Angsthase

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Ich geb’s ungern zu: Ich bin ein Angsthase. Es braucht nicht viel, bis ich mich fürchte. Aber so gefürchtet wie in Kalifornien habe ich mich noch selten. Und das gewiss erst noch zu Recht.

Mit einer Kollegin bin ich nach La Mesa in der Nähe von San Diego gereist. Sie hatte dort einst ein Austauschjahr verbracht und kann nun ein paar Tage bei Susan, ihrer «USA-Schwester», übernachten. Für mich hat Susan ein Motelzimmer gebucht. Beim Bezug des Zimmers legt sie die Nummer der Polizei zum Telefon auf dem Gestell neben der Tür. «Die werde ich wohl kaum brauchen», denke ich bei mir. Doch als sie mich spät abends zum Motel bringen, erfahre ich, dass das Motelpersonal jeweils nur bis 23 Uhr anwesend ist, sämtliche Angestellten haben die Anlage bereits verlassen, selbst die Rezeption ist jetzt, gegen 23.30 Uhr, völlig verwaist. Überhaupt macht der Ort einen sehr verlassenen Eindruck, ganz so, als wäre ich die einzige, die zum Übernachten hier ist.

Jetzt erst inspiziere ich meine Umgebung, die mir am Nachmittag noch einen guten Eindruck gemacht hat. Merkwürdig, wie sich Normales, Harmloses bei Dunkelheit verändert und mit einem Mal etwas Unheilschwangeres auf sich trägt… Meines ist das letzte Zimmer, ganz zuhinterst im langen, einsamen Hof, unmittelbar daneben führt eine offene Treppe in den ersten Stock. Die (natürlich) abschliessbare Zimmertüre bietet den einzigen, indes bei näherem Hinsehen eher knappen Schutz gegen den Aussenraum. Auch das grosse Fenster rechterhand mit seinem schmalen, kaum richtig schliessenden Vorhang schirmt mehr schlecht als recht ab, d.h. wenn ich in der Nähe der Tür stehe, kann man mich und was ich gerade mache, von aussen ohne weiteres sehen. Wie geht das schon wieder in den Krimis? Warum nicht wie eine unerschrockene Filmheldin einen Stuhl unter die Türfalle klemmen, um sie zu blockieren? «Ja natürlich, dann werde ich mich sicherer fühlen», denke ich. Doch der berühmte Trick versagt hier, der einzige Stuhl im Zimmer ist zu niedrig. Noch nehme ich die Sache relativ locker.

Wider Erwarten schlafe ich schon bald ein, müde von den vielen Eindrücken des Tages, die die USA bieten. Plötzlich erwache ich, als ein Auto in den Hof prescht und mit quietschenden Reifen unweit meines Zimmers stoppt. Ich sehe Scheinwerfer aufleuchten. Kurz darauf Schritte, Flüche, grob brüllende Männerstimmen, eine laut kreischende Frauenstimme. Dann wird offensichtlich jemand die Treppe neben meinem Zimmer hochgeschleppt. Die Frau schreit entsetzlich, jetzt schräg über meinem Kopf. Ich liege wie erstarrt. Ich wage nicht aufzustehen und zum Fenster zu schleichen, um hinauszusehen; ich wage nicht einmal den Schritt zum Telefon neben der Türe, um die Polizei anzurufen. Was, wenn sie mich entdecken? Mich hören? Gar auf die Idee kommen, in mein Zimmer einzubrechen, dieses am entferntesten vom Eingang liegende? Der kalte Schweiss bricht mir aus allen Poren. Ich zittere wie Espenlaub. Die Schreie der Frau gehen mir durch Mark und Bein. Sie tönen derart qualvoll, rhythmisch stossend, als würde die Bedauernswerte brutal vergewaltigt. Ich kann kaum mehr atmen, bin einer Ohnmacht nahe. Plötzlich, wie eine Erlösung, erklingt von der Strasse her eine Polizeisirene durch die Nacht. Im Nullkommanichts poltern Füsse neben meinem Kopf die Treppe herunter, die Frau wimmert jetzt, dann werden Autotüren zugeschlagen, ihre Stimme verstummt. Mit dem Wegfahren des Autos wird es still – unheimlich still. Doch noch immer hämmert mein Herz wie wild. Ich kann nicht mehr schlafen. Dem Lärm nach zu schliessen, ist der Frau Schlimmes passiert. Hätte ich nicht mutiger sein müssen?

