Herbstlicher Streifzug

Foto Heidi Wildi: im Südtirol bei Tirolo

Kommt Ihr mit auf einen kleinen herbstlichen Streifzug durch verschiedene hübsche Orte in der Schweiz? Es geht ins Tessin, ins Appenzellerland, ins Bernbiet, ins Welschland, in den Thurgau sowie ins St. Gallische – und auch kurz nach Deutschland, Italien und sogar nach Hawaii. Der Herbst zeigt ein farbiges, schönes Absterben der Natur. Die Augen für dieses Leuchten zu öffnen, macht glücklich, findet Ihr nicht auch?

Foto Elisa, Trauben im Tessin
Foto Elisa: Kürbisverkauf im Bernbiet
Foto Elisa, Pilze im Thurgauischen Naturschutzgebiet
Foto Elisa: Letzte Sommerrosen in Ettenbühl, Deutschland
Foto Elisa: Vogelbeeren im Tessin (das Haus hinten steht zum Verkauf )
Foto Elisa: Letzte Sommerblüten auf dem Monte Verità im Tessin
Foto Elisa: Kirche von Architekt Mario Botta in Mogno, Tessin
Foto Elisa: Kirche von Architekt Mario Botta in Mogno, Tessin
Foto Elisa: Verblühende Geranien im Tessin
Foto Elisa: Farbenfrohe Astern im St. Gallischen
Foto Elisa: Pilze im Thurgauischen Naturschutzgebiet
Foto Heidi Wildi im Südtirol, nahe Tirolo
Foto Elisa: Herbst im Thurgau
Foto Elisa: Gold im Überfluss
Foto Elisa: Sagenweg auf der Sellamatt-Alp im Kanton Appenzell

Fülle
Der Herbst verschenkt verschwenderisch
Des Sommers letzte Blüten
Äste hängen süss und schwer
Voll reifer, runder Früchte

Foto Elisa: Americana-Trauben im Tessin

Sonnenstrahlen tanzen weich
Durch golden-lichte Blätter
In den Gärten schwinden sacht
Des Sommers Abschiedsfarben
Vögel ziehen scharenweise
Und zurück bleibt Kälte, Leere, Stille

Foto Elisa: Paar in Cevio im Tessin

Doch wenn Menschen näher rücken
Wandelt Kälte sich in Wärme
Wächst aus Leere neue Fülle
Reifen Kräfte in der Stille

Foto Elisa: Bauerngarten im Bernbiet
Foto Elisa: Die Bougainvillea im Tessin sind sommermüde

Herbst
Über Nebeln wohnt die Lebensfreude
Feiert Sonne gleissend Fest
Lässt träge Goldstaub niederrieseln –
Leuchtkraft giessend in die Nebelwelt

Photo by Ian Beckley on Pexels.com

Des Jahres Füllhorn ist voll süsser Schwere.
Und mitten in der kühlen Neige
Dem bald’gen Niedergang zum Trotz
Trägt Herbst sein prächtigstes Gewand

Photo by Pixabay on Pexels.com: Indian Summer

Menschen sollen wachsen
In des Lebens Lauf und Kampf.
Wenn die Kräfte schliesslich schwinden
reift es innen – leuchtet still der Ernte Gold.

Auf der Insel Kauai auf Hawaii, goldene Abendstimmung an der Na Pali Coast

Elisa, 7. Oktober 2020

Im Kanton Waadt: Dem Fluss Orbe entlang

Sommer-Ende

Mhmmm!
Photo by Key Notez on Pexels

Der Sommer 2020 hat uns am Schluss nochmals überrascht: Viel zu früh ist er entschwunden, und mit ihm der Duft nach Sonnencrème, süssen Beeren, reifen Tomaten sowie die Lust auf Glacé, Gazpacho und Vitello Tonnato. Sommertage haben etwas Unbeschwertes an sich, «when life is easy», wie’s im romantischen Song «Summertime» heisst. Gut, können wir uns immer wieder auf die heissen Tage im Jahreslauf freuen!

