Der Zeitgeist

Kürzlich las ich diesen witzigen Satz von Schopenhauer: «Wer sich mit dem Zeitgeist verheiratet, ist morgen verwitwet. Hatte er Recht?

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Es war der Dichter und Philosoph Herder, der 1769 den Begriff «Zeitgeist» prägte. Für ihn bedeutete er Einschränkung, die sich bleiern und drückend auf das Verhalten des Individuums auswirke. Wo der Zeitgeist regiere, fehlten für Herder traditionelle Verhaltensstandards. Des Weitern schrieb auch Goethe in Faust I: Was ihr den Geist der Zeiten heißt, das ist im Grund der Herren eigner Geist, in dem die Zeiten sich bespiegeln. Hans Magnus Enzensberger drückte sich drastischer aus: „Etwas Bornierteres als den Zeitgeist gibt es nicht. Wer nur die Gegenwart kennt, muss verblöden.“ Und weiter: „Wer sich ganz und gar dem Zeitgeist verschreibt, ist ein armer Tropf. Die Innovationssucht der ewigen Avantgarde hat etwas Kastrierendes.“ Diese Schmähungen könnten glatt als Eierkopf-Trend durchgehen…

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Wenn diese Herren wüssten! Lassen wir uns nicht trotz ihrer Warnung laufend «kastrieren»? Innovationen, neue Moden wechseln schneller, als wir denken können, und werden pausenlos rund um die Welt geschleust, so dass niemand den Überblick wirklich zu behalten vermag. Erinnert Ihr Euch daran, wie japanisches Sushi oder ein Champagner-Frühstück auf einmal als letzter Schrei für trautes Beisammensein galten? Wie Avocados und Mangos den westlichen Markt im Sturm eroberten? Wie vor ein paar Jahren die halbe Welt plötzlich den Gangnam-Style eines übermütigen Südkoreaners nachmachte? Inzwischen hopst er vermutlich alleine herum.

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Was bedeutet für uns der «Zeitgeist»? Wie gehen wir um mit den ständig wechselnden Trends? Mit Verhaltensweisen, die ein Einzelner oder eine Gruppe sozusagen erfindet und die dann mit einem Mal von Millionen von Menschen rund um den Erdball mit heiligem Eifer befolgt werden? Es geht um Geld! Vor allem um Geld! Man gehört nur dazu, wenn man unersättlich Social Media mit den neuesten Mode Styles, den aktuellsten Life Styles etc. konsumiert. Wie auf Kommando wurde «Influencing» weltweit zur vielbewunderten, fürstlich bezahlten Tätigkeit, liessen sich zahllose junge Frauen die Lippen aufspritzen, begannen sich auf die gleiche Art zu kleiden, wendeten die gleichen Frisuren- und Schminktipps an, buken die gleichen dicken Torten, probierten erfolglos die gleichen Schlankheitsmittel aus… Soll mir einer sagen, es sei weniger aufregend, den Co2-Fussabdruck des einmal pro Jahr gekauften Weihnachtsbaumes zu errechnen! 

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Habt Ihr etwas gegen Veganer? Wohl kaum. Doch erinnert Euch: Diese Essenskultur ist urplötzlich aufgetaucht, woher weiss ich nicht. Vor ein paar Jahren hatte ich eine einzige Freundin, die überzeugte Veganerin war, und wenn wir uns zum Essen trafen, mussten wir nach einem passenden Restaurant suchen wie nach einem Stecknadelkopf. Und heute? Quasi aus dem Nichts hat sich der Veganismus zum weltweiten Life Style gemausert, und Supermärkte und Gastronomen haben sich einer anfänglichen Minderheit rasend schnell angebiedert. Geht es ihnen wirklich um Klimaschutz und um Gesundheit?

Weshalb ist es für eine junge Mutter spannender, sich unterwegs am Smart-Phone ausgiebig mit Freunden zu unterhalten, anstatt in die klaren Augen ihres kleinen Kindes zu schauen und mit ihm zu plaudern? Nur, um es dann später mit elektronischem Spielzeug zu überhäufen, damit es weiss, wie sich beschäftigen??

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Wozu müssen Spargeln oder Erdbeeren das ganze Jahr über für uns Konsumenten verfügbar sein? Wären wir sonst todunglücklich? Hingegen vermisse ich im Sommer die reifen Früchte! Trotz natürlicher Erntezeit kommen sie steinhart in den Supermarkt und faulen zu Hause von innen heraus, ohne noch nachzureifen. Ich frage mich, ob junge Menschen noch eine Ahnung haben, wie köstlich eine reife Aprikose, ein saftiger Pfirsich schmeckt.

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Ein weiteres Zeichen für den Zeitgeist ist es, Nachrichten nicht mehr in der Zeitung zu lesen, sondern nur noch im Netz, wo es wimmelt von abwertenden Kommentaren, Gerüchten, Fakenews und unnützem Klatsch. Merken wir es noch, wenn wir manipuliert werden?   

