbande am unseligen Werk? Ängstlich wecke ich DEN MANN.

Foto DER MANN: Vor unserem Bungalow

Der hört sich das eine Weile an, dann steht er entschlossen auf. Ganz furchtloser Held, öffnet er trotz meiner Sorge abrupt die eher baufällige Türe des Bungalows. «Wow, so mutig!» denke ich bewundernd. Draussen wird er Gottlob weder niedergeschlagen noch gefangen genommen, im Gegenteil. Freudig begrüsst ihn eine etwa 10köpfige Männerrunde mit den Worten: «Do you have cigarettes, Sir?» Des Rätsels Lösung: die Nachtwächter des Hotels treffen sich bei unserem am Ende gelegenen Bungalow mitten in der Nacht zu einer gemeinsamen Arbeitspause. DER MANN schenkt ihnen zwei Päckchen Zigaretten und raucht gleich eine mit… Von nun an fühlen wir uns zu nächtlicher Stunde mindestens 10fach bewacht.  

Foto DER MANN: Unser freundlicher Kellner, der die Getränke serviert

Im Open Air Restaurant geht’s zur Essenszeit emsig zu und her. Es gibt morgens und abends ein vielfältiges, mehrheitlich fleischloses Buffet. Die Speisen sind wunderbar gewürzt und sagen mir zu, während DER MANN leicht die Nase rümpft. Schon zum Frühstück hole ich mir eine Schale des feinen Linsengerichts «Dal». Die Getränke werden vom freundlichen Personal serviert.

Foto Dishmaps: Dal, feines Linsengericht

Jedes Mal, wenn DER MANN mit seinem Teller ans Buffet geht, taucht ein blutjunger Kellner auf, der mit der Bedienung unseres Tisches nicht das Geringste zu tun hat (zum Glück!). Er steht dann neben mir und kratzt sich durch den Lungi, den lokalen langen Wickelrock, kräftig im Schritt. «Oh du Schande, der hat bestimmt Filzläuse!» denke ich und kann nicht mehr weiteressen. Er beginnt eine ungeschickte Konversation, weiss hingegen bald, aus welchem Land ich komme. Das Buffet lässt er nicht aus den Augen. Sobald sich DER MANN dem Tisch wieder nähert, verschwindet der Junge blitzschnell im hinteren Teil des Restaurants. Dies wiederholt sich. Als ich ihn frage, weshalb er nur dann erscheine, wenn mein Mann weg sei, antwortet er treuherzig, er wolle allein sein mit mir. In Tat und Wahrheit hat er es natürlich auf etwas ganz anderes abgesehen. Er träumt von einem Job in einem Restaurant in der Schweiz. Den glaubt er sich nur über das Herz einer älteren Frau erobern zu können.

Erfolgversprechender wäre es, er machte zuerst seinen Filzläusen den Garaus.

Nachhaltig? Höchstens in Bezug auf die Filzläuse…

Elisa, 05.05.2021 (Forts. folgt)

Foto Elisa: Die arme Kuh muss sich ihr Fressen zusammensuchen

Von Schlangen und Schildkröten – und von Tourist Helpers

Foto: http://www.fotografierenundmehr.de: Unwiderstehliche, rätselhafte Stimmung

Habt Ihr wieder Lust auf Sri Lanka und seine Besonderheiten? Hier die Forsetzung:

Forts.: Der folgende Tag sieht uns an einem schattigeren Ort. Dennoch ist unsere Wanderung bei dieser Luftfeuchtigkeit ebenfalls kräftezehrend. Wir keuchen durch ein trockenes Bachbett eine bewaldete Schlucht hinauf, um Mönchshöhlen und einen alten, einsamen Tempel zu besuchen. Der Schweiss fliesst in Strömen.

Beim Abstieg taucht wie bestellt ein Einheimischer an meiner Seite auf und führt mich schweigend, aber sicher zurück über das vertrackte, mit klobigen Steinen und Felsbrocken übersäte Bachbett hinab – er, der kein T-Shirt, nur ein Lendentuch und ganz leichte Sandälchen trägt. DER MANN sieht das nicht gerne. «Ich bin auch noch da,» schmollt er. «Der will sowieso nur Geld.» «Das gebe ich ihm gerne», lache ich, «er hat es verdient!»

Photo by RODNAE Productions on Pexels.com

«Hast du vergessen, wie dich erst kürzlich ein selbsternannter Führer vom Löwenfelsen hinunterbegleitet, äusserst geschickt von der Gruppe weggelotst und dich schlitzohrigen Händlern ausgeliefert hat? Die angeblich echte Korallenkette, ein «Schnäppchen» für 80 (!) Franken, sei aus billigstem Plastik, hat Asanga gesagt.» DER MANN ist mit Recht sauer: ich bin viel zu leichtgläubig.

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Auf einmal drängt uns Asanga, dem es sonst nie eilt. «Es wird Abend», mahnt er. «In diesem Wald hat es unzählige Giftschlangen, und um diese Zeit kriechen sie plötzlich überall hervor.» Hui, jetzt geben wir fünf Touristen aber Fersengeld! Völlig verschwitzt kommen wir im Hotel an.

