Lebensaufgaben

Er hat vor kurzem seine Erstausbildung in der Pflege beendet. Während dieser vier Jahre hat er viel erlebt. Ein Jahr davon arbeitete er auf einer Pandemie-Notfallstelle. Zahlreiche Menschen hat er sterben sehen, hat er in den Tod begleitet. Die jüngste Frau war eine 35jährige Mutter von zwei Kindern; die älteste 103 Jahre alt. Kein Wunder, ist er für seine 19 Jahre ungewöhnlich ernst. „Wissen Sie“, sagt er eines Abends“, es gibt Kämpferinnen wie Sie, die können nicht loslassen, die sind nicht totzukriegen.“ (Wie bitte? Hat er gesagt «totzukriegen?») Innerlich zucke ich zusammen, dann denke ich: Er kann noch nicht wissen, dass in bestimmten Situationen der Lebenswille richtig ist, und obendrein bewundernswert.

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Er fährt fort: „Andere ergeben sich still. Dann breitet sich ein wunderbarer Friede im ganzen Zimmer aus – ich spüre das bereits beim Betreten.“

Seine Worte bewegen mich, obwohl sie nicht wirklich neu sind für mich. Gewiss, unsere letzte, bestimmt schwierigste Aufgabe auf dieser Welt ist das allumfassende Loslassen, und zwar im richtigen Moment, damit wir friedlich sterben dürfen. Es ist vielleicht gewollt, dass unsere Kräfte mit zunehmendem Alter nachlassen, dass wir vermehrt geliebte Menschen verlieren, dass vieles nicht mehr möglich ist, was uns Freude macht. Dies bereitet uns auf natürliche Weise aufs Loslassen vor. Es soll Menschen geben, die ihre Todesstunde im Voraus spüren und sich dann still darauf einstellen. Und kurz darauf überschreiten sie tatsächlich die Grenze. Was für eine Gnade, wenn wir uns leicht ergeben können! Wer wünscht sich das nicht?

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Ich bin indes überzeugt, dass darüber hinaus eine Höhere Macht die Fäden in Händen hält, und dass unsere Todesstunde einem göttlichen Plan folgt. Neben dem Loslassen ist deshalb für mich das Vertrauen in das, was kommt, ebenfalls von ganz enormer Bedeutung. Letzten Endes sind und bleiben unsere Geburt, unser Leben und Sterben ein tiefseelisches Geheimnis, und ein großes Wunder.

Kennt Ihr dieses Lied: Ich trage, wo ich gehe, stets eine Uhr bei mir, gesungen von Hermann Prey? https://youtu.be/AIch werde Worte darauf setzenhQHVUSMwMg (Musik Karl Loewe. Den Liedtext von Johann Gabriel Seidl finden Interessierte am Blog-Ende)

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Eindrücklich, das Lied, nicht? Und gerade weil wir nicht wissen, wann die eigene „Uhr“ abläuft, ist der Lebenswille, ist die Lebensfreude etwas so Bedeutsames. Bleiben wir deshalb dem Leben, so lange es dauert, zugewandt mit all unseren Sinnen: betrachten, schmecken, riechen, hören, bewundern, feiern wir es! Lassen es täglich aufleben in seiner Schönheit und Kraft, trotz oder gerade wegen dieser sorgenvollen Zeit. Nicht nur unser eigenes menschliches – auch das vielfältige, geniale Leben in der Pflanzen- und Tierwelt. Wir sind ja Teil von allem.

