Die Blumenfrau

Müde geworden, setzten wir uns auf dem von uralten Bäumen und prächtigen Gebäuden gesäumten Rustaweli Boulevard auf eine der zahlreichen Sitzbänke, die auf dem breiten Trottoir standen. Die belebte Allee ist eine 1,5 km lange Hauptverkehrsstrasse im Zentrum von Tiflis und gilt als Prachtstrasse der georgischen Hauptstadt. Neben den unzähligen Platanen verleihen Blumenrabatten, kleine Parks mit Rasenflächen, Trinkwasserfontänen und Skulpturen dem Boulevard eine freundliche Atmosphäre. Den Höhepunkt bildet der grossräumige Freedom Square mit dem Rathaus und der vergoldeten, 5.6m hohen Statue des Heiligen Georgs. Unter der russischen Herrschaft stand bis 1990 hier noch die Statue von Lenin, hiess der Platz noch Lenin Square.

Überall in Georgien empfingen uns die Menschen aufs Liebenswürdigste. Dass Touristen in diesem aussergewöhnlichen Land überaus willkommen sind, haben wir täglich erlebt. Was uns ebenfalls angenehm auffiel, war diese lockere, ruhige Art der Georgier – die signalisierte, dass es hier nicht zuallererst ums Geld geht. Leistungsdruck war nicht spürbar. Im Restaurant z.B. gab’s kein ständiges Auftauchen des Servicepersonals am Tisch, um unsere Plätze möglichst rasch wieder freizubekommen. Auf ein Trinkgeld hinarbeiten, zum Konsumieren drängen: Nichts von alledem. Dafür Geduld, Aufmerksamkeit, Lächeln, Luftküsse, Dankeschön mit „Hand aufs Herz“. Didi Madloba, Georgien!

Doch nun hatten wir Grund, müde zu sein. Hinter uns brauste auf sechs, manchmal gar acht Spuren der Verkehr vorbei, lärmten aufheulende Motoren, wirbelten Abgase in den sonnigen Nachmittagshimmel. Vor uns dröhnte aus jedem Restaurant, jedem Laden überlaute Musik, deren Rhythmen aus leistungsstarken Lautsprechern im Wettstreit mit dem Verkehrslärm zu sein schienen. Auf einem ausgedehnten Bummel waren wir an armen Bettlerinnen, an Bouquinistes und Malern vorbeigeschlendert, die ihre zum Teil gebrauchten Waren an schmiedeeisernen Geländern oder auf Mäuerchen ausgebreitet bzw. aufgehängt hatten. Die farbenfrohen, glänzenden Souvenirs der Andenkenverkäuferinnen kamen auf breiten Gebäudetreppen am besten zur Geltung und lockten Neugierige an. Nicht, dass uns diese unerwarteten Sinneserlebnisse missfallen hätten, aber sie hatten uns an diesem ersten Tag in Tiflis ermattet, und so sassen wir eine ganze Weile auf besagter Sitzbank.    

Unwillkürlich zuckte ich zusammen, als sich uns eine Frau näherte, deren Aussehen etwas auffallend Schrilles hatte. Doch war sie auf eine klägliche Art aufgedonnert. Ihre Kleidung war bunt und zusammengewürfelt. Die verfilzten Haare trugen Spuren von misslungenem (oder längst überfälligem) Färben, sie zeigten sämtliche Nuancen von Hell- bis Dunkelgelb. Ihre Lippen waren blutrot geschminkt und übel verschmiert. Im linken Arm hielt sie ein paar verwelkte Blumenbouquets, mit der rechten Hand streckte sie mir den verfaultesten davon hin, einen Asternstrauss mit geknickten Blüten, deren verblasste Farbe kaum noch erkennbar war. Es sah aus, als hätte sie die Blumen aus einem Abfallkübel gefischt. Oder trug sie sie seit Tagen herum, ohne dass jemand sie kaufen wollte? Natürlich wehrte ich ab, doch sie blieb einfach stehen. Aus der Nähe betrachtet, erschien sie mir unter der Schminke ziemlich alt und elend. Deshalb öffnete ich mein Portemonnaie, in dem sich noch wenig Geld in der Landeswährung befand. Stattdessen fischte ich einen 5EuroSchein heraus, was etwa 16.30 Lari (GEL) ausmachte. Es schien wenig, würde hier aber für mehrere gute Abendessen reichen.

Misstrauisch betrachtete sie das Geld, dann legte sie die lädierten Blumen rasch in meinen Schoss und setzte ihren Weg fort. Nach ein paar Schritten kam sie eilends zurück und ging zielstrebig in die Wechselstube, die sich zufälligerweise links gegenüber unserer Sitzbank befand.