Konzentriertes Glacé-Essen

A propos heiss: Was macht der Mensch, wenn er bei Sommerhitze auf der Strasse Glacé gekauft hat, die er jetzt möglichst rasch essen muss? Er wird erfinderisch. Wozu gibt es Boutiquen? Also bleibt er vor einem Schaufenster stehen, mustert mit geheucheltem Interesse die Auslagen, um gleichzeitig die bereits tropfende Glacé zu löffeln und zu schlecken. Mit klebrigen Fingern schlendert er weiter, zum nächsten Laden, dem hoffnungsvollen Blick der Ladenbesitzerin ausweichend. Uff! Endlich ist die kühlende Süssigkeit gegessen. Was für ein hastiger Genuss!

Auf zur nächsten Boutique!

Esst Ihr Glacé auch lieber in einem gemütlichen Tea Room? Oder in einem schattigen Restaurant-Garten? Ich erinnere mich gut daran, wie in meiner Kindheit aus den bekannten Cafés auf einmal Tea-Rooms wurden. Da habe ich mich immer gewundert, warum Schwester Thea gleich hiess wie das «TEA ROM», in das wir so gerne mit den Eltern einkehrten. Stets stand uns der Sinn nach Pâtisserie. Wir alle hatten einen «süssen Zahn», wie die Engländer den Hang zu Süssem nennen.

Ich beim feinen Mochi-Essen (japan. Eiscreme)

Ich grüsse Euch ganz ohne klebrige Finger, dafür mit einem süssen Lächeln, und wünsche Euch einen frohen Herbst.

Elisa, 30.9.2020

Spatzenjammer

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Ein Spatzenmann sucht sich n’en Schatz.
Und als er ihn gefunden,
Da pfeift er keck und unumwunden:
Jetzt bauen wir ein Nest,
Dann gibt’s ein grosses Fest!

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Nun sitzt sie da und brütet dumpf:
Ist’s nur für ihn ein Trumpf?
Twit, twit, war’s das denn wirklich schon?
Wo, bitteschön, bleibt da mein Lohn?

Ich sitz zu Haus – und er fliegt aus.
Ich glaub, er vögelt rum.
Ich blindes, doofes Spatzenhirn,
So klein und doch so dumm!

Elisa, 9.9.2020

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Camping, Camping!

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«Camping, Camping, das ist meine Welt!» war früher ein gängiger Schlager. Vielleicht kennt ihn jemand von Euch? Für viele bedeutet Camping Freiheit, Spass und Entspannung.

Nicht so für meine Mutter, Camping war wirklich nicht ihre Welt. Meine tüchtige, musisch begabte Mama hatte mit Sport nichts am Hut, ebenso wenig mein Vater, obwohl beide gute Schwimmer waren. Wir machten am Sonntag meistens Ausflüge per Auto, die mit dem Besuch eines Tea Rooms endeten – oder gar im Schnee, wenn’s in die Berge ging.

Und doch stand in diesem Sommer plötzlich „Camping“ im Raum. Wer von den Freunden meiner Eltern war auf die Idee gekommen? Der temperamentvolle Arzt mit seiner eleganten Appenzellerin? Der dicke, lustige Konditor mit seiner fleissigen Frau und dem gutgehenden Café? Vielleicht sogar mein Vater? Denn in den Ferien regte sich bei Papa stets eine Art Abenteuerlust. Da konnte er z.B. nie der Versuchung widerstehen, seine Lieben auf dem Lago Maggiore oder dem Vierwaldstädtersee im gemieteten Motorboot spazieren zu fahren. Das ging fast immer schief, sei es, weil der Motor aussetzte oder Benzin verlor, sei es, weil das Boot in einen Gewittersturm geriet. Einmal musste gar die Luzerner Seepolizei eine pudelnasse, geschockte Familie samt verdattertem Vater retten. Was diesen allerdings nicht daran hinderte, sich in den nächsten Ferien wieder als Freizeitkapitän zu betätigen – nicht einmal Mamas Sträuben und ihre Proteste konnten da Abhilfe schaffen.

