Auf den Spuren Napoleons (Forts.)

Foto DER MANN: Unsere Lieben und ich

Und dann waren wir endlich da: im Feriendomizil unserer lieben Verwandten. Der Empfang war warm und herzlich.

Am Rande eines Naturschutzgebietes befindet sich das ausgedehnte Grundstück mit dem gemütlichen alten Landhaus, umgeben von Bäumen und Büschen, ziemlich versteckt und absolut ruhig. Wir fühlten uns sofort zu Hause. Hier liess es sich vergnügt ausruhen, plaudern, diskutieren, essen, geniessen. Entspannen gilt zwar weniger für den Eigentümer… Wer ein solches Haus und Grundstück besitzt, muss in zahlreichen Bereichen begabt sein und sich in die laufend anstehenden Arbeiten hineinknien können.

Auch hier gab’s am Morgen frisches Baguette und dicke französische Croissants mit Butter und Lavendelhonig! Am Abend erfreuten wir uns an hausgemachter Pizza aus dem selbst gemauerten Pizzaofen, an herrlichen Spaghetti, delikaten Käseplatten… Mmh, noch im nachhinein läuft DEM MANN und mir das Wasser im Mund zusammen!

Der Ort hat eine ganz besondere Ausstrahlung. Auch mein Sohn hatte ihn geliebt. Wenn in der Morgenfrische die Sonne ihre Strahlen über das Wäldchen auf die grosse Wiese schickte, begannen Blümlein ihre in der Nacht geschlossenen Köpfchen zu öffnen und wandten sich der Wärme zu, so dass sich auf der Wiese ein zarter Teppich in Weiss und Gelb entfaltete. Still und doch kraftvoll. Ein wahres Paradies, das man nicht gerne verlässt!

Foro DER MANN: Das alte Landhaus mit seiner guten Ausstrahlung

Für Dufterlebnisse bot sich das nahe Grasse an. Ein leichtfüssiges, bezauberndes Städtchen, so stellte ich mir Grasse vor, gilt es doch als Welthauptstadt des Parfums. Es liegt am Hang, unweit von Cannes, und zählt 48’865 Einwohnern. Vor allem der 1985 erschienene Roman des Deutschen Patrick Süskind «Das Parfum», in dem Grasse der Handlungsort ist, verhalf dem Städtchen zu weltweitem Ruhm. Habt Ihr das meisterhaft geschriebene, aber gruselige Werk auch gelesen? Der Roman ist unter dem Namen «Die Geschichte eines Mörders» verfilmt worden.

Foro Elisa: Im Garten
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Das milde Klima in Grasse bringt einen herrlichen Blütenreichtum hervor. Lavendel und Rosen gedeihen im Überfluss, auch Jasmin und Orangenblüten finden ihren Weg in die feinen Duftprodukte. Besucht man Grasse, sollte man unbedingt eine der drei Parfümfabriken Galimard, Molinard oder Fragonard besuchen. Man lernt dabei Spannendes über die Parfum-Herstellung.

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Mit Tochter und Enkeltochter DES MANNES fuhr ich deshalb nach Grasse. Die Männer wollten nicht mitkommen. Dabei wissen weibliche Wesen einen wohlduftenden Mann sehr wohl zu schätzen, oder nicht? Ich liebe feine Düfte über alles! An keiner Blume kann ich vorbeigehen, ohne daran zu riechen. Unter Anleitung habe ich schon zwei- oder dreimal mein eigenes Parfum kreiert und viel gelernt über die Kopfnote, die Herznote und die Basisnote, die in den meisten Parfums drin sind und ineinander übergehen. (Mehr davon im nächsten Blog).

Foto Barbie: Beim Eingang zum Fragonard

Wir besuchten die Parfumfabrik «Fragonard» und nahmen an einer Führung teil. Anschliessend betritt man drei (oder vier) grosse, helle Verkaufsräume, die von Touristen, bunten Vogelschwärmen gleich, heimgesucht werden, alle mit Duftstreifen unter der Nase und hektisch schnuppernd. Denn draussen wartet der Bus… Wir konnten es gemütlicher nehmen. Die wunderbaren Düfte schienen mich einzuhüllen, und ich schwebte auf Duft-Wolke 7! Doch dann entdeckte ich, dass mich meine Sinne im Stich liessen. Es waren viel zu viele verschiedene Düfte, und ich konnte sie nicht mehr klar erschnuppern. Also kaufte ich nur feine Seifen, denn ein teures, «falsches» Eau de Toilette wollte ich mir nicht leisten. Erst zu Hause entdeckte ich die Schätze, die ich erstanden hatte.

Foto Elisa: Alter Destillationsbehälter bei Fragonard

Nach einem feinen Tee mit delikater Pâtisserie trennten wir drei uns, damit jedes seinen eigenen Interessen nachgehen konnte. In dieser Gasse gab’s feine Läden, eine erstklassige Confiserie, glänzende Boutiquen, Bistrots. Gegen Abend sass ich bei einem frischen Fruchtsaft draussen und beobachtete, was sich vor meinen Augen tat. Da entdeckte ich in einem nahen, links abgehenden Gässchen eine Apotheke. Apotheken lassen ihr grünes Schild leuchten, wenn sie geöffnet haben.