«Die hat sich nicht einmal bedankt», bemerkte DER MANN. «Macht ja nichts», meinte ich, «ich glaube, sie ist sehr, sehr arm.» Kurz darauf verliess die Frau die Wechselstube. Wieder kam sie zu mir und starrte mich mit grossen Augen an. Ich hatte keine Ahnung, was sie vorhatte. Als sie dicht vor mir stand, beugte sie sich über mich. Sie küsste mich auf den Kopf, mitten ins Haar: einmal, zweimal… ganze fünfmal – langsam, zärtlich, ohne ein Wort zu sagen. Überrascht wie ich war, rührte ich mich nicht. Schliesslich wandte sie sich zum Gehen. Ich blickte ihr nach, wie sie leicht hinkend, doch aufrecht und würdevoll, in der Menge verschwand. Ich fragte mich, wie ihr bisheriges Leben verlaufen sein mochte. Ungebunden, sorglos, abenteuerlich oder traurig? In Georgien hat die Familie einen hohen Stellenwert. Man sorgt liebevoll füreinander, auch in finanzieller Hinsicht. Hatte die Blumenfrau keine Familie, niemanden, der sich um sie kümmerte?

Noch selten hat mich etwas so tief berührt wie dieses stumme, zarte Dankeschön von einer Fremden. Ich wünschte, ich hätte mehr für sie getan.  

Elisabeth, 18. September 2019

Ein indisches Märchen

Das 10tägige Festival zu Ehren des Elefantengottes Ganesha ist in vollem Gange. Seit Stunden dringt der nächtliche Festlärm aus dem indischen Städtchen zum Palasthügel herauf und damit in unsere Ohren: dumpfes Trommeln, Musik, fröhliche Rufe, hämmernde Rhythmen. Dies und das giftig-grüne Licht über dem Doppelbett, das sich einfach nicht löschen lässt, hindern uns am Schlafen.

Durch berückend schöne Landschaften hat uns heute Nachmittag der zuverlässige Fahrer Ashok in diesen Palast gebracht, auf den wir uns seit Beginn der Reise gefreut haben. „Es gibt kein anderes Hotel auf dieser Strecke“, hat er uns informiert. „Macht doch nichts“, denke ich. „Für einmal das Leben genießen wie Maharadscha und Maharani! Ein indisches Märchen am eigenen Leib erfahren!“ Die Fürstenfamilie soll den Gästen heute Abend bei einem Konzert auf einer der Terrassen ihre Aufwartung machen.

Der Palast ist eine prachtvolle, imposante Anlage mit filigran behauenen Fassadenelementen, unzähligen Bogenfenstern, Balustraden, Zwiebeltürmchen, Säulen, hohen Zinnen. Er erstreckt sich über mehrere miteinander verbundene Gebäude, dazwischen ein großzügiger Hof voller Blumen, Büsche und Topfpflanzen. Ich bin begeistert. Wir werden in unser Zimmer geführt, das dicke Wände aufweist, wie es einem Palast gebührt. Im weitläufigen Badezimmer mit den kunstvollen, herrlich leuchtenden Blumenmosaiken an Boden und Wänden und den Stuckaturen an der Decke hängen gebrauchte Badetücher und schmutzige Bademäntel, stehen geöffnete Toilettenartikel herum, hier ist offensichtlich nicht geputzt worden. Eine Kleinigkeit, großzügig sehen wir darüber hinweg. Wir wundern uns über die Dusche, die zwei seitliche Düsen hat, wie wir sie noch nie gesehen haben. Der dunkel getäferte Wohnraum ist rechteckig und etwa 12 m lang. „Toll“, rufe ich aus. „So viel Platz nur für uns zwei!“ Die Türe lässt sich jedoch nur mit Mühe schließen, geschweige denn verriegeln. Nicht zu fassen: ein Schild warnt explizit vor „Dieben und Einbrechern“.

Im gotisch gewölbten, einem Mausoleum nicht unähnlichen Schlafzimmer, das gespenstisch von besagtem grünen Licht erhellt ist, hängt am Tüllvorhang vor dem Fenster mit den viereckigen Butzenscheiben eine Fledermaus. Neben dem Telefon im Wohnraum liegt eine Nummernliste, aber bei keiner der Nummern meldet sich jemand. DER MANN, wie immer praktisch denkend, macht sich zu Fuß auf den Weg, um einen dienstbaren Geist zu finden. Eine Fledermaus einzufangen, gehört nicht gerade zu unseren Hobbies. Er bleibt lange weg. Endlich kommt er zurück mit dem Barmann, den er in irgendeinem Zwischengeschoss aufgespürt hat. Zum Glück kann dieser nicht nur mit dem Mixbecher umgehen, sondern auch mit Fledermäusen.