Foto DER MANN: einheimisches Mädchen

Für unseren Aufenthalt haben wir ein naturnahes Hotel gewählt, das sich nachhaltigen Tourismus auf die Fahne geschrieben hat, der bei näherem Hinsehen allerdings etwas, sagen wir, ungewohnt ist. Dafür sind wir hier in einer echten Idylle.

Die Anlage liegt in einer sanften Talsenke und grenzt an einen stillen kleinen See. Wenn das Abendlicht über das Wasser streicht, schimmert das umliegende Grün samten im letzten warmen Sonnenglanz. Grosse Vögel schwingen sich lautlos in die Höhe. Um diese Tageszeit überstrahlt den Ort viel Frieden und Ruhe.

Foto DER MANN: Damm in der Nähe unseres Hotels

Auch in der Natur kommt der Tod unerwartet. Beim Abendspaziergang entdecken wir eine tote Riesenschildkröte. Was ist ihr zugestossen? Schildkröten, Symbol für langes Leben und Weisheit, werden doch uralt! Als wir am folgenden Abend nochmals hingehen, sehen wir nur noch eine Unzahl durchsichtiger Plättchen vom Panzer und ein kleines Halsrückgrat im Gras liegen. Sonst ist rein gar nichts mehr übrig. Waren das streunende Hunde, Vögel oder…??

Foto DER MANN: Was von der Schildkröte übrig bleibt

Wie auch immer: Die Natur ist nachhaltig. Sie verschwendet nichts.

Photo by Magda Ehlers on Pexels.com

Bleibt gesund und träumt Euch an einen schönen Ort. Die Forsetzung folgt in einer Woche.

Liebe Grüsse, Elisa
28.04.2021

Von Tee und Zahn – und von einem Affentheater

Foto Hexenwald 11: Der ganz besondere Baum: Ficus Benjamina

(Forts.): Kommt Ihr wieder mit? Sri Lanka wartet!

Postkarte: Teepflückerinnen bei ihrer harten Arbeit auf den Teefeldern

Auf den Hügeln im zentralen Hochland, wo’s etwa 24ºC kühler ist als in der Ebene, reiht sich Teefeld an Teefeld. Unser heutiges Ziel ist die auf 500m Höhe gelegene Stadt Kandy mit dem Tempel, dessen Heiligtum der obere linke Eckzahn des Buddhas ist, dem eine abenteuerliche (Reise)Geschichte nachgesagt wird. Fotografieren ist verboten. Wir harren geduldig aus im endlosen, andächtigen Zug von Pilgern, die im Tempel einen Blick auf den heiligen Reliquienbehälter erhaschen wollen. Zweimal pro Tag wird der Schrein für 15 Minuten geöffnet. Die Ehrfurcht der vielen Menschen beeindruckt uns.

Postkarte: Der Tempel von Kandy, der Buddhas Zahn beherbergt

Alles in allem ist der Tempel jedoch nicht meine Welt. Buddha’s Zahn lässt mich an einen zahnlosen Mund, an ausgerissene Zähne denken…

Foto Phonsavan: Im Botanischen Garten von Kandy

Ich, die ich Bäume bewundere und liebe, bin denn auch erst im schattigen Botanischen Garten von Kandy mit den uralten, seltenen Bäumen in meinem Element.

Foto: Royal Garden of Kandy: Ebenfalls ein faszinierendes Exemplar

Die antike Stadt Polonnaruwa, die wir am nächsten Tag besuchen, war einst Hauptstadt des mächtigen Königreiches Ceylon. Es lohnt sich, die prächtigen Ruinen aus den Jahrzehnten nach 993 zu besuchen. Das Areal dieses UNESCO-Weltkulturerbes ist riesig und enthält steinerne Tempelfiguren, antike Bewässerungssysteme, Buddha-Statuen und 1000 Jahre alte Stupas. Als künstlerische Blütezeit der Klosterstadt gelten die Jahre 1154 bis 1196.

Foto DER MANN: Tempelruine in der antiken Stadt Polonnaruwa

Als der Regent 1293 wegzog, verlor Polonnaruwa an Bedeutung und verschwand zunehmend unter tropischer Vegetation, bis die Briten die Klosterstadt, ungefähr ab 1890, Stück für Stück vom Dschungel freilegten, der die Ruinen völlig überwuchert hatte. Manchmal wäre ich froh, die vielen «Architektursünden» in unserem Land würden ebenfalls vom Dschungel überwachsen, heisst: unsichtbar gemacht.

Foto DER MANN: Ruine in der alten Klosterstadt Polonnaruwa

Der Besuch der vielen Ruinen ist grossartig. Die alten Gemäuer haben etwas Schattenhaftes, Unerklärliches für uns, strahlen dennoch Kraft und Harmonie aus. Allerdings ist es sehr heiss, das Areal weitläufig. Vor einem der letzten Tempel streikt DER MANN. «Ich will nicht schon wieder in ein dunkles, halbverfallenes Gemäuer gehen, sie sehen alle ähnlich aus. Jedes Mal die Schuhe ausziehen, das Käppi vom Kopf nehmen, die Socken dreckig machen! Ich bleibe draussen im Schatten, da ist es angenehmer.»

