Cook it, boil it, peel it – or forget it

Wer von Euch Tropenreisenden kennt ihn nicht? Den nützlichen englischen Rat: «Koch es, brat‘ es, schäl‘ es – oder vergiss es.» Nicht immer fällt das leicht, zum Beispiel, wenn man unterwegs von Hunger geplagt wird, oder wenn man weiss, ein Glacé vom fliegenden Händler würde einen herrlich erfrischen. Oder wenn einem in der staubigen Mittagshitze das Wasser im Munde zusammenläuft beim Anblick einer saftigen Ananas, die zwar verlockend aussieht, aber möglicherweise schon vor geraumer Zeit oder gar mit einem schmutzigen Messer zerteilt wurde. In Mauritius war es ein Würstchen, in Marokko ein an einem Marktstand frisch gepresster Orangensaft, die mir zum Verhängnis wurden; folglich ass ich in den Tropen unterwegs nur noch Bananen. Die kann man dann eben selbst schälen, und noch schmackhafter als bei uns sind sie sowieso.

Manchmal sind sie allerdings schwer aufzutreiben. Es machte in jenem Sommer den Anschein, als gäbe es in ganz Java keine Bananen. Und wie fragt man nach einer Frucht, deren einheimische Bezeichnung man nicht kennt? Endlich wurden wir «Bananen»-fündig: nämlich in einer dunklen Markthalle, über deren Eingang in grossen Buchstaben «Selamat Datang» geschrieben stand. Die ersehnten Früchte wurden gleich neben einem Verkaufstisch mit spitzen asiatischen Strohhüten verkauft, wie Reisbauern sie tragen. Bald stand ich wieder draussen, in der einen Hand ein paar Bananen, auf dem Kopf einen ausladenden Kegelhut, der unerwartet schwer auf meinem Scheitel lastete und immer wieder auf die eine oder andere Seite kippte. Ausserdem sah ich lächerlich aus damit, wie ich später im Hotel feststellte. Zur Reisbäuerin muss man wahrscheinlich geboren sein! Ich verschenkte den Hut ohne Reue. Die Bananen waren ebenfalls rasch verzehrt.

Weil wir sie bald wieder essen wollten, fragte ich unseren Taxifahrer täglich nach dem «Selamat Datang», einem Bauernmarkt. Er verstand kaum Englisch, die Worte «market» und «bananas» schon gar nicht, er wiegte bloss verständnislos seinen Kopf von einer Seite zur anderen und schwieg. Weshalb aber reagierte er nicht auf das indonesische Wort «Selamat Datang», das ich extra auswendig gelernt hatte? Es blieb uns nichts anderes übrig, als selbst Ausschau nach einer Markthalle zu halten, während wir Tag für Tag unzählige idyllische Dörfer passierten, um geheimnisumwitterte Tempel oder anmutige Tanzvorführungen zu besuchen. Hochgelegene Tempel kosteten viel Schweiss, galt es doch, Stufe um Stufe bis ganz nach oben zu erklimmen. Endlich entdeckte ich den gesuchten Schriftzug, der sich zusammen mit farbigen Bändern über einer Strasse spannte. «Stop please», rief ich aufgeregt, «hier hat’s einen Markt!» Der Fahrer hielt sofort an, machte aber keine Anstalten, uns da hin zu führen. Ungeduldig wies ich auf die über der Strasse schwebende Banderole und drängte: «Sagen Sie endlich, wo ist der Selamat Datang?» Erst sah er mich ratlos an. Dann, langsam, ging ihm ein Licht auf, und wir erfuhren, was «Selamat Datang» wirklich bedeutet, nämlich nicht «Markt», sondern «herzlich willkommen». Ui, wie peinlich!

Seither gehören zwei indonesische Wörter zu meinem festen Wortschatz: «Pisang» für «Banane» und natürlich «Selamat Datang».  

Ihr findet das überflüssig? Nicht doch! Gewiss: Allein wegen der sanften Tropennächte müssen wir inzwischen nicht mehr nach Indonesien reisen und dort nach Bananen suchen – aber wer diesen bezaubernden Inselstaat kennt, kehrt nur allzu gerne wieder dorthin zurück.