In der kommenden Nacht werde ich erneut aus dem Schlaf geschreckt. Was war es, das mich geweckt hat? Tatsächlich, das Zimmer bebt, zuerst ganz sanft, dann stärker und stärker. Ein Erdbeben! Es ist, wie wenn sich der Raum in einer Riesenfaust befände, die ihn durchschüttelt. Alles ruckelt, wackelt, Gegenstände scheppern. Ich knipse die Nachttischlampe an. Ängstlich und gleichzeitig fasziniert schaue ich zur Zimmerdecke hoch. «Wenn Risse erscheinen, muss ich in die Dunkelheit hinausrennen», überlege ich. «Hoffentlich kommen dann die brutalen Männer nicht wieder.» Die Risse bleiben aus, das Beben verebbt. Am andern Tag fragt Susan: «Bist du auch brav unter den Türrahmen geflüchtet wie wir heute Nacht?» Als ich verneine, schüttelt sie befremdet den Kopf. «Man bleibt bei einem Erdbeben doch nicht ruhig in den Federn liegen, das weiss doch jedermann! Wenn die Zimmerdecke runterkommt, bleibt keine Zeit mehr zum Weglaufen. Versprich mir, wenn Nachbeben kommen, stürzst du dich unverzüglich aus dem Bett und läufst unter den nächstbesten Türrahmen!» Das ist die Tür zum Hof, die ich lieber verriegelt lasse…

Ich habe genug. Noch am selben Tag ziehe ich in ein kleines, rund um die Uhr bedientes Hotel um.

Angsthasen sollte man nachts nicht alleine lassen!

Elisabeth, 13. Februar 2019

Insekten (eine Satire mit ernstgemeintem Ende)

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Mögt Ihr Insekten? Mein Verhältnis zu ihnen ist ein zwiespältiges. Ein namhafter Teil der krabbelnden, fliegenden, stechenden oder Krankheiten übertragenden Meute, die wir Ungeziefer nennen, ist doch eher ein Ärgernis. Klein, aber oho… Wozu braucht‘s die Blutsauger heutzutage denn noch? Glaubt mir, früher, da war alles einfacher!! Damals lebte man mit Flöhen, Wanzen und Filzläusen auf Du und Du; Vorführungen mit „kunstvollem Hüpfen“ beim Flohzirkus waren eine beliebte Zerstreuung fürs Volk; sogar Ratten durften ins Haus. Der absolute Knüller dabei: Man musste sich weder waschen noch um Hygiene kümmern. Da alle stanken, gab’s bei Annäherungsversuchen keine unliebsamen Überraschungen. Tatsächlich waren es nicht nur die Armen die stanken, die Reichen stanken ebenfalls, wenn auch auf höherem Niveau, sprich: in vornehmeren Kleidern. Die bildschönen Damen am französischen Hof Ludwigs XIV verfügten eigens über lange, zierliche „Kratzhändchen“, um ihre läusegeplagte Kopfhaut elegant zu kratzen, ohne die Frisur zu verderben. Die Adligen hatten zudem die Möglichkeit, ihre Gerüche mit Parfüm zu übertünchen. Keine Ahnung, wie wirksam diese Schummelei war, jedenfalls weit weniger aufwändig als ein Bad. Ob da gar ein Zusammenhang besteht zur Hektik unserer Tage mit Burn-Out-Folgen? Wenn Ihr meinen Verdacht teilt, dann hört um Himmels willen sofort auf, Euch zu duschen und zu baden. Parfüm gibt’s nach wie vor – oder?

Nun ja, die Zeiten ändern sich. „Familienanschluss“, das war einmal. Immerhin sind unsere heutigen Haustiere nicht weniger anhänglich. Ein Pferd lässt sich reiten, eine Katze kann man streicheln, mit einem Hund tummelt man sich freudig im Freien. Aber Insekten? Wem, frage ich Euch, käme es in den Sinn, fröhlich pfeifend eine Handvoll Fliegen oder Würmer in einem Schächtelchen durch Wald und Wiesen spazieren zu führen? (Ausser natürlich, er ist Fischer). Gut, dafür könnte man wenigstens die Hundekotsäckchen zu Hause lassen.