Ich weiss also nicht, wer den zündenden Funken in die Asche warf. Doch Tatsache ist: meine Eltern deckten sich innert Kürze mit allem Nötigen fürs Camping ein: einem kleinen Zelt, Luftmatratzen und Schlafsäcken, Kochutensilien mit entsprechendem Geschirr, neuen Badeanzügen und Strandkleidern. Noch heute sehe ich meine schöne Mama vor mir, wie sie vor dem Spiegel drei Sets von kurzen Shorts mit dazugehörigen gleichfarbigen Blusen aus robustem Stoff anprobierte und dann sorgfältig zusammenfaltete. Üblicherweise legte sie Wert auf smarte, bunte Kleider. Doch diesmal hatte sie einen Missgriff getan. Die Safarifarben, blasses Schilfgrün, Hellbeige und Khaki, betonten ihre weisse Haut auf ungünstige Weise, wollten so gar nicht zu ihrer Person passen. Für mich als Kind war es ausserdem ungewohnt und äusserst merkwürdig, meine Mama in kurzen Hosen zu sehen. Das Outfit war, wenigstens auf Grund der Farben, wahrscheinlich eher gedacht für Tropenausflüge als für Campingferien in Europa.

Damals, es sind bestimmt gegen die 70 Jahre her, trug «Frau» Dauerwelle, die das Gesicht in weichen Locken umrahmte. Man musste ihr Sorge tragen. Sobald das Haar kraus statt wellig wurde, hatte der Coiffeur gepfuscht. Dann galt die Dauerwelle als verdorben. Leider passierte das Kräuseln auch nachher noch, nämlich immer dann, wenn man ohne Schirm in einen Regenschauer geriet. Meine Mutter wurde bereits nervös, wenn ein paar wenige Regentropfen auf ihr Haar fielen.

Nachdem meine ältere Schwester und ich bei den Grosseltern «deponiert» worden waren, reisten die sechs Campingfreunde mit enorm viel Gepäck nach Südfrankreich ans Meer. Zwei Wochen wollten sie bleiben und gebräunt wiederkehren.

Nach drei Tagen waren meine Eltern zurück. Meine Mutter war verstört. In der ersten Nacht hatte es sintflutartig geregnet. Mein lieber Vater – der an sich geschickte Hände hatte – war alles andere als geübt darin, ein Zelt aufzustellen und solide zu sichern. Und so riss ihnen der Sturmwind, kaum waren sie eingeschlafen, das Zelt über Kopf und Leib weg. Das grosse, nigelnagelneue Stück Stoff wurde vom Sturm zerfetzt und verschwand auf Windböen in die Dunkelheit. Völlig durchnässt, in glucksenden Schuhen und unpassender Kleidung, mit sandverklebtem und erst noch gekraustem (!) Haar, mussten meine Eltern mitten in der Nacht ein Hotelzimmer suchen. Ich erinnere mich nicht mehr genau daran, was die übrigen vier Freunden in dieser Nacht erlebten, doch ging die Rede, dass das Camping für sie ebenfalls als «stürmisches» Fiasko endete.

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Was hat Mama wohl gemacht mit den gewiss nicht billigen Strandkleidern, dem Koch- und Zeltzubehör? Nie mehr sah ich die Gegenstände, und das Wort «Camping» war von da an in ihrer Gegenwart tabu.

Elisa, 2.9.2020

   

Nachklang

Bernie zu Besuch in Südfrankreich bei Barbie, Christof und Anouk

Es war schwerer, als ich es mir vorgestellt hatte.

Nun ist die Wohnung meines Sohnes beinahe geräumt. Dem Leben und Sterben eines über alles geliebten Menschen so nah zu sein, ihm anhand von Alltäglichkeiten und Erinnerungsstücken während Tagen immer wieder aufs Neue intensiv zu begegnen, kostete mich eine schier übermenschliche Anstrengung. Es war aufwühlend, erschütterte mich als Mutter bis ins Innerste. Auch gleicht solches einem Eindringen in das ganz persönliche, intime Leben eines anderen, das man normalerweise auch unter Nächsten respektiert.