Ich machte mich auf den Weg. Kaum im Gässchen, erschrak ich. Eine völlig andere Welt offenbarte sich hier, nur etwa 100 m entfernt: Alkoholiker, Drogenabhängige und andere elende Menschen sassen mit hängenden Köpfen auf Türschwellen oder schlurften herum. Die Hoffnungslosigkeit rundum war erschütternd. Als ich mir in der Apotheke ein Duftfläschchen zeigen liess und die Assistentin es mir vor die Nase hielt, drängte sich auf einmal der ungepflegte Kopf eines Alkoholikers dazwischen. Der Mann war drauf und dran, mit seiner Nase die Fläschchenöffnung zu berühren. «Monsieur, ça ne va pas», sagte ich streng. Er murmelte: «Ich verstehe etwas von Düften.» Und im nächsten Moment tat er mir leid. War er ein arbeitsloser Parfumeur? Der Apotheker sagte: «Er war hier zum Covid-Test.» Schliesslich schickte er ihn und seinen Kollegen, die um mich herumschlichen, resolut nach draussen. Eine Weile später machte ich mich auf den Rückweg. Mir war etwas bange, doch niemand belästigte mich. Die Not und die Armut dieser Menschen begleiteten mich noch lange. Unerträglich, wenn man nicht helfen kann.

Wenn Glanz und Elend so nahe beieinander sind, ist es besonders traurig.

Foto Elisa: Im Garten

Amitiés, Elisa
24.11.2021

Auf den Spuren Napoléons (Forts.)

Foto DER MANN: Die Zitadelle in Sisteron, ebenfalls mit Häuserzeile darunter

Sisteron hat mich schon immer begeistert. Es ist ein markantes Städtchen. Wart Ihr auch schon einmal dort? Dann versteht Ihr mich. Wenn man Sisteron am Fluss im Tal unten betreten bzw. weg gehen will, muss man eine Brücke überqueren, um danach ins Städtchen hinauf zu fahren – oder Sisteron zu verlassen. Auf der einen Seite der Brücke, auf der Landseite, steht ein hoher, senkrechter, verwitterter Felsen, auf der gegenüberliegenden Seite erhebt sich ein ebenso imposanter, trutziger Felsen, auf dem sich auf 500 Meter Höhe eine alte Zitadelle befindet, die schon in der Antike befestigt war. Sie diente ab 1209 der Sperrung zwischen Dauphiné und der Provence. In der heutigen Form wurde die Zitadelle 1599 unter König Henri IV ausgebaut. Erst im Jahr 1920 wurde sie vom französischen Staat als Militärstützpunkt aufgegeben. Im zweiten Weltkrieg war sie ein Internierungszentrum. Sie ist so imposant, dass man ganz vergisst, dass sie militärischen Zwecken diente. Das Städtchen selbst liegt auf der Höhe und ist sehr gemütlich. Jetzt wird Sisteron das «Tor zur Provence» genannt.

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Foto DER MANN: Felsen Stadtseite, neben der Festung
Foto Tumbir: Sisteron, Felsen Landseite

Heute fanden wir unser Ziel mühelos, dabei lag es etwa 12 km ausserhalb von Sisteron, fast unsichtbar auf einem Hügel, wohin man nur auf einem steilen, einspurigen Schotterweglein hinaufgelangte. Das liebenswürdige Ehepaar, das uns als Feriengäste erwartete, hatte sichtlich Freude, als wir eintrafen. Sofort zeigten sie uns das hübsche Haus und den biologischen Garten mit dem gepflegten Biotop. Ein entzückendes Kleinod! Da wir die einzigen Gäste waren, durften wir uns frei bewegen und so tun, als ob uns das Anwesen gehörte. Wir suchten ein Schattenplätzchen auf Liegestühlen, an der Sonne war es zu heiss.

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist montaroux_sisterongaestehaus2.jpg.
Foto Elisa: Bei unseren Zimmervermietern

Foto Elisa: das gastliche Haus

Fürs Abendessen gab’s vom Hausherrn eine Empfehlung, und er reservierte uns auch gleich einen Tisch im Restaurant «Oppidum». Bevor wir uns auf den Weg machten, fragte ich: «Bis wann müssen wir zurück sein wegen dem Hausschlüssel?» «Das spielt keine Rolle. Das Haus ist Tag und Nacht offen.» Was?? Stellt Euch vor, wir würden das in unseren Städten machen. Da befände sich am Morgen wohl nicht mehr viel in der Wohnung!

Foto Elisa: Im Zentrum von Sisteron, das auf der Höhe liegt

Im Zentrum des Städtchens, in einer dunklen Nebengasse, wurden wir bald fündig. Hier war das Essen ausgesprochen fein, und auch hier war das allerdings eher kleine Lokal sehr bald vollständig besetzt. Mit dem Zertifikat nehmen’s die Franzosen übrigens sehr genau.

Foto Elisa: Die Kirche mit dem typischen Turm im Zentrum von Sisteron

Am nächsten Morgen erwachten wir im eisigen Zimmer, in der Nacht hatte es einen Temperatursturz mit bisigem Mistral gegeben. Im Badezimmer war’s geschätzte null Grad! «Da dusche ich nicht», meinte DER MANN. «Ich auch nicht», beschied ich schlotternd. «Schade nur, dass wir gestern den Whirlpool in unserem Badezimmer nicht benutzten.» Der Whirlpool? Das war’s doch! Es hatte bestimmt genügend Warmwasser. Gesagt, getan. Ich liess bis obenhin heisses Wasser einlaufen und glitt geniesserisch in die wohlige Wärme. Die vielen sprudelnden Düsen und der Dampf waren ein Riesen-Vergnügen! Gewärmt und gutgelaunt liessen wir uns hierauf an der Sonne im Garten frisches Baguette und dicke französische Croissants mit Butter und Lavendelhonig servieren.

