Der Orient, Teil I: von Datteln, Goldsand und lieblichen Düften

Liebt Ihr Datteln? Ich schon. Doch welche? Da scheiden sich die Geister. Die eher trockenen Deglet Nour finde ich fein, während mir die dicken, frischen aus Israel fast zu süss sind. Die weltweit besten Datteln, sagte man uns in Dubai, seien die Bateel-Datteln. Sie gelten in der verrückten Wüstenstadt als Delikatesse und sind z.B. mit Nüssen, Ingwer, kandierten Zitronen- oder Orangenschalen gefüllt.

Habt Ihr gewusst, dass Palmen richtige Überlebenskünstler sind? Dank ihrem cleveren Wasserhaushalt gedeihen sie in der kargsten Wüste. Denkt Euch, sie wachsen seit 79 Millionen Jahren auf unserer Erde, haben also selbst die Dinosaurier überlebt. Nicht auszudenken, wenn’s umgekehrt wäre!

So, nun noch rasch eine Dattel in den Mund gesteckt – und ab geht’s in die Wüste!

Erinnerungen an Erlebtes locken mich immer wieder in die Wüste mit ihrer Ursprünglichkeit. Begleitet Ihr mich? Das könnt Ihr getrost tun, denn ich nehme Euch mit auf eine Reise der Sinne – ohne Hitze oder Durst, ohne brennende Augen, mühelos, einer Fata Morgana gleich, und sie löst Freude aus! Ich sehe endlose Sanddünen, weich und glatt, Welle um Welle wie in Gold getaucht. Heißer Wüstenwind streicht über ihre Flanken, wirbelt Staub auf in einer Landschaft, die sich durch Verwehungen laufend wandelt. Eine Kamelkarawane zieht gemächlich ihres Wegs. In einer Senke blitzt das dunkle Grün einer Oase mit schlanken Palmen auf. Hier ist das Licht klar, sind die Konturen scharf. Kaum hörbar, blubbert ein frisches Gewässer. Eine Brise fährt raschelnd durch Palmwedel, unter denen verheißungsvoll üppige Büschel reifender Datteln leuchten. Schön, nicht?

Foto von Freundin Heidi Wildi: Dattelpalme

Ihr merkt es: Der Orient hat etwas stark Anziehendes für mich. Doch sind es nicht nur Gedanken an die Wüste – nein, an orientalische Gegenden überhaupt – die mich schwelgen lassen und mich stets aufs Neue dorthin ziehen. Ich rieche schweres Parfum, sehe würzige Weihrauchdüfte aufsteigen, schlendere durch enge Bazars, bewundere die Anmut der Frauen und die Geschmeidigkeit der Männer, sehe kräftige Farben und Gold aufblitzen, höre Trommeln, die das Herz höherschlagen lassen, kurz, ich erlebe beglückt die ganze Mystik dieser Orte, als hätte ich sie erst gestern besucht.

Foto von Freundin Heidi Wildi: Die Scheich-Zayid-Moschee in Abu Dhabi
Foto von Freundin Heidi Wildi: Die Scheich-Zayid-Moschee in Abu Dhabi
Foto von Freundin Heidi Wildi:
Kostbare Details in der Scheich-Zayid-Moschee

So viel kraftvolle Schönheit und Eleganz! Ob ich Euch mit meiner Begeisterung anzustecken vermag? So oder so, hier als Ergänzung zu unserer virtuellen Reise noch ein paar handfeste Tatsachen:

Wahrscheinlich ist Euch bekannt, dass die ornamentreiche, islamische Baukunst bis nach Indien getragen wurde. Dort erlebte sie als indo-islamische Mogul-Architektur zwischen 1526 und 1858 ihre Blüte. So stammen einige der bedeutendsten Baudenkmäler des indischen Subkontinents aus jener Zeit, u.a. der Taj Mahal, der zu den „Neuen Sieben Weltwundern“ gehört. Noch heute können wir die islamischen Spuren überall in Indien bewundern, in Moscheen, Mausoleen, an Palästen, in Gärten. Denn tatsächlich prägte die Epoche der Moguln die indische Kunst und Kultur nachhaltig, auch in den Bereichen Malerei, Sprache und Literatur – bis der letzte Großmogul von den Briten 1858 entmachtet wurde. (Forts. folgt)