Und wenn nicht, bleibt mir eine tolle Alternative: Ich kann doch jetzt, wenn ich will, überall in der Schweiz indonesische Touristen gekonnt mit «Selamat Datang» begrüssen und ihnen zeigen, wo’s bei uns «pisang» gibt…

Elisabeth, 3. Juli 2019

Stille Freude

Mit meinem Sohn verbrachte ich zwei Wochen an einem bulgarischen Ferienort am Schwarzen Meer. Dichter Wald wuchs teilweise bis an den Sandstrand. Sobald es Abend wurde, zogen appetitliche Grilldüfte und wehmütige Musikklänge durch die Strassen des Ortes. Es gab viele originelle Waldrestaurants, z.B. das «Baumhaus», das «Zigeunerlager», der «Bärengarten»… Obwohl sie sich auf versteckten Waldlichtungen befanden, musste man nur den Grillschwaden und den schmalen, mit leuchtenden Lämpchen markierten Pfaden folgen, um dahin zu gelangen.

An einem der Abende sassen wir in der abendlichen Kühle draussen in der «Mühlenoase». Der Service war ausgesprochen langsam, doch die Stimmung fröhlich, der Ort friedvoll und lauschig: Die alte Mühle neben dem Haus klapperte gemächlich, durch das üppige Grün des Gartens fächelte eine leichte Brise, verströmten blühende Rosen einen betörenden Hauch. Ein älterer Mann setzte sich zu uns. Er sah freundlich aus. Bald versuchte er mit uns zu plaudern, doch wir hatten Sprachschwierigkeiten. Knapp verstand ich, dass er Finne war. Finnisch ist nun mal keine so geläufige Sprache, und er kannte keine der uns vertrauten Sprachen. So beschränkten wir uns während des Essens auf Gesten und hin und wieder ein Lächeln.

Fürs Dessert – flambierte Crêpes – musste man ans äusserste Ende des Gartens gehen. Als ich dort ankam, wartete bereits eine lange Schlange. Der Koch nahm’s gemütlich. Auch ich musste mich in Geduld üben, fast eine halbe Stunde lang. Kurz bevor die Reihe an mir war, dachte ich plötzlich, der Finne hätte bestimmt auch gerne eine Crêpe und müsse dann ebenfalls so lange anstehen. Kurzerhand kaufte ich 3 statt nur 2 Crêpes und brachte sie an den Tisch zurück.

Inzwischen war, wie mein Sohn erzählte, eine Blumenfrau vorbeigekommen, und der Finne hatte ihr gewinkt. Auf meinem Platz lag ein wunderschöner Nelkenstrauss. Der Unbekannte hatte offenbar zur gleichen Zeit an mich gedacht wie ich an ihn. Kommunikation ist nicht immer auf Worte angewiesen, vor allem dann nicht, wenn man jemandem eine Freude machen will!    

Elisabeth, 26.6.2019

The American Policeman

Kaum waren wir im Osten der USA angekommen, lockten die Niagara Falls. Also flogen DER MANN und ich von Boston nach Buffalo, um von dort per Mietauto zu den berühmten Wasserfällen, einem Erbe aus der letzten Eiszeit, zu gelangen. Unser Ziel war die kanadische Seite, gilt sie doch als sogar noch reizvoller als die amerikanische. Nachdem wir das Auto in Buffalo in Empfang genommen hatten und losgefahren waren, kam uns in den Sinn, dass wir vergessen hatten, eine Strassenkarte zu besorgen (es gab noch kein GPS). Nicht schlimm! DER MANN würde den gut 30 km langen Weg schon finden. Und so war es auch.  

