Pfarrers Kinder

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«Pfarrers Kinder, Müllers Vieh: geraten selten oder nie», heisst es in einem alten Spruch.

«Pfarrerskinder haben tatsächlich etwas Schräges», sagen sie beiden Autorinnen des religiösen Podcasts «Wir Pfarrers Töchter – Geheimnisse der Bibel». Und weiter: «Es gibt Untersuchungen darüber, unter welchen Lasten und mit welchen unglaublichen Ressourcen Kinder in Pfarrhäusern aufwachsen. Sie werden mit Musik gross, mit Ritualen, Geschichten, stehen aber auch unter öffentlicher Beobachtung.»

Und wie, kann ich da nur sagen! Denn von dieser Zwiespältigkeit will auch ich, zumindest aus der Warte der Enkelin, heute ein Liedlein singen. Denn sie war bezeichnend für den Geist im Haus meiner Grosseltern. Musik, Geschichten, Kreativität, Bücher, Bilder waren immer gegenwärtig. Doch daneben herrschte diese fast lebensfeindliche Enge. Klar, es ging damals in der Gesellschaft insgesamt um einiges strenger zu und her als heute.

Foto von Patentochter Sandra Romano

Trotz dieses Glaubens-Korsetts wich nur der älteste Sohn vom geraden Weg ab (immerhin einer von vier!), und er blieb sein Leben lang eine Art «verlorener Sohn», dessen Nachlass die verheiratete Geliebte für sich behändigte, bevor nach seinem Tod auch nur der Sohn die Wohnung betreten hatte. Die anderen drei, die ebenfalls im christlichen Elternhaus gross wurden, kamen im Grossen und Ganzen gut und erfolgreich durchs Leben, unter ihnen meine geliebte Mama.

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Grossmutter erzog ihre vier Kinder äusserst strenggläubig. Die häufigsten Worte, die sie ihnen einbläute, waren: „Das ziemt sich nicht! So spricht man nicht! Was denken auch die Leute?“ Früh schon lernten sie das ungeschriebene Gesetz: Man hat stets und überall auf sein Aussehen, sein Benehmen, seine Sprache zu achten, denn die ganze Welt richtet ihre Augen ständig auf eben diese Pfarrfamilie – wehe, wenn sie nicht tadellos dasteht: „Was denken auch die Leute!!“ Wenn ich bei diesen Erinnerungen an den Ausspruch von Luther denke: «Aus einem traurigen Arsch kommt kein fröhlicher Furz», muss ich laut lachen. Kannten meine Grosseltern die Sprüche des frommen Mannes nicht? Wenn, dann schämten sie sich bestimmt für ihn!

Foto Elisa: Kathedrale in Tiflis, Georgien

Zwar versuchte die Großmutter hin und wieder, aus der Enge auszubrechen, indem sie ihren kleinen Töchtern entzückende Sommerkleidchen schneiderte oder ihnen ein einfaches Schmuckstück umhängte. Aber die Schelte eines Einzigen, die Kleinen seien hoffärtig, genügte, um ihre zaghafte Rebellion niederzudrücken.

Ach, die Bibel mit ihren widerspruchsvollen Aussagen bietet sich geradezu an, von Schlaumeiern zweckentfremdet zu werden! Denn Eiferer finden darin immer irgendwo eine aus dem Zusammenhang gerissene Aussage, mit der sie ihre ganz persönliche Meinung als ‚Gottes Gebot’ kundtun und dadurch Gegenargumente im Keim ersticken.

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Natürlich gab es im christlichen Haushalt auch Erheiterndes. Großvater war beliebt, aber kein brillanter Redner. Seit jeher verkniffen sich seine Angehörigen an den Sonntagsgottesdiensten ein Lachen, wenn er sich verhaspelte oder ein misslungenes Wortspiel zum Besten gab.

Eine Rückschau beschert mir noch heute heitere Momente. Es war Tradition, dass Großmama, selbst noch mit ihren erwachsenen Töchtern, in der vordersten Bankreihe Platz nahm. Wenn ich, die ich mit Papa und meiner älteren Schwester in der Reihe dahinter saß, sah, wie die Bank vor uns und die Rücken des christlichen Trios leicht zu beben begannen, dann wusste ich schon als Kind sofort, dass sie wieder einmal kicherten, wie z.B. an jenem Ernte-Dank-Fest, als Großpapa Albert Schweitzer und sein Urwaldspital in ‚Lambretta’ erwähnte. Lambretta! Der billige Motorroller war in den fünfziger Jahren vor allem bei der Jugend sehr beliebt und hatte beileibe nichts zu tun mit Lambarene. Dieser Versprecher war noch harmlos, es gab schlimmere: einmal sprach Großpapa statt vom inbrünstigen vom ‚brünstigen Gebet’. Da prustete selbst Großmama laut los, gleichzeitig mit ihren Töchtern, was dem allzu fröhlichen ‚Kleeblatt’ nachher einen strengen Verweis des Kirchenältesten eintrug.

