Mein Leben hat Sinn

Foto Elisa: Am winterlichen Schwarzsee

Letzte Woche fiel mir einmal mehr ein Gedicht des Schweizers Max Feigenwinter in die Hände. Gerade dieses möchte ich heute mit Euch teilen. Ich schätze seine Gedichte sehr. Denn ich empfinde sie als Ermutigung.
Ihr auch?

Was ich kann
Auch wenn
nicht alles wichtig ist,
was ich denke,
nicht alles gehört wird,
was ich sage,
nicht alles gesehen wird,
was ich mache,
nicht alles wächst,
was ich säe,
nicht alles Frucht bringt,
was ich pflege,
vieles nicht so gerät,
wie ich es für richtig halte,
mein Leben hat Sinn:
Ich will tun, was ich kann,
meine Grenzen annehmen
und mich freuen an dem,
was gelingt.
(Max Feigenwinter, geb. 1943)

Foto Daniel Schwendener: Max Feigenwinter bei sich zu Hause

Es ist mutig, die eigenen Grenzen anzusprechen, nicht wahr? Wie oft machen wir uns selbst Druck, obwohl es gar nicht nötig wäre. Lassen wir uns getrost fallen: Wir dürfen so sein, wie wir sind.

Foto von Freundin Ursula Weber: Mit Blick auf diesen Weiher bin ich aufgewachsen

Wie beruhigend ist es doch, sich diesem Werden und Vergehen des Lebens zu überlassen! Ich stelle mir vor, dass selbst «unreife Früchte» dereinst Vollendung erreichen im überirdischen Glanz der vollkommenen Liebe. Im Hier und Jetzt dürfen wir uns wirklich freuen an dem, was uns gelingt!

Foto Elisa: Früchte in Tiflis, einige weniger perfekt als die anderen

10.2.2021, Elisa

Schubladen

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«Ein Mann – ein Wort. Eine Frau – ein Wörterbuch.» Diese etwas boshafte Qualifizierung schubladisiert sie beide, die Frau wie den Mann.

Weshalb machen wir das? Menschen, Dinge, Geschehnisse etikettieren? Verleiht uns das Sicherheit? Ist es Ordnungssinn? Oder Mangel an Fantasie? Angst vor Ungewöhnlichem? Vielleicht gar Neid?

Ich weiss es nicht. Ich finde Schubladisieren überhaupt nicht gut und mache es trotzdem, wie Ihr wahrscheinlich auch…

In Paris hörte ich, wie man dort einen knauserigen Menschen nennt: Elle mange en Suisse. Il boit en Suisse. (Sie isst/ Er trinkt in der Schweiz.) Das ist offenbar ein gängiger Ausdruck für Leute, die nicht teilen und alles allein für sich haben wollen. Ich fühlte mich sehr gekränkt für mein Land.

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Als junge Mutter arbeitete ich samstags in einem Warenhaus, um noch etwas dazu zu verdienen. Ein schlanker, eher kleiner Italiener wollte bei mir einen Pullover kaufen, der ihm bis Mitte Oberschenkel hinunter reichte. «Der ist viel zu gross für sie, nehmen sie ihn zwei Nummern kleiner», riet ich ihm, während ich das Kleidungsstück vor seinen Körper hielt. Eine kräftige, vollbusige Dame stand neben uns. Auf Italienisch meinte sie energisch: «Der passt doch.» Der Mann: «Wirklich?» «Si, si», erwiderte sie, «der ist perfekt.» Wie befohlen, tippte ich den Preis in die Kasse. Wenn seiner Ehefrau derart lange Pullover gefielen, dann konnte mir das egal sein. Nachdem er bezahlt hatte, wandte er sich lächelnd an die Dame. «Danke vielmals für Ihre Hilfe, Signora. Das war sehr freundlich von Ihnen.» Dieses kleine Vorkommnis schubladisierte ich unter «Italiener halten durch dick und dünn zusammen».  

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 Kurz vor der Müllabfuhr in der Hauptgasse unserer Stadt, nach einem Fest-Wochenende: Ungläubig betrachtet ein chinesisches Pärchen die unschöne Kulisse grosser und kleiner himmelblauer Abfallsäcke, überquellender Abfallkörbe, sperriger Schachteln und Kartons, die sich unübersehbar vor den Restaurants und Einkaufsgeschäften türmen. Dann zücken sie ihre Mobile Phones und knipsen eifrig. Was werden sie wohl ihren Freunden in China über die Schweiz erzählen?

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In Kenia hatte ich im Naturreservat einen schwarzen Butler, der mir allmorgendlich einen heissen Tee mit Biskuits ins Zelt und ans Bett brachte. Ich kam mit ihm ins Gespräch. Er wollte partout nicht glauben, dass ich als weisse Lady in meinem Heimatland arbeitete und keinen Butler hatte, der mich von morgens bis abends bediente. Ich meinerseits hatte damals keine Ahnung, wie unglaublich reich und vielfältig der afrikanische Kontinent an Rassen, Kulturen, Gebräuchen und wunderbarer Kunst ist.