Schon bald hielten wir den Atem an: Ein alle Sinne betörendes Erlebnis erwartete uns. Es ist fast unmöglich, diese riesigen Wassermassen zu beschreiben, die mit einem gewaltigen Tosen und mit hoch in die Luft spritzender Gischt in die Tiefe schiessen. Pro Sekunde donnern beinahe 2 ½ Millionen Liter die Fälle hinab! Der grösste, der Horseshoe Fall, hat eine Fallhöhe von mehr als 50 m. Das Wasser stammt aus fünf der sechs grossen Seen: Michigan, Superior, Huron, St. Clair und Erie, es fliesst von den Fällen hinunter zum Ontario See und über Niagara River und Sankt-Lorenz-Strom in den Atlantik. Der Niagara River ist etwa 12’000 Jahre alt, was für Geologen ein «junger» Fluss ist. 20 % des Süsswassers der Welt liegt in den Grossen Seen, wovon das meiste über die Niagara Fälle strömt. Die erste Person, die sich in einem Fass über die Fälle tragen bzw. schleudern liess, war eine 63jährige Lehrerin! Sie hat überlebt – ob mit oder ohne Schleudertrauma, ist mir nicht bekannt…    

Besonders aufregend ist eine Bootsfahrt mit der Maid of the Mist über die wildesten Stellen und Strudel, so nah wie möglich an die tosenden Fälle heran: man verschwindet fast hinter den schäumenden Wasserschleiern, wird trotz Pelerine triefend nass, lässt sich lachend von einer überwältigenden Lebenslust packen. Auf dem Skylon Tower mit der Aussicht auf die tobenden Wasser verspäteten wir uns, und wir hatten keine Zeit mehr, uns etwas zum Essen zu besorgen. Es fiel uns nicht leicht, den naturgewaltigen Ort zu verlassen, der uns in wirbelnde Traumwelten entführt hatte.  

Auf der Rückfahrt holte uns die Realität ein. Das Flugzeug in Buffalo durften wir nicht verpassen. Prompt verfuhren wir uns. Nervös konsultierten wir ein- ums andere Mal unsere Uhren, versuchten uns an die morgendliche Fahrt zu erinnern. Ich sehe die kleine Unterführung auf einer einsamen Überlandstrasse noch gut vor mir. Angespannt wie DER MANN war, um den richtigen Weg zu finden, unterliess er trotz Stop-Signal das komplette Anhalten. Weit und breit war kein anderes Fahrzeug zu sehen. Dann, aus dem Nichts, tauchte ein amerikanischer Polizist auf einem schweren Töff auf, als hätte er in der Unterführung auf der Lauer gelegen. «Nicht aussteigen, nur anhalten», raunte ich DEM MANN zu, weil ich plötzlich dran dachte, dass eine junge Schweizerin eine Nacht im Gefängnis verbringen musste, weil sie aus ihrem Auto ausgestiegen war, nachdem ein amerikanischer Polizist sie angehalten hatte.

Der uniformierte Motorradfahrer sah böse aus. «Don’t you know what a stop signal means in the State of New York?» fragte er DEN MANN scharf. (Wissen Sie nicht, was ein Stop-Signal im Staate New York bedeutet?) DEN MANN, stets höflich und freundlich, brachten die grimmigen Blicke und der barsche Ton ganz aus dem Konzept. Verdattert antwortete er mit «No» statt mit «Yes». Dem Polizisten fielen vor Wut fast die Augen aus den Höhlen, und bereits sah ich uns beide elendiglich in einem amerikanischen Gefängnis schmoren. Bei dieser Vorstellung erwachte mein Kampfgeist. Ich zog alle Register, bat um Entschuldigung, redete voller Überzeugungskraft auf den Polizisten ein, Verständnis heischend für zwei unerfahrene Schweizer an ihrem zweiten Tag in den USA, auf unbekannter Strasse, in einem ungewohnten Auto… Kurz, ich erklomm rhetorische Höhen – und nach bangen Minuten lenkte der Polizist ein, obwohl sein Gesicht nicht freundlicher geworden war. «Aber lassen Sie sich nie mehr beim Überfahren eines Stop-Signals erwischen, schon gar nicht im Staate New York», drohte er mit erhobenem Finger. Wir machten, dass wir von dannen kamen.