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Ich liebte meine Großeltern heiß. Oft war ich bei ihnen zu Besuch, denn ich war die verwöhnte Enkelin. Als ich noch klein war, badete mich Großmama auf ihrem sonnigen Balkon in einer ovalen Wanne. Später, wenn ich erst nachmittags kommen konnte, stellte sie Kartoffelpuffer im Ofenrohr für mich warm, die mir besser schmeckten als alles, was bei uns zu Hause auf den Tisch kam. Und erst ihr Streuselkuchen, den sie auf der samtenen, weinroten Tischdecke servierte! Großmama kam aus Deutschland, aus der Pfalz. Ihr Gemüt war von Melancholie durchzogen, daher war sie eher still. Sie hatte kreative Fähigkeiten, konnte wunderbar Geschichten erzählen. Großpapa war ein kontaktfreudiger Mann aus dem Zürichbiet, der gerne fröhliche Menschen um sich scharte, überall half und vielen Menschen ein Vorbild war.

Foto von Freundin Sissy Brändle

Meiner Mutter Wunsch, Musik zu studieren, überforderte meine Großeltern leider völlig, und sie lehnten rundweg ab. Trotzdem behielt Mama ihren tiefen Glauben, doch entwickelte sie mehr Offenheit und Toleranz gegenüber Andersdenkenden. Im Alter wurden auch die beiden aufrechten, wackeren Kämpfer milder in Bezug auf ihre Glaubenseinschränkungen.

In meinen Augen bedeutet der Glaube keine erstickende Enge. Wir haben, Gottseidank, einen gütigen und grosszügigen Gott.

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In christlicher Nächstenliebe, Eure Elisa

Die Lunchtasche

Kürzlich, an einem sonnigen Tag, wimmelte es in unserer Stadt von kleinen und grossen Schulausflüglern mit deren Lehrkräften. Alle waren sie gespannt, quirlig, fröhlich, aufgeregt.

Foto von Freundin Elisabeth Stucki

Unwillkürlich flatterten durch meine Gedanken Erinnerungen an meinen ersten Schulausflug. Ich war damals in der ersten Klasse, ein scheues, empfindsames Kind. Meine Mama kaufte mir extra ein ausgesprochen hübsches, hellgelbes Sommerkleidchen, das ich am Ausflugsmorgen voller Stolz zum ersten Mal anzog. Mama hatte mir ein einfaches Picknick und eine Thermosflasche mit Tee vorbereitet. Alles war fein säuberlich in einer Lunchtasche aus Canvas-Stoff verpackt.

Foto Fruugo

Wie weit wir gingen, weiss ich nicht mehr. Doch sehe ich uns eine ausgedehnte Mittagsrast machen, in einem dichten Wald, auf Moospolstern und Baumstümpfen sitzend, mampfend, schwatzend. Nach dem Essen entdeckte ich in der Nähe Heidelbeerstauden, an denen eine Unmenge reifer Beeren hingen. Ich wunderte mich, dass keines meiner Klassenkamerädchen sich dafür interessierte. Genüsslich tat ich mich am süssen Nachtisch gütlich. Dann kam mir Mama in den Sinn. Sie hätte bestimmt ebenso viel Freude an dem herrlichen Segen wie ich. Rasch holte ich den leeren Thermosbecher, füllte ihn bis zum Rand mit den reifen Früchten und verstaute ihn in meiner Lunchtasche.

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Voller Freude nahm ich bei meiner Heimkehr die Lunchtasche von meiner Schulter, um Mama den «Schatz» zu übergeben. Im nächsten Moment verwandelte sich meine Freude in Entsetzen. Der Becher war auf dem Rückweg in der Lunchtasche umgekippt und nun lagen darin die vielen Beeren völlig zerquetscht. Schlimmer noch: am zitronengelben Kleidchen prangte im Umkreis meiner rechten Hüfte ein grosser, tiefblauer Fleck. Er sollte nie mehr ausgehen, das Kleidchen war für immer ruiniert.  

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Ich weinte bitterlich. Nicht, dass meine liebe Mama geschimpft hätte. Doch in aller Deutlichkeit erkannte ich zum ersten Mal die traurige Wahrheit: Wenn man jemandem eine Freude machen will, heisst das noch lange nicht, dass es auch gelingt. Unverständlicherweise, fatalerweise, kann sich die gute Absicht sogar ins genaue Gegenteil verkehren…

Der gute Wille allein genügt eben selten.