Träumerisch, Eure Elisa
18.01.2023

Inselgeschichten

Photo by Asad Photo Maldives on Pexels.com

Mauritius im Indischen Ozean, drei Tage vor meiner Rückreise. Eben war ich vom schattigen Liegestuhl aufgestanden und freute mich auf den Lunch im offenen Restaurant. Kaum auf den Beinen, wurde mir nullkommaplötzlich speiübel und schwindlig. Ich schaffte es noch knapp in mein Zimmer. Dort hing ich trotz der tropischen Temperaturen schlotternd über dem Wasserbecken und erbrach mich so heftig, dass ich innert kürzester Zeit ganz schwach wurde. Nur mit Mühe konnte ich mich zurück aufs Bett schleppen, wo mich aber der Brechreiz alle paar Minuten wieder ins Badezimmer zurückjagte. Am ganzen Körper zitternd, schaffte ich es nicht einmal, mein Pareo-Tuch und den Badeanzug auszuziehen und mich zuzudecken. Zufällig erhaschte ich einen Blick im Spiegel. Ich erkannte mich kaum wieder. Statt des gesunden, sonnengebräunten Gesichts starrte mich ein aschfahles an. Als mich der freundliche Room Boy fand, rief er sofort den Arzt, der mir eine Spritze sowie ein Spezialgetränk verabreichte, das ich jede Viertelstunde Löffelchen weise einnehmen musste.  

Heidi Schade: Frangipani

Wahrhaft paradiesisch waren meine Ferien bisher gewesen – und jetzt das! Obwohl Alleinreisende, hatte ich im lichterfüllten, mit üppigen Anthurienbouquets geschmückten Hotel schon am ersten Abend Anschluss bei anderen Hotelgästen gefunden: da waren Plantagenbesitzer aus Simbabwe und Namibia, Geschäftsreisende aus China, Südafrikaner aus Kapstadt, Piloten und Flugbegleiterinnen der South African Airways, die auf ihrem Weg nach dem fernen Osten einen Zwischenstopp auf Mauritius einlegten, und sogar ein Flitterwochenpaar aus Italien. Es war eine bunt zusammengewürfelte, aufgeschlossene Gesellschaft, die sich während der Happy Hour um sechs Uhr abends für alles Mögliche verabredete.

Heidi Schade: Chamarel

Dadurch hatte ich immer Begleitung bei einem privaten Ausflug: In den Hauptort Port Louis, zu dem uns der Weg an Feuerbäumen in ihrer schönster Blüte und Zuckerrohrplantagen vorbei führte; in den Südwesten von Mauritius zu den vulkanischen Felsformationen; nach Chamarel zu den siebenfarbigen, sagenhaften Dünen aus Vulkanerde und den saftig-grünen Kaffee- und Teefeldern in den Bergen, bis zum berühmten Botanischen Garten Pamplemousses, wo die Seerose Victoria Amazonica mit ihren bis zu 2m grossen, flachen Pflanzenblättern der Star ist, zusammen mit den vielen uralten Bäumen und Palmen.

Die Victoria Amazonica-Seerose

Vergnüglich war auch eine Glasbodenfahrt auf dem glasklaren, türkisfarbenen Meer mit Blick auf die leuchtende «Unterwelt», sowie der Besuch einer unbewohnten Insel weit hinter dem Riff, wo der einheimische Bootsführer für uns fünf nach Austern tauchte, für deren Genuss wir vorsorglich Limetten mitgebracht hatten.  