Zum Abendessen sollen wir uns im Restaurant auf den Zinnen gegenüber einfinden. Es ist abenteuerlich, sich in diesem Riesenkomplex zurecht zu finden. Es geht treppauf, treppab, quer durch Geschosse, ein kurzes Stück mit einem offenen, vorsintflutlich anmutenden Lift, wieder hinunter, wieder hinauf, und überall ist’s völlig menschenleer. Die Stufen sind für mich zu hoch, ich schaffe sie nur mit knapper Not. Ach ja, eine echte Maharani würde natürlich in der Sänfte getragen! Als wir endlich auf der Dachterrasse ankommen und gerade angefangen haben, unsere Teller zu füllen, beginnt es zu gießen, als wäre heute der Tag der Sintflut hereingebrochen. Statt mit den wohlriechenden Speisen, sind die Teller im Nu mit Regenwasser gefüllt. Es hat keinen Unterstand, wo wir hin flüchten könnten. Selbst die Maharadscha-Familie hat es offenbar vorgezogen, bei diesem Regen in Deckung zu bleiben.   

Wohl oder übel ziehen auch wir uns zurück. Schade. Wie herrlich müsste es an einem klaren Abend hier oben auf den Zinnen sein! Wie sehr der wundervolle indische Sternenhimmel einen in seinen Bann ziehen kann, haben wir bereits erlebt und bleibt unvergessen.

Mit dem Frühstück bei den Maharadschas ist’s nicht weit her. Es gibt bitteren Schwarztee, vertrocknetes Brot, ranzige Butter und eine Schüssel, in der ein paar spärliche Fruchtstückchen herumschwimmen. Immerhin hat’s auch ein paar Bananen auf dem einfachen Buffet. Ob das Auswirkungen des Ganesha-Festes sind? Gut möglich. Es wäre verständlich, gibt’s doch außerhalb solcher Festtage keine Ferien für die hart arbeitende, einfache Bevölkerung.

Bevor wir weiterreisen, begegne ich unten im Hof dem gutaussehenden Sohn des Maharadschas, der sich höflich vorstellt. Er fragt nach unserer Zimmernummer. „Ach“, ruft er aus, „haben Sie die uralten Fresken an den Wänden des Schlafraums bemerkt? Sie sind zwar ziemlich verblasst, weil sie mich als Kind immer dort gebadet haben. Der Wohnraum nebenan ist eine ehemalige Waffenkammer. Es gab stets unzählige Ratten, die darin herumsausten – noch immer geht die Katze durchs Loch in der Wand ein und aus.“ Iiihhh!

Während das Dorf den Blicken durch die Heckscheibe unseres Wagens entschwindet, hänge ich meinen Gedanken nach. Der etwas altertümliche, angestaubte, jedoch nach wie vor fürstliche Ort hinterlässt bei mir widersprüchliche Eindrücke. Gewiss, eine feudale Umgebung lasse ich mir von Zeit zu Zeit gerne gefallen – für ein Leben als indische Maharani würde ich mich indes kaum eignen – selbst wenn der Maharadscha attraktiver wäre als DER MANN…

Elisabeth, 11.9.2019

Götter

Meine Freunde Marjorie und Louis hatten mich in ihr hübsches Haus in der Provence eingeladen. In der ländlichen Umgebung fühlte ich mich entspannt, genoss Tage voller Freundlichkeit und Sonnenschein mit lieben Menschen. Mit Marjorie tauschte ich abends berufliche Ideen und Anregungen aus, mit Louis unternahm ich nachmittags Streifzüge im Maquis am Fuss der Alpilles, von denen wir jeweils mit einem blühenden Ginsterstrauss für Marjorie zurückkehrten. Zu Dritt machten wir Ausflüge zu den Städtchen in der Umgebung, bestaunten die Weite und die wilden Pferde der Camargue, besuchten eine Picasso-Ausstellung in Aix-en-Provence… Auf einer dieser Fahrten überholte uns ein Auto und bedeutete uns durch Blinksignale und Handzeichen, dass wir sofort anhalten sollten. Louis ging vom Gas, er mutmasste, mit unserem Auto sei etwas nicht in Ordnung. Der Fahrer des andern Wagens lotste uns auf einen kleinen Feldweg in der Nähe eines Wäldchens, dann hielt er an, stieg aus, kam freudestrahlend auf Marjories Seite zu uns gelaufen. Höflich kurbelte sie das Wagenfenster herunter.

