Am schwarzen Meer

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Kennt Ihr die Krim? Mitte der 90er Jahre verbrachte ich zwei Wochen in Jalta. Die Halbinsel ist von bemerkenswerter landschaftlicher Schönheit. Immer wieder genießt man atemberaubende Ausblicke von den Bergen aufs Meer in der Tiefe; aus der Zarenzeit sind viele prächtige Paläste erhalten und restauriert worden. Die dichten Wälder und die weiche, nach würzigen Hölzern duftende Luft erklären, warum Jalta früher als beliebter Kurort glänzte. Schon die Zaren liessen es sich hier gutgehen. Bis heute erinnern edle Sanatorien und Kurhäuser an die bedeutenden Besucher von einst.

1917 brach in Russland die Oktoberrevolution aus, in deren Verlauf Zar Nikolaus II und seine Familie von Bolschewiken ermordet wurden. Den letzten Sommer genossen sie in ihrem eleganten weissen Liwadija-Palast auf der Krim. 1945 trafen sich am gleichen Ort Churchill, Roosevelt und Stalin zur Konferenz von Jalta, um Europa unter sich aufzuteilen. Der Palast ist eine beeindruckende Stätte voller Schätze, voll spürbarer Geschichte, voll intensiver Erinnerungen. Der italienische Innenhof und die Aussicht auf das Schwarze Meer wirken besonders reizvoll, interessant auch das Büro von Zar Nikolaus II. Die Wandteppiche der Zarenfamilie in ihren kräftigen Farben sind Schmuckstücke. Dagegen wirkt der historische Konferenztisch der drei Politiker geradezu nüchtern.

Auch ich war da… Und verlor eine Weile mein inneres Gleichgewicht, als ich mich plötzlich allein im riesigen Park wiederfand. Wo war die Reisegruppe? Ich hatte getrödelt, mich in den Anblick von kunstvoll gearbeiteten Lackdosen und Kostbarkeiten aus Bernstein vertieft. Kennt Ihr dieses ungemütliche Gefühl, allein unter Menschen zu sein, mit denen man sich nicht verständigen kann? Von dem vor langer Zeit belegten Russisch-Kurs war mir ein einziger Satz in Erinnerung geblieben: «Sprechen Sie Deutsch?» (= Вы говорите по-немецки?) Nicht gerade erfolgversprechend in dieser Umgebung, doch hatte ich schliesslich, wie schon so oft, unerwartet Glück.

Bei meinem Besuch war die Krim der Ukraine zugehörig, aber noch stark vom Kommunismus geprägt. Vieles kam mir bizarr vor, trotz der Herzlichkeit der dortigen Menschen, denn 70 Jahre Kommunismus hatten deutliche Spuren hinterlassen, von denen die kaputten Sonnenschirme und löchrigen Luftmatratzen am weißen Sandstrand noch die harmlosesten waren.

Während die Insel heutzutage dank russischer Werbung scharenweise Touristen anlockt und das zu mietende Strandzubehör mittlerweile sicher einwandfrei ist, herrschte damals bitterste Armut. Die Menschen kauften auf dem Markt angefaulte Früchte, weil sie billiger waren. Die Regale in den Läden waren mehrheitlich leer. Eine Greisin fiel mir auf, weil sie trotz offensichtlicher Altersbeschwerden mühsam die Gehwege auf dem Hotelareal säuberte. Man sagte mir, es gäbe für niemanden eine Rente. Ich legte ihr ein paar Geldstücke in die Hand. Erschüttert nahm ich wahr, wie sie sich unter Tränen bedankte und bekreuzigte.

Gleich zu Beginn buchte ich einen Helikopterflug zur Marmorhöhle auf dem Taschtyr-Dag-Plateau. Erst 1987 wurde die 2 km lange und mehr als 50 m tiefe Höhle entdeckt. Mit ihren glitzernden Kristallen und Tropfsteinen gilt sie als eine der spektakulärsten Höhlen der Welt. Der Flug selbst war auf andere Weise spektakulär. Wir etwa 15 Passagiere hoben in einem über 30jährigen, ungepflegten Helikopter ab, der einst Breschnew gehört hatte. Die Scheiben waren blind vor Schmutz, der Motorenlärm ohrenbetäubend. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis das alte Ding endlich in der Höhe war, wo es nach einer Stunde nur mit Mühe das Plateau zu erreichen schien. Eine weitere Stunde hatten wir Zeit für die Höhle. Sie war wunderbar! Eine Woche später erzählte eine andere Reiseleiterin von dieser beeindruckenden Sehenswürdigkeit und fügte an: «Bitte, bitte, buchen Sie nicht!! Wir Reiseleiterinnen stehen jedes Mal während des Fluges Todesängste aus. Vor zwei Wochen ist einer der schlecht instandgesetzten Helikopter in den Bergen abgestürzt. Alle Passagiere, auch unsere Kollegin, starben dabei. Das wollen Sie doch nicht?» Fürwahr eine schlimme Geschichte, die nicht einmal an die Öffentlichkeit gedrungen war. Wie lange hat’s Breschnews ausgedienter Helikopter wohl noch gemacht?

