Götter

Meine Freunde Marjorie und Louis hatten mich in ihr hübsches Haus in der Provence eingeladen. In der ländlichen Umgebung fühlte ich mich entspannt, genoss Tage voller Freundlichkeit und Sonnenschein mit lieben Menschen. Mit Marjorie tauschte ich abends berufliche Ideen und Anregungen aus, mit Louis unternahm ich nachmittags Streifzüge im Maquis am Fuss der Alpilles, von denen wir jeweils mit einem blühenden Ginsterstrauss für Marjorie zurückkehrten. Zu Dritt machten wir Ausflüge zu den Städtchen in der Umgebung, bestaunten die Weite und die wilden Pferde der Camargue, besuchten eine Picasso-Ausstellung in Aix-en-Provence… Auf einer dieser Fahrten überholte uns ein Auto und bedeutete uns durch Blinksignale und Handzeichen, dass wir sofort anhalten sollten. Louis ging vom Gas, er mutmasste, mit unserem Auto sei etwas nicht in Ordnung. Der Fahrer des andern Wagens lotste uns auf einen kleinen Feldweg in der Nähe eines Wäldchens, dann hielt er an, stieg aus, kam freudestrahlend auf Marjories Seite zu uns gelaufen. Höflich kurbelte sie das Wagenfenster herunter.

Der Fremde redete uns überschwänglich an, mit viel Charme und Herzlichkeit: «Willkommen in Frankreich! Als ich Ihr Schweizer Nummernschild sah, konnte ich nicht widerstehen, Sie persönlich zu begrüssen», erläuterte er. «Wissen Sie, meine Tante wohnt ebenfalls in der Schweiz, in Lucerne. Was für ein wundervolles Land, Ihre Schweiz! Sind Sie alle drei Schweizer?» Marjorie antwortete: «Ursprünglich bin ich aus Schottland.» «Was Sie nicht sagen! Was für ein Zufall! In Schottland wohnt mein älterer Bruder!» Mit diesen Worten rannte er zum Kofferraum seines Wagens und förderte eine Skulptur zu Tage, die er sorgfältig zu uns zurücktrug und Marjorie feierlich in den Schoss legte. «Erlauben Sie mir, Madame, dass ich Ihnen ein Geschenk überreiche, weil ich so glücklich bin über unsere Begegnung.» Sein Lächeln war entwaffnend. Marjorie, völlig überrumpelt, nahm das Geschenk entgegen und bedankte sich freundlich. Ich sagte nichts, beobachtete aber mit Interesse die Szene. «Wo will der wohl hinaus?» dachte ich, halb belustigt, halb neugierig.

Meine Freunde sind Kunstkenner. Auch ich bemerkte sofort, dass die Figur unsäglich kitschig war: eine Art asiatische Göttin, gegen die 50 cm hoch, durch und durch aus billigem Plastik. Wir wechselten einen Blick und wollten wegfahren. Da beugte sich der Mann nochmals in den Wagen. «Warten Sie, warten Sie», rief er und holte flink eine zweite, fast identische Figur aus seinem Kofferraum, nur war es diesmal ein männlicher Gott. «Sie müssen von dieser Kostbarkeit doch ein vollständiges Paar haben.» Sprach’s und legte auch die zweite Skulptur in Marjories Schoss. Jetzt nahm sein Lächeln einen entschuldigenden Ausdruck an. «Sie werden verstehen, dass ich Ihnen nicht zwei dieser wertvollen Gegenstände gratis überlassen kann. Die zweite Figur muss ich Ihnen leider verkaufen. Bedenken Sie, ich brauche auf meinen Reisen etwas zu essen und ein Bett in einer Pension, was in diesem Land alles andere als billig ist.» «Aber klar doch», sagte Louis, «wieviel kostet denn diese zweite?» Der Preis, weit übersetzt, betrug in Schweizergeld etwa 300 Franken.

Louis öffnete seine Brieftasche und überreichte dem Mann den gewünschten Betrag. Dann fuhren wir rasch los, während der Fremde uns gerührt nachwinkte.

«Sag mal, Louis», platzte ich heraus, «warum hast du diesem kleinen Gauner so viel Geld gegeben für etwas derart Geschmackloses? Du hättest ihm das Götterpaar doch ohne Weiteres zurückgeben können.» Louis schmunzelte: «Weil er ein grandioser Verkäufer ist. Das macht ihm keiner so leicht nach. Denk doch nur, er hat wildfremde Personen mitten auf der Hauptstrasse zum Anhalten gebracht und ihnen mit List und Können wertlosen Plunder angedreht. Das mit der Tante und dem Bruder ist sicher bloss eine Finte. Aber alle Achtung, so etwas ist hohe Verkaufskunst. Ich finde, dass er das Geld verdient hat.» Ich war beeindruckt von dieser grosszügigen Haltung. Dann lachten wir zu Dritt laut los und freuten uns am sonnigen Tag gleich doppelt.

Wollt Ihr wissen, was wir mit dem Ramsch gemacht haben? Sobald wir eine günstige Stelle gefunden hatten, rollten wir die beiden Plastikheiligen eine Böschung hinunter – und so landete das «vollständige Paar» gemeinsam im Strassengraben. Da sitzt es wohl noch immer fest und wartet auf ruhmreichere Zeiten.  

Elisabeth, 28.8.2019