Der Fremde redete uns überschwänglich an, mit viel Charme und Herzlichkeit: «Willkommen in Frankreich! Als ich Ihr Schweizer Nummernschild sah, konnte ich nicht widerstehen, Sie persönlich zu begrüssen», erläuterte er. «Wissen Sie, meine Tante wohnt ebenfalls in der Schweiz, in Lucerne. Was für ein wundervolles Land, Ihre Schweiz! Sind Sie alle drei Schweizer?» Marjorie antwortete: «Ursprünglich bin ich aus Schottland.» «Was Sie nicht sagen! Was für ein Zufall! In Schottland wohnt mein älterer Bruder!» Mit diesen Worten rannte er zum Kofferraum seines Wagens und förderte eine Skulptur zu Tage, die er sorgfältig zu uns zurücktrug und Marjorie feierlich in den Schoss legte. «Erlauben Sie mir, Madame, dass ich Ihnen ein Geschenk überreiche, weil ich so glücklich bin über unsere Begegnung.» Sein Lächeln war entwaffnend. Marjorie, völlig überrumpelt, nahm das Geschenk entgegen und bedankte sich freundlich. Ich sagte nichts, beobachtete aber mit Interesse die Szene. «Wo will der wohl hinaus?» dachte ich, halb belustigt, halb neugierig.

Meine Freunde sind Kunstkenner. Auch ich bemerkte sofort, dass die Figur unsäglich kitschig war: eine Art asiatische Göttin, gegen die 50 cm hoch, durch und durch aus billigem Plastik. Wir wechselten einen Blick und wollten wegfahren. Da beugte sich der Mann nochmals in den Wagen. «Warten Sie, warten Sie», rief er und holte flink eine zweite, fast identische Figur aus seinem Kofferraum, nur war es diesmal ein männlicher Gott. «Sie müssen von dieser Kostbarkeit doch ein vollständiges Paar haben.» Sprach’s und legte auch die zweite Skulptur in Marjories Schoss. Jetzt nahm sein Lächeln einen entschuldigenden Ausdruck an. «Sie werden verstehen, dass ich Ihnen nicht zwei dieser wertvollen Gegenstände gratis überlassen kann. Die zweite Figur muss ich Ihnen leider verkaufen. Bedenken Sie, ich brauche auf meinen Reisen etwas zu essen und ein Bett in einer Pension, was in diesem Land alles andere als billig ist.» «Aber klar doch», sagte Louis, «wieviel kostet denn diese zweite?» Der Preis, weit übersetzt, betrug in Schweizergeld etwa 300 Franken.

Louis öffnete seine Brieftasche und überreichte dem Mann den gewünschten Betrag. Dann fuhren wir rasch los, während der Fremde uns gerührt nachwinkte.

«Sag mal, Louis», platzte ich heraus, «warum hast du diesem kleinen Gauner so viel Geld gegeben für etwas derart Geschmackloses? Du hättest ihm das Götterpaar doch ohne Weiteres zurückgeben können.» Louis schmunzelte: «Weil er ein grandioser Verkäufer ist. Das macht ihm keiner so leicht nach. Denk doch nur, er hat wildfremde Personen mitten auf der Hauptstrasse zum Anhalten gebracht und ihnen mit List und Können wertlosen Plunder angedreht. Das mit der Tante und dem Bruder ist sicher bloss eine Finte. Aber alle Achtung, so etwas ist hohe Verkaufskunst. Ich finde, dass er das Geld verdient hat.» Ich war beeindruckt von dieser grosszügigen Haltung. Dann lachten wir zu Dritt laut los und freuten uns am sonnigen Tag gleich doppelt.

Wollt Ihr wissen, was wir mit dem Ramsch gemacht haben? Sobald wir eine günstige Stelle gefunden hatten, rollten wir die beiden Plastikheiligen eine Böschung hinunter – und so landete das «vollständige Paar» gemeinsam im Strassengraben. Da sitzt es wohl noch immer fest und wartet auf ruhmreichere Zeiten.  

Elisabeth, 28.8.2019   

Indische Weisheit

Photo by Fancycrave.com on Pexels.com

Es wäre anmaßend, Euch vorzugaukeln, ich kennte ein Land, in dem ich lediglich meine Ferien verbracht habe. In meinen Beiträgen blitzen Streiflichter auf, kurze Momentaufnahmen, die meine persönlichen Eindrücke spiegeln, die andere Reisende womöglich völlig unterschiedlich beurteilen. Ich glaube allerdings nicht, dass zum Beispiel Indien irgendjemanden kalt lässt. Vielmehr scheint es bei allen Besuchern äußerst intensive Empfindungen hervorzurufen.

