Insekten (eine Satire mit ernstgemeintem Ende)

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Mögt Ihr Insekten? Mein Verhältnis zu ihnen ist ein zwiespältiges. Ein namhafter Teil der krabbelnden, fliegenden, stechenden oder Krankheiten übertragenden Meute, die wir Ungeziefer nennen, ist doch eher ein Ärgernis. Klein, aber oho… Wozu braucht‘s die Blutsauger heutzutage denn noch? Glaubt mir, früher, da war alles einfacher!! Damals lebte man mit Flöhen, Wanzen und Filzläusen auf Du und Du; Vorführungen mit „kunstvollem Hüpfen“ beim Flohzirkus waren eine beliebte Zerstreuung fürs Volk; sogar Ratten durften ins Haus. Der absolute Knüller dabei: Man musste sich weder waschen noch um Hygiene kümmern. Da alle stanken, gab’s bei Annäherungsversuchen keine unliebsamen Überraschungen. Tatsächlich waren es nicht nur die Armen die stanken, die Reichen stanken ebenfalls, wenn auch auf höherem Niveau, sprich: in vornehmeren Kleidern. Die bildschönen Damen am französischen Hof Ludwigs XIV verfügten eigens über lange, zierliche „Kratzhändchen“, um ihre läusegeplagte Kopfhaut elegant zu kratzen, ohne die Frisur zu verderben. Die Adligen hatten zudem die Möglichkeit, ihre Gerüche mit Parfüm zu übertünchen. Keine Ahnung, wie wirksam diese Schummelei war, jedenfalls weit weniger aufwändig als ein Bad. Ob da gar ein Zusammenhang besteht zur Hektik unserer Tage mit Burn-Out-Folgen? Wenn Ihr meinen Verdacht teilt, dann hört um Himmels willen sofort auf, Euch zu duschen und zu baden. Parfüm gibt’s nach wie vor – oder?

Nun ja, die Zeiten ändern sich. „Familienanschluss“, das war einmal. Immerhin sind unsere heutigen Haustiere nicht weniger anhänglich. Ein Pferd lässt sich reiten, eine Katze kann man streicheln, mit einem Hund tummelt man sich freudig im Freien. Aber Insekten? Wem, frage ich Euch, käme es in den Sinn, fröhlich pfeifend eine Handvoll Fliegen oder Würmer in einem Schächtelchen durch Wald und Wiesen spazieren zu führen? (Ausser natürlich, er ist Fischer). Gut, dafür könnte man wenigstens die Hundekotsäckchen zu Hause lassen.

Doch wie’s so geht: im Leben kommt alles zurück. Dank Globalisierung erleiden wir in der heutigen Schweiz eine Überfremdung, die sich gewaschen hat – ich spreche nicht von Menschen, sondern von Insekten. Genau wie chinesische Touristen, lieben auch Baumwanzen aus China die Schweiz. Letzten Sommer überfiel uns eine wahre Invasion dieser stinkenden Viecher, die mit Vorliebe in unsere Häuser kriechen, wenn’s kühler wird. Und sie bringen nicht einmal Geld ins Land wie die Touristen. Das stinkt gewaltig zum Himmel, findet Ihr nicht auch? Nachdem Franz Hohler schon vor Jahren kabarettistisch seine «Made in Hongkong» eigenmächtig nach China exportiert hat, ist’s wohl unausweichlich, dass der Insektenaustausch auch in umgekehrter Richtung floriert. Aber ich sage Euch, da kommt etwas auf uns zu! Im Tessin wurden bereits asiatische Tigermücken gesichtet. Gerüchten zufolge sollen auch Bettwanzen, Schaben und Läuse wieder auf dem Vormarsch sein. «Laustante» könnte in Zukunft ein begehrter Beruf werden… Ist bestimmt lustig, sich jede Menge Kindsköpfe vorzunehmen und ihnen anschliessend die Leviten zu lesen.  

Habt Ihr gewusst, dass man selbst im Toten Meer vor den Plagegeistern nicht sicher ist? Ja doch, ich hab’s mit eigenen Augen gesehen. Wenn man wie ein Korken im salzgesättigten Gewässer herumhopst, entdeckt man tatsächlich überall Tausendfüssler, die in Windeseile über die Wasseroberfläche rennen mit dem Ziel, die Badenden heimtückisch in den Rücken zu stechen. Gibt es hartgesottenere Überlebenskünstler? Ich glaube, die hinterlistigen Tausendfüssler waren schuld, dass DER MANN in Jordanien Heimweh bekam.

