Auf den Spuren Napoléons

(1769 – 1821)

Seid Ihr auch schon einmal über die berühmte alte Route Napoléon gefahren, die in Grenoble beginnt? (Nicht zu verwechseln mit der Autobahn gleichen Namens). Diesen Herbst nahmen wir die wilde, reizvolle Bergstrecke «unter die Räder», um ein paar Tage in Südfrankreich zu verbringen.

Foto Wikipedia: Alte Route Napoléon, RN85, Bergstrecke

Was hat es mit dieser Strecke auf sich? Weshalb ihr Name? Das ist spannend. Die «Route Nationale 85», gebaut 1927, folgt nämlich der ehemaligen Marschroute von Napoléon. Von der Insel Elba kommend, wohin er nach seiner Abdankung von den Siegermächten verwiesen worden war, wollte er mit rund 1000 Getreuen sein Land von Süden her unblutig zurückerobern. Die Route führte ihn von Golfe-Juan bei Antibes über Grasse, Digne, Sisteron, Gap bis nach Grenoble, wo er gestoppt wurde. Die Gesamtlänge von 335 Kilometern bewältigten er und seine Truppe in einem siebentägigen Gewaltmarsch ab dem 1. März 1815. Die Blasen an ihren Füssen hätte ich nicht sehen wollen!

Foto True Riders.it: Alte Route Napoléon, Bergstrecke
Photo by Mikhail Nilov on Pexels.com: Ville de Grenoble

Bereits am 5. März erreichte Napoléon Sisteron, die erste grössere Stadt auf seinem Weg, wo ihm die Bewohner freundlich gesinnt waren.  

Am 7. März kamen sie kurz vor Grenoble ins Dorf Laffrey. Der Befehlshaber von Grenoble, der Napoléon keinen freien Durchzug gewähren wollte, sandte ein Regiment aus, das dem Eroberer in einem Engpass vor Laffrey auflauerte. Als Napoléon auf sie traf, befahl er seinen Soldaten, das Gewehr unter den linken Arm zu nehmen. Wagemutig trat er dem feindlichen Regiment allein und schutzlos entgegen. Das machte bestimmt Eindruck, denn nach einer kurzen Rede gewann er die Gegner für sich. Noch am selben Tag lief eine weitere Einheit zu ihm über. Und am Abend zog er in Grenoble ein.

Photo by Lauro Laureano on Pexels.com: La Ville de Grenoble

Ab Grenoble hatte Napoléon bereits gewonnen. Unter den Triumphrufen des Volkes, für das er bereits wieder der Kaiser war, marschierte der Haudegen weiter nach Paris. Am 20. März 1815 zog er in den Tuilerien-Palast ein, die Residenz der meisten französischen Könige und Kaiser.

Hélas, der Triumph war kurz. Nach nur drei Monaten endete seine Herrschaft mit der Niederlage in der grausamen Schlacht von Waterloo.

Foto Wikipedia: Die Preussen greifen ein, gemalt von Adolph Northen

Danach wurde Napoléon, als Kriegsgefangener der Briten, auf die Atlantikinsel St. Helena deportiert, wo er am 5. Mai 1821 starb, also vor 200 Jahren. Man munkelt, er sei vergiftet worden. Als Todesursache wird zwar meistens Magenkrebs angegeben. Aber der Historiker und Napoleon-Experte Thomas Schuler ist auf Grund von Untersuchungen überzeugt, dass der Kaiser der Franzosen mit Arsen vergiftet wurde.

Foto Klatsch_Tratsch.de: Insel St. Helena

DEM MANN und mir lauerte niemand auf; niemand hat uns, friedliebend wie wir sind, daran gehindert, nach Grenoble zu gelangen. Man hätte allerdings auf diese Idee kommen können! Denn das gebuchte Hotel «Mercure» in Meylan nahe Grenoble fanden wir trotz elektronischer Unterstützung erst nach langem Suchen. Die Anweisungen waren in schlechtem Französisch gesprochen, und das Gewirr von Gassen, Strassen, Nebengässchen, Kreiseln, Plätzen, tat sein übriges.