Wie’s im Leben so geht: Wir erreichten Buffalo am Ende doch noch rechtzeitig – nur um zu erfahren, dass unser Flieger rund zwei Stunden Verspätung hatte! Im kleinen Flughafen gab’s um diese Zeit weder offene Läden noch Coffee Shops. So warteten wir ergeben auf den Flug, wenn auch hungrig und durstig. Das war immerhin hundert Mal besser als schlaflose Stunden in einem amerikanischen Gefängnis!

Auf unserer weiteren Entdeckungstour durch die USA trat DER MANN jedes Mal reflexartig auf die Bremse, wenn irgendwo ein Polizist auftauchte.

Elisabeth, 18. Juni 2018

Cliffhanger

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In den öffentlichen Verkehrsmitteln ist es auffallend still geworden, seit fast jede und jeder Whatsapp benützt und hochkonzentriert auf dem Smartphone „herumtöggelet“. Aber es gibt sie noch, die unüberhörbaren Ausnahmen, die private Gespräche vor aller Ohren führen. Bestimmt ist euch das Wort ‚Cliffhanger’ geläufig: ein spannender Bericht oder eine Erzählung, die aufhört, bevor sie zu Ende erzählt ist – man bleibt buchstäblich mit seiner Neugierde an der Klippe hängen. Ärgerlich! Neulich rief eine junge Frau ins Mobile: „Du bist ein sooo schlechter Mensch! Ich hab’s schon immer gewusst! Ich…“ Funkstille! Hat er am Ende aufgehängt?? Und das im fesselndsten Moment! Da haben wir’s: ein typischer ‚Cliffhanger’. Ein simpler? Nein, schlimmer noch, ein doppelter, man hört beim Telefon-Gespräch immer nur die eine Seite. Dabei möchte man doch so gerne alles erfahren, und nicht nur die paar Happen, die Sprechende uns zum Frass hinwerfen. Sind wir auf dem besten Weg, zum ‚homo voyeuristicus’ zu werden?

Mir fällt auf, dass heutzutage sogar die mündliche Kommunikation mehr und mehr mit ‚Cliffhangern’ durchsetzt ist. Ich schnappe im Bus beispielsweise halbe Sätze auf, so in der Art: „Weißt Du, was meinem Bruder passiert ist? Das war furchtbar. Er ging… Oh, ist das eure Kleine? Wie heisst sie denn? Ist sie…? Ja, ja, ich weiss.“ Oder: „Der Wanderweg war völlig vereist. Es war total gefährlich. Jemand hatte… Ach, da kommt mir in den Sinn, ich habe ganz vergessen… Tschüüüss, muss hier aussteigen.“ Was, wie, wo? Was ist dem Bruder passiert, was dem Jemand auf dem vereisten Weg? Ich persönlich erzähle meine Geschichten zu Ende, meine ich. Allerdings habe ich eine andere Untugend, sozusagen einen ‚Cliffhanger’ in umgekehrter Richtung. Wenn mich etwas oder eine Person beschäftigt, platze ich mitten aus meinem Gedankengang heraus und frage DEN MANN nach seiner Meinung, ohne dass er weiss, wovon ich spreche. Auch nicht gerade toll, oder? Kennt Ihr das auch? Es ist halt schon so: Heutzutage nehmen wir uns für alles zu wenig Zeit – als ob wir die Zeit dadurch verlängern könnten. Immerhin gibt’s einen Vorteil, zumindest für den, der sich an den witzigen Satz hält: Was ich liegen lasse, erledigt die Zeit.

Was haben wir früher bloss ohne die praktischen Mobiles gemacht? Es ist schätzungsweise 21 Jahre her, seit ich mein erstes Handy vom Sohn geschenkt bekommen habe. Damals arbeitete er in einem Laden, der mobile Telefone anbot. Ein Boom sondergleichen! Man hat ihm die Dinger förmlich aus der Hand gerissen, und wenn er sein eigenes neben der Kasse liegen liess, war im Nu auch dieses weg. Durch die mediale Kommunikation sind wir freier, beweglicher, und, dies vor allem: enthemmter geworden. Soll man nun darüber lachen oder weinen?

