Der Liebesdienst

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Während der warmen Frühlingstage vor ein paar Wochen spazierten DER MANN und ich über den in unserer Nähe gelegenen Friedhof, der von vielen Wegen durchquert wird. Der Gottesacker mit den vielen alten Bäumen, den gepflegten Gräbern und zahlreichen Sitzbänken ist ein friedlicher, hübscher Ort, den auch Spaziergänger und Ruhesuchende gerne betreten. Wenn die Natur erwacht, geht man federnden Schrittes auf unbenutzten Wiesenflächen, von denen es einige hat. Die dicken Polster aus hellgrünem Moos, die hier wachsen, sind eine Wohltat für die Füsse. Daneben, unter den Bäumen, strahlen dichte Teppiche Buschwindröschen aus dem Laub wie kleine weisse Sterne.

Beim Gemeinschaftsgrab hielten wir an. Schon ein paar Menschen, die wir gekannt hatten, lagen an dieser Stelle unter der Erde. Als meine Tante in den 90er Jahren hier ihre letzte Ruhestätte fand, hatte dieser Platz nur eine einzige Grube mit einer aufklappbaren Platte darüber, und der Inhalt aller Urnen wurde dort hineingekippt. Heutzutage stellen die Hinterbliebenen Blumen auf die inzwischen ca. 4x4m graue, quadratische Steinplatte. In der Wiese im Umkreis verstreut sieht man kleine Steinplatten, unter denen die Verstorbenen nunmehr einzeln ihre Ruhe finden.

In stillem Gedenken setzten wir uns in der Nähe auf eine Bank und schwiegen. Auf einmal wurden wir auf eine Frau aufmerksam, die sich mitten auf die Platte stellte, sich bückte und sich dort zu schaffen machte. Sie rückte Sträusse, Blumenstöcke, Kerzen, Laternen und kleine Engel hin und her. Zuerst runzelten wir die Stirn. Was sollte das? Doch dann bemerkte ich, wie sie den Ort immer wieder überprüfte und sichtbar herausputzte. Schliesslich goss sie sorgsam Wasser in Vasen und arrangierte die Blumen neu. Sie hantierte geschickt und mit grosser Sorgfalt. Jetzt leuchteten die Blumen in bunter Harmonie und Frische.

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Nach einer Weile ging ich zu ihr hin. Sie war nicht mehr ganz jung und sah aus wie jemand, der bescheiden leben muss. «Ich habe gesehen, dass Sie das grosse Gemeinschaftsgrab verschönern», sagte ich zu ihr. «Sie haben ein Auge dafür. Das finde ich toll.» Sie schaute auf und lächelte scheu: «Ich komme regelmässig hier vorbei und schaue zu den Blumen. Heute habe ich sogar ein paar lahme wieder frisch machen können, nachdem ich sie nebenan eine Weile in Wasser eingelegt hatte.» «Das ist sehr freundlich von Ihnen», erwiderte ich. Eifrig erklärte sie: «Wissen Sie, ich mache das gerne. Und jetzt, wo bald Ostern ist, haben die Angehörigen vielleicht keine Zeit, um vorher nochmals zu den Gräbern zu kommen, da ist es wirklich nötig, dass sich jemand um die Blumen kümmert.» «Ich kannte auch ein paar Menschen, die hier begraben sind», antwortete ich. Als ich mich zum Gehen wandte, fügte ich bei: «Vielen Dank und auf Wiedersehen.»

Zu meiner Überraschung bedankte auch sie sich. Sie – die jede Woche wildfremden Menschen etwas zuliebe tut und ihnen ihr Herz verschenkt, ohne dass sie es ahnen…

Elisabeth, 8.4.2020

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