Zum Glück gibt’s an der Insekten-Front auch Positives zu vermelden, so dass ich nun getrost ernsthaft werden kann. Loben möchte ich die Spinnen, die Glückskäferchen und andere Nützlinge, die Jagd auf Schädlinge machen. Eine wahre Freude sind natürlich die fleissigen Bienen. Es gefiel mir als Kind, dem Vater beim Imkern zuzusehen. Den gelegentlichen Bienenstich, wenn ich barfuss über die kleine Wiese lief, nahm ich gerne in Kauf. Der selbst geerntete Honig schmeckte so gut wie später keiner jemals wieder.

Das führt mich zur Kürzestgeschichte des russischen Pope Vassiliji aus Jekatarinburg: «Es gibt zweierlei Menschen, Fliegen und Bienen. Die Fliegen finden im schönsten Feld ein Stück Scheisse, die Bienen auf jeder Müllhalde eine Blume.» Seien wir keine «Fliegen»! Halten wir in unserem Leben selbst auf «Müllhalden» nach «Blumen» Ausschau!

Elisabeth, 6.2.2019


Asiatisches Raclette

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Beim Eindunkeln am ersten Abend unseres Ferienaufenthalts in Bangkok begaben DER MANN und ich uns zum Essen in ein thailändisches Restaurant, das uns der Reiseveranstalter nicht zuletzt deshalb empfohlen hatte, weil dort nicht nur asiatische Gerichte serviert würden. Auf diese Weise könnten wir die Anpassung an fremde Speisen langsam angehen, ohne Magenverstimmung schon am ersten Abend wegen ungewohnt scharfer Gewürze. Nett gemeint.  

Der «Green Garden» machte seinem Namen alle Ehre: den üppig grünen Garten am kleinen Gewässer zierten ebenso üppig herunterhängende Girlanden voller farbig leuchtender Lämpchen. Hübsch und friedlich – eine kleine Oase inmitten des mächtig rauschenden Grossstadtverkehrs. Als wir die Menukarte studierten, glaubte ich kaum, was da stand: Schweizer Raclette! Noch mehr staunte ich, als DER MANN genau dies für sich bestellte. Als die Speisen serviert wurden, stellte die umfangreiche Käseplatte samt Bratspeck, Kartoffeln und Raclette-Öfeli mein bescheidenes thailändisches Reisgericht völlig in den Schatten.

Ich lachte, als die Bedienung das Öfeli, das durch ein viele Meter langes Kabelwirrwarr mit dem Restaurant verbunden war, an unserem Gartentisch einsteckte. Gar nicht ums Lachen war es den sechs am Nebentisch sitzenden, streng dreinblickenden Männern. Mir fielen sie auf, weil sie alle in etwa gleich aussahen: schlank, hochgewachsen und von Kopf bis Fuss in schöne lange Gewänder gehüllt. Ihre schwarzen Bärte bildeten einen starken Kontrast zum schneeweissen Stoff ihrer Kleider. Sie und wir waren die einzigen Gäste im Garten. Alle anderen sassen drinnen im Restaurant.

Voller Vorfreude liess DER MANN das erste Stück Käse schmelzen, dann ein zweites. In genau dieser Sekunde gab’s einen kurzen Knall, die weissgewandeten Männer sahen strafend zu uns herüber, es zischte, begleitet von einem Fünkchen und einem Räuchlein. Im nächsten Moment waren Garten und Restaurant in völlige Dunkelheit getaucht, nur die weissen Gewänder schimmerten schemenhaft im Mondenschein. Es war ein Kurzschluss mit Folgen: Sämtliche Gäste (und bestimmt auch der Koch) mussten den restlichen Abend bei Kerzenlicht verbringen, DER MANN würgte Käse und Speck roh herunter. Der weissliche, merkwürdig schmeckende Käse stammte wohl kaum aus der Schweiz. Schliesslich waren wir ja auch nicht im Wallis… Die sechs Männer unterhielten sich nur noch flüsternd miteinander: Wir hatten uns verdächtig gemacht.  

Jedesmal, wenn wir Raclette essen, denken wir schmunzelnd zurück ans asiatische Raclette in Bangkok und sind dankbar für die reibungslos funktionierende schweizerische Stromversorgung.

