Freundliche Menschen

Foto Elisa: Peonie in voller Blüte

Ich bin immer wieder glücklich darüber, wenn ich Freundlichkeit von fremden Menschen erfahre – dies gilt insbesondere auf Reisen. Natürlich komme ich eher in den Genuss, wenn ich allein unterwegs bin/war, denn dann bin ich offener und empfänglicher.  

Es versteht sich von selbst, dass man gerade als allein reisende Frau klare Signale aussendet: Ich bin nicht auf Abenteuer aus! Wie uns allen klar ist, gibt es den einen oder anderen allein reisenden Mann, der wie ein hungriger Bär hinter dem Honig herjagt. Pssst! Wenn ich hungrig bin, dann will ich mir den Bären selbst aussuchen.

Doch zurück zur kleinen Auswahl an Liebenswürdigkeiten:

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– In Mallorca war ich unsicher, von welcher Bushaltestelle aus ich das historische Zentrum Palmas erforschen sollte. Ich fragte einen älteren Herrn, der eben im Begriff war auszusteigen. «Wenn Sie einen Moment Geduld haben, bis ich auf der Bank war», erklärte er auf Englisch, «dann zeige ich Ihnen Palma.» Es wurde ein höchst vergnüglicher Tag. Es ging nicht nur in ein feines Restaurant zum Essen und danach zum Dessert in die älteste Konditorei mit den prächtig bemalten Kacheln, sondern ebenso zu ganz besonderen Sehenswürdigkeiten, so etwa zum Palast einer mit meinem adligen Begleiter befreundeten Marquesa. Es gab Portwein und einen herrlichen Blick aufs Meer, auch auf den Nachbarpark, der zum Feriendomizil von König Juan Carlos gehörte, der damals noch Achtung genoss. Trotz Sonnenschein waren die schönen hohen Zimmer kühl. Die Marquesa sass in einem bequemen Sessel und wärmte ihre Füsse an einem kleinen Kohleöfchen. Die durchgehenden Zimmerfluchten liessen bei geöffneten Türen das Sonnenlicht durch alle Zimmer fluten. Ich stelle es mir erhebend vor, wenn beim morgendlichen Erwachen der Blick vom Bett aus direkt auf die glitzernde Meeresfläche fällt.

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– An der englischen Südküste erkundigte ich mich beim Buschauffeur nach der Haltestelle für ein zum Museum umgestaltetes Landhaus. „No problem, Sweetheart“, lachte er und fuhr trotz des vollbesetzten Buses einen Umweg, so dass ich direkt vor meinem Ziel aussteigen konnte! So früh am Morgen war ich dort die einzige Besucherin. Der freundliche Herr, der die Aufsicht hatte, machte für mich eine private Führung durch das ganze Haus, inkl. Dienstbotenzimmern im Dachgeschoss und Arbeitsräumen im Keller. Er gewährte mir einen faszinierenden Einblick in die damalige Zeit des noblen englischen Landlebens. Ich blieb mehr als drei Stunden!

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– Im gleichen Küstenort begann es auf einem meiner Spaziergänge wie aus Kübeln zu regnen. Es war Samstagmorgen. Ich rettete mich in einen Hauseingang neben einem danebenliegenden Erker, der offenbar als Büro diente. Plötzlich öffnete einer der arbeitenden Gentlemen die Türe: «Sie brauchen doch nicht hier draussen zu stehen! Kommen sie herein ins Trockene, ich mache Ihnen eine heisse Tasse Tee!» Eine Tasse Tee ist für Engländer bei jeder Unbill so etwas wie ein Zaubertrunk.

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– Auf meinem Flug nach New York sass ich in einer Dreier-Reihe mit einem amerikanischen Ehepaar. Während des ganzen Fluges unterhielt ich mich angeregt mit der Dame, die im sozialen Bereich tätig war. Die Familie des Mannes führte ihren Stammbaum auf den Reformator Johannes Calvin in Genf zurück, darum hatten sie die Schweiz besucht. Als wir uns dem Ziel näherten, sagte er: «Setzen Sie sich doch auf meinen Platz am Fenster und geniessen Sie die Aussicht auf Long Island. Es lohnt sich.» Mit diesen Menschen verband mich bis zu ihrem Tod eine jahrelange Freundschaft. Sie besuchten mich in der Schweiz. Mit DEM MANN zusammen übernachtete ich ein paar Jahre später auf unserer dreiwöchigen Fahrt durch die Neuengland-Staaten in ihrem Haus. Wir vier genossen unser Zusammensein mit guten Gesprächen, viel Heiterkeit, spannendem Sightseeing – und natürlich feinem Essen. Wie in den Staaten üblich, wurden dazu auch die Nachbarn eingeladen, um die „Swiss Friends“ vorzuzeigen. Am zweitletzten Tag packte Bob unsere Souvenirs ein und schickte sie per Schiff in die Schweiz, um die Gepäcklast für DEN MANN (!) zu verringern, während Marie unsere auf der Amerika-Reise angefallene Schmutzwäsche wusch und plättete.