Elisabeth, 12. Juni 2019

Vielmännerei

Ich war im Bus unterwegs, als sie zustieg. Wir erkannten einander auf Anhieb, obwohl wir uns schätzungsweise mehr als 25 Jahren nicht mehr gesehen hatten. Dabei kam mir in den Sinn, dass sie damals neben ihrem Beruf als Pflegefachfrau ein persönliches Hilfswerk für Ladakh am Laufen hielt, indem sie in der Schweiz ihre beeindruckenden Portraitfotos von Bergland-Bewohnern sowie handgemachte Produkte aus Ladakh verkaufte. Den Erlös brachte sie ins Land zurück, um die dortige Armut zu lindern. Dafür hatte ich sie immer bewundert.  

Ladakh hat eine überaus wechselvolle Geschichte. Einst ein unabhängiges Königreich, dann erobert von den Tibetern und anderen Völkern, gehört es seit der Unabhängigkeit Indiens zu Jammu und Kaschmir im äussersten Norden des indischen Subkontinents. Auf das mehrheitlich von der tibetischen Kultur geprägte Land haben zentralasiatische und indische Einflüsse ebenfalls eingewirkt. Das Bergland zwischen den Gebirgsketten des Himalayas hat ein raues, trockenes Klima, in dem sowohl mit extremer Kälte als auch mit Hitze zu rechnen ist. Auf kurze heisse Sommer folgen lange, grausam kalte Winter. Da die Dörfer zwischen 3’000 und 4’000m hoch liegen, ist das Leben kräftezehrend. Zweifellos gründet das folgende ladakhische Sprichwort in langjähriger Erfahrung: „Wenn ein Tal nur über einen hohen Pass zu erreichen ist, kommen lediglich gute Freunde – oder schlimme Feinde.“

Vor Jahren besuchte ich im Völkerkundemuseum eine fesselnde Ausstellung über Ladakh. Was mich damals wie heute fasziniert, ist die Tradition der «Fraternalen Polyandrie», der Vielmännerei. Ein paar Brüder heiraten die gleiche Frau (und nicht etwa umgekehrt!) Mit einem Schmunzeln erinnere ich mich an einen kurzen Film, in welchem ein Paar Männerschuhe zu sehen waren, die vor dem Frauen-Schlafzimmer standen. Der Kommentar dazu lautete, die Schuhe seien ein Signal an die übrigen Männer im Haus, dass das Ehe-Bett besetzt sei. Eine andere Szene zeigte eine lachende Frau bei der Feldarbeit. Während sie keck in die Kamera blickte, lugte der Mann scheu hinter ihrem Rücken hervor. Mir fiel auf, wie selbstsicher und selbstbestimmt die Frauen im gebirgigen Land ihrer harten Arbeit nachgingen.

Indien hat die Polyandrie in Ladakh zwar verboten, dennoch liess sie sich nicht völlig ausrotten; namentlich in den kleinen Dörfern wird sie nach wie vor praktiziert. Aber weshalb dieser Brauch, an dem hartnäckig festgehalten wird? Hat’s dort besonders viele hübsche Männer und nicht genug Frauen, oder ist’s einfach eine frauenfreundliche Idee? Falsch gedacht… Es liegt auf der Hand, dass bei einer Frau, selbst wenn sie drei oder vier Männer hat, pro Jahr nur eine Schwangerschaft möglich ist. Ein Mann hingegen kann zusammen mit mehreren Frauen mehrere Kinder zeugen. Dies gilt es zu verhindern – ist doch Ladakh ein äusserst karges Land und besitzt nur wenige fruchtbare Gebiete, denen man in den kurzen Sommermonaten die Nahrung abringen muss. Wie also gelingt es, die Ernten anzugleichen? Indem man die Bevölkerungszahl niedrig hält, Landreserven nicht unablässig teilt und das Arbeitskraftpotential an die knappen Landressourcen anpasst. So gesehen, ist die Polyandrie die geniale ökonomische Lösung!