Die Begegnungen weckten natürlich nicht nur Trauer. Ein weiterer Schritt im Loslassen konnte gewagt werden, frohe Erinnerungen wurden wach. Die praktisch ausgestattete Küche mit den vielen Gewürzen und den Kochbüchern, die halb abgebrannten Kerzen und Kerzenständer im Wohnzimmer, die betörenden Duftlämpchen, die eindrückliche Musiksammlung, der elektronische Sternenhimmel im Schlafzimmer, die Klimaanlage, die zahlreichen eleganten Kleider und Schuhe, die von seinem Schönheitssinn erzählten, die Bücher, die von seinem starken Willen zu beruflicher Vervollkommnung und persönlicher Reifung zeugten – all dies ist Ausdruck davon, dass sich aus dem einst empfindsamen Kind ein feiner, tüchtiger Mann entwickelt hatte, der mitten im Leben stand. Immer wieder aufs Neue vermochte er mich zu Lebzeiten zu überraschen und zu bezaubern. Jetzt ist da nur noch die fast abstrakte und doch so kostbare Erinnerung… Gut, kann ich auf DEN MANN und seine Fürsorge zählen. Wiewohl «lediglich» Stiefvater, leidet er ebenfalls und versteht mich.

Tröstend klingen die Abdankungsworte des Pfarrers in mir nach: «Ein Mensch, der morgens noch voll Leben ist, kann schon vor Abend unbeachtet sterben. Wenn Gott die Seile seines Zeltes löst, dann muss er fort. Er weiss nicht, wie’s geschieht.» (Hiob 4,21) Erklärend fügte er bei: «Gott löst die Seile, wenn es Zeit ist. Gott und nicht der blinde Zufall oder ein tragisches Schicksal. Und weil Gott selbst die Seile löst, dürfen wir wissen: Mit dem Sterben gehen wir nicht verloren. Nein, Gott löst die Seile, weil die Reise weitergeht, weil er mit uns eine Zukunft vorhat, die über das Zeitliche hinausgeht (Zitat: Pfr. Markus Niederhäuser,Bern).

Diese Worte lassen Verstehen in mir aufkeimen. Bitterkeit ist keine in mir – nur ein grenzenloser Schmerz, der jetzt zu mir gehört – bis auch meine Seile von Gott gelöst werden.

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26.8.2020, Elisa

Aus dem Alltag eines Reiseleiters

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Ein Reiseleiter aus Südafrika erzählt: Vor einiger Zeit passierte mir ein Missgeschick. Nach dem Teehalt in einem schattigen Garten war ich mit meiner Gruppe ein wenig verspätet. Daher ging ich vor der Abfahrt rasch durch die Busreihen, ohne genau hinzuschauen. Weiter hinten sass eine Dame mit grossem Strohhut. Wie gesagt, ich sah nur flüchtig hin – und, ohne es zu merken, zählte ich eine leere Männerjacke mit. Ich gab dem Chauffeur das Abfahrtszeichen, und los ging die Fahrt, bergauf, bergab, um Kurven, einen Fluss entlang. Nach etwas mehr als einer Stunde meldete sich die Frau mit dem Strohhut und jammerte: „Mein Mann ist immer noch im Restaurant, wo wir Tee getrunken haben.“ Du liebe Güte! Warum sagte die erst jetzt etwas? Den sperrigen Bus auf der schmalen Strasse gewendet, eine Stunde zurück gefahren, den verlorenen Mann an Bord geholt und zum zweiten Mal die gleiche Strecke vorwärts – die Verspätung an diesem Tag war nicht mehr aufzuholen. Peinlicher noch: Die Damen in der Gruppe sahen mich vorwurfsvoll oder gar empört an, ein paar Herren lachten hinter vorgehaltener Hand. Seither zähle ich meine Schäfchen immer ganz genau!