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Zwei Freundinnen sitzen im Café. Sagt die eine: «Siehst du das Knochengestell dort drüben? Die sitzt nun schon seit mindestens dreiviertel Stunden vor einer Tasse Tee. Kein Wunder, ist die so dünn.» Die Freundin: «Bestimmt ist sie magersüchtig.» Tatsächlich? Es könnte doch sein, dass sie krank ist?

Foto: Elisa

Mich dünkt, Schubladisieren hat mit Vorurteilen zu tun. In unserem Leben gibt es überall randvolle Schubladen. Wahrscheinlich wäre es eine Erleichterung, sie wieder einmal zu leeren und zu entstauben, besonders jene, auf denen «Nationalitäten», «Rassen» oder «Politik» steht.

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Elisa, 3.2.2021

Zerbrochen

Foto: artlovingitaly

Vor vielen Jahren unterrichtete ich einmal pro Woche eine 5er-Gruppe in Englisch. Es waren alles Männer, vor Jahren in die Schweiz geflüchtet, lebhafte, miteinander befreundete Menschen. Sie hatten im neuen Land fest Fuss gefasst und sich eine gute Position erarbeitet. Ich erinnere mich, wie belebend ich sie empfand: Mehrheitlich durch ihr Ursprungsland, aber auch durch die Schweiz geprägt, waren sie temperamentvoll, lustig und lernbereit. Nur einer von ihnen war ein Schwerblüter, der kaum je lächelte. Immer sah er aus, als würde er gleich in Tränen ausbrechen. Seine Freunde sagten von ihm, er sei nur glücklich, wenn er unglücklich sei…

Foto: modernus.ru

Doch dann wurde unerwartet auch einer der anderen schwermütig. Trotz seiner Intelligenz konnte er auf einmal kaum mehr ein englisches Wort nachsprechen, geschweige denn einen Satz bilden oder eine Übung lösen. Wir waren nicht imstande, ihm zu helfen, was mich sehr belastete. Seine über alles geliebte Frau habe ihn wegen eines anderen verlassen, vertraute er mir bei einem Einzelgespräch unter Tränen an. Nicht lange danach stand sein Herz still. Einer seiner Freunde, ein Psychiater, erzählte mir, er sei an einem zerbrochenen Herzen gestorben. Ich war betroffen, geschockt. Gab es das tatsächlich? Ja, das «Gebrochenes-Herz-Syndrom» ist leider eine medizinische Realität. Es ist eine plötzliche, durch starken Stress ausgelöste Funktionsstörung der linken Herzkammer, von einem Herzinfarkt fast nicht zu unterscheiden.   

Foto: lakesidepottery

Gibt es einen Ausweg aus persönlichem Leiden? Ich meine schon. Vielleicht, indem wir unseren Blickwinkel verändern?

Habt Ihr gewusst, dass die Japaner Zerbrochenes in Kunstwerke verwandeln? Im 16. Jahrhundert haben sie die wertvolle Philosophie durch das Kunsthandwerk «Kintsugi» entwickelt – eine traditionelle Art, gesprungene Keramik zu reparieren. Kintsugi hat seine Wurzeln im Zen-Buddhismus und gewährt einen tiefen Einblick in Japans Wabi-Sabi-Ästhetik mit ihrer Wertschätzung der Fehlerhaftigkeit. Der Bruch und die Reparatur werden als die Geschichte eines Objektes verstanden, anstatt den Mangel zu verschleiern.

Foto: Aliexpress

Durch Goldverbindung wird der Makel sogar betont: Die Schönheit und die Bedeutung, die der Betrachter durch das Objekt erfährt, ist das Wichtigste. Kintsugi stellt also einerseits die Funktionsfähigkeit des Keramikgefässes wieder her, doch gleichzeitig wird das Resultat des Flickens als künstlerischer Akt aufgefasst. Die geflickte Stelle wird durch das Hervorheben mit dem Edelmetall nicht nur deutlich sichtbar gemacht, sondern sogar veredelt.

Foto: Lakesidepottery

Kintsugi steht deshalb nicht für das Zerbrochene, sondern für das Wiederhergestellte. Jede Schale, der neues Leben eingehaucht wurde, zeigt: Ich bin an verschiedenen Stellen gebrochen. Ich habe vieles durchlitten. Es hat Geduld und Liebe gekostet, wieder ganz zu werden. Doch genau das macht mich einzigartig.

Foto: Pinterest

Erkennt Ihr, was das für uns bedeutet? Aus menschlichen Krisen gibt es einen Heilungsweg. Er gelingt nicht im Handumdrehen. Aber Weisheit und Vertrauen helfen uns dabei, uns nicht als Flickwerk zu betrachten, sondern als ein schöpferisches Kunstwerk mit vergoldeten Bruchstellen, die uns letzten Endes läutern und bereichern.

Wenn das nicht eine grossartige Verheissung für einen Neuanfang ist! Ich bin gewiss, Gott steuert das Gold bei.

Elisa, 26.01.2021

Krise!

Lofoten, Norwegen: Foto Michael Blanchette, Photography

«Merry Crisis» (Fröhliche Krise) hat jemand im Stadtzentrum an eine Hausmauer gesprayt. Das tönt zynisch. Denn wir durchleben Verstörendes. Die Pandemie bringt unser ganzes bisheriges Leben ins Wanken und erfordert von jedem von uns zum Teil weniger grosse, zum Teil aber auch grösste Opfer. Können wir etwas tun, oder sind wir dem Geschehen vollständig ausgeliefert?