Elisabeth, 30.1.2019

Augen, die sehen

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Während Jahrzehnten wohnte ich in einem mehr als 100jährigen Haus, das Teil einer langen und doppelten Häuserzeile war. Wenn ich auf den Küchenbalkon trat, sah ich die nur etwa 70 m entfernten Wohnungen im Haus gegenüber. Dazwischen lag ein begrünter Innenhof. DER MANN rauchte des öftern auf dem Balkon, ebenso ein Mann, der etwas oberhalb schräg gegenüber wohnte. Er war, wie DER MANN gesehen hatte, ein sehr alter Mann.

Eines Tages sah ich mitten am Tag Licht in jener Wohnung brennen. Erst dachte ich mir nichts dabei. Doch am Abend und am nächsten Morgen brannte das Licht noch immer, auch als ich abends auf dem Balkon war, leuchtete die Wohnung hell aus dem Dunkel. An diesem Abend gingen DER MANN und ich aus. Es wurde spät resp. früh. Als DER MANN nach Mitternacht vor dem Schlafengehen die letzte Zigarette des Tages rauchte, war das Licht noch immer an. «Du, da stimmt etwas nicht», sagte ich. «Vielleicht ist dem alten Mann etwas passiert und er braucht Hilfe?» Jetzt überlegte ich nicht mehr lange und rief bei der Polizei an. Etwa 10 Minuten später läuteten zwei nette Beamte an der Tür. Sie liessen sich den Standort der Wohnung von unserem Balkon aus zeigen und umrundeten dann die Häuserzeile, um an der Wohnung gegenüber zu läuten. Wir warteten gespannt. Nach einer Weile wurde es dunkel in der Wohnung. Zu guter Letzt meldeten sich die Polizisten wieder bei uns: «Der Mann hatte vor zwei Tagen am Abend Besuch und vergass danach, das Licht zu löschen. Er hat es nicht gemerkt, denn er ist blind.»

Blind zu sein ist unvorstellbar für uns Sehende. Vor Jahren war ich im Spital mit einer blinden Frau im gleichen Zimmer. Mitten in der Nacht stand sie auf, um zur Toilette zu gehen. Sie tappte in der schwärzesten Dunkelheit an meinem Bett vorbei. Ich schrak auf. «Zünden Sie doch das Licht an», rief ich aufgeregt, nicht realisierend, wie unüberlegt das war. «Bei dieser Dunkelheit werden Sie noch hinfallen und sich verletzen!» Ruhig antwortete die Frau: «Keine Angst, ich finde mich schon zurecht. Ich würde doch bei Licht auch nichts sehen. Für mich ist immer alles stockdunkel.»  

Wir Sehenden sind manchmal in einem anderen Sinn blind und bemerken nicht einmal das Naheliegendste, wie folgendes Beispiel zeigt:

Hochrot im Gesicht, hastet die junge Mutter zum Bus. Ihre Entfernung ist hoffnungslos in Anbetracht dessen, dass der Chauffeur im Begriff ist wegzufahren. Eine Frau in nächster Nähe zum Bus hat sie jedoch bemerkt. Mit einem warmen Lächeln drückt sie den Türöffner, bis die Frau samt Kind und Kinderwagen angerannt kommt und eingestiegen ist. Erst dann schlüpft auch sie rasch herein. Die junge Mutter würdigt ihre Helferin, ohne die sie jetzt im Regen auf den nächsten Bus warten müsste, keines Blickes – sie ist mit ihrem Handy beschäftigt. Ihr Baby behandelt sie nicht besser, es liegt unbeachtet, still, im Wägelchen. Als sie später aussteigt, gibt ihr die freundliche Frau erneut liebevoll den Vortritt und drückt den Türöffner entsprechend lang. Wieder nichts, kein Danke, kein Nicken, nicht einmal ein Blick. Das Leuchten im Gesicht der hilfsbereiten Frau ist erloschen – es ist das Letzte, was ich wahrnehme, bevor ich im Bus weiterfahre. Ich werde nachdenklich: Wie oft kommt es wohl vor, dass wir es gar nicht bemerken, wenn uns jemand etwas zuliebe tut? Oder dass wir es zwar sehen, aber gar nicht anerkennen? Das nächste Mal: bitte lächeln! 

Elisabeth, 23. Januar 2019

Die Metzgerei

Der Garten meines Elternhauses grenzte an eine Metzgerei samt Schlachthaus, über dem permanent der penetrante Gestank faulender Knochen hing. Dieser wehte an heissen Sommertagen besonders lästig über den Zaun. Als Kind überkam mich jedesmal Ekel, so dass ich es vorzog, am anderen Ende unseres Grundstücks zu spielen.