Eine rabiate Behandlung beim Rückenmasseur hinterliess auf meinem Körper eine Vielzahl blauer Flecken. Hatte mich vorher nur der Rücken geplagt, schmerzten mich jetzt sämtliche Knochen. Doch meine Neugierde war noch nicht gestillt. Am nächsten Tag besuchte ich einen Augendiagnostiker. Der Mann war betrunken. „Gegen die kommende Erkrankung der Eierstöck links“ empfahl er mir „Bewässerung“. Ich fand das lustig. Ob er damit eine Kur mit Wodka meinte? Ein Freund hatte eine ganz andere Idee… Jahre später erkrankte ich tatsächlich an Eierstockkrebs. Merkwürdig. Hätte ich den Diagnostiker bloß gefragt, was er unter „Bewässerung“ verstand!

Zwar war unser Hotel das zweitbeste in Jalta, dennoch gab’s im Hotelpark nächtliche Schießereien. Andere Gäste warnten mich davor, je dort spazieren zu gehen, Bekannte seien schon verprügelt worden. Ob die Schüsse auf Streit im hauseigenen Bordell im 13. Stock zurückzuführen waren? Werbewirksam wurden die aufreizend gekleideten Damen allabendlich, im offenen roten Cabrio stehend, im Schneckentempo vor das Hotel gefahren. Oder waren die Schüsse die Folge des mehr als reichlich fließenden Wodkas? Die Serviertöchter verscherbelten ohne Scham nach dem Abendessen auf ihre Rechnung den hoteleigenen Wodka an die Gäste – auf der untersten Etage des Servierboys unter einem Tuch getarnt, natürlich zum Schnäppchenpreis. Im kleinen lokalen Supermarkt wurde mein mit Mineralwasser gefüllter Einkaufswagen von Männern in schwarzen Lederjacken auf ruppige Art ausgeräumt, mich stieß man grob hinaus und schloss die Tür hinter mir ab. Aber hallo! Was hatte ich getan?? Wie ich später erfuhr, war dies eine Razzia, weil man dem Verkaufspersonal misstraute. Es gehörte zum normalen Straßenbild, dass öffentliche Busse infolge Pannen mitten auf der Strecke stecken blieben. Kein Wunder: Arbeiter entwendeten in der Fabrik dringend benötigte Ersatzteile. Wie eine der Reiseleiterinnen erzählte, gab es auch Ärzte, die im Spital Medikamente mitlaufen ließen, um sie dann in der prallen Mittagssonne auf improvisierten Holztischen von Helfern verkaufen zu lassen. Wir trafen russische Soldaten, die seit Monaten keinen Sold mehr erhalten hatten und deshalb ihre Uniformknöpfe für eine Kopeke pro Stück an uns verhökern wollten.

Der schwierige Alltag der vorwiegend russischen Bevölkerung machte sich überall bemerkbar. Wir verwöhnten Schweizer aßen zwar die Blinis und den Sauerrahm mit Genuss. Die übrigen Speisen waren jedoch enttäuschend. Da wurde der prickelnde Krimsekt zu staubtrockenem Gebäck serviert, die Butter war verdorben, fettige Suppen dominierten die Mahlzeiten, das gebratene Poulet war flach geschlagen und folglich voller kleiner Knochensplitter. Ein Toilettenbesuch unterwegs entpuppte sich als wahres Abenteuer. Die Gäste (ich inbegriffen) erkrankten denn auch reihum an schwerem Durchfall. Schade um den Galaabend mit dem erstklassigen Ballett-Ensemble! Die einzig verfügbare Diät bestand aus Schwarztee und, kurz vor dem Heimflug, Spritzen vom Arzt.