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– Auf Mauritius musste ich mittags das Hotelzimmer verlassen, wurde aber erst abends mit dem Bus zum Flughafen abgeholt. Das war unbequem, vor allem, weil ich den Strand noch ein wenig geniessen wollte. Dort kam ich ins Gespräch mit einem Flugbegleiter der South African Airways. Charmant bot er mir gegen Abend sein Zimmer an, um zu duschen und mein Badekostüm gegen Reisekleidung einzutauschen. Er winkte mir zum Abschied, als wären wir alte Freunde – was wir später denn auch geworden sind.  

Na Pali Coast Kauai’i, Foto: Hawaii Tourism Authoritiy/Tor Johnson

– Nach unseren Hawai’i-Ferien kamen der DER MANN und ich auf der Rückreise bereits kurz vor 06.00h morgens im Hotel Hilton Airport in Los Angeles an. Der Nachtportier, dem ich unser Schlafdefizit schilderte, erbarmte sich unser. Obwohl wir laut Reiseprogramm erst ab 14.00h ein Zimmer gehabt hätten, machte er es möglich, dass wir nach einem reichlichen, gratis offerierten Frühstück schon um 08.00h in herrlich weiche Betten sinken konnten, um ein paar Stunden Schlaf nachzuholen – notabene ohne Mehrkosten, trotz des zusätzlichen Tages. Unbezahlbar! Ausgeschlafen, verbrachten wir den Nachmittag gutgelaunt mit Flanieren, Shoppen und anschliessendem Apéro an der durch Filme berühmten Meerespromenade von L.A., bevor nachts unser Flugzeug zurück in die Schweiz abhob.

Foto: Venice Beach by iStock-638340372

Dies sind nur ein paar meiner Erlebnisse. Gewiss erlebt Ihr auch immer wieder solch uneigennützige Herzenswärme. Das Schöne ist, dass wir uns bei solchen Begegnungen Fremden auf einmal sehr nahe fühlen, und oftmals werden Adressen ausgetauscht. Was für ein erfrischender Beitrag zur Völkerverständigung!

Selbstverständlich habe ich das Empfangene an Besucher unseres Landes weitergegeben und manche bewirtet – bis, ja, bis es einmal schief ging.

Aber das ist eine andere Geschichte…

Liebe Grüsse, Elisa
07.07.2021

Ein indisches Märchen

Das 10tägige Festival zu Ehren des Elefantengottes Ganesha ist in vollem Gange. Seit Stunden dringt der nächtliche Festlärm aus dem indischen Städtchen zum Palasthügel herauf und damit in unsere Ohren: dumpfes Trommeln, Musik, fröhliche Rufe, hämmernde Rhythmen. Dies und das giftig-grüne Licht über dem Doppelbett, das sich einfach nicht löschen lässt, hindern uns am Schlafen.

Durch berückend schöne Landschaften hat uns heute Nachmittag der zuverlässige Fahrer Ashok in diesen Palast gebracht, auf den wir uns seit Beginn der Reise gefreut haben. „Es gibt kein anderes Hotel auf dieser Strecke“, hat er uns informiert. „Macht doch nichts“, denke ich. „Für einmal das Leben genießen wie Maharadscha und Maharani! Ein indisches Märchen am eigenen Leib erfahren!“ Die Fürstenfamilie soll den Gästen heute Abend bei einem Konzert auf einer der Terrassen ihre Aufwartung machen.

Der Palast ist eine prachtvolle, imposante Anlage mit filigran behauenen Fassadenelementen, unzähligen Bogenfenstern, Balustraden, Zwiebeltürmchen, Säulen, hohen Zinnen. Er erstreckt sich über mehrere miteinander verbundene Gebäude, dazwischen ein großzügiger Hof voller Blumen, Büsche und Topfpflanzen. Ich bin begeistert. Wir werden in unser Zimmer geführt, das dicke Wände aufweist, wie es einem Palast gebührt. Im weitläufigen Badezimmer mit den kunstvollen, herrlich leuchtenden Blumenmosaiken an Boden und Wänden und den Stuckaturen an der Decke hängen gebrauchte Badetücher und schmutzige Bademäntel, stehen geöffnete Toilettenartikel herum, hier ist offensichtlich nicht geputzt worden. Eine Kleinigkeit, großzügig sehen wir darüber hinweg. Wir wundern uns über die Dusche, die zwei seitliche Düsen hat, wie wir sie noch nie gesehen haben. Der dunkel getäferte Wohnraum ist rechteckig und etwa 12 m lang. „Toll“, rufe ich aus. „So viel Platz nur für uns zwei!“ Die Türe lässt sich jedoch nur mit Mühe schließen, geschweige denn verriegeln. Nicht zu fassen: ein Schild warnt explizit vor „Dieben und Einbrechern“.