Doch wie’s so geht: im Leben kommt alles zurück. Dank Globalisierung erleiden wir in der heutigen Schweiz eine Überfremdung, die sich gewaschen hat – ich spreche nicht von Menschen, sondern von Insekten. Genau wie chinesische Touristen, lieben auch Baumwanzen aus China die Schweiz. Letzten Sommer überfiel uns eine wahre Invasion dieser stinkenden Viecher, die mit Vorliebe in unsere Häuser kriechen, wenn’s kühler wird. Und sie bringen nicht einmal Geld ins Land wie die Touristen. Das stinkt gewaltig zum Himmel, findet Ihr nicht auch? Nachdem Franz Hohler schon vor Jahren kabarettistisch seine «Made in Hongkong» eigenmächtig nach China exportiert hat, ist’s wohl unausweichlich, dass der Insektenaustausch auch in umgekehrter Richtung floriert. Aber ich sage Euch, da kommt etwas auf uns zu! Im Tessin wurden bereits asiatische Tigermücken gesichtet. Gerüchten zufolge sollen auch Bettwanzen, Schaben und Läuse wieder auf dem Vormarsch sein. «Laustante» könnte in Zukunft ein begehrter Beruf werden… Ist bestimmt lustig, sich jede Menge Kindsköpfe vorzunehmen und ihnen anschliessend die Leviten zu lesen.  

Habt Ihr gewusst, dass man selbst im Toten Meer vor den Plagegeistern nicht sicher ist? Ja doch, ich hab’s mit eigenen Augen gesehen. Wenn man wie ein Korken im salzgesättigten Gewässer herumhopst, entdeckt man tatsächlich überall Tausendfüssler, die in Windeseile über die Wasseroberfläche rennen mit dem Ziel, die Badenden heimtückisch in den Rücken zu stechen. Gibt es hartgesottenere Überlebenskünstler? Ich glaube, die hinterlistigen Tausendfüssler waren schuld, dass DER MANN in Jordanien Heimweh bekam.

Zum Glück gibt’s an der Insekten-Front auch Positives zu vermelden, so dass ich nun getrost ernsthaft werden kann. Loben möchte ich die Spinnen, die Glückskäferchen und andere Nützlinge, die Jagd auf Schädlinge machen. Eine wahre Freude sind natürlich die fleissigen Bienen. Es gefiel mir als Kind, dem Vater beim Imkern zuzusehen. Den gelegentlichen Bienenstich, wenn ich barfuss über die kleine Wiese lief, nahm ich gerne in Kauf. Der selbst geerntete Honig schmeckte so gut wie später keiner jemals wieder.

Das führt mich zur Kürzestgeschichte des russischen Pope Vassiliji aus Jekatarinburg: «Es gibt zweierlei Menschen, Fliegen und Bienen. Die Fliegen finden im schönsten Feld ein Stück Scheisse, die Bienen auf jeder Müllhalde eine Blume.» Seien wir keine «Fliegen»! Halten wir in unserem Leben selbst auf «Müllhalden» nach «Blumen» Ausschau!

Elisabeth, 6.2.2019


Asiatisches Raclette

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Beim Eindunkeln am ersten Abend unseres Ferienaufenthalts in Bangkok begaben DER MANN und ich uns zum Essen in ein thailändisches Restaurant, das uns der Reiseveranstalter nicht zuletzt deshalb empfohlen hatte, weil dort nicht nur asiatische Gerichte serviert würden. Auf diese Weise könnten wir die Anpassung an fremde Speisen langsam angehen, ohne Magenverstimmung schon am ersten Abend wegen ungewohnt scharfer Gewürze. Nett gemeint.  