Foto Elisa: Au Revoir, Sisteron

Zum Abschied erhielt jedes von uns ein duftendes Lavendelsäckli mit biologischem Lavendel aus dem eigenen Garten. Schön war’s in Sisteron!

Foto Elisa: Schöne Platanen in Digne-les-Bains

In Digne-les-Bains, einem hübschen Ferienort, den man auch die Hauptstadt des Lavendels nennt, flanierten wir an eleganten Läden vorbei, doch um diese Zeit am Mittag waren die meisten bis 14.30 Uhr geschlossen. Besser für mein Portemonnaie! In den Bistrots schienen die Einheimischen ihre Mittagspause ebenso in die Länge zu ziehen.

Photo by u5149u66e6 u5218 on Pexels.com: Duftender Lavendel

Auf einer Restaurant-Terrasse sass am Nebentisch eine Gruppe Feuerwehrleute, Frauen und Männer, in ihren Uniformen. Heiter ging’s zu und her, es wurde viel gelacht. Auf einmal brachen sie ziemlich abrubt auf, sie hatten wohl auf die Uhr gesehen. Dabei blieb neben einem der leeren Teller ein dicker Schlüsselbund liegen. Unsere Rufe blieben ungehört. Etwas später kam einer der Männer, er schien der Hauptmann zu sein, verlegen grinsend zurück. Was, wenn in der Zwischenzeit „Not am Mann“ bzw. „Not am Schlüssel“ entstanden wäre?

Foto Elisa: auf einem der Plätze in Digne-les-Bains

Wir näherten uns dem Reiseziel. Noch ein letzter Halt! Etwa 80 Kilometer nordwestlich von Cannes, in den Bergen der Haute-Provence, liegt Castellane, ein ebenfalls reizendes Städtchen. Es liegt am Fluss Verdon, am Anfang der bekannten Verdon-Schlucht. Überragt wird Castellane vom 1626 m hohen Berg Cadière, wo die Kirche «Notre Dame du Roc» aus dem 12. Jahrhundert eindrücklich über der Stadt thront.

Postkarte: Notre-Dame du Roc bei Nacht
Foto Elisa: Rathaus von Castellane
Foto Elisa: Die Kirche „Notre Dame du Roc“ am Tag

Ein eindeutig friedlicheres Wahrzeichen als die Zitadelle in Sisteron! Imponiergehabe, Säbelrasseln, Drohungen sind dem Frieden natürlich nicht dienlich – auch im zivilen Leben nicht. Da lob ich mir «Unsere Felsendame», obwohl sie ein steinernes Herz hat.

Amitiés, Elisa

(Forts.)

Auf den Spuren Napoléons

(1769 – 1821)

Seid Ihr auch schon einmal über die berühmte alte Route Napoléon gefahren, die in Grenoble beginnt? (Nicht zu verwechseln mit der Autobahn gleichen Namens). Diesen Herbst nahmen wir die wilde, reizvolle Bergstrecke «unter die Räder», um ein paar Tage in Südfrankreich zu verbringen.

Foto Wikipedia: Alte Route Napoléon, RN85, Bergstrecke

Was hat es mit dieser Strecke auf sich? Weshalb ihr Name? Das ist spannend. Die «Route Nationale 85», gebaut 1927, folgt nämlich der ehemaligen Marschroute von Napoléon. Von der Insel Elba kommend, wohin er nach seiner Abdankung von den Siegermächten verwiesen worden war, wollte er mit rund 1000 Getreuen sein Land von Süden her unblutig zurückerobern. Die Route führte ihn von Golfe-Juan bei Antibes über Grasse, Digne, Sisteron, Gap bis nach Grenoble, wo er gestoppt wurde. Die Gesamtlänge von 335 Kilometern bewältigten er und seine Truppe in einem siebentägigen Gewaltmarsch ab dem 1. März 1815. Die Blasen an ihren Füssen hätte ich nicht sehen wollen!

Foto True Riders.it: Alte Route Napoléon, Bergstrecke
Photo by Mikhail Nilov on Pexels.com: Ville de Grenoble

Bereits am 5. März erreichte Napoléon Sisteron, die erste grössere Stadt auf seinem Weg, wo ihm die Bewohner freundlich gesinnt waren.  

Am 7. März kamen sie kurz vor Grenoble ins Dorf Laffrey. Der Befehlshaber von Grenoble, der Napoléon keinen freien Durchzug gewähren wollte, sandte ein Regiment aus, das dem Eroberer in einem Engpass vor Laffrey auflauerte. Als Napoléon auf sie traf, befahl er seinen Soldaten, das Gewehr unter den linken Arm zu nehmen. Wagemutig trat er dem feindlichen Regiment allein und schutzlos entgegen. Das machte bestimmt Eindruck, denn nach einer kurzen Rede gewann er die Gegner für sich. Noch am selben Tag lief eine weitere Einheit zu ihm über. Und am Abend zog er in Grenoble ein.

Photo by Lauro Laureano on Pexels.com: La Ville de Grenoble

Ab Grenoble hatte Napoléon bereits gewonnen. Unter den Triumphrufen des Volkes, für das er bereits wieder der Kaiser war, marschierte der Haudegen weiter nach Paris. Am 20. März 1815 zog er in den Tuilerien-Palast ein, die Residenz der meisten französischen Könige und Kaiser.