Vielleicht wäre es tatsächlich einfacher, dem ständig ändernden Zeitgeist zu folgen und nicht gross nachzudenken. Einfach Spass zu haben mit den Einfällen anderer Leute! Zudem gibt es unter den Innovationen natürlich höchst erstrebenswerte Entwicklungen, die unser Leben verbessern. Jede Zeit hat ihren eigenen Stempel und ist dadurch einzigartig. DER MANN und ich finden es einfach ermüdend, ständig den neuestens Trends hinterher zu laufen. Und doch! Wer Traditionen kompromisslos liebt und sie bewahren möchte, oder wer im Alter findet, früher sei alles einfacher gewesen und man könne dieses und jenes «moderne Zeugs» getrost links liegen lassen, fällt schneller aus der Gegenwart als ihm lieb ist. Solche Menschen gelten rasch als hoffnungslos veraltet, sind die Verlierer der heutigen Zeit – von den Konsequenzen auf Grund ihres technischen Rückstands ganz zu schweigen!

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Meine Lieben, ich bin versucht, den Zeitgeist als «Ungeist» zu bezeichnen – obwohl der Zeitgeist mit seinen zahlreichen schillernden, erstaunlichen und innovativen Auswirkungen eigentlich eine faszinierende Sache ist.

Wie immer, liegt die Lösung darin, weder das eine noch das andere zu übertreiben, sondern den berühmten goldenen Mittelweg zu wählen. Oder etwa nicht? Heiraten ja, aber verwitwet sein, eher nein.

Photo by Pixabay on Pexels.com – Goldener Mittelweg

Elisa, 12.01.2022

Über Wünsche und das Glück

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Ein paar Tage vor Weihnachten schaute sich ein kleines Mädchen am Fernsehen einen Kinderfilm an. Nach einer unvermeidlichen Werbe-Einschaltung rannte die Kleine zur Mutter und drängte: «Wir müssen sofort in den Supermarkt.» «Wieso denn das?» fragte die Mutter. «Dort werden alle Wünsche wahr», strahlte das Mädchen. Es wusste noch nicht, dass Werber übertreiben, wenn nicht gar schamlos lügen. 

Wären wir tatsächlich immerwährend selig, wenn all unsere Wünsche wahr würden? Wenn wir uns immer das kaufen könnten, was wir uns wünschen? Würden uns die Herausforderungen des Lebens nicht fehlen, sich in unserem Gemüt gar Langeweile breit machen? Gewiss, erfüllte materielle Wünsche können einen kurzen Moment des Glücks hervorrufen, dieser ist jedoch kaum von Dauer. Hat nicht schon Wilhelm Busch gewusst: «Ein jeder Wunsch, wenn er erfüllt, kriegt augenblicklich Junge.»

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Das interessiert mich: Was ist für Euch Glück? Welches sind Eure persönlichen Erfahrungen? Nun, kaufen können wir es jedenfalls nicht, obwohl gerade die Werbung solches verspricht. Nicht alle Wünsche gleichen sich, denn selbstverständlich ist jeder Mensch anders. Ausserdem, meine ich, kommt es auf die Situation an, in der wir uns befinden. Für einen Flüchtling bedeutet die neue Heimat Glück. Für einen, der auf der Strasse lebt, sind es eigene vier Wände. Für einen Hungrigen ein Teller Suppe. Für einen Wüstenwanderer ein Glas Wasser. Für einen Gefangenen die ersehnte Freiheit. 

Ich selbst unterscheide Glück und Glücklichsein. Für mich gibt es das ekstatische Glück, einem fulminanten Feuerwerk gleich, das alles um mich herum verblassen lässt.

Zwei eigene Beispiele (natürlich gibt es weitere) sollen dies veranschaulichen:

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Die Stunden nach der schmerzhaften Geburt, als ich meinen kleinen Sohn das erste Mal in den Armen hielt, liessen mich vor Ehrfurcht und Glück erbeben. Ich lag die ganze Nacht wach, fühlte mich Gott und dem neugeborenen Geschöpflein so nahe wie keinem Menschen zuvor. Ich hatte einem Menschenkind das Leben schenken dürfen! Es war, als leuchtete die Ewigkeit auf vor mir.

Die Monate nach dem langen, langen Kampf mit dem bösartigen Krebs, als ich endlich als genesen erklärt wurde, verbrachte ich in einem Zustand unbeschreiblicher Seligkeit. Ich hätte die ganze Welt umarmen können, schon ein lindes Lüftchen oder fröhlich tanzende Blütenblätter versetzten mich in tiefste Euphorie.