Einmal war der schottische Besitzer einer Whiskyfabrik unter meinen Gästen. Er trug stets eine Flasche seines Getränks in der Jackentasche. Der Whisky floss, zumindest bei ihm, in Strömen, die Landschaft nahm er wahrscheinlich trotz klarem Wetter eher verschwommen wahr. Gegen Ende der Woche meldete er besorgt, dass er nurmehr eine einzige Flasche Whisky übrig habe. Dann legte er sich ganz hinten im Bus auf die Rückbank und begann bald zu schnarchen. Nach einer Weile musste der Busfahrer unvermittelt bremsen – der Schotte plumpste ziemlich heftig auf den Boden. Dabei zerbrach klirrend seine letzte Whiskyflasche. Die kostbare Flüssigkeit rann an ihm herunter, bildete eine kleine schwarze Lache auf dem Boden des Busses. Beim Herunterfallen war der Unglücksrabe natürlich aus seinem Schlummer aufgeschreckt. Beunruhigt richtete er sich auf, tastete sein nasses Hosenbein ab. Dann schrie er entsetzt: „Oh Gott, lass es bitte, bitte Blut sein!“

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Ich wünsche Euch schöne Ferienträume, die sind zum Glück trotz Corona jederzeit möglich…

Elisa, 19.8.2020

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Weisheiten

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Heute möchte ich meine zwei Lieblingsanekdoten mit euch teilen, die ich nicht nur für geistreich, sondern ebenso für weise halte.

  • Bitterer Ernst bewegte einen frommen Juden, täglich seine Armut und seinen Hunger im Gebet vor Gott auszubreiten und ihn um Hilfe zu bitten. Aber Gott schwieg. Als die Notlage kaum mehr zu ertragen war, ging der Mann erneut in die Synagoge und betete: „Ach, Gott, hörst du mir gar nicht zu? Jetzt flehe ich dich jeden Tag an, dass du mich endlich in der Lotterie gewinnen lässt, und doch passiert einfach nichts. Siehst du nicht, wie schlimm es um mich und meine Kinder steht? Warum hilfst du uns denn nicht?“

    Da ertönte von oben herab eine Stimme: „Gib mir eine Chance, kauf endlich ein Los!“

Macht der Glaube an eine Höhere Macht passiv? Hoffentlich nicht. Wir sollten selbst mithelfen, Probleme anzupacken, damit eine Änderung zum Guten eintreten kann.

  • Ein frommer Pfarrer ging im Moor spazieren. Eine Unachtsamkeit: er stolperte, sank ein. Auf einem nahen Strässchen kam bald darauf die Feuerwehr vorbei. Als sie den Pfarrer entdeckten, riefen die kräftigen Mannen: «Herr Pfarrer, brauchen Sie Hilfe?» Der Pfarrer, der inzwischen bis zu den Knien eingesunken war, antwortete tapfer: «Nein, Gott hilft.» Die Feuerwehr-Mannen fuhren ihres Wegs, während der Pfarrer still weiterbetete. Als ihm das Wasser bis zu den Hüften stand, kehrte die Feuerwehr zurück. Die Leute hielten an und fragten erneut: «Herr Pfarrer, können wir Ihnen helfen?» Wieder tönte es zurück, wenn auch etwas schwächer: «Nein, Gott hilft.» Die Feuerwehr fuhr weg. Der Gottesmann betete mittlerweile flehentlich, doch die Hilfe blieb aus, das Wasser stieg höher und höher, bis zu seinem Hals. Ein drittes Mal kam die Feuerwehr dahergebraust. Wie aus weiter Ferne hörte der Pfarrer sie rufen: «Können wir Ihnen denn nicht helfen?» Mit letzter Kraft stammelte der Fromme: «Nein, nein, Gott hilft.»

    Kurz darauf stand er vor dem Himmelstor und sah Petrus vorwurfsvoll an. «So unerschütterlich habe ich an Gott geglaubt», reklamierte er, «und das ist jetzt der Lohn, ihr habt mich ertrinken lassen.» Kopfschüttelnd musterte Petrus ihn und meinte: «Was können wir denn mehr für dich tun als dir dreimal die Feuerwehr vorbeischicken?»