Foto Elisa: im Park Ettenbühl, Deutschland

Geniesst jetzt die feinen Sommerbeeren! Eure Elisa
22.06.2022

Die Laterne

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Letzten Winter kaufte ich für das Grab meines Sohnes eine etwa 50 cm hohe Laterne. Im Geschäft wurde sie liebevoll geschmückt. Die weisse elektrische Kerze konnte man stets aufs Neue für ein paar Stunden anzünden – wenigstens solange die Batterie trocken blieb. Hübsch sah die Laterne aus mit dem schwarz-goldenen Rahmen und den seitlichen, schön geschliffenen Scheiben. Den ganzen Winter über machte sie uns Freude. Eigentlich hatte ich vor, sie im Frühling nach Hause zu tragen und für die nächste Wintersaison aufzubewahren. Doch dann bekamen DER MANN und ich in der Kirche eine große, bunte, dicke Osterkerze. Ich freute mich, als wir gegen Abend zum Grab gingen, wo ich das Türchen öffnete, die Kerze hineinstellte und anzündete. Sie brannte hell und freundlich.

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Am nächsten Nachmittag spazierte ich mit meiner Patentochter, die auf Besuch war, wieder zum Grab. Ob wohl die Kerze noch brannte? Das allerdings nicht. Sie war samt und sonders heruntergebrannt – aber was war denn das? Da lagen nur noch zersprengte Glassplitter und eine geköpfte, verbogene Laterne auf dem Grab. Sogar der Blumenschmuck war an verschiedenen Stellen schwarz angesengt. Du meine Güte! Ein Glück, hatte es in der Nacht kurz geregnet, denn am vorigen Tag hatten Erde und Gräser um das Grab herum knochentrocken gewirkt. Heiliges Kanonenrohr! Ein riesiger Schreck fuhr mir nachträglich in die Glieder. Stellt Euch vor, ich hätte den ganzen Friedhof angezündet!! Die Brandstifterin wäre sicher rasch gefunden worden.

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Einmal mehr freue ich mich, dass mir der Himmel wohlgesonnen ist. Und mein Sohn? Er wird geschmunzelt haben über seine Mama und ihr loderndes Feuerwerk mit dem wahrscheinlich fulminanten Schluss-Knall!

Foto Elisa

Sagt, bin ich nicht ein Glückspilz?
Elisa, 15.06.2022

Lebensaufgaben

Er hat vor kurzem seine Erstausbildung in der Pflege beendet. Während dieser vier Jahre hat er viel erlebt. Ein Jahr davon arbeitete er auf einer Pandemie-Notfallstelle. Zahlreiche Menschen hat er sterben sehen, hat er in den Tod begleitet. Die jüngste Frau war eine 35jährige Mutter von zwei Kindern; die älteste 103 Jahre alt. Kein Wunder, ist er für seine 19 Jahre ungewöhnlich ernst. „Wissen Sie“, sagt er eines Abends“, es gibt Kämpferinnen wie Sie, die können nicht loslassen, die sind nicht totzukriegen.“ (Wie bitte? Hat er gesagt «totzukriegen?») Innerlich zucke ich zusammen, dann denke ich: Er kann noch nicht wissen, dass in bestimmten Situationen der Lebenswille richtig ist, und obendrein bewundernswert.

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Er fährt fort: „Andere ergeben sich still. Dann breitet sich ein wunderbarer Friede im ganzen Zimmer aus – ich spüre das bereits beim Betreten.“

Seine Worte bewegen mich, obwohl sie nicht wirklich neu sind für mich. Gewiss, unsere letzte, bestimmt schwierigste Aufgabe auf dieser Welt ist das allumfassende Loslassen, und zwar im richtigen Moment, damit wir friedlich sterben dürfen. Es ist vielleicht gewollt, dass unsere Kräfte mit zunehmendem Alter nachlassen, dass wir vermehrt geliebte Menschen verlieren, dass vieles nicht mehr möglich ist, was uns Freude macht. Dies bereitet uns auf natürliche Weise aufs Loslassen vor. Es soll Menschen geben, die ihre Todesstunde im Voraus spüren und sich dann still darauf einstellen. Und kurz darauf überschreiten sie tatsächlich die Grenze. Was für eine Gnade, wenn wir uns leicht ergeben können! Wer wünscht sich das nicht?

