Das Gute und das Böse

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Immer mal wieder höre ich den Seufzer, der Mensch sei durch und durch schlecht. Man müsse nur um sich blicken. Stimmt das? Was meint Ihr? Erlebt Ihr nicht auch immer wieder das Gegenteil, nämlich Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit, Empathie?

Im Januar wurde DEM MANN wegen einer Lungenentzündung kurz schwarz vor den Augen und er stürzte frühmorgens im Badezimmer. Als ich ihm aufhelfen wollte, war er so schwach, dass er kein Jota nachzuhelfen imstande war. Ich selbst hatte auch nicht die Kraft dazu, obwohl DER MANN ein Fliegengewicht ist. Ich stützte ihn, so gut es ging und wiederholte meine Anstrengungen x-mal. Vergebens! Am Ende ging ich ins Treppenhaus, um draussen meinen Wanderstock zu holen, der vielleicht eine Stütze böte. Da trat zufällig der junge Nachbar aus der Tür. Er war auf dem Weg zur Arbeit und fragte, was los sei. Dankbar bat ich ihn herein. Sofort erfasste er die verzwickte Lage und half ganz selbstverständlich und liebenswürdig DEM kranken MANN auf die Beine und zurück ins Bett. Es ist nicht das einzige Mal in diesen Wochen, dass uns freundliche Hilfe angeboten worden ist.

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Der Historiker Rutger Bregman vertritt klar die Meinung, es sei ein hartnäckiger Mythos, Menschen seien von Natur aus egoistisch und aggressiv. Selbst bei den bekanntesten Katastrophen der Geschichte, z.B. dem Untergang der Titanic oder dem Einsturz der Twin-Towers am 11. September 2011, habe das Gute im Menschen Oberhand gewonnen. «Der Film ‘Titanic’ macht uns glauben, dass alle in Panik gerieten und sich gegenseitig aus dem Rettungsboot schubsten. Augenzeugen sagten indessen, es habe keine Anzeichen von Panik oder Hysterie gegeben. Überlebende von 9/11 berichteten ebenfalls von Rücksicht und Hilfsbereitschaft. Gerade wenn Bomben vom Himmel fallen, kommt das Beste in uns zum Vorschein», ist Rutger Bregman überzeugt. Die gleiche Solidarität begegnete mir in Tatsachenberichten aus dem 2. Weltkrieg, nicht zuletzt aus England. Sie zeigt sich auch in diesen Tagen wieder.

Doch was ist mit den beiden berühmten Experimenten, die vor Jahren dem Mythos des aggressiven Menschen erheblich Nahrung verliehen? Das Stanford-Prison Experiment aus dem Jahre 1971 erklärte selbst friedliebende Menschen zu grausamen Gefängniswärtern. Bregman wies nach, dass das ‘sadistischer Quatsch’ sei. Die Forscher hielten die Teilnehmenden nämlich zu aggressiverem Verhalten an, um ihre These zu beweisen.

Das Stanley Milgram Schockexperiment ergab scheinbar, zwei Drittel aller Bürgerinnen und Bürger seien bereit, Fremde auf einem elektrischen Stuhl zu exekutieren, einfach weil es ihnen aufgetragen wurde. Psychologen sind sich unterdessen einig, dass man die falschen Schlüsse gezogen hat. Das Experiment beweise lediglich, dass einige von uns, wenn man sie lang genug bearbeite und manipuliere, zu Bösem imstande seien, sofern sie glauben, eigentlich etwas Richtiges zu tun.

Die Philosophin Hannah Arendt ging davon aus, dass der Mensch zum Guten neige. Unser Bedürfnis nach Liebe und Freundschaft sei grösser als unser Verlangen nach Hass und Gewalt. Mir gefällt diese Aussage! Die Philosophin folgerte, dass der Mensch vom Bösen verführt wird, das im Gewande des Guten daherkommt – und nicht, dass er sich gedankenlos vom Bösen mitreissen lasse, wie Stanley Milgram 1961 behauptete. Das ist Erleichterung und Lichtblick zugleich. Selbstverständlich kann man dem die zunehmende Aggression und Feindseligkeiten unserer Zeit entgegenhalten. Ich wünschte mir, dass wir, die wir guten Willens sind, die Überzeugung Rutger Bregmans überall verbreiten. So könnte das Vertrauen, der Mensch sei mehrheitlich empathisch und zu Gutem fähig, als Bollwerk gegen negative Entwicklungen wirken.

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Mir machen die Gedanken des Historikers Mut. Sie fordern uns aber auch auf zur Wachsamkeit. Nur wenn wir genügend Liebe und Mitmenschlichkeit entwickeln, können wir im Umgang mit unserem Nächsten unserer Neigung nach Hilfsbereitschaft und Solidarität Folge leisten. In den gegenwärtigen Zeiten ist jede echte Hilfe eine Wohltat.

Literaturhinweis: «Im Grunde gut» von Rutger Bregman

Elisabeth, 18.03.2020