Ich bin dafür, dass wir nicht kampflos aufgeben! Ich bin dafür, dass wir uns nicht zu Boden drücken lassen! Ich bin dafür, dass wir über das Glück statt über das Unglück reden!

Halt! Darf man in diesen Zeiten überhaupt von Glück reden? Ich will es wagen. Mag sein, dass Ihr nun denkt, die hat gut reden, als Pensionierte hat sie es besser als wir. Das stimmt.

Allerdings haben auch wir im vergangenen Jahr viel Trauriges erlebt, das noch nachwirkt. Am schlimmsten war, dass ich meinen über alles geliebten Sohn verloren habe. Darum weiss ich, dass es nicht leichter wird, wenn wir nur noch von Kummer, Verlust und Verzweiflung reden, dauernd über Belastendes grübeln, uns gar ins Dunkel sinken lassen. Allein die Tatsache, dass wir leben, ist an sich schon etwas Beglückendes. Wir alle erfahren selbst im schwierigen Alltag immer wieder Schönes, glücklich Machendes, nicht wahr? Zugegeben, von Glücksstunden bleibt nur allzu rasch vor allem die Erinnerung. Da ist es gut zu wissen, dass sich intensive Höhepunkte im Leben wiederholen. Wann? Manchmal können wir sie herbeiführen, meistens jedoch nicht. Es heisst also, in geduldiger Erwartung auszuharren. Vielleicht ist gerade das Unerwartete von besonderer Qualität?

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Nie war die Lebensfreude bei den Menschen grösser als nach einer Krise. Denken wir nur an die goldenen 20er Jahre mit ihren vielen Erfindungen (wovon der Tonfilm nur eine war), und der überschäumenden Lebensfreude – nach Krieg und Spanischer Grippe waren sie eine lebendige, glückliche Zeit. Oder an die Euphorie nach dem zweiten Weltkrieg, die das Leben bereicherte; es entstand der unbedingte Wille, in Zukunft den Frieden zu bewahren, oder das vielgepriesene Wirtschaftswunder, das den Alltag mehr und mehr erleichterte.

Gibt es etwas, worauf wir uns besonders freuen, wenn die Pandemie vorbei ist? Realistische Träume sind ein positiver Motor, sie haben eine erfüllende Kraft in sich und, abgesehen davon, helfen sie momentan über vieles hinweg. Während wir warten, könnten wir uns darauf einstimmen, die unverfälschte Natur wirklich schätzen zu lernen. Ihr Sorge zu tragen, ihre Schönheit zu geniessen – das könnte trotz Verzicht durchaus lustvoll sein. Und stellt Euch vor, wie wir vor Glück jubeln werden, wenn wir einander wieder treffen und umarmen dürfen! Jedenfalls werden wir regelrecht aufblühen, Ihr werdet sehen!

Friedenstaube: Foto Doris Dätwyler

Mitte Januar beobachteten DER MANN und ich vor unserem Küchenfenster ein Taubenpaar, das ein altes Nest auf dem kahlen Ast eines grossen Baumes voller abgestorbener Blätter umflog und begutachtete. Das Weibchen testete es probebrütend sogar kurz. Dumme Vögel? Oder einfach solche, die sich schon jetzt auf den Liebesfrühling freuen?

Zu guter Letzt möchte ich zu bedenken geben, dass «ungelebtes» Leben den Keim der Bitterkeit in sich trägt. Unsere Lebenszeit läuft unaufhörlich ab, ob wir uns nun grämen oder zufrieden sind. Kein Tag, keine Stunde kommt zurück. Erich Fried, der österreichisch-jüdische Lyriker, hat den schlaffen, sinnentleerten Zustand des verschwendeten Daseins in einem Gedicht folgendermassen beschrieben:

Kleines Beispiel
Auch ungelebtes Leben
geht zu Ende
zwar vielleicht langsamer
wie eine Batterie
in einer Taschenlampe
die keiner benutzt
Aber das hilft nicht viel:
Wenn man
(sagen wir einmal)
diese Taschenlampe
nach so- und so vielen Jahren
anknipsen will
kommt kein Atemzug Licht mehr heraus
und wenn du sie aufmachst
findest du nur deine Knochen
und falls du Pech hast
auch diese
schon ganz zerfressen
Da hättest du
genauso gut
leuchten können

//Erich Fried (6.5.1921-22.11.1988), aus: Das Nahe suchen, Berlin 1982

Lofoten, Norwegen: Foto Michael Blanchette, Photography

Wollen wir auch in diesen dunklen Wochen unsere «Taschenlampenbatterie» zum Leuchten bringen? Den Mut und die Energie dazu wünsche ich uns allen von Herzen!

20.1.2021 Liebe Grüsse, Elisa

PS. Wann habt Ihr Euch zum letzten Mal selbst Blumen gekauft?

Orchidee: Foto Elisa

Seidenfaden…

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Während der ersten Ehejahre lebten meines Vaters Eltern hoch oben im Dachgeschoss einer imposanten Häuserzeile. Im Erdgeschoss befand sich das Coiffeurgeschäft Schwarz. Der Herren-Coiffeur handelte nebenbei mit Knallfröschen und anderem Feuerwerk. Solch branchenfremde Nebengeschäfte waren damals durchaus üblich.