Hélas, der Triumph war kurz. Nach nur drei Monaten endete seine Herrschaft mit der Niederlage in der grausamen Schlacht von Waterloo.

Foto Wikipedia: Die Preussen greifen ein, gemalt von Adolph Northen

Danach wurde Napoléon, als Kriegsgefangener der Briten, auf die Atlantikinsel St. Helena deportiert, wo er am 5. Mai 1821 starb, also vor 200 Jahren. Man munkelt, er sei vergiftet worden. Als Todesursache wird zwar meistens Magenkrebs angegeben. Aber der Historiker und Napoleon-Experte Thomas Schuler ist auf Grund von Untersuchungen überzeugt, dass der Kaiser der Franzosen mit Arsen vergiftet wurde.

Foto Klatsch_Tratsch.de: Insel St. Helena

DEM MANN und mir lauerte niemand auf; niemand hat uns, friedliebend wie wir sind, daran gehindert, nach Grenoble zu gelangen. Man hätte allerdings auf diese Idee kommen können! Denn das gebuchte Hotel «Mercure» in Meylan nahe Grenoble fanden wir trotz elektronischer Unterstützung erst nach langem Suchen. Die Anweisungen waren in schlechtem Französisch gesprochen, und das Gewirr von Gassen, Strassen, Nebengässchen, Kreiseln, Plätzen, tat sein übriges.

Photo by JKY on Pexels.com: Ville de Grenoble

Hungrig und durstig, wie wir waren, freuten wir uns auf ein feines Abendessen. Fehlanzeige! Das Hotelrestaurant war sonntags geschlossen. Im Zimmer lagen ein paar Vorschläge für gute Restaurants in der Nähe, ich rief sie alle an, doch sie waren ausgebucht, oder wir hätten frühestens um 21.30 einen Tisch bekommen können. Ganz Grenoble schien ausgehungert zu sein! Schade um die verschwendete Zeit, ein Abendspaziergang hätte uns bei diesem sonnigen Wetter besser getan. Der Rezeptionist reservierte uns schliesslich einen Tisch um 19 Uhr – wo? – («Ich bin nicht sicher, ob es Ihnen da gefällt») – und bestellte ein Taxi. Hatten wir denn eine Wahl?

Später stand dann ein Tesla vor der Türe. Es wurde eine lange Fahrt mit einem wortkargen Chauffeur, doch hatten wir Spass daran, weil es eine Art Stadtrundfahrt durch das attraktive, abendliche Grenoble war. Als wir ankamen, war das Restaurant noch geschlossen. Nachdem wir die happige Taxi-Rechnung bezahlt hatten, überliess uns der Fahrer an der Strassenecke der inzwischen aufgekommenen Bise, er fuhr sofort weg. Ich hatte ihm gerade noch eine Visitenkarte für die Rückreise entlocken können.

Foto DER MANN: Im savoyardischen Restaurant Casse-Croûte

Das savoyardische Restaurant, das wir etwa eine Viertelstunde später betreten konnten, gefiel uns auf Anhieb. Wir waren die ersten Gäste und durften den Platz auswählen. Es war als eine Art Alphütte eingerichtet, rustikal, voll kitschiger Gegenstände und alter Werkzeuge, mit einem Meer von rot/weiss gewürfelten kleinen Vorhängen. Auf der Speisekarte standen vor allem Raclette, Bauernwürste und Fondue. Fast wie in einem Fondue-Chalet in der Schweiz! Im ersten Moment glaubte ich, ich sei im «falschen Film», wie damals in Johannesburg, als wir uns beim Nachtessen im vornehmen Hotel-Speisesaal unerwartet inmitten eines Bayerischen Oktoberfestes wiederfanden, umgeben von blauweissen Fahnen, Bierhumpen, bayerischer Volksmusik und einem Südafrikaner in Lederhosen, der sich im Jodeln versuchte. „Bayern live“ nach einem 10stündigen Flug über ganz Afrika!

Hier war das indes mehr als eine billige Imitation, denn Fondue und Raclette sind in Savoyen und Franche-Comté sehr beliebt, werden aber womöglich mit etwas anderen Zutaten serviert!

Photo by Matheus Bertelli on Pexels.com
Photo by Selim u015eendal on Pexels.com

Auf Empfehlung des gemütlichen, kugelrunden Kellners bestellten wir Pouletschenkel, die mit Gratin Dauphinois und einer Rahm-Morchelsauce serviert wurden. Das Gratin war deftig und schmackhaft, mit viel Butter und Käse angereichert, die Pouletschenkel ziemlich zäh, die frischen, feinen Morcheln in der dicken Rahmsauce eingekocht. Sie klebten am Boden der Creuset-Pfanne. Doch was soll’s. Nach dem Essen waren wir jedenfalls nicht mehr hungrig, und kalt war uns auch nicht mehr. Als wir das Taxi für die Rückfahrt bestellten, war das grosse Restaurant bis auf den letzten Platz besetzt, und die Fröhlichkeit der übrigen Gäste war trotz gläserner Trennwände auf uns übergesprungen.

Ungeachtet unserer schweren Bäuche, schliefen wir gut im ruhigen, geräumigen Zimmer auf den herrlich bequemen französischen Matratzen.  

