Der Heiratsantrag Teil II

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Es ist schön, auf sein Leben zurückzuschauen und die Dinge als Lernschritte zu sehen –
und nicht als Ereignisse, die es zu bedauern gilt.»
(Zitat Kally, Blog MiddleMe)

Mit diesen weisen Gedanken wage ich mich an die Fortsetzung meiner Geschichte. Begleitet Ihr mich erneut ins Paris der 60er Jahre, mitten ins quirlige Zentrum? Also:

Zum Umsteigen in St. Lazare blieb genügend Zeit, so dass Monsieur X und ich oft zusammen noch einen Kaffee tranken und uns rasch ein «Croque Monsieur» schmecken liessen, Pariser Kellner sind bekanntlich wieselflink. Manchmal promenierten wir lediglich in der grossen Bahnhofhalle, in ein anregendes Gespräch vertieft. Er erzählte mir, dass er fleissig für eine höhere Buchhalterprüfung arbeite, damit er beruflich vorwärtskomme. Darum habe er keine Zeit, mich an den Wochenenden zu sehen.

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Ich verschwieg ihm, dass mich das nicht weiter störte. Ich hatte einen kleinen, aber guten Freundeskreis. Eines Tages – ich glaube, es war an einem Donnerstagabend Anfang März, mein Praktikumsjahr neigte sich langsam dem Ende zu – da ging es plötzlich Schlag auf Schlag. Wie gewohnt, schlenderten wir durch die Bahnhofhalle, als mir Monsieur X freudestrahlend berichtete, dass er die anspruchsvolle Prüfung geschafft habe. Natürlich gratulierte ich ihm herzlich. Hierauf fragte er mich, ob mir «Holiday on Ice» gefalle und ich Lust auf eine Aufführung am kommenden Samstagabend hätte, zwei Billette seien bereits in seinem Besitz. Nach meiner erfreuten Zusage fuhr er fort: «Am Morgen könnten Sie mit mir per Métro an den Stadtrand fahren, ich würde Ihnen gerne etwas zeigen.» «Was denn?» fragte ich neugierig. «Ich habe ein hübsches kleines Haus mit blühendem Garten in fast schon ländlicher Umgebung gekauft», erklärte er stolz. Dass er mir sein Haus zeigen wollte, fand ich etwas eigenartig, versprach ihm aber zu kommen. Waren wir nicht Freunde?

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Dann geriet er ins Stocken. «Was wäre, wenn, wenn… ich will sagen…» Ich schaute ihn von der Seite an. Er war rot im Gesicht vor Verlegenheit, wirkte unsicher. Ich wunderte mich und wartete. Schlussendlich platzte er heraus: «Was meinen Sie dazu, wenn wir unser Leben lang so wie heute miteinander weitergingen, Seite an Seite?»

Ich fiel aus allen Wolken. Ratlos starrte ich ihn an, wusste nicht, wie reagieren. War das ein Heiratsantrag? Eines war mir jedoch mit Sicherheit klar: ich war keineswegs in ihn verliebt. Warum schien er das zu glauben? Ich fühlte mich auf einmal schuldig und rief: «Habe ich Ihnen je den geringsten Anlass gegeben, Liebe bei mir zu vermuten?» Ungeschickter hätte man es nicht sagen können! Der verhängnisvolle Satz war raus, bevor ich mir etwas Freundlicheres überlegen konnte. Er wurde leichenblass. Abrupt machte er kehrt und entfernte sich wortlos. Ein Stich durchfuhr mein Herz. Ich ahnte, dass ich soeben seine Freundschaft verloren hatte.

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Die Diktate bei Monsieur X wurden mühsam. Er äusserte nie mehr ein freundliches Wort, sagte nur noch das, was für die Arbeit absolut nötig war. Die Kälte, die sich zwischen uns ausgebreitet hatte, machte es mir unmöglich, ihm im Nachhinein meine Absage einfühlsam zu begründen. Nach etwa 10 Tagen meinte er mit zusammengepressten Lippen: «Ich habe das hübsche Haus verkauft, da Sie es ja nicht haben wollen.» Es klang sehr bitter.

An einem Abend im April kam eine rundliche, dunkelhaarige Frau zu uns ins Büro. Die Tür stand offen. Mein Pult war das vorderste. Sie pflanzte sich vor mir auf. Böse Blicke schossen aus ihren schwarzen Augen. Am liebsten hätte ich mich geduckt. Sie sagte nichts, musterte mich nur von Kopf bis Fuss. Nachdem sie sich umgedreht hatte, fragte ich meine Kolleginnen: «Wer war denn das?» Die älteste von ihnen verkniff sich ein Lachen, als sie antwortete: «Das ist die griechische Tante von Monsieur X, er ist bei ihr aufgewachsen. Wir haben längst gemerkt, dass er in Sie verliebt ist. Sie ist sicher gekommen, um Sie zu begutachten.» Begutachten? Wohl eher das Gegenteil.