Wenn wir das Leben lieben, sollten wir den Tod nicht fürchten, denn er kommt aus derselben Hand. (Michelangelo)

Eure Elisa
08.06.2022

Foto von Freundin Barbara Butscher: Blühender Kirschbaum im Baselbiet
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Liedtext:
Ich trage, wo ich gehe
Stets eine Uhr bei mir
Wieviel es geschlagen habe
Genau seh ichs an ihr

Es ist ein großer Meister
Der künstlich ihr Werk gefügt
Wenngleich ihr Gang nicht immer
Dem törichten Wunsche genügt

Ich wollte, sie wär oft rascher
Gegangen an manchem Tag
Ich wollt an manchem Tage
Sie hemmte den raschen Schlag

In meinen Leiden und Freuden
Im Sturme und in Ruh –
Was immer geschah im Leben
Sie pochte den Takt dazu

Sie schlug am Sarge des Vaters
Sie schlug an des Freundes Bahr´
Sie schlug am Morgen der Liebe
Sie schlug am Traualtar

Sie schlug an der Wiege des Kindes
Sie schlägt, wills Gott! noch oft,
Wenn bessere Tage kommen
Wie meine Seel es hofft

Und ward sie manchmal träger,
Und drohte zu stocken ihr Lauf,
So zog sie der Meister mir immer
Großmütig wieder auf.

Doch stände sie einmal stille,
Dann wär´s um sie geschehn
Kein and´rer, als der sie fügte
Bringt die zerstörte zum Gehn

Dann müßt ich zum Meister wandern
Und ach, der wohnt gar weit
Wohnt draußen, jenseits der Erde
Wohnt dort in der Ewigkeit

Dann gäb ich sie dankbar zurücke
Dann würd ich kindlich flehn:
Sieh, Herr, – ich hab nichts verdorben
Sie blieb von selber stehn

Gebet

Eindrückliches Foto aus dem Internet

Im Februar 2014 nahm ich an einem Schreibkurs unserer Kirchgemeinde teil. Es ging ums Psalmenschreiben. Der Kurs war in die Themen Bitte, Dank, Klage, Zuversicht, Lob eingeteilt. Sehr abgekürzt nur so viel: Die Psalmen haben Vorbilder in der altorientalischen Literatur, sind jedoch in ihrer Dramatik und persönlich-geschichtlichen Aussage ohne Parallele. Die ältesten Psalmen der Bibel stammen wohl aus der Zeit vor dem babylonischen Exil und aus der israelitischen Königszeit. Sie zeigen die typische Technik der hebräischen Versdichtung.

Der Kurs bescherte mir tiefschürfende Erfahrungen, die ich jedes Mal verarbeiten musste, bevor ich schreiben konnte. Erst zu Hause flossen die Worte aus meiner Feder. Den folgenden Klage-Psalm schrieb ich nicht für den jetzigen Krieg, doch passt er erschreckend gut, und deswegen widme ich ihn heute der UKRAINE:

Klage-Psalm
JAHWE, Heiliger, Barmherziger
Wir schreien zu DIR aus den tiefsten Tiefen
unserer menschlichen Seele
schreien hinauf zu DIR in die höchsten Höhen
DEINES unendlich weiten Himmels

Bitte vergib, dass unsere Kriege
Erde und Herzen verwüsten
dass Hass sich ausbreitet wie eine stinkende Flut

DU weißt, dass wir Menschen leiden
DU siehst, dass wir weinen
Doch DU hörst auch, wie wir streiten
und erlebst unser bitteres Versagen
Ach, lass nicht zu,
dass auf Erden mehr Hölle als Himmel ist!

Oh Herr, wir brauchen DICH!
Bitte erbarme DICH, lehre uns Frieden
gib uns DEINE göttliche Freiheit

Verbreite DEINEN Frieden auf Erden
wie einen lieblichen Duft
Verströme DEINEN geheimnisvollen Zauber
Lass DEIN goldenes Licht zur Erde fallen,
dass es selbst unsere dunkelsten Winkel erhellt

Wir flehen DICH an,
JAHWE, Heiliger, Barmherziger:
Erhebe segnend DEINE Hände über uns
und erhöre liebevoll unsere Bitten
SO SEI ES

(Geschrieben von mir am 13.2.2014)

Foto von Patentochter Sandra Romano

Ich wünsche uns allen Frieden auf der Welt und im Herzen.
Elisa, 30.03.2022