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Ich bin indes überzeugt, dass darüber hinaus eine Höhere Macht die Fäden in Händen hält, und dass unsere Todesstunde einem göttlichen Plan folgt. Neben dem Loslassen ist deshalb für mich das Vertrauen in das, was kommt, ebenfalls von ganz enormer Bedeutung. Letzten Endes sind und bleiben unsere Geburt, unser Leben und Sterben ein tiefseelisches Geheimnis, und ein großes Wunder.

Kennt Ihr dieses Lied: Ich trage, wo ich gehe, stets eine Uhr bei mir, gesungen von Hermann Prey? https://youtu.be/AIch werde Worte darauf setzenhQHVUSMwMg (Musik Karl Loewe. Den Liedtext von Johann Gabriel Seidl finden Interessierte am Blog-Ende)

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Eindrücklich, das Lied, nicht? Und gerade weil wir nicht wissen, wann die eigene „Uhr“ abläuft, ist der Lebenswille, ist die Lebensfreude etwas so Bedeutsames. Bleiben wir deshalb dem Leben, so lange es dauert, zugewandt mit all unseren Sinnen: betrachten, schmecken, riechen, hören, bewundern, feiern wir es! Lassen es täglich aufleben in seiner Schönheit und Kraft, trotz oder gerade wegen dieser sorgenvollen Zeit. Nicht nur unser eigenes menschliches – auch das vielfältige, geniale Leben in der Pflanzen- und Tierwelt. Wir sind ja Teil von allem.

Wenn wir das Leben lieben, sollten wir den Tod nicht fürchten, denn er kommt aus derselben Hand. (Michelangelo)

Eure Elisa
08.06.2022

Foto von Freundin Barbara Butscher: Blühender Kirschbaum im Baselbiet
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Liedtext:
Ich trage, wo ich gehe
Stets eine Uhr bei mir
Wieviel es geschlagen habe
Genau seh ichs an ihr

Es ist ein großer Meister
Der künstlich ihr Werk gefügt
Wenngleich ihr Gang nicht immer
Dem törichten Wunsche genügt

Ich wollte, sie wär oft rascher
Gegangen an manchem Tag
Ich wollt an manchem Tage
Sie hemmte den raschen Schlag

In meinen Leiden und Freuden
Im Sturme und in Ruh –
Was immer geschah im Leben
Sie pochte den Takt dazu

Sie schlug am Sarge des Vaters
Sie schlug an des Freundes Bahr´
Sie schlug am Morgen der Liebe
Sie schlug am Traualtar

Sie schlug an der Wiege des Kindes
Sie schlägt, wills Gott! noch oft,
Wenn bessere Tage kommen
Wie meine Seel es hofft

Und ward sie manchmal träger,
Und drohte zu stocken ihr Lauf,
So zog sie der Meister mir immer
Großmütig wieder auf.

Doch stände sie einmal stille,
Dann wär´s um sie geschehn
Kein and´rer, als der sie fügte
Bringt die zerstörte zum Gehn

Dann müßt ich zum Meister wandern
Und ach, der wohnt gar weit
Wohnt draußen, jenseits der Erde
Wohnt dort in der Ewigkeit

Dann gäb ich sie dankbar zurücke
Dann würd ich kindlich flehn:
Sieh, Herr, – ich hab nichts verdorben
Sie blieb von selber stehn

Schwesterlicher Abschied

Letzten Samstag, 28. Mai 2022, ist meine ältere Schwester Erika mit 80 1/2 Jahren von ihrer langjährigen, qualvollen Krankheit befreit worden. Bis zuletzt war sie ein Beispiel an außergewöhnlicher Tapferkeit und Würde. Wir kannten sie nie wehleidig. Mutig, voll innerer Stärke, ging sie ihren unglaublich schweren Weg.

Foto DER MANN: Schwester Erika an ihrem 80. Geburtstag, September 2021

Sie, die seit meiner Geburt zu meinem Leben gehörte, ist nicht mehr da. Dies löst einen ungeahnten Schmerz in mir aus. Sie war meine Spielgefährtin, meine Beschützerin, die mich, wenn immer nötig, verteidigte; sie war mein Vorbild, bahnte mir den Weg durch Kindheit und Jugendzeit; aber auch meine Rivalin, mit der es sich heftig streiten ließ; sie war Ersatzmutter, Köchin und Ratgeberin für uns jüngere Schwestern, wenn unsere Mama, wie so oft, krank im Bett lag. Dabei war sie nur 2 ½ Jahre älter als ich. Unser Wohlergehen war ihr bis zuletzt enorm wichtig. Trotz ihrer langen Krankheit hinterlässt sie eine große Lücke bei mir und den übrigen Angehörigen. Geliebte Schwester, ich verdanke dir sehr viel!