Heidi Schade: Kugelfisch

Abends gab’s die eine oder andere Party. Wir sassen an weissgedeckten, langen Tischen am Strand, lachten, assen, tranken, liessen uns mitreissen von den temperamentvollen Sega-Tänzern, die neben lodernden Feuern über den weissen Sand wirbelten. Oft tanzten wir dann selbst bis in die frühen Morgenstunden, auf einer Terrasse über dem Meer. So herrlich und romantisch, so ausgelassen und lebensfroh! Umfangen von milder, balsamischer Nachtluft, mit fröhlicher Musik und dem Rauschen der Brandung in den Ohren – und erst noch unter dem still schimmernden Kreuz des Südens, das ich hier zum ersten Mal erblickte!

Mit einem Paar aus Durban in Südafrika, er Engländer, sie aus Mauritius, verband mich eine spontane Freundschaft. Jetzt würden sie sich gewiss Sorgen machen über mein langes Ausbleiben am Strand während der Nachmittagsstunden. Abends, als ich mich besser fühlte, ging ich zu ihnen in den Speisesaal, aber ich hatte keinen Hunger. Ich trank einen Tee und begann an einem Brötchen zu knabbern. Bald suchte ich mein Zimmer auf. Das angebissene Brötchen legte ich auf den Nachttisch, für den Fall, dass mich eine (erhoffte) Heisshungerattacke aus dem Schlaf holen würde.

Helles, in mein Zimmer strömendes Sonnenlicht weckte mich am Morgen. Als mein Blick auf den Nachttisch fiel, machte ich grosse Augen. Auf dem Brötchen wimmelten winzige, gold-braune Ameislein, bedeckten es ganz und gar, was ihm eine Art pelzverbrämtes Aussehen verlieh. Mit spitzen Fingern packte ich das Ding und trug es auf meinen Balkon. Kaum hatte ich mich wieder hingelegt, ertönte ohrenbetäubendes Vogelgezwitscher.

Ich lächelte: die blauen, roten, gelben und grünen Vögel auf den Baum-Ästen vor meinem Balkon hatten mich schon an den vergangenen Tagen erfreut. Doch jetzt klang das Gezwitscher zänkisch. Ich dachte an den „kapuzentragenden Nachtvogel“, den Dodo, der leider schon im 17. Jahrhundert ausgerottet worden war. Ob er wohl ebenso tiriliert und gesungen hatte wie andere Vögel? Er lebte ausschließlich auf der Insel Mauritius, war etwa einen Meter gross und flugunfähig. Seine Zutraulichkeit führte dazu, dass er sich weder gegen Eroberer mit ihren Gewehren noch gegen mitgebrachte fremde Tierarten zu wehren verstand.

Der ausgestorbene Vogel Dodo: https://commons.wikimedia.org

Das laute Zwitschern hörte abrupt auf. Als ich nachschauen ging, war der Balkonboden wie leergefegt. Ich fand keine einzige Ameise und nicht die kleinste Brotkrume, auch die Vögel waren weg. Ohne es zu ahnen, hatte ich den gefiederten Freunden einen opulenten «Sandwich»-Plausch spendiert.

Was mich angeht, konnte ich auch an den verbleibenden Tagen kaum etwas essen und trinken, selbst auf dem fast 11stündigen Rückflug lösten Esswaren Widerwillen in mir aus. Wieder zu Hause, fühlte ich mich nicht besser. Das Weiss in meinen Augen begann sich gelb zu verfärben. Der Tropenarzt stellte denn auch eine akute Leberinfektion (Hepatitis A) fest.

Es dauerte Monate, bis mein gewohnter Appetit zurückkehrte, und noch länger, bis ich wieder Brötchen (ohne Ameisen!) essen mochte…

Dennoch ist wahr, was eine verstorbene Freundin zu sagen pflegte: «Wer je auf einer tropischen Insel war, trägt für immer eine Sehnsucht mehr in seinem Herzen!»

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Elisabeth, 29.1.2020