Ende April war mein Jahr um. Während Kolleginnen und Kollegen mich mit Geschenken und guten Wünschen verabschiedeten, sagte mir Monsieur X nicht einmal «Adieu». Und in einer Vorstellung von «Holiday on Ice» bin ich bis heute nicht gewesen. Die Lust darauf ist mir vergangen.

Im Laufe der Jahre habe ich gelernt, mit Charme auf einen Heiratsantrag zu reagieren – doch inzwischen bekomme ich keinen mehr…

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Liebe Grüsse, Elisa
21.07.2021


Der Heiratsantrag, Teil I

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Eine Episode aus meiner Pariser Zeit vor vielen, vielen Jahren passt zum heutigen französischen Nationaltag. Der 14 juillet erinnert an den Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789. In meinem Beitrag geht es allerdings etwas weniger stürmisch zu und her. Obwohl die Liebe, wie wir wissen, tatsächlich stürmisch sein kann…

Machen Euch, liebe Ladies, Heiratsanträge glücklich? Vielleicht erwartet Ihr gar in diesem Jahr einen von Eurem Liebsten. In Filmen ist es meist der Höhepunkt, wenn er um ihre Hand anhält. Allerdings braucht es dazu den Richtigen, nicht wahr?

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Damals, in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts, war ich noch nicht ganz 21, ziemlich schüchtern und naiv, und dachte an alles andere als ans Heiraten. Erstaunlich, dass ich trotzdem zwei Jahre später bereits Ehefrau war.

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Der Frühling in Paris hat etwas Unwiderstehliches: Ein Meer von Tulpen und duftender Blüten, zartes Grün und Vogelgezwitscher, die breiten Avenues und Boulevards gesäumt von einer Vielzahl lichtgrüner Alleebäume, die zartflauschigen rosa Blüten der Japanischen Zierkirsche der wahr gewordene Traum von «La vie en rose»! Damals war Catherina Valentes Song «Ganz Paris träumt von der Liebe» in aller Ohren. Er drückte das spritzige Lebensgefühl der frühen 60er Jahre auf unvergleichliche Weise aus. (Seufz!)

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Im Mai 1964 trat ich bei einer Rückversicherungsgesellschaft in Paris eine Stelle als Praktikantin an. Anfangs verzehrte ich mich nach meiner Familie und der Schweiz, aber nicht lange, Paris war zu aufregend.

Als ich das erste Mal ins Diktat zu einem jungen Kollegen musste, warnten mich die Frauen in meinem Büro: «Bei dem musst du aufpassen. Der hat lockere Hände, wenn er allein ist mit einer hübschen Praktikantin.» Mit klopfendem Herzen ging ich zu ihm und setzte mich auf den äussersten Rand meines Stuhls, um gegebenenfalls sofort fliehen zu können. Der junge Mann war gutaussehend und gebildet, er stammte von einer griechischen Mutter und einem englischen Vater ab, was seinen Charakter auf etwas ungewohnte Art beeinflusst hatte.

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Sein rassiges Aussehen war südländisch, sein Temperament auch, es wurde jedoch von einem leicht ungelenken, ja sogar steifen sozialen Umgang gebremst. So, wie er meist seine Gefühle verbarg, erinnerte er an einen Engländer mit «stiff upper lip». Nachdem der verhasste Vizedirektor ihn einmal in meiner Gegenwart gedemütigt hatte, schmiss er nachher in stiller Wut einen Riesenstapel dicker Dossiers zu Boden, sie schlitterten bis ans Ende des langen Korridors. Hierauf sammelte er das Blätter-Chaos beherrscht und stumm wieder auf, bevor jemand anderes es bemerkte.

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Dieser Mann sollte unanständig sein? Das konnte ich mir nicht vorstellen. Ich nahm ihn täglich als freundlichen, hilfsbereiten Kollegen wahr. Meine Kolleginnen befragten mich, quittierten meinen entlastenden Bericht aber mit einem besserwisserischen Lächeln, worauf ich den Mund hielt. Warum glaubten sie mir nicht, dass es ausser Händeschütteln nie auch nur die kleinste Berührung gab?

Mit der Zeit entwickelte sich zwischen Monsieur X und mir so etwas wie Freundschaft. Abends begleitete er mich oft bis zum Gare St. Lazare, wo ich die Métro wechseln musste, um meine Abendkurse zu besuchen. Bei der «Alliance Française» war mir der Kunstunterricht bei Monsieur Cusse am liebsten, der, wenn er uns ein Frauengemälde vorstellte, schwärmerisch zu seufzen pflegte: «Comme elle est bääälle! Schaut euch die weichen Linien an, die Vollkommenheit des Körpers, die weiss-schimmernde Haut!» Einmal erzählte er, dass er einst Farah Diba in Architektur geschult habe. Das war, bevor der persische Schah Mohammed Reza Pahlevi sie Ende 1959 zur Frau nahm und berühmt machte.

Foto Wikipedia: Die schöne Farah Diba Pahlevi

Fortsetzung folgt!

Träumt inzwischen von der Liebe! Liebesträume sind weder an den 14 juillet noch an Paris gebunden.
Herzlichst, Elisa
14.07.2021