Foto Freundin Ursula Kunze: weiße Hortensien im Garten

Dankbar bin ich, dass sie nicht länger leiden muss. Sie durfte die Schmerzen dieser Welt hinter sich lassen und ins heilende Licht treten. Sie tat dies singend – ein paar Minuten später stand ihr Atem still. Ihr verstorbener Mann René wird sie mit Freuden empfangen haben.

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In der Dankbarkeit gewinne ich das rechte Verhältnis zu meiner Vergangenheit. In ihr wird das Vergangene fruchtbar für die Gegenwart.
(Dietrich Bonhoeffer, 1906-1945, ermordet im Konzentrationslager)

Mit liebevollem Gruß, Elisa
31.05.2022

Mit jedem Menschen stirbt eine Welt

Morgen kommt und Abend wieder. Kommen immer, immer wieder.
Aber niemals wieder du. (Hermann Hesse)

Sohn Bernie in Top-Form

Noch nie habe ich jemanden so vermisst wie meinen Sohn, der heute vor 2 Jahren an Herzversagen starb. Mein lebensfroher Bernie wurde nur 52 Jahre alt. Ihm widme ich diesen Beitrag mit zwei von mir selbst verfassten Gedichten.

Liebe ist…
Sterne im Finstern
Tau in der Wüste
Hütte im Regen
Insel im Meer
Blume im Eis
Nest im Baum
Ein Platz an der Sonne:
Vertrauen – Heimat – Leben

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Herzeleid ist der Preis, den wir für die Liebe bezahlen. (E. A. Bucchianeri)

Trauer ist
Schwarz, kalt, einsam
Seelenpein
Tonloses Schreien
Tränenmeer ohne Ufer
Rastlose Träume im Schatten der Nacht
In Erinnerungen leben
Sich täglich Mut zusprechen:
«Denn sie sollen getröstet werden»

Die schwierigste Zeit in unserem Leben ist die beste Gelegenheit, innere Stärke zu entwickeln. (Dalai Lama)

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Du siehst die leuchtende Sternschnuppe nur dann, wenn sie vergeht. (Friedrich Hebbel)

Man weiß selten, was Glück ist, aber man weiß meistens was Glück WAR. (Françoise Sagan)

Bernie bei der Arbeit

Elisa
23.05.2022

Tulpen

Foto von Freundin Barbara Butscher

Mögt Ihr Tulpen? Mich erfreuen sie jedes Frühjahr neu. Besonders gefallen mir die alten Arten mit ihren eigenwilligen Formen, ihren glühenden Farben und Zeichnungen, wie man sie im Barockgarten des Aargauer Schlosses Wildegg bewundern kann, wenn man den richtigen Zeitpunkt erwischt. Kürzlich besuchten DER MANN und ich auch das jährlich stattfindende Tulpenfest in Morges, wo die herrlichen Blumen im Park am Genfersee unter uralten Bäumen ihre Farbenpracht entfalten. (Danke für den Tipp, liebe Daniela!)

Foto Elisa: Tulpenfest in Morges
Foto Elisa: Tulpenfest in Morges

Ursprünglich kommen Tulpen aus der Türkei und aus Persien. Konstantinopel, das heutige Istanbul, galt im 16. Jahrhundert als eine der schönsten Städte der Welt. Es war das Zentrum des Handels, des Verkehrs, der Kultur, der Politik – und die Palastgärten der osmanischen Sultane waren verschwenderisch mit Tulpen geschmückt.

Foto Elisa: Tulpenfest in Morges

Tulipa ist der lateinische Name für die Tulpe. Dies ist von Tulipan abgeleitet, was Turban bedeutet. Die Form der Tulpen wurde in der damaligen Zeit mit der Form eines Turbans verglichen.

In Persien wurden der Handel und die Kultivierung der Tulpen streng geschützt. Es war verboten, außerhalb der Hauptstadt mit Tulpen zu handeln. Auf Nicht-Befolgen standen schwere Strafen.

Foto Elisa: Tulpenfest Morges

Die Tulpe wurde sehr beliebt und entwickelte sich zum Symbol für Macht und Reichtum. Sultan Ahmed III beschenkte wichtige Gäste seiner Tulpenfeste mit Tulpenzwiebeln. Und so kamen die Tulpen um 1578 über Großbritannien nach Holland.