Gut, hoffen wir in schwierigen Situationen auf ein Wunder! Besser noch: Lassen wir uns auch von lieben Menschen helfen! Sie könnten uns von Gott gesandt sein…

Elisabeth, 29.7.2020

Dankespsalm

In diesem Augenblick geht irgendwo auf der Welt die Sonne auf
an einem andern Ort geht sie unter

In diesem Augenblick liebt sich ein junges Paar
weint ein Kind, zetern zerstrittene Eheleute
pflegen helfende Hände liebevoll Wunden
wird irgendwo ein Mensch erschossen
fällt einer in den Wahnsinn
dankt ein anderer seinem Retter

In diesem Augenblick fällt ein Haus in Trümmer
wird fröhlich eines erbaut
ist irgendwo blutiger Krieg
blüht anderswo der Friede

In diesem Augenblick segnet ein Pfarrer seine Gemeinde
verflucht ein Schelm Gott und die Welt
lästert eine Hure, hilft ein Menschenfreund
foltert man Frauen in dunklen Kellern
pflanzt jemand im Sonnenlicht einen Baum

In diesem Augenblick stirbt ein Menschenkind
wird ein anderes geboren
in diesem einen Augenblick

So ist die Welt:
In diesem Augenblick ist alles gut
im nächsten vielleicht alles anders…

In jedem Augenblick, unser Gott und Vater,
ruhen Deine Augen auf uns
voller Liebe und Zärtlichkeit
voller Geduld und Bewahrung

Unser Gott und Vater, wir danken Dir

Elisabeth, 22.7.2020

Erinnerungen

An diese alten Dinger kann ich mich noch erinnern… Photo by Dominika Roseclay on Pexels.com

In jedem einzelnen Menschen ist eine vollständige, wundersame Welt eingeschlossen, ein Universum für sich, ein Universum aus Leben, Gefühlen, Geheimnissen, Erinnerungen, Erfahrungen, Wissen, Schmerzen. Oft dringt nur wenig davon nach draussen. Ein Freund meinte einst: «Die Tragik der Menschheit ist, dass keiner des anderen Schmerz wirklich empfinden kann, sei er körperlich oder seelisch. Höchstens Mitgefühl ist uns möglich.»  

Jeder Mensch hat seine ureigensten Erinnerungen, die seine Geschichte erzählen. Mir fällt auf, wie sehr ich die meinen parallel abrufen kann, als wären sie alle gleichzeitig geschehen. Sie erscheinen mir daher zeitlos. Und mit zunehmendem Alter werden es immer mehr. Was macht das mit uns?

Nach einer Aufführung in einem Londoner Theater, die wir zusammen mit einem älteren Freundespaar besuchen, antwortet sie auf unsere entzückten Äusserungen: «Für uns war’s nur mässig. Ich fürchte, wir sind mit den Jahren etwas blasiert geworden.» Schade, Blasiertheit bräuchte es nicht. Erinnerungen sind kostbar, sie machen reich, lassen uns reifen, machen glücklich– oder nicht? Und das Beste: Leidvolle Erfahrungen verlieren aus der Distanz an Intensität.

Photo by Brett Jordan on Pexels.com

Ich sehe mich als Dreikäsehoch, wie ich mich voller Gewissensbisse versteckt halte, nachdem ich Grossvaters ganzen Stolz, das Schneeglöcklein-Beet vor dem Haus, leer gepflückt habe. Die Strafe bleibt aus, weil die Erwachsenen erleichtert sind, als sie mich endlich finden.

Mit klopfendem Herzen trete ich meine Praktikantinnen-Stelle in Paris an und verstehe fürs erste nur «Bahnhof», obwohl ich seit Jahren in der Schule Französisch gelernt habe. In England verabschiede mich in der Victoria Station von meinem Verlobten und erfahre, dass Engländer prüder sind als Franzosen: «This is not a kissing room», werden wir bei unserem innigen Abschiedskuss missbilligend getadelt – vom ältlichen Kellner des Bahnhof Restaurants, der wie ein Butler aussieht!