An diesem Morgen Ende Februar 1912 hantierte ein Kunde, in der einen Hand eine brennende Zigarre, in der anderen einen Knallfrosch, so ungeschickt mit dem begehrten Artikel, dass nicht nur dieser explodierte, sondern in der darauffolgenden Panik der ganze Schrank, in dem eine geballte Ladung Knallfrösche lagerte. Ohrenbetäubend machten die Frösche ihrem Namen alle Ehre, und blitzartig setzte die Explosion das Haus von unten her in Brand, frass sich mit Flammen und Rauch durchs Treppenhaus hoch – während sich unten der lukrative Nebenverdienst von Herrn Schwarz buchstäblich in Luft auflöste. Verständlich, dass sich in der Folge im Coiffeurladen dramatische Szenen abspielten.

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Aber auch im Dachgeschoss kam es zu Angst und Verzweiflung. Meine Grossmutter war im vierten Monat schwanger. Weil es noch früh am Morgen war, hatte sie ihre vier Kinder bei sich, jedoch nicht ihren Mann. Hustend floh die älteste Tochter mit dem Kleinsten im Arm aufs steile Dach hinaus, ihr Mutter rannte kopflos hin und her, und durch Rauchschwaden keuchten und schrien hysterisch die übrigen Kinder. Glücklicherweise kam die Feuerwehr gerade noch rechtzeitig, um die Grossfamilie auf und unterm Dach zu retten. Der gaffenden Menschenmenge, die sich in Windeseile unten auf der Strasse gebildet hatte, wurde ein unterhaltsames Schauspiel geboten, besser als jeder Wanderzirkus es vermocht hätte.

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„Gottseidank konnten auch die Menschen aus den übrigen Wohnungen und dem Coiffeurgeschäft gerettet werden. Es lief nicht ohne ein paar Verletzungen ab, die aber nicht lebensgefährlich waren. Nur Coiffeur Schwarz zog sich bei seinen mutigen Rettungsversuchen schwerste Brandwunden zu,» erzählte mir meine Grossmutter viele, viele Jahre später. Und fuhr fort: «Ich fühlte mich danach nie mehr sicher in der Dachwohnung. Gottseidank konnten wir schliesslich in ein eigenes Haus umziehen, wo wir uns glücklicher fühlten.»

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Mein Schwager fand bei Recherchen zum Familien-Stammbaum unter anderem einen abgegriffenen Zeitungsbericht mit der Schilderung des Brandes. Darin hiess es, der bedauernswerte Coiffeur sei zwei Tage, nachdem sich sein Nebenverdienst endgültig verflüchtigt hatte, im Spital gestorben.

Als Jüngster kam mein Vater erst drei Jahre nach den dramatischen Ereignissen zur Welt. So kam es, dass ich meine Existenz letztendlich der tüchtigen Feuerwehr meines Heimatstädtchens verdanke.

Was zur Schlussfolgerung führt, dass unser Leben bereits lange vor unserer Geburt an einem seidenen Fädchen hängt…

Elisa, 13.01.2021

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Emoticons, Emojis

Wir alle benutzen sie: die Emojis, [eˈmodʑi], die ihren Ursprung in Japan haben. Es war Ende der 1990er Jahre, als Shigetaka Kurita, Mitarbeiter eines dort ansässigen Mobilfunkanbieters, die Symbole zur Traffic-Reduktion (Filtern der Besucherströme nach Interessensgruppen) entwarf. Es sind Bildschriftzeichen, also Piktogramme, was ursprünglich: e (絵, «Bild») + moji (文字, «Zeichen») bedeutet.

Die Urform des Emoticons fand auch bei uns im Westen rasch Anhänger. Es war die Zeichenfolge eines Gesichts ( = :-)), d.h. eine Art Strichmännchen). Der Begriff ist ein Zusammenzug von «Emotion» und «Icon». Damit kann ein Gesicht in den verschiedensten Kombinationen gezeigt werden. Ein Smiley ist die grafische Darstellung dazu. Er ist meist gelb. Mit Emoticons untermauern wir den Inhalt des geschriebenen Wortes, unseren Stimmungs- und Gefühlszustand.

Emoji ist der Oberbegriff. Emoji (mojis) sind jedoch nicht auf Gesichter und Emotionen beschränkt, zu ihnen zählen auch Symbole für Pflanzen (🌴), Tiere (🐫), Essen (🍇), Getränke (🍸) oder Wetterlagen (🌂). Es ist also möglich geworden, unsere Aussagen mit digitaler Mimik und Gestik zusätzlich und sogar in Farbe zu verstärken, denn mit fortlaufender Technik sind sie zu winzigen Grafiken geworden.   

