Der Praktikant

Wald-Frühlingssträusschen

Er stand am Tisch in unserem Stammcafé und fragte nach unseren Wünschen. Die vom MANN bestellte Schweizer Weinsorte kannte er nicht. «Muss fragen», sagte er und wiederholte 2x das komplizierte Wort. Kurz darauf brachte er die Getränke. Er sah sehr gut aus, war grossgewachsen und schlank, hatte schwarzes Haar und dunkle Augen – und ein Gesicht, das das Lächeln verlernt hatte. Seine Gesichtszüge wirkten fremdartig, aber ich konnte ihn nicht einordnen. «Darf ich fragen, woher Sie kommen?» wollte ich wissen. «Aus Afghanistan», erwiderte er ernst. «Man sagt, das sei ein schönes Land», meinte ich. Wortlos schaute er mich an. Wie taktlos von mir! Was hatte er wohl Schreckliches erlebt?

Einkassieren durfte er nicht. Es waren kaum Leute im Lokal. Wir sahen, wie er fleissig die Tische rund um uns herum abwischte. «Haben Sie einen neuen Kellner?» fragten wir die Chefin, nachdem wir um die Rechnung gebeten hatten. «Nein, er ist Praktikant, man muss ihm alles zeigen», lächelte sie.

Als DER MANN und ich bald darauf wieder im Café sassen, hielt ich Ausschau nach ihm. Er war nicht da. «Er hat sicher seinen freien Tag», meinte DER MANN. Doch als wir das nächste Mal ins Café kamen, hatte er offenbar noch immer «seinen freien Tag». Bei der Serviertochter erkundigten wir uns nach ihm. Sie lachte amüsiert: «Er war nur einen einzigen Tag bei uns. Seither ist er spurlos verschwunden. Niemand weiss, wo er ist.»

Schade? Eine verpasste Chance für ihn? Ich weiss nicht… Warum sollte ein junger, durch Kriegswirren gebeutelter Mensch nicht andere Berufsträume haben, als für eine Wohlstandsgesellschaft Tische sauberzumachen?

Elisabeth, 1. April 2020