Ein indisches Märchen

Das 10tägige Festival zu Ehren des Elefantengottes Ganesha ist in vollem Gange. Seit Stunden dringt der nächtliche Festlärm aus dem indischen Städtchen zum Palasthügel herauf und damit in unsere Ohren: dumpfes Trommeln, Musik, fröhliche Rufe, hämmernde Rhythmen. Dies und das giftig-grüne Licht über dem Doppelbett, das sich einfach nicht löschen lässt, hindern uns am Schlafen.

Durch berückend schöne Landschaften hat uns heute Nachmittag der zuverlässige Fahrer Ashok in diesen Palast gebracht, auf den wir uns seit Beginn der Reise gefreut haben. „Es gibt kein anderes Hotel auf dieser Strecke“, hat er uns informiert. „Macht doch nichts“, denke ich. „Für einmal das Leben genießen wie Maharadscha und Maharani! Ein indisches Märchen am eigenen Leib erfahren!“ Die Fürstenfamilie soll den Gästen heute Abend bei einem Konzert auf einer der Terrassen ihre Aufwartung machen.

Der Palast ist eine prachtvolle, imposante Anlage mit filigran behauenen Fassadenelementen, unzähligen Bogenfenstern, Balustraden, Zwiebeltürmchen, Säulen, hohen Zinnen. Er erstreckt sich über mehrere miteinander verbundene Gebäude, dazwischen ein großzügiger Hof voller Blumen, Büsche und Topfpflanzen. Ich bin begeistert. Wir werden in unser Zimmer geführt, das dicke Wände aufweist, wie es einem Palast gebührt. Im weitläufigen Badezimmer mit den kunstvollen, herrlich leuchtenden Blumenmosaiken an Boden und Wänden und den Stuckaturen an der Decke hängen gebrauchte Badetücher und schmutzige Bademäntel, stehen geöffnete Toilettenartikel herum, hier ist offensichtlich nicht geputzt worden. Eine Kleinigkeit, großzügig sehen wir darüber hinweg. Wir wundern uns über die Dusche, die zwei seitliche Düsen hat, wie wir sie noch nie gesehen haben. Der dunkel getäferte Wohnraum ist rechteckig und etwa 12 m lang. „Toll“, rufe ich aus. „So viel Platz nur für uns zwei!“ Die Türe lässt sich jedoch nur mit Mühe schließen, geschweige denn verriegeln. Nicht zu fassen: ein Schild warnt explizit vor „Dieben und Einbrechern“.

Im gotisch gewölbten, einem Mausoleum nicht unähnlichen Schlafzimmer, das gespenstisch von besagtem grünen Licht erhellt ist, hängt am Tüllvorhang vor dem Fenster mit den viereckigen Butzenscheiben eine Fledermaus. Neben dem Telefon im Wohnraum liegt eine Nummernliste, aber bei keiner der Nummern meldet sich jemand. DER MANN, wie immer praktisch denkend, macht sich zu Fuß auf den Weg, um einen dienstbaren Geist zu finden. Eine Fledermaus einzufangen, gehört nicht gerade zu unseren Hobbies. Er bleibt lange weg. Endlich kommt er zurück mit dem Barmann, den er in irgendeinem Zwischengeschoss aufgespürt hat. Zum Glück kann dieser nicht nur mit dem Mixbecher umgehen, sondern auch mit Fledermäusen.

Zum Abendessen sollen wir uns im Restaurant auf den Zinnen gegenüber einfinden. Es ist abenteuerlich, sich in diesem Riesenkomplex zurecht zu finden. Es geht treppauf, treppab, quer durch Geschosse, ein kurzes Stück mit einem offenen, vorsintflutlich anmutenden Lift, wieder hinunter, wieder hinauf, und überall ist’s völlig menschenleer. Die Stufen sind für mich zu hoch, ich schaffe sie nur mit knapper Not. Ach ja, eine echte Maharani würde natürlich in der Sänfte getragen! Als wir endlich auf der Dachterrasse ankommen und gerade angefangen haben, unsere Teller zu füllen, beginnt es zu gießen, als wäre heute der Tag der Sintflut hereingebrochen. Statt mit den wohlriechenden Speisen, sind die Teller im Nu mit Regenwasser gefüllt. Es hat keinen Unterstand, wo wir hin flüchten könnten. Selbst die Maharadscha-Familie hat es offenbar vorgezogen, bei diesem Regen in Deckung zu bleiben.   

Wohl oder übel ziehen auch wir uns zurück. Schade. Wie herrlich müsste es an einem klaren Abend hier oben auf den Zinnen sein! Wie sehr der wundervolle indische Sternenhimmel einen in seinen Bann ziehen kann, haben wir bereits erlebt und bleibt unvergessen.

Mit dem Frühstück bei den Maharadschas ist’s nicht weit her. Es gibt bitteren Schwarztee, vertrocknetes Brot, ranzige Butter und eine Schüssel, in der ein paar spärliche Fruchtstückchen herumschwimmen. Immerhin hat’s auch ein paar Bananen auf dem einfachen Buffet. Ob das Auswirkungen des Ganesha-Festes sind? Gut möglich. Es wäre verständlich, gibt’s doch außerhalb solcher Festtage keine Ferien für die hart arbeitende, einfache Bevölkerung.

Bevor wir weiterreisen, begegne ich unten im Hof dem gutaussehenden Sohn des Maharadschas, der sich höflich vorstellt. Er fragt nach unserer Zimmernummer. „Ach“, ruft er aus, „haben Sie die uralten Fresken an den Wänden des Schlafraums bemerkt? Sie sind zwar ziemlich verblasst, weil sie mich als Kind immer dort gebadet haben. Der Wohnraum nebenan ist eine ehemalige Waffenkammer. Es gab stets unzählige Ratten, die darin herumsausten – noch immer geht die Katze durchs Loch in der Wand ein und aus.“ Iiihhh!