Manche Symbole, wie z.B. das Herz, bedürfen keiner Deutung. Die Auswahl der Grafiken wird laufend erweitert. Ich muss gestehen, ich verwende sie manchmal lediglich aus Freude, oder weil sie am Ende eines Chats hübsch aussehen. Da sie jedoch auf dem Handy sehr klein sind, asiatische Wurzeln haben und es teilweise unterschiedliche Darstellungsformen gibt, können einige zu Missverständnissen führen. Kürzlich erzählte jemand am Radio von einem solchen, wahren Beispiel:

Eine Grossmutter gratulierte ihrem Enkel über «What’s App» zum 23. Geburtstag. Am Schluss fügte sie 23 «Stinkefinger» an. Auf die erstaunte Frage des jungen Mannes kam heraus, dass die alte Dame, deren Sehkraft vermutlich stark eingeschränkt war, den «Stinkefinger» für eine Kerze gehalten hatte!

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Naja, zu einer guten Kommunikation gehören schliesslich auch das Nachfragen, Klarstellungen, Verständnis für Fehler und – dies vor allem – jederzeit eine grosse Prise Humor. Dann kann letzten Endes nichts schief gehen.

Elisa, Dreikönigstag, 6.1.2021

Ich danke allen meinen Followern, sowohl den bisherigen, als auch den neuen! 😍😀🎈

Raunächte

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Pflegt Ihr Sylvester-Bräuche? Feuerwerk? Tischbomben? Bleigiessen? Spielrunden? Unfug anstellen? Ich erinnere mich, dass ich als Kind den 31. Dezember fast so mochte wie den «Samichlaus-Besuch» und die Geschenke an Heiligabend. Nach dem Gottesdienst sass die Familie mit anderen befreundeten Kirchgängern bei uns zu Hause zusammen. Wir spielten ausgelassene Gesellschaftsspiele, erzählten Anekdoten aus dem vergangenen Jahr… Was ich als Kind besonders liebte, waren die zahlreichen Spukgeschichten, die ältere Erwachsene zum Besten gaben – angeblich wahre, wohl aber eher erfundene. Die gruseligen Schauer, die mir dabei über den Rücken liefen, waren unbezahlbar. Noch heute lese ich hin und wieder atemlos englische Spukgeschichten.  

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Woher kommen eigentlich Altjahresbräuche? Sie sind zum Teil sehr, sehr alt.

Die besonderen 12 Tage und Nächte zwischen der westlichen Weihnacht am 24./25.12. und der orthodoxen am Dreikönigstag wurden im europäischen Volksglauben als Raunächte gefeiert (von unheimlichem «Raunen»). Man nahm sie auch als «Zeit zwischen den Jahren» wahr und glaubte, dass dann die Gesetze der Natur ausser Kraft gesetzt und daher die Grenzen zu anderen Welten leichter passierbar seien. (Marianne Vogel).

Um die Raunächte ranken sich viele Mythen. Ihren Ursprung haben sie in vorchristlicher Zeit. Die Menschen glaubten damals, dass in den oft stürmischen und kalten Winternächten böse Mächte wirkten, die ihnen schaden wollten.

Foto Elisa: Am Schwarzsee

Raunächte wurden/werden als eine heilige Zeit angesehen, ausgehend von der Wintersonnenwende, dem Tag, an dem die Sonne ihren tiefsten Stand hat – also am 21. Dezember mit der längsten Nacht des Jahres. In manchen Regionen ist dies der Auftakt zu den Raunächten. In anderen Regionen starten die Raunächte in der Nacht von Heiligabend, 24. Dezember, und gehen bis zum Heiligen-Drei-Königs-Tag am 6. Januar. Es ist eine kraftvolle Zeit erhöhter Energien – in alten Volksbräuchen eine Zeit der Wahrsagungen, des Gedenkens an Verstorbene, des Orakelns und schützenden Räucherns. Auch das eigene Gewissen sollte einer Prüfung unterzogen werden. Es ist der Übergang ins neue Jahr – in einen neuen Zyklus – ein Übergang, der idealerweise bewusst vorzubereiten ist.

Der Silvesterbrauch des Bleigiessens (Orakeln) geht ebenfalls auf die vorchristlichen Bräuche der Raunächte zurück. Tiere im Stall sollen um Mitternacht mancher Raunächte die menschliche Sprache sprechen und über die Zukunft erzählen – allerdings, hiess es, wer die Tiere sprechen höre, werde unmittelbar danach sterben. Mancherorts galt die Zeit zwischen den Jahren als so gefährlich, dass besondere Regeln eingehalten werden mussten. Zum Beispiel war es verboten, Wäsche zu waschen und aufzuhängen. Die Menschen fürchteten, dass weiße Wäsche von wilden Reitern gestohlen und als Leichentücher verwendet werden könnten. Frauen und Kinder durften nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr alleine auf der Straße sein.

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Für uns heutige Menschen haben die Raunächte ihre Schrecken verloren und sind nicht mehr abergläubischen Regeln unterworfen. Gut so! Ich halte mich auch an den dunkelsten Wintertagen lieber an Licht und Mut verströmendes, christliches Gedankengut:

Komme, was mag, Gott ist mächtig! Wenn unsere Tage verdunkelt sind, so wollen wir stets daran denken, dass es in der Welt eine grosse segnende Kraft gibt, die Gott heisst. Gott kann Wege aus der Ausweglosigkeit weisen. Er will das dunkle Gestern in ein helles Morgen verwandeln. (Martin Luther King)

Der Mensch muss lernen, seine wahre Natur sich entfalten zu lassen: In ihm ist ein Licht, das nur darauf wartet zu leuchten. (Tseng Tse)

Ich meine, das ist der göttliche Funken, der in uns allen ist. Wohlan denn, lasst uns leuchten!