Übrigens: Das Essen hatte weniger gekostet als die beiden Taxifahrten hin und zurück! (Forts. folgt)

Amitiés, Elisa
08.11.2021

Geschenk

Foto Elisa, Begonien in Südfrankreich

Mit meiner neu gewonnenen amerikanischen Freundin verbrachte ich einen federleichten Tag. Für DEN MANN war’s möglicherweise weniger «easy-going», da ich mich um 11 Uhr morgens von ihm verabschiedete, um zum Coiffeur zu gehen. Ich kam dann aber erst um 19 Uhr abends zurück… Doch er nahm’s mit Humor: «Hab ich’s mir noch fast gedacht!»

Foto Elisa: Blick zwischen Stacheln aufs Meer

Zuerst ging’s für uns zwei Frauen also zum Coiffeur, dann zum Einkaufen und schliesslich für Stunden in ein hübsches Strandcafé in Cannes. Die Zeit verflog im Nu. Wir lachten und schwatzten (schliesslich mussten wir einander erst mal besser kennenlernen), bestellten feines Essen in einem Sprachgemisch aus Englisch und Französisch, tranken literweise Mineralwasser, liessen uns vom Blick aufs Meer erfreuen und von der frischen Brise umwehen.

Photo by Morgan Victoria on Pexels.com

Als wir fanden, es sei an der Zeit aufzubrechen, stiegen wir vom sandigen Boden die kurze Treppe hinauf zur Strasse. Wir hakten einander unter, stützten uns gegenseitig, da wir beide nicht mehr so leichtfüssig sind – kein Wunder, wenn man 73- bzw. 77jährig ist. Oben auf dem holprigen Trottoir war dies doppelt nötig. Da kam uns ein rassiger junger Mann entgegen. Er nickte, lachte uns an und zeigte zwei Reihen blitzend weisser Zähne im gebräunten Gesicht. Als er vorüber war, schauten wir einander anerkennend an: Was für ein Adonis! Strahlend wie die Morgensonne! «Er kommt wahrscheinlich geradewegs von seiner Liebsten», mutmasste meine Freundin. «Oder ist unterwegs zu ihr», ergänzte ich. Wir kicherten, dann wackelten wir unbekümmert weiter, im (Un)Gleichschritt.

Foto Barbara Gerber: Die Golden Corniche bei Saint-Raphael

Etwas später begegnete uns ein älterer Mann. Auch er lachte uns an und grüsste. Dabei glaubte ich eine kleine Belustigung in seinem Blick zu erkennen.

War jedes der beiden Lächeln ein Beweis für das «savoir vivre», die von mir so geliebte französische Lebensart? Immer wenn ich in Frankreich bin, belebt die Leichtigkeit der Franzosen und ihr natürlicher Charme meine Sinne wie perlender Champagner.

Photo by RAUL REYNOSO on Pexels.com

Oder galt das Lächeln etwa der Annahme, dass wir zwei einander stützen müssten, weil wir uns bereits am Nachmittag zu viele Apéros gegönnt hatten?

Einerlei. Wir genossen den sonnigen Nachmittag aus vollem Herzen.

Uns allen, ob jung oder alt, werden unbeschwerte, glückliche Stunden geschenkt – meist dann, wenn wir sie am wenigsten erwarten. Quelle merveille!

Foto Elisa: Weinreben, im Herbst überall feurig rot

Ich schicke Euch ein strahlendes Lächeln, Elisa
27.10.2021

Albrecht Dürer (1471-1528)

Foto Wikipedia

Ich nehme an, Ihr kennt die «Betenden Hände» von Albrecht Dürer. Sie sind gut 500jährig, von Meisterhand gezeichnet, und immer noch allgegenwärtig, obwohl das Original lediglich eine Bleistiftskizze ist, eine Studie als Vorarbeit an einem Altarbild. Habt Ihr gewusst, dass das Motiv sogar Andy Warhols Grabstein schmückt?

Foto DER MANN, Bernies Grab mit Engeln

«Es gibt sie in Holz, Metall, Wachs, auf Papier, Karton Plastik und, als Tattoo-Motiv, sogar auf Menschenhaut – diese «Betenden Hände» von Albrecht Dürer (1471-1528), einem der grössten Renaissance-Künstler nördlich der Alpen. Das Original befindet sich im Albertina-Museum in Wien.

In diesen schön geformten, schlanken, andächtig aneinander gelegten Händen, fast engelsgleich aus dem Nichts kommend und von einer meditativen blauen Fläche umgeben, zeigen sich die ganze Intimität, Innigkeit und Mystik des Betens…» (Zitat aus REFORMIERT, Nr. 9 vom September 2021).

Wie habt Ihr’s mit dem Beten? Betet Ihr zu einer höheren Macht, zu unserem christlichen oder jüdischen Gott? Macht Ihr Exerzitien? Meditiert Ihr? Mag sein, dass Ihr in schwieriger Situation ein Stossgebet zum Himmel schickt. Oder dass Ihr bei Gefahr ein inbrünstiges Versprechen gebt, z.B. «Lieber Gott, wenn du mich rettest und ich hier heil herauskomme, dann verspreche ich Dir…»

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Ich finde Stossgebete im Alltag hilfreich. Für mich ist Beten jedoch vor allem ein Danken, ein stilles Zwiegespräch mit Gott, eine Hinwendung zu einer Quelle, wo ich Kraft finde. Wie die meisten von euch kenne ich zermürbende Hindernisse. Ich habe Schicksalsschläge erlitten, lasse mich aber auch aufrichten durch Schönes und Gutes in meinem Leben. Aber ohne Gebet? Da wären mir Lebensfreude und Hoffnung im Laufe der Zeit bestimmt abhanden gekommen. Beten macht mich dankbar, gibt mir Mut, wenn ich am Verzagen bin. Dann kann ich mich auch wieder meinen lieben Mitmenschen zuwenden, die mich ebenfalls stützen und die ich zu stützen versuche. Ich spüre, dass mein Gebet Negatives in Positives wandelt. Das ist wertvoll, oder nicht? Kurz und bündig, das Gebet möchte ich keinesfalls missen! Es stärkt den Glauben, transzendiert die menschliche Zuversicht.