Während das Dorf den Blicken durch die Heckscheibe unseres Wagens entschwindet, hänge ich meinen Gedanken nach. Der etwas altertümliche, angestaubte, jedoch nach wie vor fürstliche Ort hinterlässt bei mir widersprüchliche Eindrücke. Gewiss, eine feudale Umgebung lasse ich mir von Zeit zu Zeit gerne gefallen – für ein Leben als indische Maharani würde ich mich indes kaum eignen – selbst wenn der Maharadscha attraktiver wäre als DER MANN…

Elisabeth, 11.9.2019

Götter

Meine Freunde Marjorie und Louis hatten mich in ihr hübsches Haus in der Provence eingeladen. In der ländlichen Umgebung fühlte ich mich entspannt, genoss Tage voller Freundlichkeit und Sonnenschein mit lieben Menschen. Mit Marjorie tauschte ich abends berufliche Ideen und Anregungen aus, mit Louis unternahm ich nachmittags Streifzüge im Maquis am Fuss der Alpilles, von denen wir jeweils mit einem blühenden Ginsterstrauss für Marjorie zurückkehrten. Zu Dritt machten wir Ausflüge zu den Städtchen in der Umgebung, bestaunten die Weite und die wilden Pferde der Camargue, besuchten eine Picasso-Ausstellung in Aix-en-Provence… Auf einer dieser Fahrten überholte uns ein Auto und bedeutete uns durch Blinksignale und Handzeichen, dass wir sofort anhalten sollten. Louis ging vom Gas, er mutmasste, mit unserem Auto sei etwas nicht in Ordnung. Der Fahrer des andern Wagens lotste uns auf einen kleinen Feldweg in der Nähe eines Wäldchens, dann hielt er an, stieg aus, kam freudestrahlend auf Marjories Seite zu uns gelaufen. Höflich kurbelte sie das Wagenfenster herunter.

Der Fremde redete uns überschwänglich an, mit viel Charme und Herzlichkeit: «Willkommen in Frankreich! Als ich Ihr Schweizer Nummernschild sah, konnte ich nicht widerstehen, Sie persönlich zu begrüssen», erläuterte er. «Wissen Sie, meine Tante wohnt ebenfalls in der Schweiz, in Lucerne. Was für ein wundervolles Land, Ihre Schweiz! Sind Sie alle drei Schweizer?» Marjorie antwortete: «Ursprünglich bin ich aus Schottland.» «Was Sie nicht sagen! Was für ein Zufall! In Schottland wohnt mein älterer Bruder!» Mit diesen Worten rannte er zum Kofferraum seines Wagens und förderte eine Skulptur zu Tage, die er sorgfältig zu uns zurücktrug und Marjorie feierlich in den Schoss legte. «Erlauben Sie mir, Madame, dass ich Ihnen ein Geschenk überreiche, weil ich so glücklich bin über unsere Begegnung.» Sein Lächeln war entwaffnend. Marjorie, völlig überrumpelt, nahm das Geschenk entgegen und bedankte sich freundlich. Ich sagte nichts, beobachtete aber mit Interesse die Szene. «Wo will der wohl hinaus?» dachte ich, halb belustigt, halb neugierig.

Meine Freunde sind Kunstkenner. Auch ich bemerkte sofort, dass die Figur unsäglich kitschig war: eine Art asiatische Göttin, gegen die 50 cm hoch, durch und durch aus billigem Plastik. Wir wechselten einen Blick und wollten wegfahren. Da beugte sich der Mann nochmals in den Wagen. «Warten Sie, warten Sie», rief er und holte flink eine zweite, fast identische Figur aus seinem Kofferraum, nur war es diesmal ein männlicher Gott. «Sie müssen von dieser Kostbarkeit doch ein vollständiges Paar haben.» Sprach’s und legte auch die zweite Skulptur in Marjories Schoss. Jetzt nahm sein Lächeln einen entschuldigenden Ausdruck an. «Sie werden verstehen, dass ich Ihnen nicht zwei dieser wertvollen Gegenstände gratis überlassen kann. Die zweite Figur muss ich Ihnen leider verkaufen. Bedenken Sie, ich brauche auf meinen Reisen etwas zu essen und ein Bett in einer Pension, was in diesem Land alles andere als billig ist.» «Aber klar doch», sagte Louis, «wieviel kostet denn diese zweite?» Der Preis, weit übersetzt, betrug in Schweizergeld etwa 300 Franken.

Louis öffnete seine Brieftasche und überreichte dem Mann den gewünschten Betrag. Dann fuhren wir rasch los, während der Fremde uns gerührt nachwinkte.

«Sag mal, Louis», platzte ich heraus, «warum hast du diesem kleinen Gauner so viel Geld gegeben für etwas derart Geschmackloses? Du hättest ihm das Götterpaar doch ohne Weiteres zurückgeben können.» Louis schmunzelte: «Weil er ein grandioser Verkäufer ist. Das macht ihm keiner so leicht nach. Denk doch nur, er hat wildfremde Personen mitten auf der Hauptstrasse zum Anhalten gebracht und ihnen mit List und Können wertlosen Plunder angedreht. Das mit der Tante und dem Bruder ist sicher bloss eine Finte. Aber alle Achtung, so etwas ist hohe Verkaufskunst. Ich finde, dass er das Geld verdient hat.» Ich war beeindruckt von dieser grosszügigen Haltung. Dann lachten wir zu Dritt laut los und freuten uns am sonnigen Tag gleich doppelt.

Wollt Ihr wissen, was wir mit dem Ramsch gemacht haben? Sobald wir eine günstige Stelle gefunden hatten, rollten wir die beiden Plastikheiligen eine Böschung hinunter – und so landete das «vollständige Paar» gemeinsam im Strassengraben. Da sitzt es wohl noch immer fest und wartet auf ruhmreichere Zeiten.  