Foto Elisa: Buddha in altem Tempel von Polonnaruwa mit frischen Blumen

Dadurch wird er Zeuge eines wahren Affentheaters. Eine asiatische Reisegruppe hat Hüte, Taschen und Schuhe auf einer Steinmauer deponiert. Während wir alle im Tempel sind, turnt eine fröhliche, vielköpfige Affenschar von den Bäumen, fällt kreischend über die Gegenstände her. Flink wird alles ausgeleert, durcheinandergewirbelt, in die Luft geworfen oder stibitzt, und dann blitzschnell «in Sicherheit» gebracht. «Wie ein unwirklicher Spuk», erzählt DER MANN nachher. Ts, ts, ts!! Null Anstand, null Respekt! Ob Buddha darob beleidigt ist? Oder ob er im Gegenteil ein diebisches Vergnügen an der wilden Rasselbande hat?

Eines ist klar: Die beraubten Touristen werden sich kaum freuen.

Foto DER MANN: Uralte Bäume im Botanischen Garten von Kandy, sie müssen gestützt werden

(Forts.folgt)

Liebe Grüsse, Elisa

21.04.2021

Photo by Rachel Claire on Pexels.com


Von Zimt und Tempeln – und von Nachhaltigkeit

Foto Elisa: Gewürze aus Sri Lanka

Um den Pandemie-bedingten Einschränkungen etwas zu entrinnen, krame ich mit Vorliebe in früheren Reiseerinnerungen. Ich lasse Euch gerne teilhaben. Wie wär’s mit Sri Lanka? Seid Ihr dabei? Also denn:

Nach unserer Ankunft auf dem dortigen Flughafen fahren wir nachts beim bekannten Zimtkanal vorbei – einer Hinterlassenschaft aus der Hochblüte der holländischen Kolonialherrschaft. Mit ihren 100 km Länge führt die Wasserstrasse von Negombo nach Colombo, dann nach Puttalam. Negombo war zu jener Zeit ein bedeutender Handelsplatz, da der Zimtkanal dem Transport des beliebten Zimts und anderer Gewürze diente.

Trotz der überraschenden nächtlichen Geschäftigkeit auf dem daneben liegenden Strässchen sind die kleinen Buden der Händler nur spärlich beleuchtet, aber man kann das Lächeln, das in den dunklen Gesichtern mit den weissen Zähnen aufleuchtet, dennoch gut erkennen. Die Szene ist zauberhaft. Sie hat etwas Meditatives und zugleich Geheimnisvolles, Träumerisches. Ein wunderbarer Ferienstart!

Der Zimtkanal bei Negombo

Sri Lanka, die Gewürzinsel mit den weiten Teefeldern gefällt DEM MANN und mir auf Anhieb: Schöne Landschaften, liebenswürdige Menschen, viele, viele Elefanten, holprige, von hohen Palmen gesäumte Strassen, alte Kulturdenkmäler.

Unsere erste Woche ist Tagesbesichtigungen gewidmet – in einer bloss 5köpfigen Reisegruppe, was ideal ist. Geführt wird sie durch Asanga, einen weisen, unkonventionellen Mann.

Foto Elisa: Die buddhistischen Höhlen von Dambulla

Unser einfaches Hotel liegt in der Nähe von Dambulla. Dambulla ist berühmt für das größte Rosenquarz-Vorkommen in Südasien und den Eisenholz-Wald, besonders aber für seine buddhistischen Höhlentempel, die das Leben Buddhas erzählen.

Die Höhlen in Dambulla sind ein Kunstwerk sondergleichen: Sogar die Decken und Wände sind bemalt,

Seitdem sich eine australische Touristin einem der Buddhas für ein Foto auf den Schoss gesetzt hat, ist Fotografieren verboten. Buddhastatuen gelten als heilig, weder darf man sie berühren, noch ihnen den Rücken zukehren. Man entfernt sich, indem man rückwärts weggeht. Heute, am ersten Besichtigungstag, sind wir eigens wegen der fantastischen Höhlen da, in denen wir 153 grosse und kleine, bunt bemalte Buddhas und farbenfrohe Wand- und Deckenmalereien bestaunen können, die knapp vorchristlich entstanden sind. Wegen der Pfützen auf dem Höhlenboden sind unsere Socken bald durchnässt und schmutzig. Wir vergessen aber bald, dass es draussen regnet. Besonders beeindruckt uns in der ersten der fünf Höhlen der 15m lange, liegende Buddha – die in Stein gemeisselte Ruhe. Kein Wunder, soll die Statue doch den Übergang Buddhas ins Nirwana darstellen.

Eine der farbig bemalten Buddha-Statuen in Dambulla

Im Gewürzgarten am nächsten Tag werden uns sämtliche einheimischen Gewürze gezeigt, auch wie sie wachsen. Bisher war mir unbekannt, dass unsere Zimtstengel von der Rinde des Zimtbaumes stammen und darum gerollt zu uns kommen. Jetzt weiss ich auch, warum es verschiedenfarbige Pfefferkörner gibt: grün=unreif, rot=reif und sehr scharf, weiss=roter Pfeffer ohne Häutchen, schwarz=verdorrt und trotzdem gut. Muskatnüsse haben ebenfalls eine rote Haut, die aber separat gemahlen und verwendet wird. Kokainblätter sehen ganz harmlos aus. Curryblätter wirken zierlich im Vergleich zu den länglichen, fleischigen Blättern und Kapseln des Vanillestrauches, der eine Orchideen-Gattung ist. Aus den grünen, dann fermentierten Kapselfrüchten werden die schwarzen Vanilleschoten gewonnen, die bei uns so begehrt sind.