Der «Green Garden» machte seinem Namen alle Ehre: den üppig grünen Garten am kleinen Gewässer zierten ebenso üppig herunterhängende Girlanden voller farbig leuchtender Lämpchen. Hübsch und friedlich – eine kleine Oase inmitten des mächtig rauschenden Grossstadtverkehrs. Als wir die Menukarte studierten, glaubte ich kaum, was da stand: Schweizer Raclette! Noch mehr staunte ich, als DER MANN genau dies für sich bestellte. Als die Speisen serviert wurden, stellte die umfangreiche Käseplatte samt Bratspeck, Kartoffeln und Raclette-Öfeli mein bescheidenes thailändisches Reisgericht völlig in den Schatten.

Ich lachte, als die Bedienung das Öfeli, das durch ein viele Meter langes Kabelwirrwarr mit dem Restaurant verbunden war, an unserem Gartentisch einsteckte. Gar nicht ums Lachen war es den sechs am Nebentisch sitzenden, streng dreinblickenden Männern. Mir fielen sie auf, weil sie alle in etwa gleich aussahen: schlank, hochgewachsen und von Kopf bis Fuss in schöne lange Gewänder gehüllt. Ihre schwarzen Bärte bildeten einen starken Kontrast zum schneeweissen Stoff ihrer Kleider. Sie und wir waren die einzigen Gäste im Garten. Alle anderen sassen drinnen im Restaurant.

Voller Vorfreude liess DER MANN das erste Stück Käse schmelzen, dann ein zweites. In genau dieser Sekunde gab’s einen kurzen Knall, die weissgewandeten Männer sahen strafend zu uns herüber, es zischte, begleitet von einem Fünkchen und einem Räuchlein. Im nächsten Moment waren Garten und Restaurant in völlige Dunkelheit getaucht, nur die weissen Gewänder schimmerten schemenhaft im Mondenschein. Es war ein Kurzschluss mit Folgen: Sämtliche Gäste (und bestimmt auch der Koch) mussten den restlichen Abend bei Kerzenlicht verbringen, DER MANN würgte Käse und Speck roh herunter. Der weissliche, merkwürdig schmeckende Käse stammte wohl kaum aus der Schweiz. Schliesslich waren wir ja auch nicht im Wallis… Die sechs Männer unterhielten sich nur noch flüsternd miteinander: Wir hatten uns verdächtig gemacht.  

Jedesmal, wenn wir Raclette essen, denken wir schmunzelnd zurück ans asiatische Raclette in Bangkok und sind dankbar für die reibungslos funktionierende schweizerische Stromversorgung.

Elisabeth, 30.1.2019

Augen, die sehen

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Während Jahrzehnten wohnte ich in einem mehr als 100jährigen Haus, das Teil einer langen und doppelten Häuserzeile war. Wenn ich auf den Küchenbalkon trat, sah ich die nur etwa 70 m entfernten Wohnungen im Haus gegenüber. Dazwischen lag ein begrünter Innenhof. DER MANN rauchte des öftern auf dem Balkon, ebenso ein Mann, der etwas oberhalb schräg gegenüber wohnte. Er war, wie DER MANN gesehen hatte, ein sehr alter Mann.

Eines Tages sah ich mitten am Tag Licht in jener Wohnung brennen. Erst dachte ich mir nichts dabei. Doch am Abend und am nächsten Morgen brannte das Licht noch immer, auch als ich abends auf dem Balkon war, leuchtete die Wohnung hell aus dem Dunkel. An diesem Abend gingen DER MANN und ich aus. Es wurde spät resp. früh. Als DER MANN nach Mitternacht vor dem Schlafengehen die letzte Zigarette des Tages rauchte, war das Licht noch immer an. «Du, da stimmt etwas nicht», sagte ich. «Vielleicht ist dem alten Mann etwas passiert und er braucht Hilfe?» Jetzt überlegte ich nicht mehr lange und rief bei der Polizei an. Etwa 10 Minuten später läuteten zwei nette Beamte an der Tür. Sie liessen sich den Standort der Wohnung von unserem Balkon aus zeigen und umrundeten dann die Häuserzeile, um an der Wohnung gegenüber zu läuten. Wir warteten gespannt. Nach einer Weile wurde es dunkel in der Wohnung. Zu guter Letzt meldeten sich die Polizisten wieder bei uns: «Der Mann hatte vor zwei Tagen am Abend Besuch und vergass danach, das Licht zu löschen. Er hat es nicht gemerkt, denn er ist blind.»