Zur Metzgerei gehörte eine Wirtschaft, was mir ebenfalls zu schaffen machte. Ich fürchtete mich vor Betrunkenen, ebenso verabscheute ich den abgestandenen Biergeruch, der die ‚Eintracht’ umgab. Wenn ich vorbeigehen musste, beschleunigte ich den Schritt, selbst dann, wenn im Sommer ein Pferdefuhrwerk davorstand und kräftige Männer viereckige Eisblöcke zum Kühlen des Biers in den Keller hinuntertrugen, nasse Spuren von tropfendem Eis hinterlassend.

Den stämmigen Metzger, der auch Besitzer der ‚Eintracht’ war, kannte ich fast nur betrunken. Mit seinem Gesellen machte er bei der Arbeit ausgedehnte Pausen, er war selbst sein bester Gast. Auch als Metzger fand ich die beiden roh, musste ich doch öfters mitansehen, wie sie verängstigte Kälblein, Rinder und Schweine brutal aus dem Transportfahrzeug zerrten und die Tiere schlugen, wenn sie sich sperrten. Eines Tages gab es plötzlich Lärm und Aufregung. Der Metzger stolperte aus dem Schlachthaus, die Hand umklammerte ein Bolzengewehr. Vor dem Schlachten einer Kuh hatte er seinem Gesellen aufgetragen, das Tier am Horn zu halten, damit es nicht fortlaufen könne, aber in dem Moment, als der Meister abdrückte, fiel der Geselle zu Boden – die Kuh stand noch. Nun schrie der Metzger seinen ganzen Haushalt und die halbe Nachbarschaft zusammen: „Ich habe meinen Gesellen getötet!“ Man schaute erschrocken nach – und was fand man? Unter dem Schlachttisch einen Bolzen, der sein Ziel verfehlt hatte, daneben eine Kuh, die gutmütig auf den Gesellen hinunterschaute, der neben ihr lag. Nicht das Geschoss, sein Vollrausch hatte ihn zu Boden geworfen. Für Spott war gesorgt!

Der Ekel vor vergammelten Knochen ist in mir festgebrannt und lauert darauf, jederzeit, auch bei geringstem Anlass, wieder hervorzubrechen, wie das bei eindrücklichen Kindheitserinnerungen halt eben so der Fall ist. Auf einen Festtag hin haben DER MANN und ich das teure DRY AGED Beef gekauft, das wochenlang am Knochen reift und heute in allen Metzgereien der Renner ist. Wir freuten uns auf den «besonderen Genuss», aber dann… Ihr wisst, was kommt: Ich erinnerte mich.

Seither weiss ich, dass mir dieses Fleisch mit seinem «gereiften Geschmack» nie und nimmer schmecken wird. (Von wegen Nuss- und Butter-Geschmack…) Mag es noch so zart und exklusiv sein! Mag ich noch so quer in der hippen Konsumentenlandschaft stehen!

Man muss ja nicht jeden Trend mitmachen – findet Ihr nicht auch?

Elisabeth, 16.1.2019

Alt sein

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Sagt die Besucherin zur 97Jährigen, die seit Jahren alleinstehend ist: «Man bekommt im Leben nicht alles.» «Nein», antwortet die Greisin, «aber einen Mann sollte man schon haben.» Ich kann sie verstehen. Warum sollte man mit 97 die Liebe weniger brauchen als mit 17?

Der 96Jährige kann kaum noch essen und trinken, geschweige denn kauen. Man muss ihm alles einlöffeln. Yoghurt oder Pudding sind am einfachsten. Vor jedem Löffelchen richtet sich der alte Mann mühsam auf und fragt: „Hat es Vitamine drin?“ Der Sohn bejaht. Der Vater ist beruhigt: „Also ist es gesund.“ Dann isst er das Häppchen mit Appetit. Tage später verliert er das Interesse an irdischen Belangen und hört auf zu essen. Sanft entgleitet er dieser Welt, bar aller Sorgen um Vitamine und Gesundheit.