Nicht genug, dass die Bevölkerung unter großer Armut litt – Mafia und Korruption verschlimmerten die Lebensbedingungen noch zusätzlich – wie immer, wenn Mächtige das Sagen haben und nach dem Motto „Ich zuerst“ handeln. Es ging das geflügelte Wort: „Wenn Sie viele Sorgen haben, so bringen Sie Ihr Geld zur Bank. Dann haben Sie nur noch eine Sorge: Wie bekomme ich mein Geld wieder zurück?“

Ich möchte gerne glauben, dass sich die Verhältnisse inzwischen in jeder Hinsicht gebessert haben. Oder ist das naiv? Was meint Ihr?

Elisabeth, 28.5.2019 

Ein Tag im Leben von…

Ich stand am SBB-Automaten und hatte soeben meine Kreditkarte aus dem Portemonnaie geklaubt, als der ältere Herr dicht neben mir auftauchte und laut rief er: «Halt!» Ich schrak zusammen. «Was wollen Sie?» fragte ich, «lassen Sie mich doch meine Fahrkarte lösen.» «Darum geht es ja gerade», erwiderte er. «Wohin fahren Sie?» Verstohlen blickte ich um mich. Vor allen Automaten stand jemand, er würde bestimmt nicht wagen… Aber eigentlich sah er ganz nett aus. Ich hatte vor, meine kranke Schwester zu besuchen und nannte ihm mein Reiseziel. «Ja, das passt,» fand er und streckte mir eine Tageskarte hin. «Schauen Sie», erklärte er, «sie ist nur einen Tag gültig, nämlich heute, und ich bin wegen einer dringenden Angelegenheit verhindert. Es wäre doch schade, wenn sie verfallen würde.» «Da haben Sie allerdings Recht», meinte ich, inzwischen um einiges freundlicher. «Was kostet sie denn?» «Nichts, nur ein Dankeschön, ich schenke sie Ihnen.»

Und diesem liebenswürdiger Menschen hatte ich misstraut!! Die abwechslungsreiche Fahrt durch den saftig-grünen Frühling genoss ich danach dankbar und unbeschwert. Der Zug fuhr bis nach Berlin. Ich war noch nie in Berlin, und einen Augenblick lang träumte ich davon, bis zum Endbahnhof weiterzufahren, einfach so, aus Freude, aus Abenteuerlust. Natürlich gab ich dem Impuls nicht nach – meine Schwester wartete auf mich.

Kurz vor meinem Zielort gab’s einen weiteren Grund zu Frohmut: Der Zugbegleiter informierte über den Lautsprecher, dass unser Zug pünktlich um 12.01 Uhr auf Gleis 12 ankomme. Nach der ausführlichen Bekanntgabe von mehreren Zugverbindungen für Umsteigende ertönte am Schluss noch folgende Mitteilung: «Auf Gleis 2 fährt um 12.02 Uhr der Zug nach XY. Dieser Zug wartet den Anschluss nicht ab. Sehr Sportliche unter Ihnen schaffen’s vielleicht trotzdem.» Gut, musste ich Sportmuffel nicht nach XY! Die «verehrten Fahrgäste» schauten einander an und lachten fröhlich. Alle Hektik war vergessen. Was für ein schöner Auftakt, was für ein heiterer Morgen! Wir Menschen haben die Gabe, unseren Mitmenschen den Tag zu verschönern. Dazu braucht’s nicht einmal viel: ein offenes Gemüt, Grosszügigkeit, Humor, gute Laune. Ab heute versuch ich’s immer mal wieder mit einem freundlichen Lächeln. Wer macht mit?

Elisabeth, 22. Mai 2019      

Leben, lieben, sterben

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»Herr, es ist Zeit…» Der dies dichtete, war bekanntlich Rainer Maria Rilke. Er hatte den Herbstanfang im Sinn. Ich möchte den Gedanken weiter fassen. Wenn man 75 ist, schwindet die Lebenszeit spürbar, stetig, und man hat bereits mehrere Male erleben müssen, wie ein geliebter Mensch auf einmal nicht mehr ist.