Im gotisch gewölbten, einem Mausoleum nicht unähnlichen Schlafzimmer, das gespenstisch von besagtem grünen Licht erhellt ist, hängt am Tüllvorhang vor dem Fenster mit den viereckigen Butzenscheiben eine Fledermaus. Neben dem Telefon im Wohnraum liegt eine Nummernliste, aber bei keiner der Nummern meldet sich jemand. DER MANN, wie immer praktisch denkend, macht sich zu Fuß auf den Weg, um einen dienstbaren Geist zu finden. Eine Fledermaus einzufangen, gehört nicht gerade zu unseren Hobbies. Er bleibt lange weg. Endlich kommt er zurück mit dem Barmann, den er in irgendeinem Zwischengeschoss aufgespürt hat. Zum Glück kann dieser nicht nur mit dem Mixbecher umgehen, sondern auch mit Fledermäusen.

Zum Abendessen sollen wir uns im Restaurant auf den Zinnen gegenüber einfinden. Es ist abenteuerlich, sich in diesem Riesenkomplex zurecht zu finden. Es geht treppauf, treppab, quer durch Geschosse, ein kurzes Stück mit einem offenen, vorsintflutlich anmutenden Lift, wieder hinunter, wieder hinauf, und überall ist’s völlig menschenleer. Die Stufen sind für mich zu hoch, ich schaffe sie nur mit knapper Not. Ach ja, eine echte Maharani würde natürlich in der Sänfte getragen! Als wir endlich auf der Dachterrasse ankommen und gerade angefangen haben, unsere Teller zu füllen, beginnt es zu gießen, als wäre heute der Tag der Sintflut hereingebrochen. Statt mit den wohlriechenden Speisen, sind die Teller im Nu mit Regenwasser gefüllt. Es hat keinen Unterstand, wo wir hin flüchten könnten. Selbst die Maharadscha-Familie hat es offenbar vorgezogen, bei diesem Regen in Deckung zu bleiben.   

Wohl oder übel ziehen auch wir uns zurück. Schade. Wie herrlich müsste es an einem klaren Abend hier oben auf den Zinnen sein! Wie sehr der wundervolle indische Sternenhimmel einen in seinen Bann ziehen kann, haben wir bereits erlebt und bleibt unvergessen.

Mit dem Frühstück bei den Maharadschas ist’s nicht weit her. Es gibt bitteren Schwarztee, vertrocknetes Brot, ranzige Butter und eine Schüssel, in der ein paar spärliche Fruchtstückchen herumschwimmen. Immerhin hat’s auch ein paar Bananen auf dem einfachen Buffet. Ob das Auswirkungen des Ganesha-Festes sind? Gut möglich. Es wäre verständlich, gibt’s doch außerhalb solcher Festtage keine Ferien für die hart arbeitende, einfache Bevölkerung.

Bevor wir weiterreisen, begegne ich unten im Hof dem gutaussehenden Sohn des Maharadschas, der sich höflich vorstellt. Er fragt nach unserer Zimmernummer. „Ach“, ruft er aus, „haben Sie die uralten Fresken an den Wänden des Schlafraums bemerkt? Sie sind zwar ziemlich verblasst, weil sie mich als Kind immer dort gebadet haben. Der Wohnraum nebenan ist eine ehemalige Waffenkammer. Es gab stets unzählige Ratten, die darin herumsausten – noch immer geht die Katze durchs Loch in der Wand ein und aus.“ Iiihhh!

Während das Dorf den Blicken durch die Heckscheibe unseres Wagens entschwindet, hänge ich meinen Gedanken nach. Der etwas altertümliche, angestaubte, jedoch nach wie vor fürstliche Ort hinterlässt bei mir widersprüchliche Eindrücke. Gewiss, eine feudale Umgebung lasse ich mir von Zeit zu Zeit gerne gefallen – für ein Leben als indische Maharani würde ich mich indes kaum eignen – selbst wenn der Maharadscha attraktiver wäre als DER MANN…

Elisabeth, 11.9.2019