Im Orient: Marokko, 5.+letzter Teil

Die Kasbah Ait Benhaddou

In den Städten Marokkos ist die Kasbah das Viertel der Regierungsbeamten und liegt daher ganz in der Nähe des Königspalastes, während man unter der „Medina“ die Altstadt mit den Souks versteht. Beide befinden sich in Marrakesch innerhalb der Stadtmauern und liegen übergangslos nebeneinander. Wir haben bei unserer ausgedehnten Kutschenfahrt denn auch kaum einen Unterschied zwischen Kasbah und Medina ausmachen können. Claude Ollier schreibt über die arabische Medina: „In blinde Mauern eingeschlossene Intimität, jedes Eindringen aus der überfüllten Straße wird durch die kleinen Türen verwehrt, die man nie ganz, immer nur einen Spalt weit öffnet, und die schwere Schlösser haben.“

Photo by Taryn Elliott on Pexels.com: Innenhof-Intimität

Auf dem Land sind Kasbahs eindrucksvolle Lehmburgen, befestigte Dörfer, meist auf Hügelkuppen gelegen, wo die Lehmhäuser der Bewohner sich hinter hohen, prächtig verzierten Mauern um den Palast des Paschas scharen. Eine Kasbah war früher Fluchtburg und Herrensitz, Festung und Gemeinschaftsspeicher, Sippenwohnung und Machtzentrum in einem. Einige sind noch heute bewohnt. Doch der idyllische Schein trügt: Im Winter, bei Schnee und Regen, ist das Leben inmitten der hohen Gemäuer hart, nass und sehr kalt.

Außer in Marokko haben sich die wuchtigen, aus Stampflehm und Maisstroh gefügten Festungen nur im Jemen erhalten. Die wohl schönste Kasbah Marokkos ist „Ait Benhaddou“. UNESCO hat das durch Alter und Witterung arg in Mitleidenschaft gezogene Kulturgut vorbildlich renoviert. Den Filmen „Sodom und Gomorrha“ und „Laurence of Arabia“ diente „Ait Benhaddou“ als wunderbare Kulisse.

Wer weiß schon, dass nicht nur „Laurence of Arabia“ und „Kleopatra“ in der marokkanischen Wüste gedreht wurden, sondern auch der Tibet-Film „Kundun“? Dazu flog Hollywood 800 tibetische Statisten ein. Der schön bemalte tibetische Palast, die steinernen Türwächter-Löwen – alles Schwindel und Fassade, alles bloß aus Pappe und Gips! Dies haben DER MANN und ich zwischen den glühend-heissen Filmkulissen von Quarzazate verdutzt, aber auch mit Nachdenklichkeit festgestellt. Wie leicht lassen wir Menschen uns doch täuschen vom schönen Schein und von weg retuschierten Realitäten!

Photo by Markus Winkler: China, Tibet, Marokko – oder??

Interessant ist, dass Quarzazate 1928 von der französischen Kolonialverwaltung Marokkos als Garnisonsstadt für die Fremdenlegion gegründet wurde. Meines Wissens war das alles andere als ein realitätsfremder Ort!

Fährt man durch bestimmte Gegenden Marokkos, entdeckt man Bäume, in deren Kronen ganze Gruppen von Ziegen stehen. Was um alles in der Welt veranlasst die Tiere, ins hohe Geäst zu klettern? Des Rätsels Lösung: Sie fressen mit Hochgenuss die Früchte der Arkana-Bäume. Die äußerst harten, etwa eichelgroßen Fruchtsteine scheiden sie mit dem Kot wieder aus. Die dort ansässigen Menschen sortieren diese Fruchtsteine aus dem Kot, knacken die harte Schale, rösten die Kerne und pressen sie anschließend zu Öl. Dieses Öl hat einen ausgeprägten Nussgeschmack, ist sehr kostbar und teuer. Es gilt als äußerst gesund, vor allem als Nahrungsbeigabe (z.B. in Salatsaucen); dann aber auch als Einreibemittel gegen Rheuma und Rückenschmerzen, oder in der Kosmetik.

Wie man sieht, ist mitunter sogar Kot etwas Wertvolles – vorausgesetzt, man scheut sich nicht, beherzt hineinzulangen.

Die Ziegen in den Arkana-Bäumen

Elisabeth, 8.7.2020

Im Orient: Marokko (2.Teil)

Westwing: Marokkanischer Innenhof

Schwelgt Ihr auch gerne in vergangenen Sinneseindrücken? Man kann sie jederzeit aus dem Gedächtnis hervorzaubern, darin versinken und die Zeit vergessen – etwas, das ich in diesen Tagen besonders schätze.