Blind zu sein ist unvorstellbar für uns Sehende. Vor Jahren war ich im Spital mit einer blinden Frau im gleichen Zimmer. Mitten in der Nacht stand sie auf, um zur Toilette zu gehen. Sie tappte in der schwärzesten Dunkelheit an meinem Bett vorbei. Ich schrak auf. «Zünden Sie doch das Licht an», rief ich aufgeregt, nicht realisierend, wie unüberlegt das war. «Bei dieser Dunkelheit werden Sie noch hinfallen und sich verletzen!» Ruhig antwortete die Frau: «Keine Angst, ich finde mich schon zurecht. Ich würde doch bei Licht auch nichts sehen. Für mich ist immer alles stockdunkel.»  

Wir Sehenden sind manchmal in einem anderen Sinn blind und bemerken nicht einmal das Naheliegendste, wie folgendes Beispiel zeigt:

Hochrot im Gesicht, hastet die junge Mutter zum Bus. Ihre Entfernung ist hoffnungslos in Anbetracht dessen, dass der Chauffeur im Begriff ist wegzufahren. Eine Frau in nächster Nähe zum Bus hat sie jedoch bemerkt. Mit einem warmen Lächeln drückt sie den Türöffner, bis die Frau samt Kind und Kinderwagen angerannt kommt und eingestiegen ist. Erst dann schlüpft auch sie rasch herein. Die junge Mutter würdigt ihre Helferin, ohne die sie jetzt im Regen auf den nächsten Bus warten müsste, keines Blickes – sie ist mit ihrem Handy beschäftigt. Ihr Baby behandelt sie nicht besser, es liegt unbeachtet, still, im Wägelchen. Als sie später aussteigt, gibt ihr die freundliche Frau erneut liebevoll den Vortritt und drückt den Türöffner entsprechend lang. Wieder nichts, kein Danke, kein Nicken, nicht einmal ein Blick. Das Leuchten im Gesicht der hilfsbereiten Frau ist erloschen – es ist das Letzte, was ich wahrnehme, bevor ich im Bus weiterfahre. Ich werde nachdenklich: Wie oft kommt es wohl vor, dass wir es gar nicht bemerken, wenn uns jemand etwas zuliebe tut? Oder dass wir es zwar sehen, aber gar nicht anerkennen? Das nächste Mal: bitte lächeln! 

Elisabeth, 23. Januar 2019

Die Metzgerei

Der Garten meines Elternhauses grenzte an eine Metzgerei samt Schlachthaus, über dem permanent der penetrante Gestank faulender Knochen hing. Dieser wehte an heissen Sommertagen besonders lästig über den Zaun. Als Kind überkam mich jedesmal Ekel, so dass ich es vorzog, am anderen Ende unseres Grundstücks zu spielen.

Zur Metzgerei gehörte eine Wirtschaft, was mir ebenfalls zu schaffen machte. Ich fürchtete mich vor Betrunkenen, ebenso verabscheute ich den abgestandenen Biergeruch, der die ‚Eintracht’ umgab. Wenn ich vorbeigehen musste, beschleunigte ich den Schritt, selbst dann, wenn im Sommer ein Pferdefuhrwerk davorstand und kräftige Männer viereckige Eisblöcke zum Kühlen des Biers in den Keller hinuntertrugen, nasse Spuren von tropfendem Eis hinterlassend.