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Solche fabelhaften Höhepunkte vergisst man nie mehr, sie glimmen stets aufs Neue auf und werfen für immer ihre Wärme, ihr Strahlen in unser Leben zurück. Doch die Intensität schwächt sich mit der Zeit ab, denn gerade diese Gefühlsstürme leben von ihrer spektakulären, aussergewöhnlichen Art.   

Dann gibt es für mich auch ein stilles Glück, das ruhig und dankbar macht. Es wird aus unzähligen Glücksmomenten gespiesen. Manche bezeichnen es einfach als Zufriedenheit. Für mich ist das zu kurz gegriffen.

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Hierzu nenne ich ebenfalls ein paar Beispiele:

Nach jahrelangem Alleinsein ist DER MANN ein beständiges Riesenglück für mich!

Und täglich über das Wunder des Lebens zu staunen, zu lieben und geliebt zu werden, gesund zu sein, zu lachen und sich zu freuen mit lieben Menschen, Schönes zu erfahren, glauben und beten zu können, Kraft für Schweres zu bekommen, Zeit fürs Schreiben zu haben, weder Hunger noch Krieg erleiden zu müssen, zu merken, dass das Geld immer reicht, – all dies und noch viel mehr bedeutet Glück für mich. Wenn das keine Gnade ist! Denn diese Dinge sind weder selbstverständlich noch verdient. „Blessings“, Segnungen, bezeichnen sie die Engländer. Sie sind es wert, entsprechend gewürdigt zu werden. Dabei spricht mir der Dalai Lama aus dem Herzen: «Das Bewusstsein der Vergänglichkeit macht uns klar, dass wir jeden kostbaren Moment nutzen müssen.»

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Das neue Jahr ist noch jung. Darum dürfen wir ruhig etwas nachdenklich sein, nicht wahr? In diesem Zusammenhang gefällt mir ein weiteres Zitat des Dalai Lamas: «Denke daran, dass etwas, was Du nicht bekommst, manchmal eine wunderbare Fügung des Schicksals sein kann.»

Nicht zuletzt aus Erfahrung kann ich dem voll und ganz zustimmen!

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Ich wünsche Euch Glück im Doppelpack! Elisa
05.01.2022

Gesegnetes Neues Jahr!

Liebe Blog-Freunde,

Fürs Lesen meiner Beiträge, fürs Kommentieren, Liken – kurz für Eure Treue im 2021 – danke ich Euch herzlich. Ich wünsche Euch allen ein energiegeladenes, starkes, zuversichtliches und gesundes 2022.

DER MANN und ich haben Sylvester ruhig und eher nachdenklich gefeiert – kein Schlemmermenu, keine Party mit Tanz und Ausgelassenheit. Tanzen erinnert in unserem Alter eher an «Totentanz».

Foto von Freundin Heidi Wildi: Hund Peggy nach Silvester

Vor Jahren, als ich einiges jünger und voller sprudelnder Ideen war, habe ich folgende Worte geschrieben:

Mitten im atemlosen Lauf
Innehalten
Träumen

Die Sonnenstrahlen zählen
Die Liebe erfinden
Auf Sonnenblumen tanzen
Den Regenbogen erklimmen..
.

Das Leben entdecken in sich selbst

Foto von Freundin Heidi Wildi: Hund Peggy an Silvester

Solange wir atmen, pulsiert Leben in uns! Bleiben wir auch im neuen Jahr neugierig und offen für die Zukunft. Tanzen kann man nicht in jeder Situation – träumen, hoffen und lieben jedoch schon!

Herzlich, Elisa
01.01.2022

Lächle, das Glück steht Dir gut!

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Zu meiner Freude gibt es viel mehr Engel in Menschengestalt, als man gemeinhin denkt. Drei kürzliche Erlebnisse mögen als herzerwärmende Beispiele dienen:

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Ein junger Berner mit lachenden Augen fuhr mich, die ich nach einigen Einkäufen erschöpft und schlecht zu Fuss war, in der Rikscha mitten durch den Stadtverkehr zu meinem Bestimmungsort – nicht ohne mir vorher ins ungewohnte Fahrzeug geholfen und mich zugedeckt zu haben. «Geniessen Sie die Fahrt», rief er mir fröhlich zu. Eigentlich war die Benutzung an diesem Tag eine Zweckentfremdung, da die Rikscha ganztägig zu Werbezwecken vor einem Geschäft stehen musste. 

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Ein mitfühlender Afrikaner hob mich im Bus rasch vom Boden auf und trug mich trotz schlingernder Fahrt zu einem Sitzplatz, wo er mich behutsam niedersetzte. Ich war nämlich kurz zuvor bei der brüsken Abfahrt des Busses vom erhöhten Sitz heftig auf meinen Rücken hinuntergestürzt und konnte nicht mehr selbst aufstehen.

