Der Galgen

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DER MANN und ich leben in einem weitläufigen Quartier namens «Galgenfeld». Der Name hat mir schon immer missfallen, ich wollte mich nie hier niederlassen. Doch dann wurde mir nach 34 Jahren meine romantische Altbauwohnung mit den hohen, grosszügigen Räumen gekündigt, mit einer Frist von nur 3 Monaten. Ich war in Zeit- und Seelennot. Zum Glück machte die heutige Wohnung, die mir eine Kollegin vermittelte, einen guten Eindruck: freundliche Räume, zu einem vernünftigen Mietzins, unweit einer Baumallee gelegen, mit Blick auf prachtvolle Berner Berge. Klar war sie einiges kleiner, aber das Beste, was ich in kurzer Zeit finden konnte.

Vor 14 Jahren wohnte DER MANN noch nicht bei mir, doch er half mir tatkräftig beim Umzug. Ich gewöhnte mich nur langsam ein. Ich hatte Heimweh nach dem lebendigen, bunten Quartier von früher, wo mich morgens auf dem Weg zur Tramstation Kleinladen-Besitzer fröhlich gegrüsst hatten. Hier gab’s keine Läden mehr. Die in den umliegenden Bäumen heiser krächzenden Krähen, die von alters her als Unglücksbringer gelten, taten ein Übriges. Beschwichtigend war es jeweils, wenn ich auf meinen Balkon trat und von dort auf die majestätischen Berggipfel in der Ferne blickte. Leider nahm dies ein Ende, denn vier Jahre später, 2009, fuhren die Bagger auf, um direkt vor unserer Nase den hübschen grünen Hügel mit den blühenden Büschen und seinem Meer an sonnengelb leuchtendem Löwenzahn dem Erdboden gleichzumachen.

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Kurz danach verstummten die Bagger wieder. Sie machten einem am rechten äusseren Rand aufgerichteten, abgesperrten Zelt von ca. 350 Quadratmetern Platz. In der Zeitung erschien eine kurze Notiz, der archäologische Dienst der Stadt mache eine Notgrabung. «Juhu, jetzt können sie nicht mehr bauen», jubelte ich, «dem Galgen sei Dank!» DER MANN meinte nüchtern: «Aber nein, das gibt nur ein paar Wochen Aufschub.»

Er behielt Recht. Und so entstand das erste Haus genau dort, wo das Zelt gestanden hatte. Kaum war es fertig, brannte sein Dachstock aus, der Grund blieb schleierhaft. Hässliche schwarze Schlieren verunstalteten die neue weisse Fassade. Rächte sich da verspätet eine zu Unrecht verbrannte Hexe?  

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Natürlich nicht! Im kantonalen Jahrbuch des «Archäologischen Dienstes» ist der korrekte historische Hintergrund beschrieben, der aber kaum fröhlicher stimmt: Die Stadt besass im Mittelalter zwei Richtstätten. Ihre Lage ist bis auf wenige Meter genau bekannt, sie befanden sich am höchsten Punkt des Hügels, ausserhalb des Stadttors, liefen u.a. hinter den (unseren!) Häusern entlang und weiter bis zum heutigen Friedhof. Schriftlich erwähnt werden sie erstmals 1384.

Darüber, wie die Menschen hingerichtet und beerdigt wurden, gaben die Ausgrabungen von 2009 ebenfalls Auskunft: Nebst den Fundamentresten des Galgens fanden die Archäologen Gruben, in welche die Hingerichteten massenweise hineingeworfen und verscharrt worden waren. Es gab Skelette von Geköpften, ausserdem einzelne zerschlagene Langknochen in unnatürlicher Lage – ein klarer Hinweis, dass auch das «Rädern» praktiziert wurde.

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Nochmals das Jahrbuch: Generell war zu beobachten, dass die Toten auf dem Rücken gefesselte Hände aufwiesen. Sie lagen sehr unterschiedlich orientiert, einer davon in Bauchlage. Es waren ausschliesslich Skelette von Männern, viele davon von Jugendlichen. Die meisten Toten dürften aus dem Mittelalter stammen.

Das ist lange her und dennoch traurig. Bestimmt haben die meisten nicht einmal etwas Schlimmes angestellt – vielleicht nur aus Hunger gestohlen?

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Seit alle neuen Gebäude stehen, verschlucken sie komplett unsere Aussicht auf die schneebedeckten Berner Alpen. Die gesamte Bauzeit dauerte sage und schreibe sieben Jahre! Auf diese Weise entstanden 54 Mehrfamilienhäuser mit 411 Wohnungen für rund 1200 Personen. Diesen luxuriösen neuen Stadtteil hat man nicht «Galgenfeld», sondern «Schönberg» getauft… Zum Glück wächst jetzt nach und nach üppiges, mit farbigen Blumen gesprenkeltes Grün zwischen den Häusern, und gebrannt hat’s nie mehr.

Inzwischen habe ich mich an die Lage und den gruseligen Namen unseres Wohnviertels gewöhnt. Wer weiss, was unter unseren Füssen noch so alles verborgen und vergessen liegt? Jeder von uns lebt auf längst vergangenen Geheimnissen, selbstverständlich auch auf Schrecknissen – oder nicht? Schliesslich ist unsere Erde schon seit Urzeiten bewohnt, und seit Urzeiten wurde geliebt, gekämpft, getötet, gehofft, gestorben und wieder geboren. Voller Ehrfurcht denke ich an diesen ewigen Kreislauf auf unserem Planeten, mit seiner Vielfalt an Geschöpfen, der herrlichen Pflanzenwelt und der ungestümen Natur. Möge es uns gelingen, Frieden und Freiheit zu bewahren und uns während unserer persönlichen Zeitspanne auf Erden für mehr Gerechtigkeit und Nächstenliebe einzusetzen!

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Elisabeth, 15.10.2019