Elisabeth, 28.8.2019   

Indische Weisheit

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Es wäre anmaßend, Euch vorzugaukeln, ich kennte ein Land, in dem ich lediglich meine Ferien verbracht habe. In meinen Beiträgen blitzen Streiflichter auf, kurze Momentaufnahmen, die meine persönlichen Eindrücke spiegeln, die andere Reisende womöglich völlig unterschiedlich beurteilen. Ich glaube allerdings nicht, dass zum Beispiel Indien irgendjemanden kalt lässt. Vielmehr scheint es bei allen Besuchern äußerst intensive Empfindungen hervorzurufen.

Im riesigen Land fallen als Erstes Gegensätze von geradezu Shakespeare’scher Dramatik auf. So viele Farben von einzigartiger Leuchtkraft! So viel Lebendigkeit und ausgelassene Fröhlichkeit! So viel Ruhe in den sich ins Unendliche erstreckenden Landschaften! So viel handwerkliche Kunstfertigkeit! So viel reine Schönheit und Anmut in Menschen und Baukunst! So viel Würde und Religiosität! Solch betörende Düfte! Und dicht daneben Gestank, Hoffnungslosigkeit, Armut, Schmutz, Elend, Verachtung… Ein Land, das den Taj Mahal hervorgebracht hat und eine derart vielfältige, reiche Kultur voller Erhabenheit, Formvollendung und Pracht sein Eigen nennt, hat – wie könnte es anders sein – ebenso eindrückliche Schattenseiten.

Die scharfen Gegensätze drangen mir direkt in Herz und Gemüt. Im Völkerkundemuseum der Entfaltung eines indischen Ragas zu lauschen, war für mich schon immer ein besonderer Kunstgenuss. (Die Tonleitern der westlichen Musik benutzen maximal 12 Töne pro Oktave. Die klassische indische Musik orientiert sich dagegen an den Shrutis (Mikrotönen), die eine Oktave in 22 Schritte unterteilen, was das Musizieren anspruchsvoll macht.)

Und nun drohte mich die Spannung zwischen Zauber und Not zu zerreißen. Das Märchenland-Ambiente der Hotels machte diese zu wahren Oasen, die Chaos und Entbehrung weit weg verbannten – und doch hielten wir uns nicht mit wirklich reinem Gewissen dort auf, obwohl sie Erholung von den stets neuen Gefühlsaufwallungen des Tages boten, eine Erholung, nach der wir uns jeweils dankbar ausstreckten:  

Da war der Handwerker, der unter Schmerzen – mit dem glanzvollen Taj Mahal im Rücken und einem wegen der Arbeit mit dem Meißel abfallenden Fingerglied – die edelsten Gegenstände aus dem pickelharten Marmor hervorzauberte. Oder die Mutter, die am Boden kauernd neben einer Kloake aus Scheiße und Motorenöl Chapati briet, um die große Familie im zerrissenen Plastikzelt zu ernähren. Oder die Straßenarbeiterin in ihrem leuchtend violett/gelben Sari, die in der glühenden Mittagshitze den Pickel wuchtig schwang und schwerste Bauarbeiten ausführte. Oder die brandmagere Kuh, die mit sanften Augen in die Welt blickte und hungrig Plastikabfälle fraß, denn Kühe, die keine Milch mehr geben, bringen Unglück. Sie werden deshalb von zu Hause weggetrieben und ihrem Schicksal überlassen, obwohl sie heilig sind.   

Oder der Maler, der im Keller des prunkvollen Palast-Museums die göttlichsten Miniaturen schuf, umgeben vom beißenden Gestank nach Urin. Oder die versehrte Bettlerin, deren flehender Blick in puren Hass umschlug, als wir ihrer Bitte um Almosen nicht gleich Folge leisteten, während das winzige Baby auf ihrem Arm die ausdrucksstarke mütterliche Gestik für „Hunger“ exakt nachahmte. Oder die Familie, die auf der Eisenbahnstation lebte und sich wenigstens notdürftig waschen konnte, weil aus einem kleinen Hahn an einer Bahnsteigsäule etwas kaltes Wasser rann. Oder der Priester, der am Pilgerort in einem Häuschen mit verschissener Hausmauer wohnte und mit feierlich-würdevoller Miene Opfergaben in den Heiligen See streute. Oder der Mann, der auf seiner armseligen Matratze am Straßenrand starb, während der hektische Verkehr unablässig vorbeirollte: abenteuerlich beladene Lastwagen, farbig bemalte, berstend volle Busse mit lachenden Gesichtern an den Scheiben, Kühe, Ziegen, Motorroller, Privatautos, Hand-, Ochsen- und Eselskarren, deren hoch aufgetürmte Lasten gefährlich schwankten, Velos, Tuk-Tuks, Rikschas, ja sogar Kamele und Elefanten. Das pralle Leben hält in Indiens Städten keinen Moment still. Es ist eine ungewöhnliche, fremdartige Welt, die einen ganz eigenen Sog auf den westlichen Betrachter ausübt.

Einlullend, aber nicht eigentlich tröstlich, wirken indische Weisheiten wie etwa jene, die Dickie, ein Anhänger des Jainismus, mir verraten hat: „Die Lotusblume ist ein Symbol dafür, wie man weise lebt. Sie wächst aus Schlamm und Wasser heraus, wird davon jedoch nicht berührt. So sollte man sein Leben führen: unberührt vom äusseren Schmutz und innen rein.»

Schön und gut, aber kommt es nicht eher darauf an, in welchem Land man geboren wird? Oder ist dies falsch gedacht? Sind die meisten dieser Menschen nur in unseren westlichen Augen derart benachteiligt?

Elisabeth, 21.8.2019

Gold wert

Das erste Mal in Indien! Die Erfüllung eines Traums! Doch bei unserer Ankunft in der Flughafenhalle in New Delhi knallte unerwartet die grelle indische Lebensart auf unser braves Schweizer Gemüt. Es wimmelte von Menschen, Menschen, Menschen, Menschen… der Lärm war schrill, die Hektik unbeschreiblich. Der Vertreter unseres Reisebüros erwartete uns ungeduldig und lotste uns in raschem Tempo mitten durch die Masse von Reisenden, Chauffeuren, Gepäckträgern, Dienstleistern, Hotelangestellten, Empfangskomitees, Zimmeranbietern und was weiss ich noch für Geschäftstüchtige. Wir fühlten uns überrumpelt, in meinem Kopf wirbelte alles durcheinander, mir schwindelte.  