Im Gewürzgarten: So gewinnt man Kautschuk, nur die Rinde einschneiden

Die anschliessende 20minütige, ayurvedische Arm-/Genick-/Schulter-Massage sowie der Gewürztee sind das Tüpfelchen auf dem I unseres Rundgangs. So richtig zum Beneiden, oder nicht?

Foto vom MANN: Ich werde mit Tee und Massage verwöhnt
Foto: AP_1_t715: Eichenholzbaum Hochstamm

Das war’s für heute, Fortsetzung folgt.

Bis zum nächsten Mal mit lieben Grüssen, Elisa

06.04.2021

Aus dem Alltag eines Reiseleiters

Photo by cottonbro on Pexels.com

Ein Reiseleiter aus Südafrika erzählt: Vor einiger Zeit passierte mir ein Missgeschick. Nach dem Teehalt in einem schattigen Garten war ich mit meiner Gruppe ein wenig verspätet. Daher ging ich vor der Abfahrt rasch durch die Busreihen, ohne genau hinzuschauen. Weiter hinten sass eine Dame mit grossem Strohhut. Wie gesagt, ich sah nur flüchtig hin – und, ohne es zu merken, zählte ich eine leere Männerjacke mit. Ich gab dem Chauffeur das Abfahrtszeichen, und los ging die Fahrt, bergauf, bergab, um Kurven, einen Fluss entlang. Nach etwas mehr als einer Stunde meldete sich die Frau mit dem Strohhut und jammerte: „Mein Mann ist immer noch im Restaurant, wo wir Tee getrunken haben.“ Du liebe Güte! Warum sagte die erst jetzt etwas? Den sperrigen Bus auf der schmalen Strasse gewendet, eine Stunde zurück gefahren, den verlorenen Mann an Bord geholt und zum zweiten Mal die gleiche Strecke vorwärts – die Verspätung an diesem Tag war nicht mehr aufzuholen. Peinlicher noch: Die Damen in der Gruppe sahen mich vorwurfsvoll oder gar empört an, ein paar Herren lachten hinter vorgehaltener Hand. Seither zähle ich meine Schäfchen immer ganz genau!

Einmal war der schottische Besitzer einer Whiskyfabrik unter meinen Gästen. Er trug stets eine Flasche seines Getränks in der Jackentasche. Der Whisky floss, zumindest bei ihm, in Strömen, die Landschaft nahm er wahrscheinlich trotz klarem Wetter eher verschwommen wahr. Gegen Ende der Woche meldete er besorgt, dass er nurmehr eine einzige Flasche Whisky übrig habe. Dann legte er sich ganz hinten im Bus auf die Rückbank und begann bald zu schnarchen. Nach einer Weile musste der Busfahrer unvermittelt bremsen – der Schotte plumpste ziemlich heftig auf den Boden. Dabei zerbrach klirrend seine letzte Whiskyflasche. Die kostbare Flüssigkeit rann an ihm herunter, bildete eine kleine schwarze Lache auf dem Boden des Busses. Beim Herunterfallen war der Unglücksrabe natürlich aus seinem Schlummer aufgeschreckt. Beunruhigt richtete er sich auf, tastete sein nasses Hosenbein ab. Dann schrie er entsetzt: „Oh Gott, lass es bitte, bitte Blut sein!“

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Ich wünsche Euch schöne Ferienträume, die sind zum Glück trotz Corona jederzeit möglich…

Elisa, 19.8.2020

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Im Orient: Marokko, 5.+letzter Teil

Die Kasbah Ait Benhaddou

In den Städten Marokkos ist die Kasbah das Viertel der Regierungsbeamten und liegt daher ganz in der Nähe des Königspalastes, während man unter der „Medina“ die Altstadt mit den Souks versteht. Beide befinden sich in Marrakesch innerhalb der Stadtmauern und liegen übergangslos nebeneinander. Wir haben bei unserer ausgedehnten Kutschenfahrt denn auch kaum einen Unterschied zwischen Kasbah und Medina ausmachen können. Claude Ollier schreibt über die arabische Medina: „In blinde Mauern eingeschlossene Intimität, jedes Eindringen aus der überfüllten Straße wird durch die kleinen Türen verwehrt, die man nie ganz, immer nur einen Spalt weit öffnet, und die schwere Schlösser haben.“

Photo by Taryn Elliott on Pexels.com: Innenhof-Intimität

Auf dem Land sind Kasbahs eindrucksvolle Lehmburgen, befestigte Dörfer, meist auf Hügelkuppen gelegen, wo die Lehmhäuser der Bewohner sich hinter hohen, prächtig verzierten Mauern um den Palast des Paschas scharen. Eine Kasbah war früher Fluchtburg und Herrensitz, Festung und Gemeinschaftsspeicher, Sippenwohnung und Machtzentrum in einem. Einige sind noch heute bewohnt. Doch der idyllische Schein trügt: Im Winter, bei Schnee und Regen, ist das Leben inmitten der hohen Gemäuer hart, nass und sehr kalt.