Der endgültige Weg, der Weg ins Sterben, ist die schwierigste aller Lebensaufgaben, das letzte grosse Loslassen. Es heisst, das Leben selbst mit allem Drum und Dran aufgeben; sich verabschieden von Bitternis und Enttäuschung, die sich im Laufe der Jahre im Herzen angesammelt haben, aber auch von aller Zärtlichkeit und Freude. Was ist wohl schwieriger preiszugeben, das Belastende oder das Schöne? Mit zunehmendem Alter dämmert einem, dass die Tatsache der eigenen Vergänglichkeit weder trivial noch angenehm ist, sondern im Gegenteil belastend. Sie erscheint einem widernatürlich. Selbstverständlich wissen wir, dass Leben am Ende Tod bedeutet, aber fast unser ganzes Dasein lang ist es nicht viel mehr als ein abstrakter Gedanke, der das Herz (noch) nicht erreicht hat. Können wir uns den Tod überhaupt vorstellen? Ich frage mich, wie der wandelbare Geselle wirklich aussieht, der mal auf leisen Sohlen, mal laut und hässlich, mal als Freund und mal als Feind, und meistens zur Unzeit, auftaucht. Das Bild vom Sensenmann hat mir nie behagt. Viel lieber male ich mir aus, dass es ein Todesengel mit mächtigen Schwingen ist, der einem den Lebensatem vom Munde küsst und die Augen sachte schliesst, bevor er die Seele zum Schöpfer zurückträgt.

Was geschieht nach dem Tod mit unserem Bewusstsein? Was mit den während des Lebens zusammengetragenen Erfahrungen? Spürt man etwas von der Kälte und Erstarrung, die den Körper von einer Sekunde zur anderen befallen? Die meisten Menschen hängen am Leben und wollen nicht sterben. Wir wissen ja praktisch nichts darüber, müssen dennoch den endgültigen Schritt ins Unbekannte alleine tun. Ich finde, das kostet enorm viel Tapferkeit. Ist Sterben ein schmerzhafter Prozess wie die Geburt, oder ist es im Gegenteil eine beglückende Befreiung von der Erdenschwere? Was erwartet uns im Jenseits – ein totales Nichts – oder die Fülle bei Gott? Mich besänftigt Letzteres. Die Aussage Rilkes: «Vergangen nicht – verwandelt ist, was war» setzt ebenfalls ein hoffnungsvolles Zeichen.  

Wenn ich versuche, in die verschwiegenen Ursprünge unserer Existenz einzutauchen, komme ich zu neuen Bildern. Auf Erden werden wir gezeugt, meist in Liebe, manchmal in Not oder Schande, doch unser Ursprung liegt nicht prioritär in menschlichem Tun; er geht auf eine göttliche Quelle zurück. Geheimnisvoll lässt der ewige Lebensfunke neue Geschöpfe erglühen, lässt sie wie Sternschnuppen in die irdische Wirklichkeit gleiten und dort ihre Bahn ziehen, bis sie auf göttliches Geheiss – man weiss nie wann – erlöschend an ihren Ursprung zurückkehren.

Für mich persönlich wird Sterben dereinst bedeuten: Abschied von der Musik, von morgenfrischen Sonnenaufgängen und feurigen Sonnenuntergängen, von lauen Frühlingslüftchen, blühenden Bäumen und blumenübersäten Wiesen, von warmen Sommernächten mit ihren fröhlichen Festen, vom Farbentaumel des Herbstes, von winterlichen Traditionen, jubelnden Gesängen, Kerzenschein – kurz, Abschied von der Schönheit des Lebens. Vor allem aber beinhaltet Sterben das herzzerreissende Abschiednehmen von meinen Allernächsten und von vertrauten Freunden.

Unser Dasein verläuft auf verschlungenen Wegen, rätselhaft, undurchschaubar. Wir mühen uns ab und lieben es dennoch, wir lehnen uns auf und machen’s uns selbst nicht leicht. «Das Leben ist eine Wundertüte aus Gottes Hand», hat unsere Pfarrerin neulich gesagt. Der Glaube, dass eine höhere Weisheit über allem steht, vermag indes nicht jedermann zu trösten. Doch wie wunderbar, wenn am Ende unseres Lebens das Einverstanden-Sein in uns gereift ist und wir dankbar sein können für Freude und Leid. Denn am Schluss, so denke ich, gleicht sich alles aus. Was zählt, was überdauert, ist die Liebe und ihr Nachklingen in den Herzen der Zurückgebliebenen. Selbst vergangene Liebe bleibt Liebe. Ihr Zauber ist nicht vergänglich. Sie ist das Unbegreiflichste und Kostbarste, was zwischen Menschen entstehen kann. Schon als junge Frau war ich angerührt von Theodor Storms Zeilen: «Wer je gelebt in Liebesarmen, der kann im Leben nie verarmen.»