Foto Elisa: Tulpenfest in Morges

Ob das klug war? Von Tulpen kennt man nämlich noch einen völlig anderen, einen kommerziellen Aspekt. Seit der Ausstellung ‚Das Kapital’ im Nationalmuseum in Zürich vor ein paar Jahren erzählt man sich in manchen Büros vom ersten Börsen-Crash der Geschichte, der sich im 17. Jahrhundert in Amsterdam ereignete. Denkt nur, man spekulierte damals mit Tulpenzwiebeln! Tulpen wurden schon kurz nach ihrer Einführung in die Niederlande in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zum Liebhaberobjekt. Reiche gab es selbstredend schon damals. Man pflanzte die Tulpen vorweg in ihren Gärten, dann auch in jenen von Aristokraten und Gebildeten. Bis Ende des Jahrhunderts entwickelte sich aus dem Tauschhandel mit den begehrten Zwiebeln der kommerzielle Handel, und das war der erste Schritt auf dem Pfad der Bedrängnis. Denn nun stiegen, wie nicht anders zu erwarten, die Preise munter drauflos. Schliesslich kletterten sie in derart absurde Höhen, dass der Markt um 1637 abrupt einbrach – und die westliche Welt hatte ihre erste Finanzkrise! Und damit all die schlimmen Folgen, wie wir sie ebenfalls kennen und fürchten. Die Tulpenmanie wird in der Tat als die erste, relativ gut dokumentierte Spekulationsblase der europäischen Wirtschaftsgeschichte angesehen!

Foto Elisa: Tulpenfest in Morges

Am Beispiel der beiden Wirtschaftsmächte Venedig ab dem 13. Jahrhundert und Amsterdam im 17. Jahrhundert veranschaulichten die Zürcher Ausstellungsmacher, wie die Grundlagen unseres heutigen Wirtschaftssystems entstanden sind. Beide Städte spielten in der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung Europas eine entscheidende Rolle.

Foto Elisa: Tulpenfest in Morges

Können wir etwas lernen aus ihrem Aufstieg, ihrer Blütezeit – und vor allem aus ihrem Niedergang? Schön wär’s, aber ich zweifle daran. Denn schon immer führte grosser Wohlstand zu vermehrter Trägheit und zu Genusssucht. In unseren Bestrebungen, Wünschen und Begehrlichkeiten gleichen wir Menschen einander durch Jahrhunderte, über Länder und Sitten hinweg auf erstaunliche Weise.

Foto Elisa: Tulpenfest in Morges

Vielleicht könnte man die Menschen und sich selbst ändern, wenn man genug Geduld und Gelassenheit aufbrächte. Geduld ist allerdings nicht mein Ding. Zum Glück bin ich da nicht der Maßstab.

Denn es gibt überall geduldige Leute. Lasst mich aus dem Buch „Afrika Afrika“ von David Lamb zitieren: In Afrika leben die Menschen nicht nach der Uhr. Sie haben immer Zeit, denn Zeit ist das einzige, was im Überfluss zu haben ist. Unsere Ungeduld verwundert sie. „Ich weiss nicht, warum Sie sich so aufregen,“ sagte der Angestellte einer afrikanischen Fluglinie zu einem europäischen Passagier, der an einem Mittwoch im kleinen Flughafen ‚gestrandet’ war. „Am Samstag geht doch wieder ein neuer Flug.“

Foto Elisa: Tulpenfest in Morges

Nun wünsche ich Euch viel Geduld und jedes Frühjahr einen neuen leuchtenden Tulpen-Segen! Aber bitte nicht damit spekulieren!

Foto Elisa: Tulpenfest in Morges

Foto Elisa: Tulpenfest in Morges

Unwiderstehlich, oder nicht? Elisa
17.05.2022

Vergesslichkeit

Ein Arzt, den ich zum ersten Mal aufsuchte, vergass im Laufe der Konsultation meinen Namen. «Ich werde langsam alt», meinte der vermutlich fast 20 Jahre jüngere Mann entschuldigend. «Es wird noch schlimmer», platzte ich heraus. «Vielen Dank für die freundliche Information», entgegnete er trocken.

Übersetzung: Der Arzt wünscht eine Stuhl-, eine Urin und eine Sperma-Probe. – Was hat sie gesagt? – Sie brauchen Deine Unterhose.

Ach, alt werden ist nicht immer lustig. Wie oft vergesse ich, kaum, dass ich ins Zimmer getreten bin, was ich eigentlich hier holen oder tun wollte. Noch öfter vergesse ich, wo mein Smart-Phone oder der Hausschlüssel liegt. Schusselig bin ich geworden! Ein Dialog zwischen mir und DEM MANN könnte z.B. so ablaufen: «Wenn du schon ins Schlafzimmer gehst, könntest du mir das Dings mitbringen, das ich kürzlich gekauft habe – wie heisst es doch gleich – es steht auf der Kommode?» Er, etwas später: «Ich weiss nicht, was du meinst. Es hat eine Menge Dingsbums auf der Kommode.» Glücklicherweise hat’s bisher noch nie handgreifliche Missverständnisse zwischen uns gegeben!