Draussen wartete unser Taxi. Im Nu hatte der Fahrer das Gepäck im Kofferraum verstaut. Kaum waren die Türen hinter uns zugeschlagen, fuhr das Auto los und schlängelte sich durch das Tohuwabohu des indischen Strassenverkehrs, der nicht minder beängstigend war. Doch dann: die Oase, das schöne Hotel! Flink lud der Taxichauffeur unser Gepäck aus. Hotelangestellte nahmen sich der Koffer und Taschen an, während der Reisevertreter uns ins Hotel bugsierte, an der Rezeption die Formalitäten für uns erledigte und uns dann die Zimmer-Batches in die Hand drückte. Und weg war er, zack! – die Effizienz in Person!

Wir waren keine fünf Minuten im Zimmer, als das Gepäck gebracht wurde. Da erst stutzte ich. Wo war mein Handgepäck, das blaue Reiseköfferchen? Um Gottes Willen! Es war unverschlossen, und drin befanden sich die für die Reise unentbehrlichsten Dinge, neben dem Bargeld auch Medikamente und sämtliche Gutscheine, die wir für die gebuchte Reise benötigten. Der Portier wusste von nichts. Ich rief die Rezeption an. Ein paar Minuten später klopfte es. Draussen stand eine grosse, schöne Frau mit energischen Gesichtszügen. «Ich bin die stellvertretende Hoteldirektorin», sagte sie. «Was ist geschehen?» Nach meiner Schilderung ging sie ans Telefon neben dem Bett, wählte die Nummer des Reisevertreters, setzte ihn ins Bild. Mit wild klopfendem Herzen schnappte ich Gesprächsfetzen auf: «…unmöglich …nein! …nicht in unserem Hotel! …allein Ihre Verantwortung …wie? …völlig egal …zählt, was jetzt … sofort! …Auch das …mir egal … Äusserst dringend… Ihnen hoffentlich klar… absolut keine Zeit verlieren …bringen es hierher …unverzüglich! …» Ich war am Rande eines hysterischen Anfalls. Die Direktorin hängte auf, sah mich begütigend an: «Gehen Sie an den Hotelpool, bestellen Sie ein kühles Getränk auf Kosten des Hauses und entspannen Sie sich. Ich werde Sie sofort benachrichtigen, wenn das Köfferchen eintrifft. Wir finden es!»

Während der folgenden zwei Stunden sass ich wie ein Häuflein Elend am Pool. Obwohl doch auch er sich Sorgen machen musste, versuchte mich DER MANN zu trösten. Aber erst als die Direktorin mit dem Köfferchen erschien, lachte ich wieder und freute mich auf unsere Indien-Abenteuer. Ich fragte noch, wo es denn gewesen sei. «Es ist während rund eineinhalb Stunden im Kofferraum des Taxis durch ganz New Delhi gegondelt, zum Glück hat es kein Unbefugter entdeckt.» Dann sah sie mich ernst an: «Geben Sie ein so wichtiges Reisegepäck nie, aber auch gar nie aus der Hand, hüten Sie es wie einen Goldschatz!» Ich habe ihren Rat befolgt. Wie gut, gibt es auf der ganzen Welt tüchtige Frauen, die Gold wert sind! 

Elisabeth, 15.8.2019

Kleider machen Leute

In den Jahren, in denen ich Personal an Firmen vermittelte, erlebte ich so manches, leider auch absolute «Don’ts». Es war eine äusserst vielseitige Aufgabe, die mir indes einiges abforderte. Verwundert hat mich, wie wenig Ahnung manche Stellensuchende von einer vorteilhaften Präsentation ihrer selbst hatten. Unter diesen gab es die ganze Palette: bluffende, lügende, arrogante, mürrische oder unterwürfige Menschen; Leute, die vergessen hatten, sich vor dem Gespräch zu duschen; solche, die kräftig gegen ihren jetzigen Chef vom Leder zogen; es gab den Bankangestellten, der viel Geld unterschlagen hatte und es erfolglos zu verschleiern suchte; den Informatiker, der von seiner zukünftigen Firma täglich gratis Kaffee und Croissants erwartete; den entlassenen Strafgefangenen, der seine schillernde Vergangenheit verschwieg… Oder die blonde, perfekt gestylte Lady mit der Alkoholfahne, die per Taxi anreiste, morgens um 10 bereits nicht mehr (oder noch nicht) nüchtern war. In diesen Fällen «wusch ich dem einen oder anderen den Kopf» und dachte seufzend, es wäre einfacher, mit Produkten als mit Menschen zu arbeiten.

Natürlich erfuhr ich auf Kundenseite ebenfalls Unrühmliches. Ich erinnere mich an den Personalchef, der seinem Golffreund gegenüber das Gebot der Verschwiegenheit missachtete, die in seiner Position vorausgesetzt wird; oder an den Chef, der das von ihm selbst verfasste Zeugnis am Telefon in allen wichtigen Punkten widerrief. Der nichtsahnende Mitarbeiter hatte lobend von ihm gesprochen und ihn als vertrauenswürdige Auskunftsperson genannt!

Misserfolge waren demoralisierend, grossartige Erfolge wirkten euphorisierend. Eher den Normalfall spiegeln folgende zwei Begebenheiten:

Ein Studienabgänger mit exzellenten Noten, aus einer angesehenen, alteingesessenen Familie stammend, wovon weder er noch ich bei der Stellensuche Gebrauch machten, hatte den Wunsch, in einer Bank zu arbeiten. Ein Termin bei einem Institut in der Agglomeration kam rasch zustande und ich begleitete ihn. Wie nicht anders erwartet, machte er während des Vorstellungsgesprächs eine sehr gute Figur. Umso enttäuschter war ich, als am Tag darauf eine telefonische Absage der Bankfiliale kam. «Warum?» fragte ich den Chef. «Er hat einen ungepflegten Eindruck hinterlassen.» «Das verstehe ich jetzt nicht», insistierte ich. «Ich fand ihn sogar sehr gepflegt.» «Ja, aber er hat anstelle eines Anzugs mit Hemd und Krawatte eine Lederjacke getragen. Das geht bei uns gar nicht.» Na toll! Machen Kleider tatsächlich Leute? Vielleicht nur engstirnige?  