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Wenn man die Ruhe nicht in sich selbst findet, ist es vergeblich, sie anderswo zu suchen. (François de la Rochefoucauld, 1613-1680).

Foto Elisa: Statue im Pavillon Le Corbusier, Zürich

Wahr oder nicht wahr? Was meint Ihr? Wie auch immer: Von Herzen wünsche ich Euch Ruhe und Gewissheit im Herzen. Vermutlich habt Ihr den für Euch stimmigen Weg längst gefunden!

Foto Elisa: Im Chinesischen Garten Zürich
Foto Elisa: Im Chinesischen Garten Zürich

Liebe Grüsse, Elisa
20.10.2021

Philosophie

Photo by Taryn Elliott on Pexels.com

In einem Interview wurde Solange Ghernaouti, Professorin und Expertin für Cybersicherheit, gefragt, was oder wer sie inspiriere. Ihre Antwort:

  • Nelson Mandela mit seiner Fähigkeit, Widerstand zu leisten und sich zu entwickeln;
  • Vögel mit ihrer scheinbaren Zerbrechlichkeit und ihrer Art, die Welt von oben zu sehen;
  • die Natur mit der Lebenskraft und dem Glück, das sie vermittelt, und mit dem Respekt, den sie uns abverlangt.
Photo by Magda Ehlers on Pexels.com

Dies sind für mich erstaunliche Aussagen, klug, unerwartet, tiefgründig. Was ist Euch beim Lesen dieser Sätze durch den Kopf gegangen? Ich finde, es lohnt sich, darüber nachzudenken und gewonnene Einsichten in seinem Innern nachhallen zu lassen.

Foto von Freundin Heidi Wildi: Murmeltier auf dem Stanserhorn

Was inspiriert Euch? Denn, nicht wahr: «Jeder Vogel fliegt anders». (Peter Handke)

Photo by Pixabay on Pexels.com

Liebe Grüsse, Elisa
06.10.2021


Reichtum

Bei weisen Erzählungen wird mir ganz warm ums Herz – umso besser, wenn sie darüber hinaus mit Humor gewürzt sind. Geht es Euch auch so? Was meint Ihr zu dieser rabbinischen Geschichte?

Bei einem festlichen Bankett sitzen ein Rabbiner und ein katholischer Prieser nebeneinander. Bei der grossen Schlacht am kalten Buffet verweigert der Rabbi die Speisen mit Schweinefleisch. Der Priester rühmt seine Freiheit und isst mit Genuss davon. Dabei meint er zum Rabbiner: «Religiöse Vorschriften, die ihren Sinn verloren haben, muss man fallen lassen. Schauen Sie diesen herrlichen Schinken an, welch eine Gabe Gottes! Wann endlich werden Sie ihn kosten?» Der Jude lächelt: «Auf Ihrer Hochzeit, Hochwürden, werde ich ihn probieren!»

Aus: «Voller Witz und Weisheit» von Axel Kühner

Havah Nagilah (hebräisch הבה נגילה) ist ein hebräisches Volkslied, das traditionell bei jüdischen Feiern gesungen wird. Navah Nagilah bedeutet so viel wie: Lasst uns glücklich sein.

Foto von Freundin Heidi Wildi: Seerose

Oder gefällt Euch diese weise Geschichte aus der Türkei besser?

Hodja ruderte einen berühmten Philosophen über einen See. Der Mann fragte ihn, ob er etwas von Philosophie verstünde. Hodja: «Nein, dafür habe ich nie Zeit gehabt.»

Darauf der Philosoph: «Ach, das tut mir leid für Sie. Da fehlt Ihnen ja Ihr halbes Leben.»

Nach einer Weile fragt Hodja den Philosophen: «Können Sie schwimmen?» Der Philosoph: «Nein, dafür hatte ich nie Zeit.»

Hodja: «Dann wird Ihnen bald Ihr ganzes Leben fehlen. Der Kahn hat ein Loch. Wir sinken.»

Aus: Türkische Sammlung von Hodja-Geschichten, Marlene Fritsch, «Weisheit kommt nicht von allein, das Herz muss ihr Begleiter sein.» Nasreddin Hodja war ein bekannter, weiser Türke, der im 13. Jahrhundert gelebt hat.

Der türkische Sänger heisst Tarkan und wurde in den 90er Jahren mit «Kiss Kiss» berühmt.

Geniesst die Musik! Sie verbreitet Freude und Wohlbefinden. Ausserdem haben Neurologen in wissenschaftlichen Studien bestätigt gefunden, dass Musik frühgeborenen Babies bei ihrer Entwicklung hilft, sowie Verunfallten bei der medizinischen Rehabilitation. Auch auf Demente haben Musik und Tanz eine sichtbar gute Wirkung. Es wird wieder gelächelt, und Erinnerungen kommen zurück. Ist Musik nicht etwas Wunderbares für uns alle?