Elisabeth, 15.5.2019

Von Fröschen und Menschen

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Eines Tages verliessen die beiden Frösche Franz und Fritz ihren Tümpel, um die weite Welt zu erforschen. Sie hüpften fröhlich quakend durch die Gegend und kamen zu einem Bauernhof. Vor dem Stall stand ein grosser Eimer. „Was ist wohl da drin?“ wunderte sich Frosch Fritz. „Schauen wir mal nach,“ schlug Frosch Franz vor. Gesagt, getan. Sie nahmen Anlauf und – hoppla! – landeten in einem Eimer, der bis zum Rand mit Milch gefüllt war. Da die Milch dick und cremig war, begann sie ihre Nasenlöcher zu verstopfen. Was tun? Die Weibchen herbei zu quaken, würde kaum helfen, obwohl Weibchen sehr oft Rat wissen, aber es war zu befürchten, dass sie mit leichter Hysterie auf die Situation reagieren würden. „Schwimmen, wir müssen schwimmen,“ schnarrte heiser Frosch Franz. Sein Freund gehorchte. Also begannen sie zu paddeln, zu paddeln… Sie paddelten im engen Rund, bis sie sehr müde wurden. Da seufzte Frosch Fritz: „Ich kann nicht mehr, ich gebe auf. Adieu.“ Mit schweren Schenkeln liess er sich fallen und sank auf den Grund des Eimers. Das war das verfrühte und unrühmliche Ende von Fritz. Nicht so Franz, der sich nicht entmutigen liess: In stillem Eifer schwamm er weiter, immer im Kreis, die ganze Nacht hindurch. Am andern Morgen, als die Sonne eben ihre ersten Strahlen über den Bauernhof sandte, sass Frosch Franz auf einem goldenen Butterberg und konnte bequem aus dem Eimer hüpfen. Wie schön für die Froschweibchen in seinem Tümpel!

Es gehört leider zum Leben, dass wir auf Schwierigkeiten stossen oder gar eine Krise durchzustehen haben. Dann braucht es Kreativität und vor allem Durchhaltewillen. Für eine solche Episode wünsche ich Euch von Herzen eine nie versiegende Ausdauer und genügend Kraft. Denkt dabei an den «goldenen Butterberg» bei Sonnenaufgang!

Elisabeth, 8. Mai 2019

Das Mittagessen

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Als ich im letzten Blog über Mademoiselle Georges berichtete, tauchte in meinen Gedanken unvermutet eine andere weibliche Person aus dem Pariser Büro auf: Mademoiselle Morice. Sie war zierlich und sehr scheu, das pure Gegenteil von Mademoiselle Georges. Sie bewegte sich wie ein erschrecktes graues Mäuschen durch die Korridore, was in merkwürdigem Gegensatz zu ihrer Stellung als Sekretärin des Vizedirektors zu stehen schien. Doch dieser Herr war jähzornig und unbeherrscht. Den ganzen Tag hörte man ihn herumbrüllen, sogar am Telefon. Mademoiselle Morice war sein bevorzugtes Opfer; sie liess sich tagein, tagaus von ihm herumhetzen und schlecht behandeln. Dabei war sie tüchtig, arbeitete effizient und äusserst pflichtbewusst. Warum wehrte sie sich nicht? War sie von Kindheit an solch miese Behandlung gewohnt? Oder war es, weil es auch damals schon schwierig war, in Paris eine Stelle zu finden? Dass sie in ihren Chef verliebt war, konnte ich mir nicht vorstellen.

Manchmal, wenn er einen englischen Brief diktieren wollte (was zum Glück nur selten vorkam), liess er mich rufen. Ich fand ihn unsympathisch und nicht ganz normal. Ständig warf er mit Papieren oder gar Büromaterial um sich, verwechselte eines seiner zwei Telefone, schrie nacheinander in beide. Sein Pult glich einem Schlachtfeld. Mit mir war er einigermassen anständig, vielleicht, weil ich wie er aus der Schweiz kam. Dennoch verliess ich jedes Mal nach dem Diktat aufatmend sein Büro und dachte: «Gottseidank muss ich den nicht öfters ertragen.» Natürlich war mir selbst damals klar, dass ich in dieser Umgebung meine ersten Lektionen in Lebensschulung bekam!    

Das Büro von Mademoiselle Morice lag neben unserem. Eines Vormittags, kurz vor Weihnachten, kam sie zu uns herüber. Sie sah ganz verwandelt aus: ihre Augen strahlten, glücklich lächelnd erzählte sie uns, ihr Chef habe sie heute Mittag zum Essen eingeladen. «Endlich», sagten wir, «endlich zeigt er ein wenig Wertschätzung!»