Den stämmigen Metzger, der auch Besitzer der ‚Eintracht’ war, kannte ich fast nur betrunken. Mit seinem Gesellen machte er bei der Arbeit ausgedehnte Pausen, er war selbst sein bester Gast. Auch als Metzger fand ich die beiden roh, musste ich doch öfters mitansehen, wie sie verängstigte Kälblein, Rinder und Schweine brutal aus dem Transportfahrzeug zerrten und die Tiere schlugen, wenn sie sich sperrten. Eines Tages gab es plötzlich Lärm und Aufregung. Der Metzger stolperte aus dem Schlachthaus, die Hand umklammerte ein Bolzengewehr. Vor dem Schlachten einer Kuh hatte er seinem Gesellen aufgetragen, das Tier am Horn zu halten, damit es nicht fortlaufen könne, aber in dem Moment, als der Meister abdrückte, fiel der Geselle zu Boden – die Kuh stand noch. Nun schrie der Metzger seinen ganzen Haushalt und die halbe Nachbarschaft zusammen: „Ich habe meinen Gesellen getötet!“ Man schaute erschrocken nach – und was fand man? Unter dem Schlachttisch einen Bolzen, der sein Ziel verfehlt hatte, daneben eine Kuh, die gutmütig auf den Gesellen hinunterschaute, der neben ihr lag. Nicht das Geschoss, sein Vollrausch hatte ihn zu Boden geworfen. Für Spott war gesorgt!

Der Ekel vor vergammelten Knochen ist in mir festgebrannt und lauert darauf, jederzeit, auch bei geringstem Anlass, wieder hervorzubrechen, wie das bei eindrücklichen Kindheitserinnerungen halt eben so der Fall ist. Auf einen Festtag hin haben DER MANN und ich das teure DRY AGED Beef gekauft, das wochenlang am Knochen reift und heute in allen Metzgereien der Renner ist. Wir freuten uns auf den «besonderen Genuss», aber dann… Ihr wisst, was kommt: Ich erinnerte mich.

Seither weiss ich, dass mir dieses Fleisch mit seinem «gereiften Geschmack» nie und nimmer schmecken wird. (Von wegen Nuss- und Butter-Geschmack…) Mag es noch so zart und exklusiv sein! Mag ich noch so quer in der hippen Konsumentenlandschaft stehen!

Man muss ja nicht jeden Trend mitmachen – findet Ihr nicht auch?

Elisabeth, 16.1.2019

Alt sein

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Sagt die Besucherin zur 97Jährigen, die seit Jahren alleinstehend ist: «Man bekommt im Leben nicht alles.» «Nein», antwortet die Greisin, «aber einen Mann sollte man schon haben.» Ich kann sie verstehen. Warum sollte man mit 97 die Liebe weniger brauchen als mit 17?

Der 96Jährige kann kaum noch essen und trinken, geschweige denn kauen. Man muss ihm alles einlöffeln. Yoghurt oder Pudding sind am einfachsten. Vor jedem Löffelchen richtet sich der alte Mann mühsam auf und fragt: „Hat es Vitamine drin?“ Der Sohn bejaht. Der Vater ist beruhigt: „Also ist es gesund.“ Dann isst er das Häppchen mit Appetit. Tage später verliert er das Interesse an irdischen Belangen und hört auf zu essen. Sanft entgleitet er dieser Welt, bar aller Sorgen um Vitamine und Gesundheit.

Der 91Jährige, ein gebrechlicher alter Herr, der trotz fortgeschrittener Demenz seine vollendete Höflichkeit nicht verloren hat, freut sich sehr über meinen Besuch, obwohl er keine Ahnung mehr hat, wer ich bin. Auch der mitgebrachte Schokoladen-Maikäfer macht ihm Freude, und er hält ihn bis zur Kaffeepause mit beiden Händen fest umklammert. Der Maikäfer überlebt dies nur in total geschmolzenem Zustand und kann selbst mit Hilfe eines Löffelchens nicht mehr gegessen werden. Ganz geblieben sind bloss die harten Mandeln, die die Flügel darstellten, aber die schmecken dem Senior nicht besonders, sind sie doch für sein Gebiss eine echte Herausforderung. Beim Abschied ist das kleine Debakel mit dem süssen Frühlingsboten und den klebrigen Fingern längst vergessen, entschwunden ins neblige Nichts. Könnte es sein, dass das Leben leichter wird, wenn man alles vergisst? Jedenfalls erspart es den Betroffenen den Gefühls- und Erinnerungssturm, dem wir Gesunden im Alltag laufend ausgesetzt sind.