Photo by Suzy Hazelwood on Pexels.com

Als junge Mutter spaziere ich stolz mit meinem Söhnchen durch die Gegend und plaudere mit ihm, als würde er alles verstehen. Seine grossen blauen Augen sehen staunend zu mir auf.

In Kenia erschauere ich beim Anblick eines blutigen Zebra-Kadavers, um dessen Gedärme Hyänen und Geier sich einen gehässigen Kampf liefern. In den Strassen von San Francisco lasse ich mich zusammen mit einem rassigen, schwarzen Verkehrspolizisten ablichten. In Indonesien beginnt mein Herz in einem abgelegenen Dorf zu flattern beim Anblick von reihum in Trance fallenden Tänzern.  

Photo by Harry Lette on Pexels.com

Jahrelang träume ich von einem fürsorglichen Mann an meiner Seite. Und da ist er, DER MANN: Bei unserer ersten Begegnung vor mehr als 25 Jahren stellt er sich schützend zwischen mich und den zähnefletschenden Schäferhund, obwohl ihm ebenfalls bang ist vor bissigen Hunden.

Auf Hawaii lassen DER MANN und ich uns das in der Erde gegarte Wildschwein schmecken. In Indien vergnügen wir uns als einzige Weisse auf einem kleinen Rummelplatz, während sich junge Burschen anschicken, den Kofferraum unseres Autos zu plündern.

Photo by Colin Lloyd on Pexels.com

In Jerusalem wagen wir uns in die grosse Höhle neben dem Damaskus-Tor, die man den «Steinbruch König Salomons» nennt, weil dort die Felsbrocken für den Bau des ersten Tempels auf dem Tempelberg gebrochen wurden. Man stelle sich einen 230m langen, mystisch beleuchteten unterirdischen Weg durch Fels und Stein vor. Ausser zwei vorbei huschenden Katzen sind wir die einzigen Besucher.

Blick auf den Tempelberg in Jerusalem – Photo by Haley Black on Pexels.com

Im Rückblick laufen all diese Erlebnisse bei mir gleichzeitig ab. Wir Menschen sind also jederzeit in der Lage, gute oder schlechte Erinnerungen abzurufen, d.h. wenn wir sie als erhaltenswert gespeichert haben – seien sie von gestern, vorgestern, oder aber aus vergangenen Jahren, ja Jahrzehnten. Blitzschnell können wir von Ort zu Ort, von Episode zu Episode hüpfen. Ein Duft, ein Wort, eine Melodie, ein Bild, oder vielleicht ein Film, versetzt uns augenblicklich in eine andere Szene. Natürlich ist diese Gedankenreise auch willentlich machbar. Eine winzige Drehung des Blickwinkels, eine Art «Zappen» im Gehirn, genügt. Das ist wahrhaftig zum Staunen! Was für ein geniales «System»! Allerdings ist es auch verwundbar. Meines «stürzte» temporär ab, nachdem ich die Todesnachricht meines Sohnes erhalten hatte…

Mein Gedächtnis beweist mir, dass Zeit während unseres Erdendaseins eigentlich nicht richtig existiert. Obwohl wir älter und schliesslich alt werden, bewegt sich alles auf derselben persönlichen Ebene, verschmilzt ineinander. Vergangenheit und Gegenwart sind so eng verwoben, als wären sie eins. Die besonders eindrücklichen Geschehnisse erscheinen klar, lebhaft und nah beieinander, es spielt überhaupt keine Rolle, wenn inzwischen 50 Jahre vergangen sind.

Ich frage mich, ob die Zukunft auch bereits vorgezeichnet und irgendwo als Erinnerung registriert ist. Wie denkt Ihr darüber?