Der Lauf der Welt bleibt jedoch nirgendwo stehen. Die Jugend besitzt erneuernde Kraft und ringt um ihren eigenen Weg, während die Alten die Traditionen zu bewahren suchen. In einer lebendigen Gesellschaft braucht es beides – auf diese Weise entsteht aus erprobten Wurzeln Neues. Auf die Entwicklung in Ladakh kann man gespannt sein. Junge Männer leben heutzutage lieber monogam und in der Stadt. Vielleicht begrüssen die modernen Frauen den Kulturwechsel ebenfalls? Für sie, denke ich, vervielfacht sich beim Brauch der Vielmännerei nicht nur die Freude – garantiert häufen sich auch die Pflichten! Man stelle sich vor: Die Ehefrau muss z.B. bei Krankheiten nicht nur einen, sondern zwei, drei oder gar vier Männer pflegen…

«Gehst du immer noch regelmässig nach Ladakh?» fragte ich meine Bekannte. «Ja», antwortete sie, «denn ich habe viele liebe Freunde dort.» «Hat’s da, wo sie leben, auch noch Vielmännerei?» erkundigte ich mich weiter. «Ja natürlich, aber heutzutage gibt es auch andere Eheformen. In Bezug auf den Ehestand sind die Ladakhis sehr pragmatisch. Wie sie die Sache handhaben, kommt ganz auf die Situation an.» Da meine Bekannte nur wenig jünger ist als ich, beschäftigte mich ein weiterer Punkt: «Ist das Leben in Ladakh inzwischen nicht beschwerlich geworden für dich?» «Doch», erwiderte sie mit einem Lächeln. Weisst Du, es kann nachts bis zu 30 Grad minus werden, und Heizungen gibt es nicht. Früher machte es mir nichts aus, auf dem kalten Boden zu schlafen, heute habe ich Mühe damit. Ausserdem macht mir auf einmal, im Gegensatz zu vorher, die fehlende Hygiene zu schaffen. Manchmal muss ich mich beim Essen sogar überwinden. Im letzten Jahr wurde ich schwer krank. Sie umsorgten mich liebevoll. Da aber die Wege wegen Schnee und Eis nicht passierbar waren, konnten sie mich erst eine Woche später in lamentablem Zustand in ein Spital bringen. Als ich Gottseidank wieder gesund geworden war, fragte ich meine Freunde: ‘Wenn ich gestorben wäre, was wäre schlimmer gewesen für euch: Mich zu verlieren? Oder kein Geld aus der Schweiz mehr zu erhalten?’ Sie drucksten ein bisschen herum, dann sagten sie mit entwaffnender Ehrlichkeit: ‘Beides. Wir haben für dich und fürs Geld gebetet.’»  

Elisabeth, 5.6.2019

Am schwarzen Meer

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Kennt Ihr die Krim? Mitte der 90er Jahre verbrachte ich zwei Wochen in Jalta. Die Halbinsel ist von bemerkenswerter landschaftlicher Schönheit. Immer wieder genießt man atemberaubende Ausblicke von den Bergen aufs Meer in der Tiefe; aus der Zarenzeit sind viele prächtige Paläste erhalten und restauriert worden. Die dichten Wälder und die weiche, nach würzigen Hölzern duftende Luft erklären, warum Jalta früher als beliebter Kurort glänzte. Schon die Zaren liessen es sich hier gutgehen. Bis heute erinnern edle Sanatorien und Kurhäuser an die bedeutenden Besucher von einst.

1917 brach in Russland die Oktoberrevolution aus, in deren Verlauf Zar Nikolaus II und seine Familie von Bolschewiken ermordet wurden. Den letzten Sommer genossen sie in ihrem eleganten weissen Liwadija-Palast auf der Krim. 1945 trafen sich am gleichen Ort Churchill, Roosevelt und Stalin zur Konferenz von Jalta, um Europa unter sich aufzuteilen. Der Palast ist eine beeindruckende Stätte voller Schätze, voll spürbarer Geschichte, voll intensiver Erinnerungen. Der italienische Innenhof und die Aussicht auf das Schwarze Meer wirken besonders reizvoll, interessant auch das Büro von Zar Nikolaus II. Die Wandteppiche der Zarenfamilie in ihren kräftigen Farben sind Schmuckstücke. Dagegen wirkt der historische Konferenztisch der drei Politiker geradezu nüchtern.