Klar, ich übertreibe, aber nur ein bisschen…

Übersetzung: Weisst du, was sie übers Älterwerden sagen? – Nein. – Tja, ich erinnere mich auch nicht mehr.

Bei Professoren und Künstlern gilt Zerstreutheit als normal. Sie können noch so alt sein: Von ihnen wird gesagt, dass sie abwesend seien, weil sie an etwas Genialem herumstudieren würden. Habt Ihr diesen Witz auch schon einmal gehört? Zwei Professoren gehen zum Bahnhof, der ältere begleitet den jüngeren Kollegen zum Zug. Als dieser einfährt, umarmen sich die beiden herzlich. Dann steigt der eine ein. Nachdem sich der Zug in Bewegung gesetzt hat, lässt sich der Professor in einem Abteil, in dem bereits eine Dame sitzt, auf den äußersten Sitzplatz plumpsen, mit allen Anzeichen größter Verzweiflung. Teilnahmsvoll sagt sie: «Ihr Kollege ist wohl ein besonderer Freund? Seien Sie nicht traurig. Wie ich gesehen habe, konnten Sie sich ausgiebig von ihm verabschieden.» «Ja, aber das ist nicht das Problem! Ich habe ihn nur zum Bahnhof begleitet. Er hätte in den Zug einsteigen sollen, nicht ich!»

Übersetzung: Das Alter hat seine Vorteile. Zu blöd, dass ich mich nicht erinnere, welche.

Auch Einstein war bisweilen abwesend. Wieder einmal saß er im Zug. Als der Schaffner kam, konnte Einstein seine Fahrkarte nicht finden. Er suchte in seinen Taschen, sah in seine Brieftasche und war sehr verwirrt. Der Schaffner wollte ihn beruhigen. «Herr Einstein, machen Sie sich keine Sorgen. Ich weiß, wer Sie sind. Sie müssen mir Ihre Fahrkarte nicht zeigen.» Zwanzig Minuten später kam der Schaffner den Gang zurück und sah, dass Einstein immer noch suchte. Noch einmal beugte sich der freundliche Mann zum Gelehrten und sagte: «Bitte sorgen Sie sich nicht, ich weiß, wer Sie sind.» Daraufhin erhob sich Einstein und sagte barsch: «Junger Mann, ich weiß auch, wer ich bin, aber ich versuche meine Fahrkarte zu finden, weil ich herausfinden möchte, wohin ich fahre.»

Ist das ein Trost für DEN MANN und mich? Nicht wirklich. Ich weiss gar nicht, soll ich nun lachen oder weinen?

Kurz und (un)gut: Das Alter kommt im dümmsten Moment. Wenn man endlich alles weiss, fängt man schon wieder an, es zu vergessen.

Von wegen «alt und weise» – was war es schon wieder, was ich noch sagen wollte? Hab’s leider vergessen… Macht nichts, vielleicht erinnere ich mich beim nächsten Blog… Vergesst nicht, ihn dann zu lesen!

Eure zerstreute Elisa
11.05.2022

„Moments“

Foto von Freundin Heidi Wildi: Orchideen

Kürzlich sagt ein Bekannter während eines Gedankenaustausches: „Jeder bekommt im Leben immer wieder Momente, wo er absolut frei beschliessen kann, wie sein weiterer Weg sich entwickelt. In diesem kurzen Moment musst du dich für das Richtige, d.h. für das für dich wirklich Passende entscheiden. Versäumst du es, gibt es unnötige und zum Teil sehr schmerzliche Umwege.“ „Das ist hochinteressant“, erwidere ich. „Nur, wie machst du das konkret?“ „Ich gebe dir ein einfaches Beispiel. Du gehst in eine Kleiderboutique. Dort siehst du unter vielen DAS Kleid, das du willst und das zu dir passt. Du spürst es, noch bevor du es anprobiert hast. Dann kaufst du es doch, oder?“ Das tönt simpel, ist es jedoch kaum!

Ein vollkommenes, erfülltes Leben, das wünschen wir uns alle. Oder doch nicht? Ich denke nach. Ehrlich gesagt, habe ich durch Umwege, durch Fehlentscheide am meisten gelernt; zugegeben, nicht immer freiwillig und schon gar nicht frohen Herzens. Aber möglicherweise brauchen wir solche Herausforderungen – und sind wir nicht auf dieser Erde, um zu lernen und zu reifen?