Wir schauten aus dem Fenster, wie Chef und Sekretärin auf das feine Restaurant am Ende der Strasse zusteuerten.

Die Zeit über Mittag wurde uns lang. Wir platzten fast vor Neugierde. Was würde sie erzählen? Wie wir wissen, ist Frankreich ein Eldorado für alle Geniesser. Beim Warten malten wir uns aus, was für ein opulentes Mahl aufgetischt werden würde – von einem herrlichen Dessert ganz zu schweigen. Vielleicht gab’s zum Kaffee gar eine Tarte Tatin? Eine Crêpe Suzette? Eine Tarte Framboises? Oder köstliche Petits Fours?

Endlich kam sie zurück. Sie wirkte noch zerbrechlicher als sonst, das Strahlen war verschwunden. «Erzähl», baten wir. Da flüsterte sie: «Er hat für mich nur den Kaffee bezahlt.» Niemand sagte ein Wort. Voller Mitgefühl sah ich, wie sich aus ihren Augen zwei dicke Tränen lösten und über ihre blassen Wangen rollten. Still ging sie hinaus, zurück an ihre Arbeit.

In mir schoss heisse Empörung über den kaltherzigen Geizhals auf. Aber keine von uns hatte ein Wort des Trostes für sie gefunden. Gab es da überhaupt einen Trost?

Elisabeth, 30.4.2019

Fräulein Georges

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Im Büro nannten sie alle «Mademoiselle Georges», und nicht «Madame Georges», obwohl sie ein Kind hatte. Wir waren im Korrespondenzdienst sechs Frauen. Auf relativ engem Raum arbeiteten wir zusammen, mal besser, mal schlechter, denn Missgunst und Tratsch waren nie weit. Der Sitz des Versicherungsmaklers lag auf zwei Etagen in einer ruhigen Quartierstrasse in Paris, in der Nähe des Parc Monceau. Alain Delon hatte gleich vis-à-vis ein kleines Appartement, das er zu unserem Leidwesen höchst selten aufsuchte.

Das Foto, das Mademoiselle Georges mir, kaum war ich angekommen, von ihrem kleinen Nicolas unter die Nase hielt, zeigte einen hübschen, kraushaarigen, etwa 7jährigen Jungen. «Von einem Marokkaner», erklärte sie stolz. Dann glitt ein Schatten über ihr Gesicht. «Ich weiss nicht, wo der Mann inzwischen lebt. Er ging weg, als ich schwanger war.»

Sie war in der Bretagne aufgewachsen, ihre Mutter früh verstorben. Ihr Vater, inzwischen alt und gichtgeplagt, war dort Landarzt gewesen. Auch von ihr gab’s ein Foto, ein früheres: Eine schöne junge Frau. Jetzt trug sie eine hässliche Brille mit dicken Gläsern und hatte strähniges Haar, das sie von Zeit zu Zeit selber stutzte. Einst hochgewachsen und schlank, war sie nunmehr in die Breite gegangen. Die Kleider, die sie auf dem Flohmarkt kaufte, standen ihr nie, obwohl sie sie immer voller Freude im Büro vorführte. Mit Stolz präsentierte sie vom «Marché aux Puces» auch ein Kästchen mit Lippenstift-Muster, wie man sie damals im Warenhaus sah, als Hilfe für die Wahl des richtigen Farbtons. «Von Dior», strahlte sie und wies auf die 15 unappetitlichen Stummel hin. In der Folge schmierte sie sich jeden Tag eine neue Farbe auf die Lippen, ob sie ihr nun stand oder nicht – Hauptsache «von Dior».

Die Kolleginnen belächelten sie. Ich mochte sie. Gewiss, sie besass einiges an Naivität und Gutgläubigkeit, das merkte selbst ich unerfahrenes junges Ding aus einer Schweizer Kleinstadt. Doch sie war die Freundlichkeit in Person, und die Art, wie sie dem Leben und ihrer offensichtlichen Armut mit einem Lächeln trotzte, hatte etwas Berührendes.

«Les Halles», dieser seit dem 12. Jahrhundert bestehende, legendäre Grossmarkt Frankreichs mitten im Herzen der Stadt, existierte 1964 noch am alten Standort. Er war fest mit dem Quartier verwachsen und ein unvergleichlicher Ort, dem der Ruf des quirlig-bunten Besonderen, aber auch des gefährlich Verruchten anhing. Zum Leidwesen vieler wurden «Les Halles» 1970 abgebrochen und in die Peripherie verlegt. Dabei sollen Heere von aufgescheuchten Ratten das Weite gesucht und die prekären Hygieneverhältnisse in aller Deutlichkeit sichtbar gemacht haben. Ob die Nager wohl ebenfalls in die Peripherie umzogen?