Liebe Grüsse, Elisa
21.09.2021

Just for fun

Photo by Anastasia Golubeva on Pexels.com

Seit der Erfindung des Buchdrucks plagen Druckteufel und Fehlerteufel uns Menschen. Wer glaubt, sie seien dank neuester Technologie ausgerottet, der täuscht sich. Es ist eher schlimmer geworden! Die an sich praktische Handy-Funktion der Autokorrektur z.B. ist noch perfider als Tippfehler, weil sie selbstherrlich agiert:

Ein Freund schrieb bzw. wollte mir schreiben: «Ohne Fleiss kein Preis!» Auf meiner WhatsApp las ich mit Erstaunen: «Ohne Fleisch kein Preis!» Wow!!

Immer wieder kommen ungewollt heitere Texte bei mir an:

«Schaf ist wichtig.» (statt Schlaf)

Übe das Wochenende…

Deine tröstli Worte…

Photo by Anna Nekrashevich on Pexels.com

Soweit Handy-Nachrichten. Immerhin sind schnelle Nachrichten kurzlebiger als Tippfehler auf Schreibmaschine oder im Druck:

Photo by Pixabay on Pexels.com

Als ich in einer Personalabteilung arbeitete und Jobgesuche zu beantworten hatte, entdeckte ich später, als der Brief längst verschickt war, den Satz: «Wir legen besonderen Wert auf gute Umfangsformen.» (anstelle der guten Umgangsformen)

Ein damaliger Druckereimitarbeiter berichtete über ebenfalls erst zu spät erkannte Druckfehler. Da erwähnte jemand in einem religiösen Blatt «Jesus mit dem Scheisstuch» (statt Schweisstuch). In einem Architektursekretariat war die Rede von der Breite des Trottoirs, doch das Wort „Trottoir“ hatte sich im öffentlichen Bericht hinterlistig in „Pissoir“ verwandelt.

Photo by Leah Kelley on Pexels.com

Hoffentlich habe ich jetzt gut aufgepasst… Es läuft natürlich immer darauf hinaus, dass man den Text nicht genau durchgelesen hat. Aber wer nimmt sich denn noch Zeit dazu? Es ist nicht mehr so wichtig – nur rasch muss es gehen. Und harmlose Fehler würzen den Alltag, finde ich. Am besten, man lacht herzlich über solcherart Misslungenes!

PS. für Wissbegierige (aus Wikipedia): Mit beweglichen Lettern revolutionierte Johannes Gutenberg den Buchdruck. Plötzlich konnte man Bücher schnell, günstig und massenhaft produzieren. Um den Mann, der Bildung für alle ermöglichte, ranken sich viele Legenden. Ausgerechnet über ihn, der den Druck revolutionierte, sind wenige schriftliche Quellen erhalten. Geboren wurde Gutenberg um das Jahr 1400 – wahrscheinlich zwischen 1394 und 1404 – und mit ziemlicher Sicherheit in Mainz.

Photo: Gutenberg.de.wikipedia.org
Photo: clio.history.org

Viel Glück beim Tippen.
Liebe Grüsse, Elisa
15.09.2021

Séraphine de Senlis

Séraphine Louis,
genannt Séraphine de Senlis,
französische Malerin


DER MANN und ich schauten kürzlich bei ARTE einen Film über die französische Künstlerin Séraphine Louis. Er packte und erschütterte uns. Sie lebte von 1864 bis 1942. Ihre Mutter starb ein Jahr nach ihrer Geburt; als sie sieben war, auch ihr Vater. Im ländlich-kleinstädtischen Senlis verdiente sie ihren Lebensunterhalt als Schafhirtin, als Putzfrau, zeitweise auch als Laienschwester im dortigen Kloster. Sie liebte Gott und die Natur über alles.

Diese einfache und zutiefst religiöse Frau, die für andere Leintücher und Leibwäsche in den eisigen Gewässern des Flusses waschen und schmutzige Töpfe von reichen Herrschaften reinigen musste, erschuf des Nachts ein wunderbares Universum aus hellen, glänzenden Farben, die sie selbst aus Gemüsesäften, Ton und Metzgereiblut herstellte.

Séraphine: Arbe du paradis
Les Z’Arts de Véronique
Séraphine:
Jardindesprit.
forumgratuit.org

Entdecker und Förderer war der deutsche Kunstsammler und Kunstkritiker Wilhelm Uhde (1874–1947), der 1912 durch Zufall auf die in Armut lebende Frau aufmerksam wurde, als er Urlaub in Senlis machte und dort eines ihrer Bilder entdeckte. Er beschaffte ihr die grossen Leinwände, die sie für ihre Gemälde benötigte. Wenn andere schliefen, malte sie stundenlang bunte, ausdrucksstarke Bilder, auf den Knien kauernd, fromme Lieder singend, wie in Trance.

Séraphine: Perspectiva Newsky

Ab 1930 zeigte sie zunehmend Symptome einer psychischen Erkrankung, die vermutlich bereits länger bestanden hatte. Sie verschleuderte ihr Geld, das sie durch Uhdes Verkauf ihrer Bilder verdient hatte. Schliesslich nahmen ihre Wahnvorstellungen solche Ausmasse an, dass man sie 1932 in die Nervenheilanstalt von Clermont-sur-l’Oise einwies. 10 Jahre blieb sie dort und litt. Sie malte nicht mehr. Während der deutschen Besetzung wurde für «Irrenanstalten» der Versorgungsnotstand angeordnet. Eingesperrt, verhungerte die total vernachlässigte Séraphine 1942 im Alter von 78 Jahren.