Westwing: Jardin Majorelle

Lebhaft erinnere ich mich an so vieles in Marokko: eine Fahrt über den Hohen Atlas mit Landschaften wie aus dem Bilderbuch; ein neugieriger Bummel durch die Souks; Dösen unter hohen, sich im Wind wiegenden Dattelpalmen; Essen unter duftenden Jasmin-Büschen inmitten eines blühenden Gartens; sich vom süßen Gesang der Vögel im Garten betören lassen; die Freundlichkeit der Menschen spüren; am Hotelpool bewegt dem Song von John Lennon lauschen: „Imagine all the people living life in peace“; dem kleinen Pariser Hund mit dem seltsamen Namen „Saint-Pierre“ (Heiliger Petrus) zuschauen, der sich genüsslich von seinen zwei Herrchen kraulen lässt; den Worten André Hellers nachsinnen: „Marokko ist die große Liebesgeschichte meines Lebens, seit ich 1972 erstmals hierhergekommen bin“. Sein bezauberndes Gartenparadies „Anima“ eröffnete 2016, etwas ausserhalb von Marrakesch.

Im älteren Jardin Majorelle schweifen die Augen begeistert über das berühmte Kobaltblau, das der Künstler Jacques Majorelle entwickelte. Tief und leuchtend ist es. In der Stille des 4000m2 großen botanischen Gartens, den Yves Saint-Laurent vor dem Verfall rettete, strahlt es überall. Es spiegelt sich im Wasser, kontrastiert mit leuchtendem Gelb, üppig grünen Pflanzen, exotischen Blüten und schattigen Bäumen.

Westwing: Jardin Majorelle

Außerhalb der roten Stadtmauern von Marrakesch herrscht ein anderer Rhythmus, leben andere Farben als im geschäftigen Stadtzentrum. Die Blätter rauschen sanft im Wind, ein Wohlgeruch von Jasmin und Geißblatt und der allgegenwärtige Duft der berühmten Rosen von Marrakesch liegen in der Luft.

Ein paradiesischer Ort, der mit Hilfe eines jahrhundertealten ausgeklügelten Brunnen- und Kanalisationssystems erblüht, ist auch der berühmte Palmenhain von Marrakesch. Er besteht aus 13’000 Hektar Grünflächen und 180’000 Palmen, beherbergt zudem einen Golfplatz. Ein Stück weiter, hinter dem Königspalast, liegt die Gartenanlage Agdal, in welcher prachtvolle Feste gefeiert werden. Je nach Jahreszeit tragen die Bäume gleichermaßen schöne wie erlesene Früchte, Orangen, Feigen, Granatäpfel, Oliven…. Wer hätte da nicht Lust, einmal Gast zu sein an einem dieser Feste? Könnte Bauchtanzen zur Vorbereitung vielleicht nützlich sein?  

Photo by Edward Eyer on Pexels.com

Jeden Tag ertönen am Hotelpool orientalische Melodien. Dann ist es Zeit für die morgendliche Bauchtanz-Lektion. Orientalische Rhythmen bringen schon bei den ersten Klängen mein Blut in Wallung. Obwohl im Tanzen eher unbegabt, kann ich schließlich nicht widerstehen und schließe mich der kleinen Gruppe am vorderen Ende des Pools an. Bei der Instruktorin – natürlich einer Marokkanerin – sieht alles so mühelos aus. Mit den Händen aufreizend wedeln, die Handgelenke, Schultern und Hüften kreisen und immer schneller rotieren lassen, die Beine von oben bis unten zum Zittern bringen, und erst noch all diese Bewegungen gleichzeitig ausführen, aber so, als wären die einzelnen Körperteile völlig losgelöst voneinander – Du liebe Zeit! Es dauert nicht lange, da bin ich hilflos überfordert, habe plötzlich Dutzende von Gliedern, die sich samt und sonders zu verwickeln drohen. Ich stehe genau im Blickfeld der Instruktorin, und zuerst ruft sie mir noch zu: „Non! Pas comme ça! Regardez!“, doch schon bald überlässt sie mich meinem linkischen Schicksal, um am Schluss trocken zu bemerken: „Das haben Sie nie zuvor gemacht, oder?“ Erraten!! Na ja, in der Schweiz tanzt man eben etwas anders… Ach, aus mir wird wohl nie eine geschmeidige, verführerische Bauchtänzerin.

Ade, prachtvolle Feste!

Photo by Marlon Schmeiski on Pexels.com

Elisabeth, 6.5.2020 – (Forts.folgt)