Baden in Tbilissi

Einziges oberirdisches Bad, „Orbeliani“

Neugierig wie ich bin, übt Aussergewöhnliches eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf mich aus. So auch das Bäderviertel Abanotubani in der Altstadt von Tiflis – diese Ansammlung von halbkugeligen Kuppeln aus Backstein im persischen Stil! Der georgische Name Tbilissi bedeutet ‚warme Quelle‘. Tatsächlich sprudelt am Berg Mtabori an den Hängen der Stadt kohlensäurehaltiges schwefliges Quellwasser aus der Erde, das bis zu 46,5 °C heiss ist. Dieses Heilwasser wird seit über 700 Jahren in den Badehäusern von Tbilissi verwendet.  

Im 13. Jahrhundert wurden in Tbilissi rund 65 Schwefelbäder genutzt. Heute sind es nur noch etwa acht. Die Baderäume liegen unterhalb des Erdbodens, weil dort der Wasserdruck höher ist. Sie erhalten Licht und Luft aus den Öffnungen am Scheitelpunkt der Kuppeln. Das Viertel ist eine Besonderheit, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Es ist bei Einheimischen und Touristen beliebt und sowohl am Tag als auch nachts sehr belebt. Natürlich riecht es im ganzen Quartier nach «faulen Eiern», sprich Schwefel, was weder DEN MANN noch mich störte (und offensichtlich auch sonst niemanden).

Bäder haben selbst in Europa eine lange Tradition, auch wenn jene in Tbilissi durch ihren besonderen Baustil Bewunderung erregen. Hat man nicht privat (zum Beispiel als Paar) ein Becken gemietet, besucht man den öffentlichen Bereich und sieht eine Menge nackter Georgier, selbstverständlich streng nach Geschlecht getrennt. Ich erinnere daran, dass es in Bern noch im 18. und 19. Jahrhundert öffentliche Badhäuser gab, deren Ruf jedoch nicht immer über alle Zweifel erhaben war. Selbst Giacomo Casanova liess sich 1760 dort verwöhnen (wohl nicht im Männersektor).

Es heisst, zu einem Bad nach georgischer Art gehöre eine ausgedehnte Massage auf einer Steinplatte. Der Masseur bearbeite Rücken, Arme und Beine, stehe einem auf dem Rücken, laufe das Rückgrat hinauf und hinunter. (Beim blossen Gedanken läuft es mir kalt über den Rücken!) Alte Haut entferne er mit einem Handschuh aus Pferdehaar. Zwischen den Massagegängen werde geduscht und zum Schluss gebe es kräftige Heisswassergüsse aus Eimern. Du liebe Güte, das ist nichts für zarte Seelen!

Sieht ganz und gar nicht sanft aus!

Eine georgische Massage ist beileibe nicht jedermanns Sache. Oli vom Weltreiseforum berichtet: «Ein dickbäuchiger Mann kam ungefragt in unseren Privatraum (Ob da vielleicht ein sprachliches Missverständnis vorlag? Anm. Elisa) und zog sich zuerst einmal die Badehose aus. Erst dann stellte er sich nackt als Masseur vor und band sich ein Tuch um seine Lenden. Kurz darauf mussten wir uns auf eine harte Steinbank legen, auf der er uns mit einem Kratzhandschuh zu malträtieren begann. Immer wieder schüttete er heisses Wasser über uns oder zog uns unsanft auf der Bank in die richtige Position. Die Kratzmassage war ganz und gar nicht angenehm. Ich kann eine Massage in Abanotubani nicht unbedingt empfehlen.»

Dieser und weitere Berichte hielten uns davon ab, ein Bad zu besuchen und uns nackt und hilflos einer Steinliege, einem bulligen Masseur, seinem Kratzhandschuh und der dampfenden Hitze auszusetzen. Zwar warfen wir im einzigen oberirdischen Bad «Orbeliani» einen Blick hinein, doch da ging es zu und her wie in einem Bienenhaus, so dass wir aufatmend den Rückzug antraten.

Eigentlich schade!

Elisabeth, 2.10.2019