Bei einem der nächsten Kandidaten ging es um eine Stelle in einer aufstrebenden Informatikfirma. Es war ein heisser Sommertag, doch – eingedenk der «Bank»-Erfahrungen – hatte ich dem betreffenden jungen Mann empfohlen, in Anzug und Krawatte zu erscheinen. Ich selbst hatte mich ebenfalls «in Schale geworfen». Uns beiden rann der Schweiss übers Gesicht, mein elegantes Kleid klebte wie Zuckerwatte auf meiner Haut, als wir das Haus betraten, in dem das kleine Unternehmen seinen Sitz hatte. Im Hauseingang trafen wir auf einen barfüssigen Mann in Shorts, der mit dem Schleppen einer Kiste Mineralwasser beschäftigt war. «Wohl der Hauswart,» dachte ich und wollte vorbeigehen. (Ist eben auch in meinem Kopf gespeichert: Kleider machen Leute!) Der Mann sah auf und fragte: «Sind Sie die Personalberaterin? Ich bin der Chef hier und komme gleich nach oben zum Interview. Gehen Sie unterdessen vor.» Autsch, schon wieder falsches Outfit! Oder doch nicht? Auch Charakter macht Leute. Und Freundlichkeit kleidet bestimmt besser als der teuerste Stoff. Das erfuhren wir im nachfolgenden Gespräch, das professionell und in herzlicher Atmosphäre verlief.

Es ist kaum anzunehmen, dass Ihr an Hundstagen barfuss an ein Vorstellungsgespräch geht und Euch in den angebotenen Sessel fläzt… Was indessen zumindest eine Überlegung wert ist (und was ich mich erstaunlicherweise früher kaum je gefragt habe): Bei welchen Menschen fühle ich mich rundum wohl?

Das Wiedersehen

DER MANN sass in Agra in der Hotelbar beim Apéro und genoss den Blick auf den Taj Mahal, dessen weisse Umrisse in der Dämmerung geheimnisvoll schimmerten. Er wartete auf mich, die ich länger brauchte, um mich zum Nachtessen schön zu machen. Da fiel ihm plötzlich auf, dass ihn eine Frau intensiv musterte. Sie kam ihm vage bekannt vor, und doch auch wieder nicht. Ob sie ein Auge auf ihn geworfen hatte? Langsam wurde es peinlich und darum sagte er zu ihr: «Good Evening», worauf sie ebenfalls mit «Good Evening» antwortete. Zurück in ihrem Zimmer berichtete sie ihrem Mann: «Du, in der Bar sah ich einen Engländer, der deinem früheren Freund aufs Haar gleicht.»   

Zwei Tage später, nachdem wir uns vom unvergleichlichen Taj Mahal hatten begeistern lassen, reisten wir nach Jaipur. Die rosarote Stadt überquoll vor Lebendigkeit und farbenfrohem Treiben. Unser Hotel, eingebettet in einen üppigen, sattgrünen Garten, hatte einen ganz besonderen Charme: Lotusteiche, Amphoren, mit Blütenblättern bestreute Brunnen, Steinskulpturen, Gartenpavillons, ein einladender Swimming Pool unter Bäumen – nichts fehlte, um sich so richtig wohlzufühlen. Auf lauschigen Wegen gelangte man unter zierlichen Torbogen hindurch zu den Zimmern. Dies waren ebenerdige, sternförmig angelegte Bungalows, die sich jeweils zu sechst um einen blumen- und blätterumrankten Innenhof gruppierten, in dessen Mitte ein kühlender Springbrunnen plätscherte.   

Während ich im Zimmer die Koffer auspackte, ging DER MANN an den Swimming Pool – und traf dort seinen ehemaligen Freund, der vor 12 Jahren zusammen mit seiner zweiten Frau nach Mittelamerika ausgewandert war. Die beiden Männer, die sich aus den Augen verloren hatten, freuten sich riesig über das Wiedersehen. Das Rätsel um den «englischen Doppelgänger» in Agra fand damit eine heitere Auflösung!

Unter dem beschaulichen Himmel Indiens verbrachten wir zu viert einen wunderbaren Abend. Natürlich amüsierten wir uns köstlich über das Intermezzo mit DEM MANN als einem verkappten «Engländer»! Als wär’s gestern gewesen, klingt unsere fröhliche Stimmung in mir nach. Ich erinnere mich an unser herzhaftes Lachen, an abenteuerliche Schilderungen, an spannende Geschichten, die wir einander zu erzählen hatten; ich sehe den Hof mit den hell lodernden Fackeln vor mir und höre die zarten Sitarklänge, sekundiert von Froschgequake.

Wenn ich mir die Bilder in Erinnerung rufe, ist mir, als durchströme mich erneut die sanfte Ruhe und Poesie dieses Ortes. Das Hotel war der typischen Rajasthan-Architektur nachempfunden. Unser Esstisch stand in einem verträumten Innenhof, der gegen oben offen war. Vor uns kräuselte sich ein Teich mit violetten Lotusblüten. Über uns verlieh ein Sichelmond den Zwiebeltürmen und Zinnen einen feinen silbernen Glanz, blinkte traumverloren ein Sternenmeer im samtenen Nachthimmel, fern und erhaben, wie ein Gruss aus uralter Zeit.

Als wir uns am nächsten Morgen frohgelaunt an den Frühstückstisch setzten, waren die beiden bereits abgereist – wieder hatten wir’s versäumt, die Adressen auszutauschen. Inzwischen sind erneut 12 Jahre vergangen. Wer weiss, vielleicht treffen wir sie diesen Herbst zufällig in Jerusalem, in Istanbul, in St. Petersburg oder…?