Séraphine: Blogspotcome

Zurück blieb das grossartige Werk einer armen, ungebildeten Frau, die sich das Malen selbst beigebracht hatte. Heute zählt sie zu den bedeutendsten Vertretern der naiven Kunst in Frankreich. Man kennt sie vor allem unter dem Künstlernamen Séraphine de Senlis. Ihre unzähligen Naturbilder sind unverkennbar, voller Kraft und farbenstarker Lebendigkeit.

Séraphine: blogspotcome

Sie ruht auf dem Friedhof von Senlis in einem Massengrab. Ja, Ihr habt richtig gelesen: in einem Massengrab. Da die Bestattung eines Menschen auf einem Friedhof mit Kosten und Arbeitsaufwand verbunden war, wurden Verstorbene ohne ausreichende Mittel in Massengräbern beerdigt.

Séraphine: Chen Gai France

Von Séraphines Bildern bin ich begeistert und fasziniert. Ihre traurige Geschichte geht mir nahe. Schaut Euch Farben und Motive an: Sie leuchten beinahe überirdisch.

Liebe Grüsse, Elisa
08.09.2021

Séraphine: by Birdie
Séraphine: Musée-ville-senslis.fr


Séraphine: Pinterest

Der Schlaf des Gerechten

Photo by Adrianna Calvo on Pexels.com

Früher geriet ich beim Anblick eines Hundes, und war er noch so klein, in fürchterliche Panik: Mein Herz begann zu rasen, meine Knie wurden weich, die Hände zitterten, ich konnte kaum mehr atmen. Allzu oft passierte es auf Wanderungen, dass ein Hofhund mir knurrend und bellend entgegenlief, um sein Heim zu verteidigen. Du liebe Güte, als hätte ich es ihm streitig machen wollen!!

Photo by Pixabay on Pexels.com

Natürlich hatte meine übermässige Angst einen Grund. Auf meinem langen Weg zur Schule wurde ich als Kind von einem aggressiven Schäferhund von hinten angefallen, umgeworfen und grausam gebissen. Da sein Besitzer Arzt war, lag es nahe, dass meine Mutter mit mir zu ihm ging. Bevor er meine blutende Wunde versorgte, holte er den Hund. Bäuchlings lag ich auf dem Schragen, als er das Tier ganz nah zu mir hin führte und ihn schalt: «Schau, du Böser, was du angerichtet hast.» Dann schlug er mit einem Lederriemen heftig auf den Kopf des Hundes ein. Die Schläge fand ich schlimm. Doch der verschlagene, hasserfüllte Blick, mit dem das Tier mich bedachte, während es sich unter den Hieben duckte, liess mich erschauern, und ich begann heftig zu zittern. Nicht lange danach musste der Schäferhund auf Grund einer polizeilichen Anordnung getötet werden, weil er weitere Menschen aus dem Nichts angegriffen hatte.

Photo by Lucas Andrade on Pexels.com

Noch immer gehe ich nicht gerne über einsame Gehöfte. Aber nach zahlreichen guten Erlebnissen mit feinen Hunden habe ich begonnen sie zu lieben. Unvergesslich bleibt mir, wie ein grosser Hund mich vor seinem zähnefletschenden «Kollegen» abschirmte und beschützte, so dass ich unversehrt vorbeikam. Ich kann gut verstehen, warum ein Hund zu einem geliebten Familienmitglied wird. Wessen Herz wird nicht weich, wenn ihn treue Hundeaugen ansehen? Wie anrührend ist es doch, wenn ein Hund seinen Menschen stürmisch begrüsst, wenn er jedes Wort von ihm versteht und ganz selbstverständlich gehorcht. Er spürt auch dessen Traurigkeit und leidet mit.

Photo by Pixabay on Pexels.com

Kürzlich wurden wir Zeuge einer heiteren kleinen Episode:

Foto von Freundin Heidi Wildi

DER MANN und ich sitzen gemütlich beim Kaffee in einem lauschigen Parkcafé und geniessen das warme Wetter. Ich blicke um mich: Büsche, blühende Blumen, uralte, mächtige Bäume – oh, wie wohltuend.

Foto von Freundin Heidi Wildi

Eine Frau kommt auf einem der Wege entlang. Hinter ihr trottet ein grosser Hund. In seinem Maul schleppt er ein dickes Kissen mit sich. Sie nähern sich dem Café, und sie setzt sich denn auch auf eines der Lounge-Canapés. Fürsorglich breitet sie neben sich eine Hundedecke aus. Statt Kaffee bekommt der Hund Fleisch, das er auf dem angrenzenden Rasenstück verzehrt. Ich bin neugierig, gehe zum Tisch der Frau und komme mit ihr ins Gespräch. «Wessen Kissen trägt Ihr Hund mit sich herum? Das ist wohl kaum Ihres?» frage ich und erfahre, dass das kuschelige Stoffding eine Art Plüschtier für den Hund sei. «Er schläft nachts auf dem Kissen, dann ist er zufrieden», erzählt die Besitzerin.

Bevor wir das Café verlassen, sehe ich, dass es sich der Hund inzwischen auf der Hundedecke neben seinem Frauchen gemütlich gemacht hat. Zu unserer Erheiterung schläft er selig – der grosse Kopf ist mitten auf das Kissen gebettet!

Photo by Christian Domingues on Pexels.com

Bin ich froh, dass ich mein eigenes Kopfkissen nicht überall hin mitschleppen muss…

Photo by Engin Akyurt on Pexels.com

Liebe Grüsse, Elisa
01.09.2021