Liebe

Klatschmohn – Botanicus.de

Es fällt mir nicht leicht, wieder zu bloggen – doch gleichzeitig fehlt mir das Schreiben (und letztlich auch Ihr), seit Sohn Bernie, unser innigst geliebter Paradiesvogel, uns verlassen hat. Sein vorzeitiger Tod hat mich verstört. Was liegt da näher, als mit einer frühen Erinnerung an ihn wieder ins Bloggen einzusteigen?

Mein Söhnchen war damals ein etwa 6 Monate altes Baby. Wir wohnten am Rand eines grossen Dorfes am Zürichsee, gleich unterhalb eines ausgedehnten Rebgebietes. Schöne Spazierwege gab’s dort, wir lebten mitten im Grünen. Stieg man in der Nähe unseres Wohnhauses über eine steile Treppe in die Höhe, gelangte man oben auf dem Rebhügel zu einem gemütlichen Gasthof, der sich einer prächtigen Aussicht über den See und auf die Berge rühmen konnte.

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An einem Samstagnachmittag ging mein damaliger Mann mit dem Söhnchen im Wagen spazieren, während ich mich den notwendigen Haushaltsarbeiten widmete. Ich hatte die Wohnung soeben aufgeräumt, als ich bemerkte, wie ein heftiger Platzregen niederprasselte. Die beiden waren ohne Regenschutz unterwegs, und während ich Babykleidchen und einen Kessel voll Stoffwindeln wusch, sorgte ich mich, dass sie nun klitschnass werden würden. Pampers gab es 1968 in der Schweiz noch keine…

Eine gute Stunde später kam mein Mann mit dem Baby zurück. Zu meinem Erstaunen waren sie beide ganz trocken. «Wie ist das möglich?» fragte ich meinen Mann. «Ach, es hat nur ganz kurz geregnet», erwiderte er. Ich nahm ihm das Bündel dankbar ab und legte das Kind auf die Wickelkommode, um ihm die Windeln zu wechseln. Ich redete zärtlich mit ihm, und da begann der kleine Spatz mit Ärmchen und Beinchen wild zu rudern und zu strampeln, während er strahlend immer wieder ein Wort wiederholte – er, der noch gar nicht sprechen konnte.

Bernie beim geliebten Sport

Als wir fertig waren, trug ich den Kleinen ins Wohnzimmer und sagte zu meinem Mann: «Du hast mich angelogen. Ihr wart gar nicht spazieren, sondern sasst die ganze Zeit im Restaurant.» «Woher weisst du das?» «Dein Sohn hat es mir erzählt.» «Was», rief der Vater verblüfft, «er redet doch noch gar nicht!» «Doch, doch! Er hat heute von dir ein Wort gelernt», meinte ich und verbiss ein Lachen, «er hat mehrmals ‘obsi, obsi’ (hinauf, hinauf) gerufen, das sagst du doch immer, wenn du in den Landgasthof gehst. Es hat ihm wohl Eindruck gemacht und ihm im Restaurant gefallen bei den vielen Leuten!»

Bernie im April 2020

Auch später und bis zu seinem frühen Tod am 23. Mai 2020 zog mich mein Sohn ins Vertrauen, wenn ihn etwas stark bewegte – ein Zeichen für unsere Nähe. Ich glaube, die reinste irdische Liebe ist die Mutter- und Kindesliebe. Diese Liebe ist voll Vertrauen, heisst Geborgenheit, bedeutet, dass man sich akzeptiert fühlt, jederzeit sich selbst sein darf. Sie schenkt die Gewissheit einer Liebe ohne Bedingungen.

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Meinen Sohn loszulassen, fällt mir unendlich schwer. Doch wie drückte es John Lennon so treffend aus? Zahme Vögel singen von der Freiheit. Wilde Vögel fliegen.

Lebe wohl, mein liebster Paradiesvogel, lebe wohl!

Elisabeth, 17.6.2020

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