Im riesigen Land fallen als Erstes Gegensätze von geradezu Shakespeare’scher Dramatik auf. So viele Farben von einzigartiger Leuchtkraft! So viel Lebendigkeit und ausgelassene Fröhlichkeit! So viel Ruhe in den sich ins Unendliche erstreckenden Landschaften! So viel handwerkliche Kunstfertigkeit! So viel reine Schönheit und Anmut in Menschen und Baukunst! So viel Würde und Religiosität! Solch betörende Düfte! Und dicht daneben Gestank, Hoffnungslosigkeit, Armut, Schmutz, Elend, Verachtung… Ein Land, das den Taj Mahal hervorgebracht hat und eine derart vielfältige, reiche Kultur voller Erhabenheit, Formvollendung und Pracht sein Eigen nennt, hat – wie könnte es anders sein – ebenso eindrückliche Schattenseiten.

Die scharfen Gegensätze drangen mir direkt in Herz und Gemüt. Im Völkerkundemuseum der Entfaltung eines indischen Ragas zu lauschen, war für mich schon immer ein besonderer Kunstgenuss. (Die Tonleitern der westlichen Musik benutzen maximal 12 Töne pro Oktave. Die klassische indische Musik orientiert sich dagegen an den Shrutis (Mikrotönen), die eine Oktave in 22 Schritte unterteilen, was das Musizieren anspruchsvoll macht.)

Und nun drohte mich die Spannung zwischen Zauber und Not zu zerreißen. Das Märchenland-Ambiente der Hotels machte diese zu wahren Oasen, die Chaos und Entbehrung weit weg verbannten – und doch hielten wir uns nicht mit wirklich reinem Gewissen dort auf, obwohl sie Erholung von den stets neuen Gefühlsaufwallungen des Tages boten, eine Erholung, nach der wir uns jeweils dankbar ausstreckten:  

Da war der Handwerker, der unter Schmerzen – mit dem glanzvollen Taj Mahal im Rücken und einem wegen der Arbeit mit dem Meißel abfallenden Fingerglied – die edelsten Gegenstände aus dem pickelharten Marmor hervorzauberte. Oder die Mutter, die am Boden kauernd neben einer Kloake aus Scheiße und Motorenöl Chapati briet, um die große Familie im zerrissenen Plastikzelt zu ernähren. Oder die Straßenarbeiterin in ihrem leuchtend violett/gelben Sari, die in der glühenden Mittagshitze den Pickel wuchtig schwang und schwerste Bauarbeiten ausführte. Oder die brandmagere Kuh, die mit sanften Augen in die Welt blickte und hungrig Plastikabfälle fraß, denn Kühe, die keine Milch mehr geben, bringen Unglück. Sie werden deshalb von zu Hause weggetrieben und ihrem Schicksal überlassen, obwohl sie heilig sind.   

Oder der Maler, der im Keller des prunkvollen Palast-Museums die göttlichsten Miniaturen schuf, umgeben vom beißenden Gestank nach Urin. Oder die versehrte Bettlerin, deren flehender Blick in puren Hass umschlug, als wir ihrer Bitte um Almosen nicht gleich Folge leisteten, während das winzige Baby auf ihrem Arm die ausdrucksstarke mütterliche Gestik für „Hunger“ exakt nachahmte. Oder die Familie, die auf der Eisenbahnstation lebte und sich wenigstens notdürftig waschen konnte, weil aus einem kleinen Hahn an einer Bahnsteigsäule etwas kaltes Wasser rann. Oder der Priester, der am Pilgerort in einem Häuschen mit verschissener Hausmauer wohnte und mit feierlich-würdevoller Miene Opfergaben in den Heiligen See streute. Oder der Mann, der auf seiner armseligen Matratze am Straßenrand starb, während der hektische Verkehr unablässig vorbeirollte: abenteuerlich beladene Lastwagen, farbig bemalte, berstend volle Busse mit lachenden Gesichtern an den Scheiben, Kühe, Ziegen, Motorroller, Privatautos, Hand-, Ochsen- und Eselskarren, deren hoch aufgetürmte Lasten gefährlich schwankten, Velos, Tuk-Tuks, Rikschas, ja sogar Kamele und Elefanten. Das pralle Leben hält in Indiens Städten keinen Moment still. Es ist eine ungewöhnliche, fremdartige Welt, die einen ganz eigenen Sog auf den westlichen Betrachter ausübt.