Es kann nicht schaden, wenn DER MANN sein Englisch wieder mal aufpoliert – nur so für alle Fälle.

Elisabeth, 31. Juli 2019

Verhängnisvoll


DER MANN und ich lieben Frankreich, die Provence im Besonderen. Kein Wunder, oder? Euch geht es bestimmt ähnlich. Wenn ich an die herrliche Gegend denke, erstehen in meinem Kopf Bilder von rotglühenden Mohnfeldern, stolzen Oleanderbüschen, vom allgegenwärtigen weichen Licht, das die Maler so begeistert – und ich rieche das frische Parfum der zahlreichen Lavendelfelder. Aber in jenem Frühling hatten wir Wetterpech. Es regnete beinahe eine Woche durch, es war ungewohnt kühl.

Auf der Hin- und der Rückreise nahmen wir uns Zeit. Den Pont-d’Arc wollten wir auf der Heimfahrt trotz Regen sehen. Von Aiguèze führt eine Hängebrücke über die Ardèche-Schlucht nach dem kleinen Ort St-Martin d’Ardèche. Gleich am Ende der Brücke entdeckten wir ein kleines Hotel, wo wir nach einem Zimmer fragten. Während des Auspackens brachte mich eine unangenehme Feuchtigkeit, die an eine Gruft erinnerte, zum Frösteln – aber es war ja nur für eine Nacht.

Unvermittelt riss die schwere Wolkendecke auf. Sonnenstrahlen tauchten die Landschaft in goldenes Licht. Rasch, freudig, verliessen wir die Pension für einen Erkundungsspaziergang und liessen uns von der unerwarteten Wärme umschmeicheln. Am Ortsrand gelangten wir zu grünen Wiesen und knorrigen Rebstöcken. Es war ruhig und friedlich, und doch fühlte ich mich unruhig. Der Ort gefiel mir nicht. Wenn ich nur wüsste, weshalb? Dann, schlagartig, ballten sich die fetten Wolken wieder zusammen. Nicht nur der tiefschwarze Himmel, auch die Landschaft nahm jäh ein unheilvolles, ja bedrohliches Aussehen an.  

Wir kehrten sofort um, denn blöderweise hatten wir den Schirm im Hotel gelassen. Als wir das Dorf im Laufschritt erreichten, öffnete ein krachender Wolkenbruch seine Schleusen. Wir schafften es gerade noch in eine kleine Boutique. Anständigerweise sah ich mich darin um und probierte ein paar Kleidungsstücke. Als der Regen nach etwa 20 Minuten nachliess, verabschiedeten wir uns von der freundlichen Verkäuferin, ich mit einer neuen Bluse unter dem Arm.

DER MANN murmelte gerade etwas über die nie versiegende Kauflust der Frauen, als wir mit einem Mal vor einer Polizeiabsperrung standen und es uns rasch klar wurde, dass wir nicht in unsere Pension zurückkehren konnten. Wir kletterten zusammen mit einer Menschengruppe auf eine erhöhte Restaurant-Terrasse und harrten der Dinge, die da kommen würden. Überall schauten Einheimische aus den Fenstern oder säumten hinter Absperrungen die Passagen. Eine überreizte Stimmung beherrschte das Dorf. «Was ist da los?» fragte ich eine neben mir stehende Frau. «Sie kommen heute aus Paris für die Nachstellung eines Verbrechens. Es sind sechs Jugendliche aus unserem Dorf, die sie nach Monaten im Gefängnis heute hierher bringen, um den genauen Ablauf zu ermitteln.» «Was haben die Jungen denn verbrochen?» «Ach, sie haben sich an einem Abend im letzten Sommer im Dorf volllaufen lassen und mit einem älteren Mann, der in einem Camper am Ufer wohnte, weitergesoffen. Gegen Mitternacht haben sie ihn erschlagen, man weiss nicht weshalb. Ein Jammer, sie sind ja noch so jung! Schauen Sie, dort unten am gegenüberliegenden Ufer passierte es», erklärte sie noch, bevor sie sich abwandte. War sie etwa eine der unglücklichen Mütter, die jetzt hilflos, vor aller Augen, zuschauen musste? Mich schauderte.

Eine Bewegung ging durch die Gruppe: Ein Konvoi mit sechs schwarzen Limousinen erschien und kroch in aufreizender Langsamkeit über die Hängebrücke. In jeder sassen ausser dem Chauffeur ein Polizist und einer der jugendlichen Täter. Es war ganz still im Dorf, als sie ausstiegen. Jeder Polizist schubste und zerrte brutal einen stolpernden Jugendlichen an Handschellen neben sich her, während sie nacheinander in einige Kneipen auf der anderen Strassenseite hineingingen, um die zurückliegenden Saufszenen gedanklich aufleben zu lassen. Nach dreiviertel Stunden war der Spuk vorbei und der Zugang zum Hotel wieder offen, während der Konvoi vis-à-vis zum sandigen Ufer der Ardèche hinuntergefahren war. Wir wollten nicht länger zuschauen. Mich beschäftigten die düsteren Bilder noch geraume Zeit. Ich konnte weder dem Abendessen, noch dem durch eine Wolkenbank leuchtenden Sonnenuntergang etwas abgewinnen.

Schlaf fand ich in dieser Nacht auch nicht.      

