Über Wünsche und das Glück

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Ein paar Tage vor Weihnachten schaute sich ein kleines Mädchen am Fernsehen einen Kinderfilm an. Nach einer unvermeidlichen Werbe-Einschaltung rannte die Kleine zur Mutter und drängte: «Wir müssen sofort in den Supermarkt.» «Wieso denn das?» fragte die Mutter. «Dort werden alle Wünsche wahr», strahlte das Mädchen. Es wusste noch nicht, dass Werber übertreiben, wenn nicht gar schamlos lügen. 

Wären wir tatsächlich immerwährend selig, wenn all unsere Wünsche wahr würden? Wenn wir uns immer das kaufen könnten, was wir uns wünschen? Würden uns die Herausforderungen des Lebens nicht fehlen, sich in unserem Gemüt gar Langeweile breit machen? Gewiss, erfüllte materielle Wünsche können einen kurzen Moment des Glücks hervorrufen, dieser ist jedoch kaum von Dauer. Hat nicht schon Wilhelm Busch gewusst: «Ein jeder Wunsch, wenn er erfüllt, kriegt augenblicklich Junge.»

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Das interessiert mich: Was ist für Euch Glück? Welches sind Eure persönlichen Erfahrungen? Nun, kaufen können wir es jedenfalls nicht, obwohl gerade die Werbung solches verspricht. Nicht alle Wünsche gleichen sich, denn selbstverständlich ist jeder Mensch anders. Ausserdem, meine ich, kommt es auf die Situation an, in der wir uns befinden. Für einen Flüchtling bedeutet die neue Heimat Glück. Für einen, der auf der Strasse lebt, sind es eigene vier Wände. Für einen Hungrigen ein Teller Suppe. Für einen Wüstenwanderer ein Glas Wasser. Für einen Gefangenen die ersehnte Freiheit. 

Ich selbst unterscheide Glück und Glücklichsein. Für mich gibt es das ekstatische Glück, einem fulminanten Feuerwerk gleich, das alles um mich herum verblassen lässt.

Zwei eigene Beispiele (natürlich gibt es weitere) sollen dies veranschaulichen:

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Die Stunden nach der schmerzhaften Geburt, als ich meinen kleinen Sohn das erste Mal in den Armen hielt, liessen mich vor Ehrfurcht und Glück erbeben. Ich lag die ganze Nacht wach, fühlte mich Gott und dem neugeborenen Geschöpflein so nahe wie keinem Menschen zuvor. Ich hatte einem Menschenkind das Leben schenken dürfen! Es war, als leuchtete die Ewigkeit auf vor mir.

Die Monate nach dem langen, langen Kampf mit dem bösartigen Krebs, als ich endlich als genesen erklärt wurde, verbrachte ich in einem Zustand unbeschreiblicher Seligkeit. Ich hätte die ganze Welt umarmen können, schon ein lindes Lüftchen oder fröhlich tanzende Blütenblätter versetzten mich in tiefste Euphorie.

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Solche fabelhaften Höhepunkte vergisst man nie mehr, sie glimmen stets aufs Neue auf und werfen für immer ihre Wärme, ihr Strahlen in unser Leben zurück. Doch die Intensität schwächt sich mit der Zeit ab, denn gerade diese Gefühlsstürme leben von ihrer spektakulären, aussergewöhnlichen Art.   

Dann gibt es für mich auch ein stilles Glück, das ruhig und dankbar macht. Es wird aus unzähligen Glücksmomenten gespiesen. Manche bezeichnen es einfach als Zufriedenheit. Für mich ist das zu kurz gegriffen.

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Hierzu nenne ich ebenfalls ein paar Beispiele:

Nach jahrelangem Alleinsein ist DER MANN ein beständiges Riesenglück für mich!

Und täglich über das Wunder des Lebens zu staunen, zu lieben und geliebt zu werden, gesund zu sein, zu lachen und sich zu freuen mit lieben Menschen, Schönes zu erfahren, glauben und beten zu können, Kraft für Schweres zu bekommen, Zeit fürs Schreiben zu haben, weder Hunger noch Krieg erleiden zu müssen, zu merken, dass das Geld immer reicht, – all dies und noch viel mehr bedeutet Glück für mich. Wenn das keine Gnade ist! Denn diese Dinge sind weder selbstverständlich noch verdient. „Blessings“, Segnungen, bezeichnen sie die Engländer. Sie sind es wert, entsprechend gewürdigt zu werden. Dabei spricht mir der Dalai Lama aus dem Herzen: «Das Bewusstsein der Vergänglichkeit macht uns klar, dass wir jeden kostbaren Moment nutzen müssen.»