Elisabeth, 15.7.2020

Photo by Gustavo Fring on Pexels.com

Im Orient: Marokko, 5.+letzter Teil

Die Kasbah Ait Benhaddou

In den Städten Marokkos ist die Kasbah das Viertel der Regierungsbeamten und liegt daher ganz in der Nähe des Königspalastes, während man unter der „Medina“ die Altstadt mit den Souks versteht. Beide befinden sich in Marrakesch innerhalb der Stadtmauern und liegen übergangslos nebeneinander. Wir haben bei unserer ausgedehnten Kutschenfahrt denn auch kaum einen Unterschied zwischen Kasbah und Medina ausmachen können. Claude Ollier schreibt über die arabische Medina: „In blinde Mauern eingeschlossene Intimität, jedes Eindringen aus der überfüllten Straße wird durch die kleinen Türen verwehrt, die man nie ganz, immer nur einen Spalt weit öffnet, und die schwere Schlösser haben.“

Photo by Taryn Elliott on Pexels.com: Innenhof-Intimität

Auf dem Land sind Kasbahs eindrucksvolle Lehmburgen, befestigte Dörfer, meist auf Hügelkuppen gelegen, wo die Lehmhäuser der Bewohner sich hinter hohen, prächtig verzierten Mauern um den Palast des Paschas scharen. Eine Kasbah war früher Fluchtburg und Herrensitz, Festung und Gemeinschaftsspeicher, Sippenwohnung und Machtzentrum in einem. Einige sind noch heute bewohnt. Doch der idyllische Schein trügt: Im Winter, bei Schnee und Regen, ist das Leben inmitten der hohen Gemäuer hart, nass und sehr kalt.

Außer in Marokko haben sich die wuchtigen, aus Stampflehm und Maisstroh gefügten Festungen nur im Jemen erhalten. Die wohl schönste Kasbah Marokkos ist „Ait Benhaddou“. UNESCO hat das durch Alter und Witterung arg in Mitleidenschaft gezogene Kulturgut vorbildlich renoviert. Den Filmen „Sodom und Gomorrha“ und „Laurence of Arabia“ diente „Ait Benhaddou“ als wunderbare Kulisse.

Wer weiß schon, dass nicht nur „Laurence of Arabia“ und „Kleopatra“ in der marokkanischen Wüste gedreht wurden, sondern auch der Tibet-Film „Kundun“? Dazu flog Hollywood 800 tibetische Statisten ein. Der schön bemalte tibetische Palast, die steinernen Türwächter-Löwen – alles Schwindel und Fassade, alles bloß aus Pappe und Gips! Dies haben DER MANN und ich zwischen den glühend-heissen Filmkulissen von Quarzazate verdutzt, aber auch mit Nachdenklichkeit festgestellt. Wie leicht lassen wir Menschen uns doch täuschen vom schönen Schein und von weg retuschierten Realitäten!

Photo by Markus Winkler: China, Tibet, Marokko – oder??

Interessant ist, dass Quarzazate 1928 von der französischen Kolonialverwaltung Marokkos als Garnisonsstadt für die Fremdenlegion gegründet wurde. Meines Wissens war das alles andere als ein realitätsfremder Ort!

Fährt man durch bestimmte Gegenden Marokkos, entdeckt man Bäume, in deren Kronen ganze Gruppen von Ziegen stehen. Was um alles in der Welt veranlasst die Tiere, ins hohe Geäst zu klettern? Des Rätsels Lösung: Sie fressen mit Hochgenuss die Früchte der Arkana-Bäume. Die äußerst harten, etwa eichelgroßen Fruchtsteine scheiden sie mit dem Kot wieder aus. Die dort ansässigen Menschen sortieren diese Fruchtsteine aus dem Kot, knacken die harte Schale, rösten die Kerne und pressen sie anschließend zu Öl. Dieses Öl hat einen ausgeprägten Nussgeschmack, ist sehr kostbar und teuer. Es gilt als äußerst gesund, vor allem als Nahrungsbeigabe (z.B. in Salatsaucen); dann aber auch als Einreibemittel gegen Rheuma und Rückenschmerzen, oder in der Kosmetik.

Wie man sieht, ist mitunter sogar Kot etwas Wertvolles – vorausgesetzt, man scheut sich nicht, beherzt hineinzulangen.

Die Ziegen in den Arkana-Bäumen

Elisabeth, 8.7.2020