Elisabeth, 23.7.2019

Trost für Jung und Alt

Meine demente Freundin ist nun 97½ Jahre alt. Seit sie mehrmals in der Nacht gestürzt ist und sich verletzt hat, ist sie spürbar schwächer geworden. Letzte Woche besuchte ich sie erneut im Pflegeheim. Es war gerade das Ende einer Vorlesestunde. Ich wartete in der Cafeteria, bis eine Pflegerin sie im Rollstuhl zu meinem Tisch brachte, zusammen mit einer Tasse Milchkaffee und einem appetitlichen Stück Kuchen. Meine Freundin reagierte nicht auf meine Begrüssung. Sie hatte die Augen fest geschlossen und sass einfach da. So ging das mehr als eine Viertelstunde. Ich hielt ihr still die Hand. Wo war die lebenslustige, einfühlsame, vor Energie und Witz sprühende Frau von früher geblieben? Während ich das bleiche, bewegungslose Gesicht betrachtete, das etwas Entrücktes hatte, musste ich plötzlich heulen. Es sah aus, als sei sie geradewegs auf dem Weg in eine andere Welt. In diesem hohen Alter wäre dies beileibe nicht erstaunlich. Dennoch stieg eine grosse Trauer in mir auf, die Tränen liefen mir unaufhörlich über die Wangen. «Mir geht es fast gleich wie Ihnen, wenn ich sie anschaue», sagte eine am Buffet arbeitende Frau verständnisvoll und brachte mir Servietten, um mein Gesicht zu trocknen.

Wie auf Kommando öffnete meine Freundin die Augen. Sie schaute aber nicht etwa mich an, sondern den Kaffee, dessen Duft sie wahrscheinlich wachgeküsst hatte. Langsam, genüsslich, trank sie die Tasse leer und ass den Kuchen bis zum letzten Bröckchen. Erst als ich die Krümel aus ihren Mundwinkeln, an ihren Fingern und von ihrem Schoss wegwischte, nahm sie mich wahr. Sachte begann ich mit ihr zu sprechen, entlockte ihr gar das eine oder andere Schmunzeln. Die Aufmerksamkeit dauerte jedoch nicht lange. Bald wurden ihre Augenlider wieder schwer. Sie wollte sich denn auch schlafen legen, mitten im Nachmittag. Als die Pflegerin sie vom Rollstuhl aufhob, damit sie sich etwas bewegte und die Strecke vom 1. in den 6. Stock mit Rollator und Lift bewältigte, wirkte sie sehr schwach, zerbrechlich und desorientiert. Dann sass sie in ihrem Zimmer auf dem Bett. Ich beugte ich mich nieder, um mich zu verabschieden. Unvermittelt sah sie zu mir hoch. Ihre Augen strahlten, als sie klar und deutlich sagte: «Ich danke dir für deinen Besuch. Ich habe mich sehr gefreut.»

Auf dem Nachhauseweg wurde mir einmal mehr bewusst, dass man einen nahestehenden Menschen nicht weniger liebt, wenn er alt, gebrechlich oder dement geworden ist. Im Gegenteil, die Hinfälligkeit des anderen weckt vermehrt Fürsorge. Vor allem aber erkennt man hinter dem Schleier der Krankheit nach wie vor die Persönlichkeit, die sie einmal war – eine Persönlichkeit, die nicht ausgelöscht ist, die nur irgendwo in einem entlegenen Seelenwinkel schlummert, aus dem gute Gefühle jederzeit wieder auftauchen können.

Die Liebe ist das Zärtlichste und Schönste, das uns ein liebender Gott für einen vertrauensvollen Gang auf dieser Erde mitgegeben hat. Sagt, ist das nicht ein grosser Trost für uns alle?

Elisabeth, 16.7.2019

Gelassenheit

Es fällt uns allen schwer, glaube ich, glückliche Momente loszulassen; zu akzeptieren, dass sie in einem Husch vorbei sind. Aber was wäre, wenn die Zeit stillstehen würde – nicht nur mit den besonderen, sondern auch mit den bangen Momenten? Fänden wir daran Gefallen?

In den Achtzigerjahren liess ich mich dazu überreden, während meiner eigenen Ferien an einer englischen Privatschule drei Wochen lang französischen Kindern zwischen 10 und 16 Jahren Grundkenntnisse in Englisch beizubringen. Wir waren fünf Lehrkräfte, vorwiegend aus England. War das ein Abenteuer! Zu Beginn bekamen wir einen Tag lang ein Coaching durch einen Teacher Trainer, das Spass machte. Dafür gab es an der Schule kein Unterrichtsmaterial und kaum Unterhaltungsmöglichkeiten; wir mussten zum Beispiel auch mit einem ständig betrunkenen Koch, zugig-feuchten Schulungs- und Wohnräumen sowie einer altmodischen Infrastruktur klarkommen. Zum Glück hatte ich englische Spiele und eigenes Unterrichtsmaterial mitgebracht.

Neben unserer morgendlichen Arbeit als English Teachers oblag uns auch die Betreuung der Kinder in ihrer Freizeit, ihre Bedienung bei Tisch, das Waschen ihrer Kleider, das Bemuttern der Heimwehkranken, das Vertuschen von Bettnässen, das Verhindern frühreifer Liebeleien, die Pflege Fieberkranker. Wir organisierten ein Kostümfest, eine Schülerzeitung, nachmittägliche Sportwettkämpfe; wir buken Cookies, probten für eine Fernsehsendung, gingen per Bus in einer Kleinstadt shoppen (der absolute Renner bei den Halbwüchsigen), malten mit einem kümmerlichen Rest gefundener Farben ein Wandgemälde – kurz, das Ganze entpuppte sich als eine abwechslungsreiche aber sehr anspruchsvolle Aufgabe. Wer je mit einer Schar Halbwüchsiger in einem Lager war, weiss, wovon ich rede.  Das Gute daran: Ich hätte nie gedacht, dass ich über so viele eigene Ressourcen, Kräfte und Ideen verfüge.  

Meist reichte es uns zur Lehrerbesprechung erst nachts um elf. Ebenfalls kräftezehrend waren die beiden Ausflüge gegen Ende der drei Wochen, einer nach Brighton ans Meer, einer nach London. Jedes vom Leiterteam hatte die Verantwortung für 11 Kinder.

Brighton verlief wider Erwarten gut. Die fünfundfünfzig Mädchen und Buben freuten sich am Meer und an der Vergnügungs-Mole. In London ging’s harziger, was jedoch nicht an den Kindern lag. Am frühen Nachmittag hatten wir im Touristenstrom bereits einige Sehenswürdigkeiten besucht, aber dann vermissten wir zwei Elfjährige, die allein natürlich verloren sein würden.