Ich danke Euch für Eure Treue. Mit den herzlichsten Wünschen für ein frohes, gelingendes und gesundes 2021, Eure Elisa und DER MANN, 1.01.2021

Foto Heidi Wildi: Raureif

Winterdämmern

Foto Elisa: Weihnachtsstimmung im Wohnzimmer

Liebe Freundinnen und Freunde,
Für die kommende Festzeit wünsche ich Euch Mut, Zuversicht, Glück, Segen – und trotz Corona viel Licht und Freude. Danke fürs Mitlesen, Mitfühlen, Kommentieren, Liken, Followen in den vergangenen Monaten – danke auch den Bloggern unter Euch, dass Ihr Euer eigenes «Schatzkästlein» ebenfalls regelmässig öffnet. Empfangene Freundlichkeit und Wertschätzung sind für alle Menschen etwas Beglückendes.

Manchmal, wenn die Trauer mich übermannen will, beschwichtigt mich ein Blick in die Stille und Unendlichkeit des Himmelszeltes, aus dem uns Sterne entgegen funkeln und den Glauben verstärken, dass wir alle in etwas Grösserem eingebunden und geborgen sind.

Bleibt gesund, und bis ins neue Jahr! Herzlichst, Elisa
Sonnenwende 2020

Winterdämmern
Manchmal legt Schnee
Eine Decke über das, was war.

In der Dämmerung leuchten die Fenster,
Kristalle glitzern unter Laternen.

Manchmal, in blauen Stunden ist mir,
als räume mich einer auf.

Altes darf enden. Sanft.
Neues kommt.

//Tina Wilms

Photo by Ivars on Pexels.com

Requiem

Freundlich, lustig, stets zu kleinen Streichen aufgelegt, gelenkig wie eine Katze: Das war Jakob, mein Cousin und liebster Spielgefährte meiner Kindheit. Ich nenne ihn Köbi, wie ich ihn immer genannt hatte. Mit ihm ging ich zum ersten Mal in den Kindergarten – ich war dort zwar lediglich zu Besuch, während er schon täglich hingehen durfte. Er war klein, knuddelig, mit grossen dunklen Augen, sah allerliebst aus in seinen Spielhöschen mit dem hellblau/weissen Kölsch-Muster. Wir hatten kaum die erste Geschichte gehört, da machte er in die hübschen Höschen – und beide mussten wir zurück nach Hause.

Photo by mali maeder on Pexels.com

Am Ende des ersten Schuljahres sagte der Lehrer zum aussen rechts sitzenden Buben: «Jakobli, Ich habe eine gute Nachricht für dich. Du darfst noch ein Jahr länger bei mir bleiben.» Mir schien, als sei nur ich traurig darüber!

Doch in der Freizeit waren wir fast täglich zusammen. Im Frühling bauten wir Oster Nestchen und legten sie voller Erwartung an einen trockenen Ort, wir stauten Nachmittage lang den etwa zwei Kilometer entfernten, idyllischen Bach, pflückten Blumen, sammelten im Herbst im Wäldchen Laub für den Gärtner, der uns pro steinhart gefüllten Sack nur ungern 10 Rappen aushändigte. Wir liefen im Winter Schlittschuh auf dem nahen Weiher und dem Bach. Aufregend fand ich auch die Ball- und Seilspiele auf der Strasse, die Schnitzeljagden und ‚Räuber und Police’ durch den halben Ort, die Spiele ‚Der böse Wolf’, ‚Der schwarze Mann’, derer wir nie überdrüssig wurden. Immer waren dann mehr als ein Dutzend Kinder aus der Nachbarschaft beteiligt. Oh, und eh ich’s vergesse: Die Versteckspiele auf dem weitläufigen Grundstück meiner Eltern – Köbi wohnte im gleichen Haus wie wir – hatten es uns Kindern ebenfalls angetan. Ich versteckte mich liebend gern in einer leeren Kiste im Garn-Magazin, wo man mich nie fand und das Kunststück darin bestand, mit lautem Herzklopfen, doch unbemerkt, im richtigen Augenblick zum Anschlagspunkt zu laufen.

Photo by Lukas on Pexels.com

Unser Garten war, wohl nicht zuletzt wegen Köbi, ein grosser Anziehungspunkt im Quartier. Einmal traf er mit einem Gummigeschoss die elektrischen Drähte, die unter dem Dach in unser Haus führten. Zwei Drähte berührten sich, Funken sprühten, es zischte, knallte und «räuchelte». Augenblicklich führte der Kurzschluss zu einem Stromausfall im gesamten Gebäude und der angrenzenden Weberei. Papa kam angerannt und war ziemlich wütend. Als er sah, dass wir alle verdattert waren, ein Kind (nicht Köbi!) sogar weinte, hörte er auf zu schimpfen und sorgte für Abhilfe.