Auch ich war da… Und verlor eine Weile mein inneres Gleichgewicht, als ich mich plötzlich allein im riesigen Park wiederfand. Wo war die Reisegruppe? Ich hatte getrödelt, mich in den Anblick von kunstvoll gearbeiteten Lackdosen und Kostbarkeiten aus Bernstein vertieft. Kennt Ihr dieses ungemütliche Gefühl, allein unter Menschen zu sein, mit denen man sich nicht verständigen kann? Von dem vor langer Zeit belegten Russisch-Kurs war mir ein einziger Satz in Erinnerung geblieben: «Sprechen Sie Deutsch?» (= Вы говорите по-немецки?) Nicht gerade erfolgversprechend in dieser Umgebung, doch hatte ich schliesslich, wie schon so oft, unerwartet Glück.

Bei meinem Besuch war die Krim der Ukraine zugehörig, aber noch stark vom Kommunismus geprägt. Vieles kam mir bizarr vor, trotz der Herzlichkeit der dortigen Menschen, denn 70 Jahre Kommunismus hatten deutliche Spuren hinterlassen, von denen die kaputten Sonnenschirme und löchrigen Luftmatratzen am weißen Sandstrand noch die harmlosesten waren.

Während die Insel heutzutage dank russischer Werbung scharenweise Touristen anlockt und das zu mietende Strandzubehör mittlerweile sicher einwandfrei ist, herrschte damals bitterste Armut. Die Menschen kauften auf dem Markt angefaulte Früchte, weil sie billiger waren. Die Regale in den Läden waren mehrheitlich leer. Eine Greisin fiel mir auf, weil sie trotz offensichtlicher Altersbeschwerden mühsam die Gehwege auf dem Hotelareal säuberte. Man sagte mir, es gäbe für niemanden eine Rente. Ich legte ihr ein paar Geldstücke in die Hand. Erschüttert nahm ich wahr, wie sie sich unter Tränen bedankte und bekreuzigte.

Gleich zu Beginn buchte ich einen Helikopterflug zur Marmorhöhle auf dem Taschtyr-Dag-Plateau. Erst 1987 wurde die 2 km lange und mehr als 50 m tiefe Höhle entdeckt. Mit ihren glitzernden Kristallen und Tropfsteinen gilt sie als eine der spektakulärsten Höhlen der Welt. Der Flug selbst war auf andere Weise spektakulär. Wir etwa 15 Passagiere hoben in einem über 30jährigen, ungepflegten Helikopter ab, der einst Breschnew gehört hatte. Die Scheiben waren blind vor Schmutz, der Motorenlärm ohrenbetäubend. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis das alte Ding endlich in der Höhe war, wo es nach einer Stunde nur mit Mühe das Plateau zu erreichen schien. Eine weitere Stunde hatten wir Zeit für die Höhle. Sie war wunderbar! Eine Woche später erzählte eine andere Reiseleiterin von dieser beeindruckenden Sehenswürdigkeit und fügte an: «Bitte, bitte, buchen Sie nicht!! Wir Reiseleiterinnen stehen jedes Mal während des Fluges Todesängste aus. Vor zwei Wochen ist einer der schlecht instandgesetzten Helikopter in den Bergen abgestürzt. Alle Passagiere, auch unsere Kollegin, starben dabei. Das wollen Sie doch nicht?» Fürwahr eine schlimme Geschichte, die nicht einmal an die Öffentlichkeit gedrungen war. Wie lange hat’s Breschnews ausgedienter Helikopter wohl noch gemacht?

