Pfarrers Kinder

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«Pfarrers Kinder, Müllers Vieh: geraten selten oder nie», heisst es in einem alten Spruch.

«Pfarrerskinder haben tatsächlich etwas Schräges», sagen sie beiden Autorinnen des religiösen Podcasts «Wir Pfarrers Töchter – Geheimnisse der Bibel». Und weiter: «Es gibt Untersuchungen darüber, unter welchen Lasten und mit welchen unglaublichen Ressourcen Kinder in Pfarrhäusern aufwachsen. Sie werden mit Musik gross, mit Ritualen, Geschichten, stehen aber auch unter öffentlicher Beobachtung.»

Und wie, kann ich da nur sagen! Denn von dieser Zwiespältigkeit will auch ich, zumindest aus der Warte der Enkelin, heute ein Liedlein singen. Denn sie war bezeichnend für den Geist im Haus meiner Grosseltern. Musik, Geschichten, Kreativität, Bücher, Bilder waren immer gegenwärtig. Doch daneben herrschte diese fast lebensfeindliche Enge. Klar, es ging damals in der Gesellschaft insgesamt um einiges strenger zu und her als heute.

Foto von Patentochter Sandra Romano

Trotz dieses Glaubens-Korsetts wich nur der älteste Sohn vom geraden Weg ab (immerhin einer von vier!), und er blieb sein Leben lang eine Art «verlorener Sohn», dessen Nachlass die verheiratete Geliebte für sich behändigte, bevor nach seinem Tod auch nur der Sohn die Wohnung betreten hatte. Die anderen drei, die ebenfalls im christlichen Elternhaus gross wurden, kamen im Grossen und Ganzen gut und erfolgreich durchs Leben, unter ihnen meine geliebte Mama.

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Grossmutter erzog ihre vier Kinder äusserst strenggläubig. Die häufigsten Worte, die sie ihnen einbläute, waren: „Das ziemt sich nicht! So spricht man nicht! Was denken auch die Leute?“ Früh schon lernten sie das ungeschriebene Gesetz: Man hat stets und überall auf sein Aussehen, sein Benehmen, seine Sprache zu achten, denn die ganze Welt richtet ihre Augen ständig auf eben diese Pfarrfamilie – wehe, wenn sie nicht tadellos dasteht: „Was denken auch die Leute!!“ Wenn ich bei diesen Erinnerungen an den Ausspruch von Luther denke: «Aus einem traurigen Arsch kommt kein fröhlicher Furz», muss ich laut lachen. Kannten meine Grosseltern die Sprüche des frommen Mannes nicht? Wenn, dann schämten sie sich bestimmt für ihn!

Foto Elisa: Kathedrale in Tiflis, Georgien

Zwar versuchte die Großmutter hin und wieder, aus der Enge auszubrechen, indem sie ihren kleinen Töchtern entzückende Sommerkleidchen schneiderte oder ihnen ein einfaches Schmuckstück umhängte. Aber die Schelte eines Einzigen, die Kleinen seien hoffärtig, genügte, um ihre zaghafte Rebellion niederzudrücken.

Ach, die Bibel mit ihren widerspruchsvollen Aussagen bietet sich geradezu an, von Schlaumeiern zweckentfremdet zu werden! Denn Eiferer finden darin immer irgendwo eine aus dem Zusammenhang gerissene Aussage, mit der sie ihre ganz persönliche Meinung als ‚Gottes Gebot’ kundtun und dadurch Gegenargumente im Keim ersticken.

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Natürlich gab es im christlichen Haushalt auch Erheiterndes. Großvater war beliebt, aber kein brillanter Redner. Seit jeher verkniffen sich seine Angehörigen an den Sonntagsgottesdiensten ein Lachen, wenn er sich verhaspelte oder ein misslungenes Wortspiel zum Besten gab.

Eine Rückschau beschert mir noch heute heitere Momente. Es war Tradition, dass Großmama, selbst noch mit ihren erwachsenen Töchtern, in der vordersten Bankreihe Platz nahm. Wenn ich, die ich mit Papa und meiner älteren Schwester in der Reihe dahinter saß, sah, wie die Bank vor uns und die Rücken des christlichen Trios leicht zu beben begannen, dann wusste ich schon als Kind sofort, dass sie wieder einmal kicherten, wie z.B. an jenem Ernte-Dank-Fest, als Großpapa Albert Schweitzer und sein Urwaldspital in ‚Lambretta’ erwähnte. Lambretta! Der billige Motorroller war in den fünfziger Jahren vor allem bei der Jugend sehr beliebt und hatte beileibe nichts zu tun mit Lambarene. Dieser Versprecher war noch harmlos, es gab schlimmere: einmal sprach Großpapa statt vom inbrünstigen vom ‚brünstigen Gebet’. Da prustete selbst Großmama laut los, gleichzeitig mit ihren Töchtern, was dem allzu fröhlichen ‚Kleeblatt’ nachher einen strengen Verweis des Kirchenältesten eintrug.

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Ich liebte meine Großeltern heiß. Oft war ich bei ihnen zu Besuch, denn ich war die verwöhnte Enkelin. Als ich noch klein war, badete mich Großmama auf ihrem sonnigen Balkon in einer ovalen Wanne. Später, wenn ich erst nachmittags kommen konnte, stellte sie Kartoffelpuffer im Ofenrohr für mich warm, die mir besser schmeckten als alles, was bei uns zu Hause auf den Tisch kam. Und erst ihr Streuselkuchen, den sie auf der samtenen, weinroten Tischdecke servierte! Großmama kam aus Deutschland, aus der Pfalz. Ihr Gemüt war von Melancholie durchzogen, daher war sie eher still. Sie hatte kreative Fähigkeiten, konnte wunderbar Geschichten erzählen. Großpapa war ein kontaktfreudiger Mann aus dem Zürichbiet, der gerne fröhliche Menschen um sich scharte, überall half und vielen Menschen ein Vorbild war.

Foto von Freundin Sissy Brändle

Meiner Mutter Wunsch, Musik zu studieren, überforderte meine Großeltern leider völlig, und sie lehnten rundweg ab. Trotzdem behielt Mama ihren tiefen Glauben, doch entwickelte sie mehr Offenheit und Toleranz gegenüber Andersdenkenden. Im Alter wurden auch die beiden aufrechten, wackeren Kämpfer milder in Bezug auf ihre Glaubenseinschränkungen.

In meinen Augen bedeutet der Glaube keine erstickende Enge. Wir haben, Gottseidank, einen gütigen und grosszügigen Gott.

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In christlicher Nächstenliebe, Eure Elisa