Einerlei. In jenem Sommer, als ich mein einjähriges Büropraktikum absolvierte, hatte Mademoiselle Georges einen, wie sie glaubte, zündenden Einfall: Sie würde für ihre Kolleginnen und Kollegen frühmorgens auf dem Markt Früchte und Beeren holen und sie im Büro gegen ein kleines Aufgeld weiterverkaufen. Es war ein schöner, heisser Sommer. Mademoiselle Georges radelte jeden Morgen vor Arbeitsbeginn durch die halbe Stadt und zurück, durch Verkehr, Gestank und aufkommende Hitze, und kam mit einer kleinen Kiste auf dem Gepäckträger um 9 Uhr im Büro an. Durch die holprige Fahrt über Pflastersteine hatten die empfindlichen Früchte bereits gelitten. Gut möglich, dass sie in «Les Halles» auch Früchte zweiter Wahl erstanden hatte. Der Lauf der Dinge war vorauszusehen: Kaum jemand interessierte sich für den etwas lädierten Segen, und so blieben die meisten Körbchen bis am Abend in unserem Büro stehen, was ihrer Qualität nicht eben zugutekam. Sie liess sich nicht entmutigen. Unverdrossen ging sie von Zeit zu Zeit in beiden Stockwerken von Büro zu Büro, schnitt angeschlagene Pfirsiche in Schnitze und verteilte an jede und jeden mindestens einen Schnitz, während sie selbst einen ass und dabei mit einem verzückten «miam-miam» zur Decke schaute, um zum Kauf zu animieren. Ebenso verschenkte sie die besten Beeren aus den verschiedenen Körbchen und wartete gespannt auf die Reaktion. Doch wir assen damals lieber Schleckzeug wie Biskuits, Bonbons und «Mon Chéri», die wir bei einer anderen Kollegin kauften, die sich um Kundschaft nicht bemühen musste.

Manchmal, am Abend, bevor ich das Büro verliess, erbarmte ich mich und kaufte ein Körbchen mit zermantschten, halb verfaulten Früchten, das sie mir dankbar, wohl zum Schleuderpreis, überliess. In meinem Zimmer ass ich ohne grossen Appetit die wenigen noch essbaren Beeren und kippte den Rest in meinen Abfalleimer. Damit setzte ich mich regelmässig einem Donnerwetter meiner Zimmerwirtin aus, die mich eine Verschwenderin schalt und mich aufforderte, nur noch soviel zu kaufen, wie ich auch essen möge. Meinen Erklärungsversuchen schenkte sie keinen Glauben. Und so verlor Mademoiselle Georges schliesslich als Kundin auch mich.  

In der Erinnerung steigt mir der faulige Beerengeruch, dem wir einen ganzen Sommer lang ausgesetzt waren, noch immer in die Nase. Mademoiselle Georges gab ihr Vorhaben erst auf, als kalte Herbstnebel über der Seinestadt aufzogen. Heute liebe ich Beeren über alles und bin jedes Mal betrübt, wenn die Saison der Sommerfrüchte zu Ende geht. Damals in Paris war ich froh darüber…

Elisabeth, 23.4.2019

Jerusalem

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Es ist am Vorabend von Jom Kippur, dem Versöhnungsfest, das als höchster jüdischer Feiertag gilt. In früheren Zeiten schickte der Priester einen Ziegenbock als Sündenbock in die Wüste.

Zusammen mit israelischen Freunden sind DER MANN und ich in der Jerusalemer Altstadt unterwegs. Aus allen Gassen und Gässchen strömen massenhaft Leute, alle mit dem gleichen Ziel: die Klagemauer. Junge und Alte, Orthodoxe, Chassidim, Liberale, alle in Feststimmung und Festkleidung; gelöst, freudig, erwartungsvoll, mit Gebeten auf den Lippen. Auf dem Gebetsplatz vor der Klagemauer wimmelt es nur so von Menschen, mehr als ich je auf einem Haufen gesehen habe. Wunderbare Gesänge erfüllen die Luft, Lachen, Gemurmel, Fröhlichkeit, Anbetung, wohin man schaut.