Außer in Marokko haben sich die wuchtigen, aus Stampflehm und Maisstroh gefügten Festungen nur im Jemen erhalten. Die wohl schönste Kasbah Marokkos ist „Ait Benhaddou“. UNESCO hat das durch Alter und Witterung arg in Mitleidenschaft gezogene Kulturgut vorbildlich renoviert. Den Filmen „Sodom und Gomorrha“ und „Laurence of Arabia“ diente „Ait Benhaddou“ als wunderbare Kulisse.

Wer weiß schon, dass nicht nur „Laurence of Arabia“ und „Kleopatra“ in der marokkanischen Wüste gedreht wurden, sondern auch der Tibet-Film „Kundun“? Dazu flog Hollywood 800 tibetische Statisten ein. Der schön bemalte tibetische Palast, die steinernen Türwächter-Löwen – alles Schwindel und Fassade, alles bloß aus Pappe und Gips! Dies haben DER MANN und ich zwischen den glühend-heissen Filmkulissen von Quarzazate verdutzt, aber auch mit Nachdenklichkeit festgestellt. Wie leicht lassen wir Menschen uns doch täuschen vom schönen Schein und von weg retuschierten Realitäten!

Photo by Markus Winkler: China, Tibet, Marokko – oder??

Interessant ist, dass Quarzazate 1928 von der französischen Kolonialverwaltung Marokkos als Garnisonsstadt für die Fremdenlegion gegründet wurde. Meines Wissens war das alles andere als ein realitätsfremder Ort!

Fährt man durch bestimmte Gegenden Marokkos, entdeckt man Bäume, in deren Kronen ganze Gruppen von Ziegen stehen. Was um alles in der Welt veranlasst die Tiere, ins hohe Geäst zu klettern? Des Rätsels Lösung: Sie fressen mit Hochgenuss die Früchte der Arkana-Bäume. Die äußerst harten, etwa eichelgroßen Fruchtsteine scheiden sie mit dem Kot wieder aus. Die dort ansässigen Menschen sortieren diese Fruchtsteine aus dem Kot, knacken die harte Schale, rösten die Kerne und pressen sie anschließend zu Öl. Dieses Öl hat einen ausgeprägten Nussgeschmack, ist sehr kostbar und teuer. Es gilt als äußerst gesund, vor allem als Nahrungsbeigabe (z.B. in Salatsaucen); dann aber auch als Einreibemittel gegen Rheuma und Rückenschmerzen, oder in der Kosmetik.

Wie man sieht, ist mitunter sogar Kot etwas Wertvolles – vorausgesetzt, man scheut sich nicht, beherzt hineinzulangen.

Die Ziegen in den Arkana-Bäumen

Elisabeth, 8.7.2020

Im Orient: Marrakesch, 4. Teil

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Man sagt, Marrakesch, die Hauptstadt von Südmarokko und eine der vier Königsstädte, sei der Höhepunkt einer Marokkoreise. Die „Stadt der Rosen“ sei „so ewig wie der Schnee auf den höchsten Gipfeln und so tief in der Geschichte verwurzelt wie Palmen in der Erde“. Im Laufe von über tausend Jahren haben die größten Könige um Marrakesch gestritten, Dynastien entstanden – und verschwanden wieder. Was blieb, wurde von Gelehrten, Handwerkern, Architekten, Malern und Bildhauern aller Epochen geschaffen: prächtige Paläste, Moscheen und Gärten. In der Königsstadt kommen Berber und Araber, Nomaden und Bergbewohner zusammen, was ihr wohl diese facettenreiche, farbenprächtige Lebendigkeit verleiht.

Die Place Djemaa el Fna bei Nacht (Jorge Lascar)

Eine rote Stadtmauer aus dem 11. Jahrhundert umschließt auf 12 Kilometern Länge die Altstadt von Marrakesch, die sog. Medina. Wie schon letztes Mal berichtet, herrscht drinnen ein unglaublich pulsierendes Leben, vor allem in den Souks. Der fröhliche Bäcker lässt DEN MANN und mich seine Untergrund-Bäckerei besichtigen und schenkt uns zwei frische Fladenbrote, ofenheisse, so dass wir sie beinahe fallen lassen.

Der El Bahia-Palast wurde um 1900 vom Großwesir Bou Ahmed mit orientalischer Prachtentfaltung angelegt. Bou Ahmed, ein einflussreicher Mann, übte die Vormundschaft über den jungen Sultan Abd el Aziz aus. Sein Schlafzimmer im Palast, sehr groß, mit vielen Nischen und Alkoven, war mit einem geräumigen Sommer- und einem ebenso geräumigen Winterbett ausgestattet. Hafid, unser kurzfristiger Reiseführer, erzählt, dass beim Liebesspiel des Wesirs mit den Haremsdamen jeweils auch Musikanten zugegen waren. Aber diese hatten blind zu sein, damit sie nicht etwa Dinge sahen, die sie nicht sehen durften. Vorwitzig frage ich: „Und ‚hören‘ war erlaubt, oder mussten sie sehr laut spielen?“ Damit bringe ich Hafid ungewollt in Verlegenheit.