Eines Tages fiel der gehbehinderte Grossvater in seiner Parterrewohnung im engen Abort zu Boden und blockierte die Türe, so dass ihn selbst mein Papa nicht befreien konnte. „Köbi, du bist schmal genug, um durchs Abtritt-Fensterchen hineinzuklettern. Du musst ihm helfen,“ verlangte Papa. Vor dem gestrengen Großvater lief Köbi sonst immer davon… Die Kletterpartie zur kleinen Fensteröffnung dauerte seine Zeit. Kurz, bevor Köbi seinen schmalen Bubenkörper endlich durchgezwängt hatte, wendete er den Kopf zu uns und – grinste. Nach der Rettungsaktion prustete er los: „Großvater sah grotesk aus, wie er zwischen Toilette und Türe auf dem Boden lag, ausgestreckt wie ein Frosch, über und über bedeckt mit Waschpulver, halb versteckt unter Frottierwäsche und Schmierseife. Er hatte beim Fallen das Gestell neben der Tür mit sich umgerissen.“

In seinen Jugendjahren interessierte sich Köbi fürs Kunstturnen. Auch aufs Autofahren war er erpicht und erwarb den Führerschein schon mit 18. Für meine ältere Schwester und mich wurde er mit seiner rassigen Fahrweise ein willkommener, gefreuter Begleiter beim Samstagabend-Ausgang. Dann fuhr er uns mit dem Auto irgendwohin auf einen «Hoger» (Hügel) im Appenzellerland, wo wir dann im Bergrestaurant ein Dessert assen, uns köstlich über seine Sprüche und Witze amüsierten und den ganzen Abend lachten. Ich erinnere mich auch, dass er, weil er klein geblieben war, beim Bremsen halb aufstehen musste und manchmal von der Polizei angehalten wurde, weil sie dachten, es sitze ein Bub am Steuer. Köbi löste das Problem, indem er Vaters Hut aufsetzte, so war dann Ruhe, obwohl ihm der grosse Hut manchmal über die Augen rutschte. Zum Glück hatte er in brenzligen Situationen ein fantastisches Reaktionsvermögen.

Köbi, der Ehemann einer tollen Frau, der liebevolle Vater und Grossvater, ist nicht mehr. Vor ein paar Tagen hat er nach langer schwerer Krankheit die Augen für immer geschlossen. Er hinterlässt eine vielköpfige Familie, die sehr um ihn trauert. Für Kinder hatte er sein Leben lang ein grosses Herz und viel Liebe übrig. Ruhe in Frieden, Köbi, mein toller Cousin und bester Freund aus Kindheitstagen. Ihm widme ich diese Erinnerungen.

Photo Wikipedia: Grabkreuz mit dem Christusmononogramm
IHS und der Inschrift Requiescant In Peace, RIP

Ihr Lieben, wenn uns etwas bedrückt, beruhigt es, dass wir zur Feder greifen können – wir als schreib-affine Menschen wissen das aus Erfahrung, oder nicht? Schreiben hat etwas Heilendes. Die Seele kann wieder freier atmen. Danke fürs Lesen.

In schreibender Verbundenheit, Elisa, 16.12.2020

Photo by fotografierende on Pexels.com

Gastfreundschaft, Φιλοξενία

Photo by Valdemaras D. on Pexels.com: Weiss und Blau, Griechenlands typische Farben!

Bei diesem Wetter täte uns eine Reise in den warmen Süden gut, oder nicht? Also erzähle ich Euch heute von einer Episode im sonnigen Griechenland. Es ist lange her, doch in meiner Erinnerung scheinen die Wanderferien erst vor kurzem stattgefunden zu haben. Wir waren etwa 25 wandererprobte Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Viel erlebten wir in diesem Spätsommer, landschaftliche Schönheit, friedliche Hirten, kulturelle Sehenswürdigkeiten, heimelige Tavernen.

Photo by Freute: Chania bei Nacht

In der ersten Woche übernachteten wir in Chania an Kretas Nordküste und unternahmen von dort aus täglich mehrstündige Wanderungen. Meine Wanderschuhe waren die rauen Pfade mit den vielen Steinen nicht gewohnt. Gegen Ende der Woche begannen sich die Sohlen zu lösen. So trug ich die Schuhe am Ruhetag zu einem der Schuhmacher im Schuhmachergässlein. Er versprach, sie bis zum Abend zu reparieren, damit ich sie am Samstag für die Wanderung durch die Samaria-Schlucht wieder benutzen könne. Eine Verständigung war indes schwierig, ich war nicht ganz sicher, ob wir einander auch richtig verstanden hatten; doch als ich sie abends abholte, händigte er mir strahlend meine Wanderschuhe aus, die glänzten wie neu. Er verlangte wenig Geld für die Reparatur. Ich war zu einem griechischen Tanzabend eingeladen. Um nicht zu spät zu kommen, stellte ich die Schuhe rasch und unbesehen ins Zimmer.

Photo by Pixabay on Pexels.com: Im Schuhmachergässlein

Am Samstagmorgen mussten wir früh aus den Federn. Beim Versuch, in meine Wanderschuhe zu schlüpfen, erschrak ich: Die Innensohlen von beiden Schuhen waren über und über mit spitzen Nägeln gespickt! Der Schuhmacher hatte die zu langen Nägel einfach von unten her in die Sohlen gehämmert! Ich traute meinen Augen kaum. Du meine Güte! Ein Fakir hätte sich womöglich gefreut, aber eine 7stündige Wanderung in solchen Schuhen war klar ein Ding der Unmöglichkeit. Meine liebe Zimmerkollegin half mir aus der Patsche. In weiser Voraussicht hatte sie zwei Paar Wanderschuhe mitgenommen und lieh mir spontan eines aus. Leider waren sie mindestens eine Grösse zu gross. Doch vorerst war ich guten Mutes.