Elisabeth, 9.1.2019

Träume

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Eine Freundin ist in der Stadt neu zugezogen. Sie wünscht sich wieder eine Beziehung, eine dauerhafte diesmal. Auf ihr Chiffre-Inserat melden sich diverse Herren. Sie wählt einen aus, der von Sehnsucht nach einem Neuanfang schreibt. «Da haben wir bereits eine grosse Gemeinsamkeit», findet sie. Ein Treffen mit ihm scheint allerdings etwas umständlich, berichtet er doch, dass er auch an den Wochenenden auf einem Gutshof arbeiten müsse.

Drei Wochen später fährt sie zur angegebenen Adresse. Mit den markanten alten Gebäuden sieht der Gutshof eher wie ein Schloss aus. Er ist idyllisch in einer Senke gelegen, mitten im Grünen, am träge dahinziehenden Fluss. Nachdem sie parkiert hat, stellt sie sich vor, dass dieser Gutshof ihm selbst gehört. Sie ist begeistert. Sie lächelt, als sie den grossen bunten Blumenstrauss vom Beifahrersitz nimmt, er scheint ein würdiges Geschenk für ihren Besuch an diesem stattlichen Ort.

Die erste Ernüchterung kommt, als sie das Tor verschlossen vorfindet. Ein mürrischer Mann lässt sie ein und durchsucht zu ihrem Erstaunen ihre Handtasche. Auch den Blumenstrauss unterzieht er einer genauen Prüfung. Was zum Kuckuck…? Obwohl sie gesagt hat, wen sie besuchen will und dass sie erwartet wird, begleitet sie ein weiterer Mann zu den Gebäuden. Erst, als er vor ihr und hinter ihr jede Türe auf- und wieder zuschliesst, wird ihr schlagartig bewusst, dass sie sich statt in einem Schloss hinter Schloss und Riegel befindet.

Doch sie ist ein mutiger Mensch, der nicht so schnell aufgibt. Im Besucherraum muss sie nicht lange warten. Kurz nach ihrem Eintreffen wird ein grosser, breitschultriger, attraktiver Mann hereingeführt. «Er hat wohl aus einer Notlage heraus eine grosse Dummheit begangen», denkt sie. «Und jeder verdient eine zweite Chance.» Der Mann setzt sich hinter der Glasscheibe ihr gegenüber. Er hat etwas sehr Anziehendes, er gefällt ihr. «Ich habe nicht gewusst, dass du im Gefängnis bist», sagt sie nach der Begrüssung. Zaghaft lächelt er und erwidert: «Du wärst wahrscheinlich nicht gekommen, wenn ich es dir vorher gesagt hätte.» «Ja, das stimmt», gibt sie zu. Es folgt eine Pause, es ist still im Raum. Sie betrachtet scheu den ernsten Mann, hält dann den Blumenstrauss hoch. «Schöne Blumen», sagt er und bedankt sich. Schliesslich fragt sie: «Was hast du denn angestellt, dass du hier sein musst?» Die Antwort haut sie um. «Ich habe meine Frau umgebracht.» Was?? Sie schiesst von ihrem Stuhl auf, der Blumenstrauss fällt zu Boden, während sie zur Tür stürzt. «Ich habe sie in unserem Schlafzimmer mit einem andern Mann erwischt», ruft er ihr zur Erklärung nach. Aber sie dreht sich nicht mehr um. Sie kann es kaum erwarten, dass ihr die Tür des Besucherraums geöffnet wird. Es scheint eine Ewigkeit zu dauern, bis man sie aus dem Gebäude ins Freie treten lässt. Wieder im Auto, kann sie geraume Zeit nicht wegfahren. Der Schreck sitzt ihr in den Knochen. Sie zittert am ganzen Leib. «Um Gotteswillen, das nicht. Nein, nein! Um Gotteswillen!» denkt sie aufgeregt.

Das Glück ist meistens nicht dort, wo wir es suchen. Und hochfliegende Träume halten der Realität selten stand.

Träumen wir trotzdem! Denn Träume können dazu beitragen, dass wir Neues ausprobieren, ungeahnte Fähigkeiten in uns entdecken, über uns selbst hinauswachsen. Ich wünsche Euch allen ein frohes, friedliches und gesundes 2019. Mögen Eure Träume in Erfüllung gehen!

Elisabeth, 1.1.2019