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Das neue Jahr ist noch jung. Darum dürfen wir ruhig etwas nachdenklich sein, nicht wahr? In diesem Zusammenhang gefällt mir ein weiteres Zitat des Dalai Lamas: «Denke daran, dass etwas, was Du nicht bekommst, manchmal eine wunderbare Fügung des Schicksals sein kann.»

Nicht zuletzt aus Erfahrung kann ich dem voll und ganz zustimmen!

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Ich wünsche Euch Glück im Doppelpack! Elisa
05.01.2022

Samichlaus

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In weiten Teilen Europas besucht am 6. Dezember der Heilige Nikolaus mit einem schweren Sack auf dem Rücken eines langsamen, manchmal bockigen Esels die Jüngsten und verteilt Süssigkeiten. Bei uns heisst er bekanntlich «Samichlaus». Als Kinder hatten wir Angst vor ihm, aber die Zeiten, wo als Zugabe erzieherische Strafpredigten vom bärtigen Mann im Schwange waren, sind längst vorbei und bei Kindern und Eltern verpönt.

Auch in England gibt es eine rotgewandete Gestalt, die auf den heiligen Nikolaus aus Myra zurückgeht. Er kommt allerdings nicht am 6. Dezember, sondern erst in der Nacht vor Heiligabend. Im Laufe der Zeit haben sich der britische Father Christmas und der amerikanische Santa Claus stetig angenähert. Beide fliegen sie in einem Rentierschlitten über den stillen Nachthimmel. Von jedem Hausdach aus rutschen sie durch den Schornstein und füllen die von den Kindern aufgehängten Socken mit kleineren oder grösseren Geschenken – sagt man. Ob die Sprösslinge das im 21. Jahrhundert noch glauben? Immerhin gibt’s inzwischen ungeahnte neue Möglichkeiten, die den Glauben an die Legende aufleben lassen. Gestern machte ich eine virtuelle Ausfahrt im Niklaus-Schlitten, liess mich von Rentieren über ein geschmücktes virtuelles Weihnachtsdorf hinaufziehen, knapp an der Kirchturmspitze vorbei, über Schneeberge hinweg, mitten hinein in einen sternklaren Winterhimmel. Unglaublich kitschig – und einfach zauberhaft! Nur der Weihnachtsmann liess sich nicht blicken.

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Mein Sohn, er mag damals etwa vierjährig gewesen sein, war beim Hören des Märchens vom schenkenden Christkind skeptisch. So fragte er mich: «Mami, wie nur bringt das Christkind alle Weihnachtsgeschenke zusammen? Nachts ist der «Loeb» doch geschlossen und dunkel. Auch die Fenster sind zu, weil es so kalt ist. Wie kommt es da ins Warenhaus? Und wie trägt es die vielen Spielsachen alleine fort?» Wie Ihr Euch denken könnt, brachten mich die Fragen arg ins Schwitzen!

Das lässt mich an meine englische Freundin Margaret denken. Als junge Frau arbeitete sie eine Zeitlang als Journalistin in Kanada. Ein Schweizer lud sie zu einer Autofahrt ein, wobei er einen Unfall verursachte und beide ins gleiche Spital eingeliefert wurden. Noch vor Ort, machte er ihr einen Heiratsantrag, obschon sie einander kaum kannten. «Wohl aus einem schlechten Gewissen heraus», spöttelte Margaret später. Sie wiederum heiratete ihn, weil nach dem zweiten Weltkrieg Mangel an Männern herrschte…

Ein paar Jahre danach, sie hatten bereits einen kleinen Jungen, siedelten sie in die Schweiz über. Am ersten «Samichlaus»-Tag in der Schweiz stand der Knirps am Fenster und hielt ungeduldig Ausschau nach dem bärtigen Besucher. Margaret erklärte ihm: «Weisst du, der Nikolaus muss mit seinen Rentieren über alle Dächer fliegen, bis er uns findet, das dauert ein Weilchen.» «Blödsinn», rief ihr Ehemann. «Der Samichlaus kommt zu Fuss mit einem Esel, und nicht auf dem Rentierschlitten». Der Kleine sagte nichts. Minuten vergingen. Auf einmal wandte er sich um und sagte zu den Eltern: «Ihr habt beide unrecht, der Samichlaus ist mit dem VW gekommen.»

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Elisabeth, 4.12.2019