Eine rabiate Behandlung beim Rückenmasseur hinterliess auf meinem Körper eine Vielzahl blauer Flecken. Hatte mich vorher nur der Rücken geplagt, schmerzten mich jetzt sämtliche Knochen. Doch meine Neugierde war noch nicht gestillt. Am nächsten Tag besuchte ich einen Augendiagnostiker. Der Mann war betrunken. „Gegen die kommende Erkrankung der Eierstöck links“ empfahl er mir „Bewässerung“. Ich fand das lustig. Ob er damit eine Kur mit Wodka meinte? Ein Freund hatte eine ganz andere Idee… Jahre später erkrankte ich tatsächlich an Eierstockkrebs. Merkwürdig. Hätte ich den Diagnostiker bloß gefragt, was er unter „Bewässerung“ verstand!

Zwar war unser Hotel das zweitbeste in Jalta, dennoch gab’s im Hotelpark nächtliche Schießereien. Andere Gäste warnten mich davor, je dort spazieren zu gehen, Bekannte seien schon verprügelt worden. Ob die Schüsse auf Streit im hauseigenen Bordell im 13. Stock zurückzuführen waren? Werbewirksam wurden die aufreizend gekleideten Damen allabendlich, im offenen roten Cabrio stehend, im Schneckentempo vor das Hotel gefahren. Oder waren die Schüsse die Folge des mehr als reichlich fließenden Wodkas? Die Serviertöchter verscherbelten ohne Scham nach dem Abendessen auf ihre Rechnung den hoteleigenen Wodka an die Gäste – auf der untersten Etage des Servierboys unter einem Tuch getarnt, natürlich zum Schnäppchenpreis. Im kleinen lokalen Supermarkt wurde mein mit Mineralwasser gefüllter Einkaufswagen von Männern in schwarzen Lederjacken auf ruppige Art ausgeräumt, mich stieß man grob hinaus und schloss die Tür hinter mir ab. Aber hallo! Was hatte ich getan?? Wie ich später erfuhr, war dies eine Razzia, weil man dem Verkaufspersonal misstraute. Es gehörte zum normalen Straßenbild, dass öffentliche Busse infolge Pannen mitten auf der Strecke stecken blieben. Kein Wunder: Arbeiter entwendeten in der Fabrik dringend benötigte Ersatzteile. Wie eine der Reiseleiterinnen erzählte, gab es auch Ärzte, die im Spital Medikamente mitlaufen ließen, um sie dann in der prallen Mittagssonne auf improvisierten Holztischen von Helfern verkaufen zu lassen. Wir trafen russische Soldaten, die seit Monaten keinen Sold mehr erhalten hatten und deshalb ihre Uniformknöpfe für eine Kopeke pro Stück an uns verhökern wollten.

Der schwierige Alltag der vorwiegend russischen Bevölkerung machte sich überall bemerkbar. Wir verwöhnten Schweizer aßen zwar die Blinis und den Sauerrahm mit Genuss. Die übrigen Speisen waren jedoch enttäuschend. Da wurde der prickelnde Krimsekt zu staubtrockenem Gebäck serviert, die Butter war verdorben, fettige Suppen dominierten die Mahlzeiten, das gebratene Poulet war flach geschlagen und folglich voller kleiner Knochensplitter. Ein Toilettenbesuch unterwegs entpuppte sich als wahres Abenteuer. Die Gäste (ich inbegriffen) erkrankten denn auch reihum an schwerem Durchfall. Schade um den Galaabend mit dem erstklassigen Ballett-Ensemble! Die einzig verfügbare Diät bestand aus Schwarztee und, kurz vor dem Heimflug, Spritzen vom Arzt.

Nicht genug, dass die Bevölkerung unter großer Armut litt – Mafia und Korruption verschlimmerten die Lebensbedingungen noch zusätzlich – wie immer, wenn Mächtige das Sagen haben und nach dem Motto „Ich zuerst“ handeln. Es ging das geflügelte Wort: „Wenn Sie viele Sorgen haben, so bringen Sie Ihr Geld zur Bank. Dann haben Sie nur noch eine Sorge: Wie bekomme ich mein Geld wieder zurück?“

Ich möchte gerne glauben, dass sich die Verhältnisse inzwischen in jeder Hinsicht gebessert haben. Oder ist das naiv? Was meint Ihr?

Elisabeth, 28.5.2019