Einlullend, aber nicht eigentlich tröstlich, wirken indische Weisheiten wie etwa jene, die Dickie, ein Anhänger des Jainismus, mir verraten hat: „Die Lotusblume ist ein Symbol dafür, wie man weise lebt. Sie wächst aus Schlamm und Wasser heraus, wird davon jedoch nicht berührt. So sollte man sein Leben führen: unberührt vom äusseren Schmutz und innen rein.»

Schön und gut, aber kommt es nicht eher darauf an, in welchem Land man geboren wird? Oder ist dies falsch gedacht? Sind die meisten dieser Menschen nur in unseren westlichen Augen derart benachteiligt?

Elisabeth, 21.8.2019

Gold wert

Das erste Mal in Indien! Die Erfüllung eines Traums! Doch bei unserer Ankunft in der Flughafenhalle in New Delhi knallte unerwartet die grelle indische Lebensart auf unser braves Schweizer Gemüt. Es wimmelte von Menschen, Menschen, Menschen, Menschen… der Lärm war schrill, die Hektik unbeschreiblich. Der Vertreter unseres Reisebüros erwartete uns ungeduldig und lotste uns in raschem Tempo mitten durch die Masse von Reisenden, Chauffeuren, Gepäckträgern, Dienstleistern, Hotelangestellten, Empfangskomitees, Zimmeranbietern und was weiss ich noch für Geschäftstüchtige. Wir fühlten uns überrumpelt, in meinem Kopf wirbelte alles durcheinander, mir schwindelte.  

Draussen wartete unser Taxi. Im Nu hatte der Fahrer das Gepäck im Kofferraum verstaut. Kaum waren die Türen hinter uns zugeschlagen, fuhr das Auto los und schlängelte sich durch das Tohuwabohu des indischen Strassenverkehrs, der nicht minder beängstigend war. Doch dann: die Oase, das schöne Hotel! Flink lud der Taxichauffeur unser Gepäck aus. Hotelangestellte nahmen sich der Koffer und Taschen an, während der Reisevertreter uns ins Hotel bugsierte, an der Rezeption die Formalitäten für uns erledigte und uns dann die Zimmer-Batches in die Hand drückte. Und weg war er, zack! – die Effizienz in Person!

Wir waren keine fünf Minuten im Zimmer, als das Gepäck gebracht wurde. Da erst stutzte ich. Wo war mein Handgepäck, das blaue Reiseköfferchen? Um Gottes Willen! Es war unverschlossen, und drin befanden sich die für die Reise unentbehrlichsten Dinge, neben dem Bargeld auch Medikamente und sämtliche Gutscheine, die wir für die gebuchte Reise benötigten. Der Portier wusste von nichts. Ich rief die Rezeption an. Ein paar Minuten später klopfte es. Draussen stand eine grosse, schöne Frau mit energischen Gesichtszügen. «Ich bin die stellvertretende Hoteldirektorin», sagte sie. «Was ist geschehen?» Nach meiner Schilderung ging sie ans Telefon neben dem Bett, wählte die Nummer des Reisevertreters, setzte ihn ins Bild. Mit wild klopfendem Herzen schnappte ich Gesprächsfetzen auf: «…unmöglich …nein! …nicht in unserem Hotel! …allein Ihre Verantwortung …wie? …völlig egal …zählt, was jetzt … sofort! …Auch das …mir egal … Äusserst dringend… Ihnen hoffentlich klar… absolut keine Zeit verlieren …bringen es hierher …unverzüglich! …» Ich war am Rande eines hysterischen Anfalls. Die Direktorin hängte auf, sah mich begütigend an: «Gehen Sie an den Hotelpool, bestellen Sie ein kühles Getränk auf Kosten des Hauses und entspannen Sie sich. Ich werde Sie sofort benachrichtigen, wenn das Köfferchen eintrifft. Wir finden es!»

Während der folgenden zwei Stunden sass ich wie ein Häuflein Elend am Pool. Obwohl doch auch er sich Sorgen machen musste, versuchte mich DER MANN zu trösten. Aber erst als die Direktorin mit dem Köfferchen erschien, lachte ich wieder und freute mich auf unsere Indien-Abenteuer. Ich fragte noch, wo es denn gewesen sei. «Es ist während rund eineinhalb Stunden im Kofferraum des Taxis durch ganz New Delhi gegondelt, zum Glück hat es kein Unbefugter entdeckt.» Dann sah sie mich ernst an: «Geben Sie ein so wichtiges Reisegepäck nie, aber auch gar nie aus der Hand, hüten Sie es wie einen Goldschatz!» Ich habe ihren Rat befolgt. Wie gut, gibt es auf der ganzen Welt tüchtige Frauen, die Gold wert sind! 