Photo by JKY on Pexels.com: Ville de Grenoble

Hungrig und durstig, wie wir waren, freuten wir uns auf ein feines Abendessen. Fehlanzeige! Das Hotelrestaurant war sonntags geschlossen. Im Zimmer lagen ein paar Vorschläge für gute Restaurants in der Nähe, ich rief sie alle an, doch sie waren ausgebucht, oder wir hätten frühestens um 21.30 einen Tisch bekommen können. Ganz Grenoble schien ausgehungert zu sein! Schade um die verschwendete Zeit, ein Abendspaziergang hätte uns bei diesem sonnigen Wetter besser getan. Der Rezeptionist reservierte uns schliesslich einen Tisch um 19 Uhr – wo? – («Ich bin nicht sicher, ob es Ihnen da gefällt») – und bestellte ein Taxi. Hatten wir denn eine Wahl?

Später stand dann ein Tesla vor der Türe. Es wurde eine lange Fahrt mit einem wortkargen Chauffeur, doch hatten wir Spass daran, weil es eine Art Stadtrundfahrt durch das attraktive, abendliche Grenoble war. Als wir ankamen, war das Restaurant noch geschlossen. Nachdem wir die happige Taxi-Rechnung bezahlt hatten, überliess uns der Fahrer an der Strassenecke der inzwischen aufgekommenen Bise, er fuhr sofort weg. Ich hatte ihm gerade noch eine Visitenkarte für die Rückreise entlocken können.

Foto DER MANN: Im savoyardischen Restaurant Casse-Croûte

Das savoyardische Restaurant, das wir etwa eine Viertelstunde später betreten konnten, gefiel uns auf Anhieb. Wir waren die ersten Gäste und durften den Platz auswählen. Es war als eine Art Alphütte eingerichtet, rustikal, voll kitschiger Gegenstände und alter Werkzeuge, mit einem Meer von rot/weiss gewürfelten kleinen Vorhängen. Auf der Speisekarte standen vor allem Raclette, Bauernwürste und Fondue. Fast wie in einem Fondue-Chalet in der Schweiz! Im ersten Moment glaubte ich, ich sei im «falschen Film», wie damals in Johannesburg, als wir uns beim Nachtessen im vornehmen Hotel-Speisesaal unerwartet inmitten eines Bayerischen Oktoberfestes wiederfanden, umgeben von blauweissen Fahnen, Bierhumpen, bayerischer Volksmusik und einem Südafrikaner in Lederhosen, der sich im Jodeln versuchte. „Bayern live“ nach einem 10stündigen Flug über ganz Afrika!

Hier war das indes mehr als eine billige Imitation, denn Fondue und Raclette sind in Savoyen und Franche-Comté sehr beliebt, werden aber womöglich mit etwas anderen Zutaten serviert!

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Auf Empfehlung des gemütlichen, kugelrunden Kellners bestellten wir Pouletschenkel, die mit Gratin Dauphinois und einer Rahm-Morchelsauce serviert wurden. Das Gratin war deftig und schmackhaft, mit viel Butter und Käse angereichert, die Pouletschenkel ziemlich zäh, die frischen, feinen Morcheln in der dicken Rahmsauce eingekocht. Sie klebten am Boden der Creuset-Pfanne. Doch was soll’s. Nach dem Essen waren wir jedenfalls nicht mehr hungrig, und kalt war uns auch nicht mehr. Als wir das Taxi für die Rückfahrt bestellten, war das grosse Restaurant bis auf den letzten Platz besetzt, und die Fröhlichkeit der übrigen Gäste war trotz gläserner Trennwände auf uns übergesprungen.

Ungeachtet unserer schweren Bäuche, schliefen wir gut im ruhigen, geräumigen Zimmer auf den herrlich bequemen französischen Matratzen.  

Übrigens: Das Essen hatte weniger gekostet als die beiden Taxifahrten hin und zurück! (Forts. folgt)

Amitiés, Elisa
08.11.2021