Nach dem Frühstück fuhr uns der Bus zum Eingang der berühmten Samaria-Schlucht (griechisch Φαράγγι της Σαμαριάς) im Südwesten der Insel. Mit 17 Kilometern Länge ist sie eine der längsten Schluchten Europas. Aus über 1200m Höhe führt sie fast von der Mitte der Insel bis zum Libyschen Meer hinunter. Im kleinen, isolierten Hafenort Agia Roumeli würde uns ein Schiff erwarten, um uns der Südküste entlang für die zweite Ferienwoche nach Chora Sfakion zu bringen. Eine andere Transportart gab es nicht.  

Photo by: Photo Travellers, Samaria Schlucht von oben

Es war ein strahlend schöner Sommertag, als wir in die eindrückliche Schlucht mit den imposanten Felsen einstiegen. Am Anfang ging’s mit den fremden Schuhen soso lala, doch mein Abstand zur Gruppe wurde immer länger. Ich tat, was ich konnte, aber es war nicht genug. Denn auf einmal war ich allein auf weiter Flur. Ich ging etwas mühsam weiter. Auf einmal ertönte in der morgendlichen Stille eine wohlklingende Männerstimme. Nach einer Wegbiegung sah ich etwa 10 Meter vor mir einen jungen, sehr gemächlich gehenden Griechen, der seinem Glücksgefühl singend Ausdruck verlieh. Das bewegte mich. Beim Einholen lächelte ich ihn an und sagte: «Kalimera.» Er lächelte zurück. Als ich an ihm vorbeigehen wollte, erkannte er auf einen Blick meine unbequeme Schuh-Situation und bot mir seine Hand an. Ganz selbstverständlich wanderten wir Hand in Hand weiter. Mit seinem starken Arm half er mir an steilen Stellen, über Bächlein und Felsbrocken hinweg. Ich war sehr dankbar für diese Hilfe, die umso erstaunlicher war, als wir uns kaum unterhalten konnten. Seine spärlichen Englischkenntnisse waren immerhin etwas besser als mein rudimentäres Griechisch. Ich war froh, dass ich wenigstens das Wort «Efcharistó» für «Danke» kannte. Wenig später lernte ich auch seine vorangegangene Familie kennen: Eltern, Tanten, Onkel und sein Bruder, der heute Geburtstag hatte. Sie hiessen mich lachend und gestenreich willkommen.

Als wir etwa zur Mitte der Schlucht gekommen waren, erschien schwer atmend meine Reiseleiterin. Kaum erblickte sie mich, schnaubte sie wütend: «Ich bin extra wegen dir zurückgelaufen – und was machst du? Du lachst dir einen fremden Kerl an. Jetzt werde ich mich nicht mehr um dich kümmern. Wir sehen uns am Hafen.» Damit machte sie abrupt kehrt und liess mich stehen, ohne mir Gelegenheit für eine Erklärung zu geben. Ich war baff – was unterstellte sie mir da, ohne nachzufragen? Gute Kommunikation ist immer und immer wieder ein Kunststück!

Foto by: Foto Travellers Samaria Schlucht: So viele Steine!

Nichtsdestotrotz fühlte ich mich wunderbar wohl und unbekümmert. Nun brauchte ich mich nicht mehr zu beeilen. Kurze Zeit später machte «unsere griechische Gruppe» auf flacheren Felsen einen Picknick-Halt. Unsere schweizerische Wandergruppe hatte kein Picknick mitnehmen können. Die Wanderleiterin hatte uns beschieden, wir könnten überall Quellwasser trinken und bekämen dann im Fischerdorf etwas zu essen.

Beim appetitlichen Duft der Speisen, die nun ausgepackt wurden, bekam ich natürlich Kohldampf. Ganz so als wäre ich ein Familienmitglied, teilten die liebenswürdigen Griechen fröhlich ihr Essen und Trinken mit mir, und es schmeckte vorzüglich!

Foto by: Foto Travellers Samaria Schlucht

Als wir Agia Roumeli erreichten, merkte ich, dass ich, statt knapp sieben Stunden, fast neun für die Wanderung (inkl. Picknick) gebraucht hatte. 10 Minuten waren noch übrig bis zur Abfahrt des Bootes! Doch es reichte ja, und es war es mehr als wert gewesen. Mit viel Herzlichkeit verabschiedete ich mich von den freundlichen, grosszügigen Menschen, die mir mit ihrer Wärme das echte Griechenland und seine Gastfreundschaft näher gebracht hatten.

Der Empfang bei meiner Reisegruppe am Hafen war im Gegensatz kühl bis frostig. Was hatte die Reiseleiterin den anderen wohl erzählt?

Die glückliche Stimmung in meinem Herzen konnten sie mir jedoch nicht nehmen.

Elisa, 9.12.2020

Foto by: Rental-center-crete:
Von Chania nach Chora Sfakion, zum Glück nicht gar alles zu Fuss!