Wie heisst es doch mahnend auf der EDA-Homepage über Israel? „Wegen der angespannten Situation ist in Jerusalem besondere Vorsicht geboten, vor allem bei Altstadtbesuchen an jüdischen und islamischen Feiertagen.“ Daran denken wir jetzt nicht. Es ist eindrücklich, mystisch, vermischt mit ehrfürchtigen Schauern, Gänsehaut rieselt über den Rücken. Wir lassen uns von der heiteren, sinnesfrohen, bisweilen leidenschaftlichen Stimmung anstecken, uns mitziehen in diesem Menschenstrom, der vor Vorfreude vibriert. Wir erfahren kaum Stockungen, die Menge bewegt sich zielstrebig. Nachdem wir den geschichtsträchtigen Platz wieder verlassen haben, gibt’s keinen Weg zurück, nur vorwärts. Auch wir sind relativ rasch unterwegs. Die zahlreichen bewaffneten Sicherheitsbeamten nehmen wir kaum zur Kenntnis. Ich gehe am äussersten Rand auf der linken Seite. Meine leichte Bluse mit den langen Fledermausärmeln bläht sich im aufkommenden Wind. Plötzlich spüre ich etwas Kaltes, Metallisches an Ellbogen und Oberarm – und entdecke einen Gewehrlauf, der sich in meinen Blusenärmel verirrt hat. Ich habe mir buchstäblich einen Sicherheitsbeamten geangelt! Blitzschnell ziehe ich meinen Arm weg, befreie den Ärmel vom Sturmgewehr und murmle: „Sorry!“ Der Soldat verzieht keine Miene. Mir aber fährt nachträglich der Schreck in die Glieder.

Später verfolgen DER MANN und ich im Fond eines Taxis amüsiert eine heftige, in Hebräisch geführte Diskussion zwischen Sicherheitsoffizier, Taxifahrer und unseren Freunden. Wir verstehen kein Wort, aber dass die Emotionen hochfliegen, ist unverkennbar. Der Grund ist leicht zu erahnen: wir sitzen fest, umringt von Menschenmassen, blockiert durch gesperrte Zufahrten. Schliesslich dreht sich der Sicherheitsoffizier mit harter Miene weg, ohne weiteren Kommentar – nicht einmal ein Wendemanöver hat er erlaubt. Unserem Chauffeur bleibt nichts anderes übrig, als das Taxi samt Fahrgästen rückwärts ein unglaublich steiles, furchtbar enges und holpriges Gässchen hinunter zu quälen. Mit mehr Krach als Ach finden wir schliesslich zum Ausgangspunkt zurück, dem Parkhaus vor den Toren der Altstadt. Natürlich, hier geht Sicherheit immer vor! Die lückenlose Bewachung ist es ja, die es ermöglicht, die Magie der Stadt ungestört in sich aufzunehmen.

Dieser Magie kann sich kaum jemand entziehen. In meinem Reiseführer steht gar: In Jerusalem beginnt selbst der überzeugteste Atheist an Gott zu glauben. Allein die Schönheit des Ortes, das warme Licht, die Bauten aus goldfarbenem Stein, die liebliche Lage in den Hügeln mit den grünen und silbrigen Kronen der Feigen- und Olivenbäume reichen für den Gesinnungswandel aus.

Auch für uns ist Jerusalem etwas ganz Besonderes. Es gibt wohl keinen Ort auf Erden, wo mehr gebetet, gesungen, Gott gelobt und angefleht wird, das gibt der Stadt ein ganz spezielles Gepräge. Doch erst am Ende des Tages, wenn Hitze, Gewimmel und Getöse der geschäftigen Stunden am Verebben sind, spürt man, wie Gottes mächtiger Atem durch die engen Gassen der Altstadt strömt. Im uralten Gemäuer nisten Geheimnisse, wehen Erinnerungsfetzen aus dem Altertum, wispert der Wind. Er trägt den Nachhall jahrtausendealter Geschichten über die heiligen Dächer hinaus und in unsere Zeit hinein. Sie erzählen von Siegen und Niederlagen, menschlichen Leidenschaften und Blutvergiessen – und von Jahwe, dem Ewigen.

Das jüdische Pessachfest, das an den Auszug aus Ägypten erinnert, beginnt dieses Jahr am Abend des 19. April nach Sonnenuntergang und dauert eine Woche, während wir Christen Karfreitag und Ostern feiern. Ich wünsche Euch frohe und erholsame Tage. Freut Euch: der Tod hat nicht das letzte Wort!

Elisabeth, 10.4.2019