Die Place Djemaa el Fna (Luc Viatoux)

Die Place Djemaa el Fna in der Altstadt ist übervölkert wie jeder Marktplatz auf der Welt – und wirkt doch einzigartig. Übersetzt heißt er „Versammlung der Toten“, da hier in früheren Jahrhunderten die Köpfe der enthaupteten Delinquenten, auf Speerspitzen gespießt, dem Volk als blutige Abschreckung präsentiert wurden. Inzwischen nennt man die Djemaa el Fna den schönsten Platz Afrikas. Denn heutzutage geht’s weit humaner zu und her, obwohl er in Meister Hitchcocks Film „Der Mann, der zu viel wusste“ als Kulisse für einen beklemmenden Film-Mord herhalten musste.

Trommler auf der Place Djemaa el Fna (Maxence Régnier)

DER MANN und ich genießen die schillernde Atmosphäre des berühmten Platzes. Inmitten der fliegenden Händler mit ihren auf Wolldecken ausgebreiteten Waren entdecken wir den Zahnausreißer mit seinem Tablett voller Beweisstücke, den Wunderheiler (der die Beweisstücke schuldig bleibt) oder den unter aufgespanntem Schirm wartenden öffentlichen Schreiber, der seine Klienten auf kleinen bereitstehenden Hockern empfängt. Kalte Schauer rieseln DEM MANN und mir über den Rücken beim Anblick von Dutzenden sich aufrichtender Schlangenkörper, die den näselnden Flöten ihrer Beschwörer gehorchen, welche oft sogar ganze Bündel Schlangen um den Hals tragen.

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Schlangenbeschwörer auf der Place Djemaa el Fna (Arnaud 25)

Der buntgekleidete Wasserverkäufer, der mit Glöckchen auf sich aufmerksam macht, dient heutzutage meist der Folklore (bitte kein Wasser verlangen, könnte Leitungswasser sein!). Auch allerhand Gaukler sind zugegen, Musikanten, Tänzerinnen, Akrobaten, Wahrsagerinnen, Feuerschlucker, Märchenerzähler… Viele wollen uns fotografieren – natürlich gegen ein Entgelt – und die mitgeführten Tiere leisten dem Ansinnen Vorschub. So hüpft mir ein kleiner Affe völlig unerwartet auf den Kopf und posiert dann ganz professionell auf meinem Arm. Es hätte mich nicht gewundert, wenn er auch gleich noch gelächelt hätte!

Wasserträger auf der Place Djemaa el Fna (Carlitos 0802)

Der quirlige Mann am Orangensaft-Stand mit seinen kunstvoll aufgebauten Orangen-Bergen; die gelenkigen Possenreißer, die listigen Zauberer: sie alle wollen Geschäfte machen inmitten von Lärm, Gestank und Schmutz.

Frischer Orangensaft (Ramstein Air Base)

Bei einbrechender Dunkelheit wirkt der Platz am geheimnisvollsten. Im Licht der Karbidlampen steigen von den unzähligen Straßenküchen dichter Rauch und appetitliche Düfte auf. Eine verführerische Einladung, die eigene Biederkeit abzulegen! Gibt es etwas Schöneres, als sich ganz von dieser vibrierenden orientalischen Lebensfreude mitreißen zu lassen?

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Elisabeth, 1. Juli 2020

Happy New Year!

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Peter Ustinov hat einst gesagt: Jeder Mensch macht Fehler. Das Kunststück liegt darin, sie dann zu machen, wenn keiner zuschaut. So, jetzt wissen wir, wie’s geht!

Während dies für Schlitzohren wahrscheinlich ein Leichtes ist, tut sich unsereins damit schwerer. Dem Gewieften können aber auch äussere Vorkommnisse einen Strich durch die Rechnung machen. Ich erinnere mich an eine Episode im indischen Pushkar. Pushkar ist ein kleiner, malerische Ort, bekannt für seinen jährlich stattfindenden Kamelmarkt, seinen heiligen, künstlich angelegten See und vor allem für den Brahma-Tempel, der einzige bedeutende in ganz Indien. Dem Vernehmen nach datiert er aus dem Mittelalter. Brahma, der Gott der Schöpfung, wird von den Hindus verehrt und gehört zum Dreigespann Brahma, Vishnu und Shiva. Um den Brahma-Tempel in Pushkar zu besuchen, mussten wir trotz Regen unsere Schuhe und Socken ausziehen und durch den heruntergespülten Schmutz tappen. Wir wollten unbedingt das Heiligste, die grosse Statue der Gottheit, sehen. Es wimmelte von indischen Pilgern. Unserem Reiseführer hörte ich nur mit halbem Ohr zu, sein Englisch war miserabel. Da gewahrte ich aus dem Augenwinkel eine Gestalt, die sich mir, auf den Knien rutschend, erstaunlich behände näherte. Es war ein jüngerer Mann, der, als er dicht vor mir kniete, den Oberkörper ein wenig aufrichtete, seine Hand ausstreckte und mich mit schwarzen, flehenden Augen anblickte. Während ich meinen Geldbeutel aus der Bauchtasche klaubte, versammelten sich rund 8 Leute um ihn, die mich ebenfalls mit bittendem Blick anstarrten. Was tun? Einen Moment überlegte ich, ob ich allen Anwesenden etwas geben sollte oder nur dem Behinderten. Plötzlich klingelte ein Mobiltelefon. Der gehbehinderte Bettler griff in seine Tasche, beförderte das schwarze «(Un)Ding» ans Licht und hielt es sich ans Ohr. «Was», rief ich empört, «Sie haben ein Mobiltelefon? Dann sind Sie ja gar nicht so arm! Ich selbst besitze noch keines.» Es dauerte kaum eine Minute, bis die ganze Gesellschaft wieselflink verschwunden war, der auf den Knieen Rutschende war der schnellste, denn er konnte, oh Wunder, auf einmal laufen!