Ich hatte sie gerade weinend mitten im Verkehr bei der Westminster Abbey wiedergefunden und zurückgebracht, als der Ire Murray und ich realisierten, dass wir beide alleine waren mit den 55 Kindern! Wo waren die übrigen drei Lehrkräfte? Na ja, die beiden Verliebten, von denen der Mann in London ein Studio hatte, gönnten sich mit Sicherheit ein entspanntes Schäferstündchen, während wir… Murray und ich beschafften Getränke für alle und setzten uns mit den Kindern erschöpft in den Schatten. Ich war nervös, ich war besorgt. Da legte Murray aufmunternd seine Hand auf meinen Arm und sagte: «Elizabeth, sag dir in verzwickten Situationen stets: Auch das geht vorbei.» Banal, gewiss, aber wie wirkungsvoll! Am Abend kehrten wir mit den 55 Kindern heil nach Südengland zurück, und das Lehrerteam war beim Nachtessen ebenfalls wieder vollständig.

Ich bin kein Ausbund an Gelassenheit. Wohl deshalb begleitet mich Murray’s Rat bis heute. In einer aufreibenden Situation daran zu denken, wirkt Wunder. Er bricht meiner aufkeimenden Panik und dem Stress die Spitze und lenkt mich von unnötigem Vorschuss-Kummer ab. Danke, lieber Murray!

Elisabeth, 10.7.2019         

Cook it, boil it, peel it – or forget it

Wer von Euch Tropenreisenden kennt ihn nicht? Den nützlichen englischen Rat: «Koch es, brat‘ es, schäl‘ es – oder vergiss es.» Nicht immer fällt das leicht, zum Beispiel, wenn man unterwegs von Hunger geplagt wird, oder wenn man weiss, ein Glacé vom fliegenden Händler würde einen herrlich erfrischen. Oder wenn einem in der staubigen Mittagshitze das Wasser im Munde zusammenläuft beim Anblick einer saftigen Ananas, die zwar verlockend aussieht, aber möglicherweise schon vor geraumer Zeit oder gar mit einem schmutzigen Messer zerteilt wurde. In Mauritius war es ein Würstchen, in Marokko ein an einem Marktstand frisch gepresster Orangensaft, die mir zum Verhängnis wurden; folglich ass ich in den Tropen unterwegs nur noch Bananen. Die kann man dann eben selbst schälen, und noch schmackhafter als bei uns sind sie sowieso.

Manchmal sind sie allerdings schwer aufzutreiben. Es machte in jenem Sommer den Anschein, als gäbe es in ganz Java keine Bananen. Und wie fragt man nach einer Frucht, deren einheimische Bezeichnung man nicht kennt? Endlich wurden wir «Bananen»-fündig: nämlich in einer dunklen Markthalle, über deren Eingang in grossen Buchstaben «Selamat Datang» geschrieben stand. Die ersehnten Früchte wurden gleich neben einem Verkaufstisch mit spitzen asiatischen Strohhüten verkauft, wie Reisbauern sie tragen. Bald stand ich wieder draussen, in der einen Hand ein paar Bananen, auf dem Kopf einen ausladenden Kegelhut, der unerwartet schwer auf meinem Scheitel lastete und immer wieder auf die eine oder andere Seite kippte. Ausserdem sah ich lächerlich aus damit, wie ich später im Hotel feststellte. Zur Reisbäuerin muss man wahrscheinlich geboren sein! Ich verschenkte den Hut ohne Reue. Die Bananen waren ebenfalls rasch verzehrt.

Weil wir sie bald wieder essen wollten, fragte ich unseren Taxifahrer täglich nach dem «Selamat Datang», einem Bauernmarkt. Er verstand kaum Englisch, die Worte «market» und «bananas» schon gar nicht, er wiegte bloss verständnislos seinen Kopf von einer Seite zur anderen und schwieg. Weshalb aber reagierte er nicht auf das indonesische Wort «Selamat Datang», das ich extra auswendig gelernt hatte? Es blieb uns nichts anderes übrig, als selbst Ausschau nach einer Markthalle zu halten, während wir Tag für Tag unzählige idyllische Dörfer passierten, um geheimnisumwitterte Tempel oder anmutige Tanzvorführungen zu besuchen. Hochgelegene Tempel kosteten viel Schweiss, galt es doch, Stufe um Stufe bis ganz nach oben zu erklimmen. Endlich entdeckte ich den gesuchten Schriftzug, der sich zusammen mit farbigen Bändern über einer Strasse spannte. «Stop please», rief ich aufgeregt, «hier hat’s einen Markt!» Der Fahrer hielt sofort an, machte aber keine Anstalten, uns da hin zu führen. Ungeduldig wies ich auf die über der Strasse schwebende Banderole und drängte: «Sagen Sie endlich, wo ist der Selamat Datang?» Erst sah er mich ratlos an. Dann, langsam, ging ihm ein Licht auf, und wir erfuhren, was «Selamat Datang» wirklich bedeutet, nämlich nicht «Markt», sondern «herzlich willkommen». Ui, wie peinlich!

Seither gehören zwei indonesische Wörter zu meinem festen Wortschatz: «Pisang» für «Banane» und natürlich «Selamat Datang».  

Ihr findet das überflüssig? Nicht doch! Gewiss: Allein wegen der sanften Tropennächte müssen wir inzwischen nicht mehr nach Indonesien reisen und dort nach Bananen suchen – aber wer diesen bezaubernden Inselstaat kennt, kehrt nur allzu gerne wieder dorthin zurück.

Und wenn nicht, bleibt mir eine tolle Alternative: Ich kann doch jetzt, wenn ich will, überall in der Schweiz indonesische Touristen gekonnt mit «Selamat Datang» begrüssen und ihnen zeigen, wo’s bei uns «pisang» gibt…

Elisabeth, 3. Juli 2019