Elisabeth, 15.8.2019

Kleider machen Leute

In den Jahren, in denen ich Personal an Firmen vermittelte, erlebte ich so manches, leider auch absolute «Don’ts». Es war eine äusserst vielseitige Aufgabe, die mir indes einiges abforderte. Verwundert hat mich, wie wenig Ahnung manche Stellensuchende von einer vorteilhaften Präsentation ihrer selbst hatten. Unter diesen gab es die ganze Palette: bluffende, lügende, arrogante, mürrische oder unterwürfige Menschen; Leute, die vergessen hatten, sich vor dem Gespräch zu duschen; solche, die kräftig gegen ihren jetzigen Chef vom Leder zogen; es gab den Bankangestellten, der viel Geld unterschlagen hatte und es erfolglos zu verschleiern suchte; den Informatiker, der von seiner zukünftigen Firma täglich gratis Kaffee und Croissants erwartete; den entlassenen Strafgefangenen, der seine schillernde Vergangenheit verschwieg… Oder die blonde, perfekt gestylte Lady mit der Alkoholfahne, die per Taxi anreiste, morgens um 10 bereits nicht mehr (oder noch nicht) nüchtern war. In diesen Fällen «wusch ich dem einen oder anderen den Kopf» und dachte seufzend, es wäre einfacher, mit Produkten als mit Menschen zu arbeiten.

Natürlich erfuhr ich auf Kundenseite ebenfalls Unrühmliches. Ich erinnere mich an den Personalchef, der seinem Golffreund gegenüber das Gebot der Verschwiegenheit missachtete, die in seiner Position vorausgesetzt wird; oder an den Chef, der das von ihm selbst verfasste Zeugnis am Telefon in allen wichtigen Punkten widerrief. Der nichtsahnende Mitarbeiter hatte lobend von ihm gesprochen und ihn als vertrauenswürdige Auskunftsperson genannt!

Misserfolge waren demoralisierend, grossartige Erfolge wirkten euphorisierend. Eher den Normalfall spiegeln folgende zwei Begebenheiten:

Ein Studienabgänger mit exzellenten Noten, aus einer angesehenen, alteingesessenen Familie stammend, wovon weder er noch ich bei der Stellensuche Gebrauch machten, hatte den Wunsch, in einer Bank zu arbeiten. Ein Termin bei einem Institut in der Agglomeration kam rasch zustande und ich begleitete ihn. Wie nicht anders erwartet, machte er während des Vorstellungsgesprächs eine sehr gute Figur. Umso enttäuschter war ich, als am Tag darauf eine telefonische Absage der Bankfiliale kam. «Warum?» fragte ich den Chef. «Er hat einen ungepflegten Eindruck hinterlassen.» «Das verstehe ich jetzt nicht», insistierte ich. «Ich fand ihn sogar sehr gepflegt.» «Ja, aber er hat anstelle eines Anzugs mit Hemd und Krawatte eine Lederjacke getragen. Das geht bei uns gar nicht.» Na toll! Machen Kleider tatsächlich Leute? Vielleicht nur engstirnige?  

Bei einem der nächsten Kandidaten ging es um eine Stelle in einer aufstrebenden Informatikfirma. Es war ein heisser Sommertag, doch – eingedenk der «Bank»-Erfahrungen – hatte ich dem betreffenden jungen Mann empfohlen, in Anzug und Krawatte zu erscheinen. Ich selbst hatte mich ebenfalls «in Schale geworfen». Uns beiden rann der Schweiss übers Gesicht, mein elegantes Kleid klebte wie Zuckerwatte auf meiner Haut, als wir das Haus betraten, in dem das kleine Unternehmen seinen Sitz hatte. Im Hauseingang trafen wir auf einen barfüssigen Mann in Shorts, der mit dem Schleppen einer Kiste Mineralwasser beschäftigt war. «Wohl der Hauswart,» dachte ich und wollte vorbeigehen. (Ist eben auch in meinem Kopf gespeichert: Kleider machen Leute!) Der Mann sah auf und fragte: «Sind Sie die Personalberaterin? Ich bin der Chef hier und komme gleich nach oben zum Interview. Gehen Sie unterdessen vor.» Autsch, schon wieder falsches Outfit! Oder doch nicht? Auch Charakter macht Leute. Und Freundlichkeit kleidet bestimmt besser als der teuerste Stoff. Das erfuhren wir im nachfolgenden Gespräch, das professionell und in herzlicher Atmosphäre verlief.