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Ich wünsche Euch ein geglücktes, gesundes, fröhliches Neues Jahr – aber keineswegs ein fehlerloses!

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Elisabeth, 1.1.2020

Hochzeit (ქორწილი) in Tbilissi (თბილისი)

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Wenn ich im Ausland bin, kaufe ich fürs Leben gerne ein. Geht es Euch auch so? Den internationalen Läden zum Trotz gibt es noch überall viel Unbekanntes zu bestaunen oder zu erwerben. Gerade in Geogien sind Geschäfte und Auslagen derart farbenfroh und ungewohnt, dass «Lädelen» eine helle Freude ist.

Doch auch Hochzeiten sind etwas fürs Auge – d.h. eher fürs weibliche denn fürs männliche… Kirchliche Vermählungen finden in Georgien an Samstagen oder Sonntagen statt (hier wohnende Armenier bevorzugen den Freitag). Die orthodoxe Kirche und der Glaube liegen den Menschen in diesem Land am Herzen.

Wie bei uns, gibt es entweder bescheidene oder luxuriöse Hochzeiten. Es ist möglich, samt Familie und Freunden für weniger als umgerechnet 300 Schweizer Franken zu feiern. Paare, die sich traditionstreu (oder vielleicht im Liebesrausch?) für eine luxuriöse Hochzeit entscheiden, zahlen die daraus entstandenen Schulden oft ein ganzes Leben lang ab, denn dazu sind nach georgischer Tradition ein paar hundert Gäste eingeladen, manchmal sogar mehr als 500 Personen. Was soll’s? Wenn ich als Frau einer der glamourösen Hochzeitsgesellschaften begegne, dann verstehe ich es! Das ergibt doch ein prächtiges Fest, und die Georgier feiern fürs Leben gern. Nicht nur die Braut (aber diese natürlich besonders), auch die übrigen Damen sind wunderschön geschminkt und frisiert, ausserdem tragen sie lange, märchenhafte Roben, während die Männer entweder in Trachten oder sonstigen eleganten Anzügen ihre Würde zur Schau stellen. Denkt Euch: Bei einer traditionellen Hochzeit muss der Brautvater fünfhundert bis tausend Liter Wein für die Gäste bereithalten!! Der Weinbau in Georgien rühmt sich einer etwa 8000jährigen Tradition. „Die ältesten Samen kultivierter Weinreben wurden in Georgien gefunden und auf 6.000 vor Chr. datiert,“ schreibt Rod Phillips in ‘A Short History of Wine’. Es ist also nicht erstaunlich, dass Georgien die ‘Wiege des Weins’ genannt wird.

Unsere tolle Reiseleiterin Kati empfahl uns einen Samstagsbesuch in der Sameba Holy Trinity Church. Diese ist eine der Hauptkirchen der Georgischen Orthodoxen Apostelkirche und Sitz ihres Patriarchen. Als grösstes Kirchengebäude in Transkaukasien dauerte ihre Erbauung 7 Jahre, also von 1996 bis 2003. Am Wochenende geht es in der majestätischen Kirche auf dem Hügel hoch zu und her. Ein Paar ums andere wird vom verehrten Patriarchen getraut, während die Gäste sie umringen, gespannt zusehen, Kinder fröhlich herumspringen. Wenn der Patriarch sie schliesslich zu Mann und Frau erklärt hat, dürfen sich die Gäste nähern und dem frisch getrauten Ehepaar gratulieren. Schön! Katis Rat haben wir nicht bereut.

Wir beobachteten das Ganze aus dem Hintergrund. Dennoch sahen wir, weshalb bei einer der Trauungen plötzlich eine Unruhe entstand und alle die Hälse reckten: Die schöne Brautführerin, die mit drei anderen jungen Leuten neben dem Paar stand, sank lautlos in sich zusammen. Die Braut fing sie auf, aber mehr konnte sie nicht tun. Während die Trauungszeremonie ihren Fortgang nahm, trugen ein paar Freundinnen die Ohnmächtige zum Altar und legten sie auf eine der Steinstufen. Jetzt gesellte sich ein Priester zur kleinen Gruppe. Schwungvoll, mit grosszügigen Spritzern aus dem Weihrauchgefäss, benetzte er die Liegende, bis sie sich ein wenig aufrichtete. Doch Wunder konnte das heilige Wasser nicht bewirken. Die Frauen mussten ihr weiterhin beistehen. DER MANN und ich gingen aus der Kirche und setzten uns draussen hin, um das herrliche Wetter zu geniessen. Kurz darauf führten die Frauen die Ärmste ebenfalls an die frische Luft und halfen ihr auf eine Bank in unserer Nähe. Trotz des frischen Windes, trotz der Fürsorge der Freundinnen, die ihr Gesicht und Dekolleté mit Kölnisch Wasser betupften, schien sie sich nicht zu erholen. Mit bleichem Gesicht schnappte sie immer wieder nach Luft. Nach einer Weile kam eine Gruppe junger Männer aus der Kirche. Sie lachten, scherzten und brachten der jungen Frau Süssigkeiten. Waren es die Süssigkeiten oder die Anwesenheit der hübschen jungen Männer? Jedenfalls war die Ohnmacht im Nu verflogen. Stattdessen zeigte sie sich lächelnd,  ja sogar ausgelassen. Als das Brautpaar und die übrige Gesellschaft die Kirche verliessen, lief sie flink wie ein Wiesel hinter ihnen her, die Stufen hinunter, im langen türkisblauen Kleid – und barfuss. Wo waren ihre Schuhe geblieben? Auf der Altarstufe?      

