Am hellichten Tag

Foto von Patentochter Sandra Romano

Es war ein paar Tage nach der Operation. Früh morgens kam eine Pflegerin ins Zimmer, die ich noch nicht kannte. Robust sah sie aus, und ja, auch etwas grob. Sie half mir beim Aufstehen und setzte mich trotz meiner schmerzenden Operationswunde auf einen unbequemen Stuhl, bevor sie das Zimmer wieder verliess. Nach einer knappen halben Stunde war sie zurück. „Ich möchte nicht, dass sie mich so lange sitzen lassen“, monierte ich. Die schnippische Antwort kam postwendend: „Ich habe noch 37 andere Patienten.“ Mir war durch Erschöpfung hässig zumute: „Das lasse ich mir nicht gefallen. Die ganze Nacht habe ich kein einziges Mal geklingelt.“ „Die Nacht ist vorbei, es ist helllichter Tag“, kam es prompt zurück. Mein Ton wurde lauter: „Ich lasse es mir trotzdem nicht gefallen!“ Nun herrschte längere Zeit Stille zwischen uns. Während sie mir beim Waschen half, entdeckte ich auf ihrem Arm ein Tattoo. Neugierig erkundigte ich mich nach dem Wie und Was, und auf einmal taute sie auf und erzählte.

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Als wir fertig waren, nahm sie wortlos meinen bei den Mahlzeiten fleckig gewordenen Morgenrock und wusch ihn gründlich aus. Dann hängte sie ihn zum Trocknen am Heizkörper auf. Ich traute meinen Augen kaum und sagte verwundert: „Sie sind ja eine sehr freundliche Pflegerin!“ „Und Sie eine sehr freundliche Patientin!“ kam es zurück. Ich schaute sie fragend an. „Wissen Sie, manchmal braucht es zu Beginn ein wenig Zank“, fügte sie bei.

Ja, warum nicht? Wir waren beide schlecht gelaunt gewesen und hatten dies ehrlich gezeigt. Jetzt lächelten wir einander an. Der Tag war auf einmal hell geworden.

Foto von Patentochter Nadia Lutz

Warum können Konflikte zwischen Völkern nicht ebenfalls friedlich gelöst werden? Dann wären alle Tage hell.

Ich wünsche Euch frohe, helle, friedliche Ostertage, Eure Elisa
12.04.2022