Es ist kaum anzunehmen, dass Ihr an Hundstagen barfuss an ein Vorstellungsgespräch geht und Euch in den angebotenen Sessel fläzt… Was indessen zumindest eine Überlegung wert ist (und was ich mich erstaunlicherweise früher kaum je gefragt habe): Bei welchen Menschen fühle ich mich rundum wohl?

Das Wiedersehen

DER MANN sass in Agra in der Hotelbar beim Apéro und genoss den Blick auf den Taj Mahal, dessen weisse Umrisse in der Dämmerung geheimnisvoll schimmerten. Er wartete auf mich, die ich länger brauchte, um mich zum Nachtessen schön zu machen. Da fiel ihm plötzlich auf, dass ihn eine Frau intensiv musterte. Sie kam ihm vage bekannt vor, und doch auch wieder nicht. Ob sie ein Auge auf ihn geworfen hatte? Langsam wurde es peinlich und darum sagte er zu ihr: «Good Evening», worauf sie ebenfalls mit «Good Evening» antwortete. Zurück in ihrem Zimmer berichtete sie ihrem Mann: «Du, in der Bar sah ich einen Engländer, der deinem früheren Freund aufs Haar gleicht.»   

Zwei Tage später, nachdem wir uns vom unvergleichlichen Taj Mahal hatten begeistern lassen, reisten wir nach Jaipur. Die rosarote Stadt überquoll vor Lebendigkeit und farbenfrohem Treiben. Unser Hotel, eingebettet in einen üppigen, sattgrünen Garten, hatte einen ganz besonderen Charme: Lotusteiche, Amphoren, mit Blütenblättern bestreute Brunnen, Steinskulpturen, Gartenpavillons, ein einladender Swimming Pool unter Bäumen – nichts fehlte, um sich so richtig wohlzufühlen. Auf lauschigen Wegen gelangte man unter zierlichen Torbogen hindurch zu den Zimmern. Dies waren ebenerdige, sternförmig angelegte Bungalows, die sich jeweils zu sechst um einen blumen- und blätterumrankten Innenhof gruppierten, in dessen Mitte ein kühlender Springbrunnen plätscherte.   

Während ich im Zimmer die Koffer auspackte, ging DER MANN an den Swimming Pool – und traf dort seinen ehemaligen Freund, der vor 12 Jahren zusammen mit seiner zweiten Frau nach Mittelamerika ausgewandert war. Die beiden Männer, die sich aus den Augen verloren hatten, freuten sich riesig über das Wiedersehen. Das Rätsel um den «englischen Doppelgänger» in Agra fand damit eine heitere Auflösung!

Unter dem beschaulichen Himmel Indiens verbrachten wir zu viert einen wunderbaren Abend. Natürlich amüsierten wir uns köstlich über das Intermezzo mit DEM MANN als einem verkappten «Engländer»! Als wär’s gestern gewesen, klingt unsere fröhliche Stimmung in mir nach. Ich erinnere mich an unser herzhaftes Lachen, an abenteuerliche Schilderungen, an spannende Geschichten, die wir einander zu erzählen hatten; ich sehe den Hof mit den hell lodernden Fackeln vor mir und höre die zarten Sitarklänge, sekundiert von Froschgequake.

Wenn ich mir die Bilder in Erinnerung rufe, ist mir, als durchströme mich erneut die sanfte Ruhe und Poesie dieses Ortes. Das Hotel war der typischen Rajasthan-Architektur nachempfunden. Unser Esstisch stand in einem verträumten Innenhof, der gegen oben offen war. Vor uns kräuselte sich ein Teich mit violetten Lotusblüten. Über uns verlieh ein Sichelmond den Zwiebeltürmen und Zinnen einen feinen silbernen Glanz, blinkte traumverloren ein Sternenmeer im samtenen Nachthimmel, fern und erhaben, wie ein Gruss aus uralter Zeit.

Als wir uns am nächsten Morgen frohgelaunt an den Frühstückstisch setzten, waren die beiden bereits abgereist – wieder hatten wir’s versäumt, die Adressen auszutauschen. Inzwischen sind erneut 12 Jahre vergangen. Wer weiss, vielleicht treffen wir sie diesen Herbst zufällig in Jerusalem, in Istanbul, in St. Petersburg oder…?

Es kann nicht schaden, wenn DER MANN sein Englisch wieder mal aufpoliert – nur so für alle Fälle.

Elisabeth, 31. Juli 2019