A propos Schuhe: Bei zwei Bräuten habe ich per Zufall entdeckt, dass sie unter dem schicken Kleid klobige weisse Turnschuhe trugen. Man sah die bequemen Treter allerdings nur dann, wenn ein starker Wind das festliche Kleid bauschte. Witzig – oder eher klug? Beim Tanzen ist’s auf jeden Fall bequemer.

Was sagt Ihr zu diesem Hochzeitspaar? Nicht gerade glanzvoll und erst noch ohne Gäste. Dafür gibt’s garantiert keine lebenslangen Schulden.

Elisabeth, 9.10.2019

Baden in Tbilissi

Einziges oberirdisches Bad, „Orbeliani“

Neugierig wie ich bin, übt Aussergewöhnliches eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf mich aus. So auch das Bäderviertel Abanotubani in der Altstadt von Tiflis – diese Ansammlung von halbkugeligen Kuppeln aus Backstein im persischen Stil! Der georgische Name Tbilissi bedeutet ‚warme Quelle‘. Tatsächlich sprudelt am Berg Mtabori an den Hängen der Stadt kohlensäurehaltiges schwefliges Quellwasser aus der Erde, das bis zu 46,5 °C heiss ist. Dieses Heilwasser wird seit über 700 Jahren in den Badehäusern von Tbilissi verwendet.  

Im 13. Jahrhundert wurden in Tbilissi rund 65 Schwefelbäder genutzt. Heute sind es nur noch etwa acht. Die Baderäume liegen unterhalb des Erdbodens, weil dort der Wasserdruck höher ist. Sie erhalten Licht und Luft aus den Öffnungen am Scheitelpunkt der Kuppeln. Das Viertel ist eine Besonderheit, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Es ist bei Einheimischen und Touristen beliebt und sowohl am Tag als auch nachts sehr belebt. Natürlich riecht es im ganzen Quartier nach «faulen Eiern», sprich Schwefel, was weder DEN MANN noch mich störte (und offensichtlich auch sonst niemanden).

Bäder haben selbst in Europa eine lange Tradition, auch wenn jene in Tbilissi durch ihren besonderen Baustil Bewunderung erregen. Hat man nicht privat (zum Beispiel als Paar) ein Becken gemietet, besucht man den öffentlichen Bereich und sieht eine Menge nackter Georgier, selbstverständlich streng nach Geschlecht getrennt. Ich erinnere daran, dass es in Bern noch im 18. und 19. Jahrhundert öffentliche Badhäuser gab, deren Ruf jedoch nicht immer über alle Zweifel erhaben war. Selbst Giacomo Casanova liess sich 1760 dort verwöhnen (wohl nicht im Männersektor).

Es heisst, zu einem Bad nach georgischer Art gehöre eine ausgedehnte Massage auf einer Steinplatte. Der Masseur bearbeite Rücken, Arme und Beine, stehe einem auf dem Rücken, laufe das Rückgrat hinauf und hinunter. (Beim blossen Gedanken läuft es mir kalt über den Rücken!) Alte Haut entferne er mit einem Handschuh aus Pferdehaar. Zwischen den Massagegängen werde geduscht und zum Schluss gebe es kräftige Heisswassergüsse aus Eimern. Du liebe Güte, das ist nichts für zarte Seelen!

Sieht ganz und gar nicht sanft aus!

Eine georgische Massage ist beileibe nicht jedermanns Sache. Oli vom Weltreiseforum berichtet: «Ein dickbäuchiger Mann kam ungefragt in unseren Privatraum (Ob da vielleicht ein sprachliches Missverständnis vorlag? Anm. Elisa) und zog sich zuerst einmal die Badehose aus. Erst dann stellte er sich nackt als Masseur vor und band sich ein Tuch um seine Lenden. Kurz darauf mussten wir uns auf eine harte Steinbank legen, auf der er uns mit einem Kratzhandschuh zu malträtieren begann. Immer wieder schüttete er heisses Wasser über uns oder zog uns unsanft auf der Bank in die richtige Position. Die Kratzmassage war ganz und gar nicht angenehm. Ich kann eine Massage in Abanotubani nicht unbedingt empfehlen.»

Dieser und weitere Berichte hielten uns davon ab, ein Bad zu besuchen und uns nackt und hilflos einer Steinliege, einem bulligen Masseur, seinem Kratzhandschuh und der dampfenden Hitze auszusetzen. Zwar warfen wir im einzigen oberirdischen Bad «Orbeliani» einen Blick hinein, doch da ging es zu und her wie in einem Bienenhaus, so dass wir aufatmend den Rückzug antraten.

Eigentlich schade!

Elisabeth, 2.10.2019