Der 91Jährige, ein gebrechlicher alter Herr, der trotz fortgeschrittener Demenz seine vollendete Höflichkeit nicht verloren hat, freut sich sehr über meinen Besuch, obwohl er keine Ahnung mehr hat, wer ich bin. Auch der mitgebrachte Schokoladen-Maikäfer macht ihm Freude, und er hält ihn bis zur Kaffeepause mit beiden Händen fest umklammert. Der Maikäfer überlebt dies nur in total geschmolzenem Zustand und kann selbst mit Hilfe eines Löffelchens nicht mehr gegessen werden. Ganz geblieben sind bloss die harten Mandeln, die die Flügel darstellten, aber die schmecken dem Senior nicht besonders, sind sie doch für sein Gebiss eine echte Herausforderung. Beim Abschied ist das kleine Debakel mit dem süssen Frühlingsboten und den klebrigen Fingern längst vergessen, entschwunden ins neblige Nichts. Könnte es sein, dass das Leben leichter wird, wenn man alles vergisst? Jedenfalls erspart es den Betroffenen den Gefühls- und Erinnerungssturm, dem wir Gesunden im Alltag laufend ausgesetzt sind.

Elisabeth, 9.1.2019

Träume

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Eine Freundin ist in der Stadt neu zugezogen. Sie wünscht sich wieder eine Beziehung, eine dauerhafte diesmal. Auf ihr Chiffre-Inserat melden sich diverse Herren. Sie wählt einen aus, der von Sehnsucht nach einem Neuanfang schreibt. «Da haben wir bereits eine grosse Gemeinsamkeit», findet sie. Ein Treffen mit ihm scheint allerdings etwas umständlich, berichtet er doch, dass er auch an den Wochenenden auf einem Gutshof arbeiten müsse.

Drei Wochen später fährt sie zur angegebenen Adresse. Mit den markanten alten Gebäuden sieht der Gutshof eher wie ein Schloss aus. Er ist idyllisch in einer Senke gelegen, mitten im Grünen, am träge dahinziehenden Fluss. Nachdem sie parkiert hat, stellt sie sich vor, dass dieser Gutshof ihm selbst gehört. Sie ist begeistert. Sie lächelt, als sie den grossen bunten Blumenstrauss vom Beifahrersitz nimmt, er scheint ein würdiges Geschenk für ihren Besuch an diesem stattlichen Ort.

Die erste Ernüchterung kommt, als sie das Tor verschlossen vorfindet. Ein mürrischer Mann lässt sie ein und durchsucht zu ihrem Erstaunen ihre Handtasche. Auch den Blumenstrauss unterzieht er einer genauen Prüfung. Was zum Kuckuck…? Obwohl sie gesagt hat, wen sie besuchen will und dass sie erwartet wird, begleitet sie ein weiterer Mann zu den Gebäuden. Erst, als er vor ihr und hinter ihr jede Türe auf- und wieder zuschliesst, wird ihr schlagartig bewusst, dass sie sich statt in einem Schloss hinter Schloss und Riegel befindet.

Doch sie ist ein mutiger Mensch, der nicht so schnell aufgibt. Im Besucherraum muss sie nicht lange warten. Kurz nach ihrem Eintreffen wird ein grosser, breitschultriger, attraktiver Mann hereingeführt. «Er hat wohl aus einer Notlage heraus eine grosse Dummheit begangen», denkt sie. «Und jeder verdient eine zweite Chance.» Der Mann setzt sich hinter der Glasscheibe ihr gegenüber. Er hat etwas sehr Anziehendes, er gefällt ihr. «Ich habe nicht gewusst, dass du im Gefängnis bist», sagt sie nach der Begrüssung. Zaghaft lächelt er und erwidert: «Du wärst wahrscheinlich nicht gekommen, wenn ich es dir vorher gesagt hätte.» «Ja, das stimmt», gibt sie zu. Es folgt eine Pause, es ist still im Raum. Sie betrachtet scheu den ernsten Mann, hält dann den Blumenstrauss hoch. «Schöne Blumen», sagt er und bedankt sich. Schliesslich fragt sie: «Was hast du denn angestellt, dass du hier sein musst?» Die Antwort haut sie um. «Ich habe meine Frau umgebracht.» Was?? Sie schiesst von ihrem Stuhl auf, der Blumenstrauss fällt zu Boden, während sie zur Tür stürzt. «Ich habe sie in unserem Schlafzimmer mit einem andern Mann erwischt», ruft er ihr zur Erklärung nach. Aber sie dreht sich nicht mehr um. Sie kann es kaum erwarten, dass ihr die Tür des Besucherraums geöffnet wird. Es scheint eine Ewigkeit zu dauern, bis man sie aus dem Gebäude ins Freie treten lässt. Wieder im Auto, kann sie geraume Zeit nicht wegfahren. Der Schreck sitzt ihr in den Knochen. Sie zittert am ganzen Leib. «Um Gotteswillen, das nicht. Nein, nein! Um Gotteswillen!» denkt sie aufgeregt.

