Zerbrochen

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Vor vielen Jahren unterrichtete ich einmal pro Woche eine 5er-Gruppe in Englisch. Es waren alles Männer, vor Jahren in die Schweiz geflüchtet, lebhafte, miteinander befreundete Menschen. Sie hatten im neuen Land fest Fuss gefasst und sich eine gute Position erarbeitet. Ich erinnere mich, wie belebend ich sie empfand: Mehrheitlich durch ihr Ursprungsland, aber auch durch die Schweiz geprägt, waren sie temperamentvoll, lustig und lernbereit. Nur einer von ihnen war ein Schwerblüter, der kaum je lächelte. Immer sah er aus, als würde er gleich in Tränen ausbrechen. Seine Freunde sagten von ihm, er sei nur glücklich, wenn er unglücklich sei…

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Doch dann wurde unerwartet auch einer der anderen schwermütig. Trotz seiner Intelligenz konnte er auf einmal kaum mehr ein englisches Wort nachsprechen, geschweige denn einen Satz bilden oder eine Übung lösen. Wir waren nicht imstande, ihm zu helfen, was mich sehr belastete. Seine über alles geliebte Frau habe ihn wegen eines anderen verlassen, vertraute er mir bei einem Einzelgespräch unter Tränen an. Nicht lange danach stand sein Herz still. Einer seiner Freunde, ein Psychiater, erzählte mir, er sei an einem zerbrochenen Herzen gestorben. Ich war betroffen, geschockt. Gab es das tatsächlich? Ja, das «Gebrochenes-Herz-Syndrom» ist leider eine medizinische Realität. Es ist eine plötzliche, durch starken Stress ausgelöste Funktionsstörung der linken Herzkammer, von einem Herzinfarkt fast nicht zu unterscheiden.   

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Gibt es einen Ausweg aus persönlichem Leiden? Ich meine schon. Vielleicht, indem wir unseren Blickwinkel verändern?

Habt Ihr gewusst, dass die Japaner Zerbrochenes in Kunstwerke verwandeln? Im 16. Jahrhundert haben sie die wertvolle Philosophie durch das Kunsthandwerk «Kintsugi» entwickelt – eine traditionelle Art, gesprungene Keramik zu reparieren. Kintsugi hat seine Wurzeln im Zen-Buddhismus und gewährt einen tiefen Einblick in Japans Wabi-Sabi-Ästhetik mit ihrer Wertschätzung der Fehlerhaftigkeit. Der Bruch und die Reparatur werden als die Geschichte eines Objektes verstanden, anstatt den Mangel zu verschleiern.

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Durch Goldverbindung wird der Makel sogar betont: Die Schönheit und die Bedeutung, die der Betrachter durch das Objekt erfährt, ist das Wichtigste. Kintsugi stellt also einerseits die Funktionsfähigkeit des Keramikgefässes wieder her, doch gleichzeitig wird das Resultat des Flickens als künstlerischer Akt aufgefasst. Die geflickte Stelle wird durch das Hervorheben mit dem Edelmetall nicht nur deutlich sichtbar gemacht, sondern sogar veredelt.

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Kintsugi steht deshalb nicht für das Zerbrochene, sondern für das Wiederhergestellte. Jede Schale, der neues Leben eingehaucht wurde, zeigt: Ich bin an verschiedenen Stellen gebrochen. Ich habe vieles durchlitten. Es hat Geduld und Liebe gekostet, wieder ganz zu werden. Doch genau das macht mich einzigartig.

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Erkennt Ihr, was das für uns bedeutet? Aus menschlichen Krisen gibt es einen Heilungsweg. Er gelingt nicht im Handumdrehen. Aber Weisheit und Vertrauen helfen uns dabei, uns nicht als Flickwerk zu betrachten, sondern als ein schöpferisches Kunstwerk mit vergoldeten Bruchstellen, die uns letzten Endes läutern und bereichern.

Wenn das nicht eine grossartige Verheissung für einen Neuanfang ist! Ich bin gewiss, Gott steuert das Gold bei.

Elisa, 26.01.2021