Doch dann kommt mir dieser abscheuliche, sinnlose Krieg in den Sinn. Mit Sicherheit gibt es Fehlentscheide, die nie gemacht werden dürften. Solche nämlich, die andere ins Verderben stürzen. Beschlüsse, die aus persönlicher Machtgier, Menschenverachtung, Hass, schreiendem Unrecht und purem Egoismus heraus gefällt werden und unermessliches Leid hervorrufen. Sie lassen uns erstarren und machen in aller Deutlichkeit klar, dass Entscheide, ob für uns selbst oder für andere, unbedingt der Ethik, der Achtung, dem Mitgefühl und der Verantwortung unseres innersten Wesenskerns entspringen müssen.

Foto Freundin Heidi Wildi: Die Sonne und der Saharastaub

Mögen die Verantwortlichen dieses Krieges wenigstens einen Zipfel ihrer verschütteten Menschlichkeit wieder entdecken und ausgraben, und mögen ihre Kontrahenten mit der Weisheit König Salomos gesegnet sein!

Photo by Pixabay on Pexels.com

Dafür bete ich in diesen Wochen von ganzem Herzen.
Eure Elisa
04.05.2022

Sex and more

Photo by Gotta Be Worth It on Pexels.com

Hallo, Ihr Lieben,

Stellt Euch vor, DER MANN durfte mich nach meinem Spitalaufenthalt für zwei Wochen als „Kurschatten“, pardon als Erholungsgast, in die Rehabilitations-Klinik (REHA) begleiten. Praktisch, nicht?

Da kommt mir in den Sinn: Einmal, vor etwa dreissig Jahren, hatte ich einen echten Kurschatten. Dieser überredete mich charmant dazu, an meinem Austrittstag noch rasch mit ihm per Sessellift einen Berg hinauf zu schaukeln. Man glaubt es kaum und doch ist’s wahr: Auf der Rückfahrt blieb unser Sessel einfach in der Luft stehen, hoch über der sommerlichen Bergwiese, und zwar eine geschlagene Stunde lang – um dann nach dieser Zeit wieder anzuzuckeln, als wäre nichts geschehen. Zuerst witzelten wir: War vielleicht Mittagspause? Denn alle anderen Sessel rund um uns waren leer. Doch dann wurde die Situation leicht ungemütlich. Da war die Ungewissheit, was los war, und ausserdem wusste ich, dass mein damaliger Freund im Auto vor der Klinik vergebens auf mich warten und bestimmt nicht gerade erbaut sein würde.

Bild R. Wallis

Bereits mit dem „Kurschatten“ anzureisen, ist natürlich um einiges netter und erst noch komplikationslos. Aber so weit war es noch nicht. Zwei Tage vor der Hinreise bekam DER MANN einen Anruf der REHA-Klinik in Oberried: Bei ihnen sei der Covid-Virus ausgebrochen. Selbstverständlich könnten wir trotzdem kommen, aber nur für die REHA.

Foto Elisa: Blick auf den Brienzersee oberhalb Oberried

Was genau hiess denn das? Wir rätselten. Wofür sonst sollten wir uns dort aufhalten, wenn nicht für Rehabilitation? Dann, auf einmal, erinnerte ich mich an den Hochglanzprospekt für richtiges Verhalten nach der Operation, den ich vor dem Spitalaufenthalt vom Arzt erhalten hatte. Dort war u.a. auf geradezu rührende Art beschrieben (siehe Illustration weiter unten), wie man selbst nach einer Hüftoperation nicht auf sinnliches Vergnügen verzichten müsse.

Foto von Freundin Heidi Wildi: Im Rausch der Blüten

War Sex pandemiebedingt inzwischen vielleicht verboten? Oh weh! Doch dann dämmerte mir, dass „nur für die REHA“ wohl eher hiesse: ohne auswärtige Besucher zum Essen oder zum Kaffee einzuladen. 

Gut so! Jeder Mensch braucht zärtlichen Trost, besonders nach einer Operation, besonders in reiferen Jahren. Alt genug sind wir ja – wenn nicht jetzt, wann dann?

Früher ging das geflügelte Wort: „Hoch das Bein, die Liebe winkt“. Doch das geht nun leider doch nicht. Aus der Broschüre erfahren wir es nämlich Schwarz auf Weiss: Das operierte Bein muss unten bleiben!

Tant pis pour l’amour!!

Illustration Spitalbroschüre. (Das „Rundumeli“ illustriert das Hüftimplantat)
Foto Elisa: Goldene Polsterblümlein

Mit einem Augenzwinkern, Eure Elisa
27.04.2022