Das Glück ist meistens nicht dort, wo wir es suchen. Und hochfliegende Träume halten der Realität selten stand.

Träumen wir trotzdem! Denn Träume können dazu beitragen, dass wir Neues ausprobieren, ungeahnte Fähigkeiten in uns entdecken, über uns selbst hinauswachsen. Ich wünsche Euch allen ein frohes, friedliches und gesundes 2019. Mögen Eure Träume in Erfüllung gehen!

Elisabeth, 1.1.2019

Die etwas andere Weihnachtsgeschichte

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Ich bin immer wieder fasziniert, mit welchen Geschichten das Leben aufwartet. Fiktion wirkt geradezu blass dagegen.  

Eine ältere Freundin erzählt, dass sie und ihr Partner übereingekommen seien, über die Weihnachtstage zur Abwechslung einmal eine Carreise zu machen. Gesagt, getan.

Es ist der 22. Dezember. Auf ihrer Durchreise nach Ungarn übernachten sie mit der Reisegruppe in einem schönen Hotel nahe der ungarischen Grenze. Die grosse Empfangshalle ist festlich dekoriert, und neben der hohen eleganten Treppe steht ein mächtiger, prächtig geschmückter Weihnachtsbaum. Um zum Abendessen in den Speisesaal im Erdgeschoss zu gelangen, gilt es, diese Treppe hinunter zu steigen. Auf den obersten Stufen kommt ihnen der Hoteldirektor entgegen und begrüsst sie freundlich. Meine Freundin verwickelt ihn sofort in ein lustiges Gespräch. Typisch für sie, ist sie doch eine stete Frohnatur. Ärgert sich ihr Partner über ihre Plauderei? Jedenfalls macht er einen Fehltritt, worauf er das Gleichgewicht verliert. Was liegt einem Landmann näher, als bei einem Baum Halt zu suchen? Also packt er in der Not mit festem Griff den sterngeschmückten Baumwipfel in seiner allernächsten Nähe.     

Alles, was dann geschieht, geschieht fast gleichzeitig. Der sich am Weihnachtsbaum festklammernde Mann segelt in weitem Bogen durch die Halle zu Boden, wo die Tanne krachend hinfällt und ihn unter sich begräbt, während Weihnachtskugeln zerbersten, Dekorationsmaterial und Kerzen wie Geschosse umherfliegen. Eine amerikanische Reisegruppe, die beim Empfang steht um einzuchecken, stiebt erschreckt auseinander. Dabei prallt eine der kreischenden Amerikanerinnen in einen mit Geschirr hoch beladenen Servierwagen, mit dem ein Hotelangestellter im Begriff war, die Lobby zu durchqueren. Scheppernd fällt das Geschirr zu Boden und zerbricht in tausend Stücke, das Chaos ist perfekt. Und meine Freundin? Sie ist nach unten geeilt und sucht unter dem Baum ihren Partner. Als er benommen auf allen Vieren zwischen den Zweigen hervorkriecht, stellt sie erleichtert fest, dass ihm nichts fehlt. Dann beginnt sie zu lachen. «Du hättest das Tohuwabohu und den kriechenden Mann sehen sollen! Der Anblick war einfach zu komisch,» berichtet sie prustend. Auch mich erheitern allein schon ihre Schilderungen. Doch man stelle sich vor: Rundum beherrschen Verwüstung, Panik, Verwirrung die Szenerie, der prächtige Weihnachtsbaum ist ruiniert, alles liegt in Scherben – und sie hält sich vor Lachen die Seiten! Der bedauernswerte Hoteldirektor, der mit stummem Entsetzen aus der Höhe alles mitansehen musste, hat mit Sicherheit überhaupt nicht gelacht…

Als die Schweizer Reisegruppe nach vier Tagen auf der Rückreise wieder in diesem Hotel absteigt, präsentiert sich die Eingangshalle nüchtern bis trist. Keine Kerzen, keine Kugeln oder Tannzweige, geschweige denn ein Weihnachtsbaum. Und das Enttäuschendste: der Direktor ist nun gar nicht mehr freundlich. Man kann es ihm nicht verdenken, oder?

Ich wünsche Euch allen fröhliche Weihnachten. Tragt Sorge, vor allem Euch selbst – aber auch dem Weihnachtsbaum!

Elisabeth, 19.12.2018