Vor der Apotheke lag ein älterer Mann mitten auf dem Trottoir. Seine Glieder waren merkwürdig verdreht und die Augen geschlossen. Drei junge Leute knieten bei ihm, trösteten ihn und leisteten Hilfe, bis die Ambulanz eintraf.

Photo by Pixabay on Pexels.com

Wir alle dürfen Engel füreinander sein, wenn Hilfe vonnöten ist. Dazu brauchen wir keine Flügel! Nur ein offenes, liebevolles Herz.

Mit den untenstehenden Worten von Marianne Williamson wünsche ich Euch ein frohes, leuchtendes und gesegnetes Weihnachtsfest. Bleibt gesund und denkt daran: Engel sind allgegenwärtig. Und sie verbreiten Liebe und Licht. Das macht glücklich, findet Ihr nicht auch?

Wir wurden geboren,
um den Glanz Gottes,
der in uns ist,
offenkundig zu machen – dieses Licht,
das in allen von uns ist.

Und wenn wir es leuchten lassen,
geben wir anderen die Erlaubnis,
dasselbe zu tun.

Photo by Pixabay on Pexels.com

Herzlich, Elisa
14.12.2021

Der Pate

Foto by imdb.com: Marlon Brando, DER PATE

Wie haben wir uns damals als junge Leute für den Film «Der Pate» begeistern können! Wir fanden ihn Spitze. Habt Ihr ihn auch gesehen? In Wikipedia lese ich dazu:

Der Pate (Originaltitel: The Godfather) ist ein US-amerikanischer Mafiafilm aus dem Jahr 1972 von Francis Ford Coppola, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Mario Puzo, der gemeinsam mit Coppola auch das Drehbuch verfasste. Der Film mit Marlon Brando und Al Pacino in den Hauptrollen war für elf Oscars nominiert, von denen er drei gewann. Der Pate war an den Kinokassen ein herausragender Erfolg und zählt zu den künstlerisch bedeutendsten Werken der Filmgeschichte. Die Fortsetzungen Der Pate – Teil II, und Der Pate – Teil III, erzählen die Geschichte weiter und thematisieren in Rückblenden auch die Vorgeschichte der «Corleones» mit dem Paten Don Vito Corleone.

Foto by oroscopo: Al Pacino

Lebensunerfahren wie wir waren, betrachteten wir den Film als eine Art modernes Märchen, das uns blendend unterhielt, obwohl darin Grausamkeiten vorkommen (ebenfalls wie im Märchen). In der Realität finde ich die Mafia bedrohlich. Nie und nimmer möchte ich etwas zu tun haben mit ihr.

Und jetzt das!!

Eine meiner lieben Patentöchter hat mir folgendes erzählt: Wenn sie mir in Whatsapp schreibt: «Liebe Grüsse Nadia» verwandelt die Spracherkennung den Gruss in «Liebe Grüsse MAFIA». Bin ich froh, dass sie den Fehler jeweils korrigiert! Könnt Ihr Euch meinen Schrecken vorstellen, wenn ich einen Gruss von der Mafia bekäme? Echt unheimlich, oder?

Photo by The Geography Bible On YouTube on Pexels.com: Misstrauisch – oder nur wachsam?

Liebe Grüsse, Elisa
08.12.2021

Auf den Spuren Napoléons (Forts.)

Das Schloss Arenenberg in der Schweiz, oberhalb des Bodensees, in dessen Napoleon-Museum man in die Zeit ab 1817 von Napoléons Verwandten im Exil eintaucht, strömt ebenfalls französisches Flair und napoléonische „Grandeur“ aus. Dort wohnten Königin Hortense, ihr Sohn „Kaiser Napoléon III“ und seine Frau Eugénie. Hortense war Josephines Tochter aus erster Ehe, also Napoléons Stieftochter.

Beinahe hätte ich vor einem Jahr das Parfum von Napoléons geliebter Josephine gekauft. Der Duft ist nach dem gleichen Rezept hergestellt, wie der Duft, den sie benutzte. Ich gab das Vorhaben nach einigem Überlegen auf, weil ich zum Schluss kam, dass DER MANN nicht, wie einst Napoléon, auf den schweren Duft fliegen würde. Schliesslich ist er weder ein kriegerischer Feldherr noch ein draufgängerischer Franzose…

Foto: Fine Art America, Gemälde von Fragonard: The beloved child

Doch zurück nach Grasse. Hier gibt es noch einen weiteren Bezugspunkt zur Parfum-Manufaktur «Fragonard»: den Maler Jean-Honoré Fragonard (1732-1806). Sind Euch seine fröhlichen Bilder bekannt? Er wurde in Grasse als Sohn eines Parfumeurs und Handschuhmachers geboren. Als er 6 Jahre alt war, zog die Familie nach Paris, wo er Malerei studierte. Dank seiner sinnlichen Bilder wurde ein berühmter Rokoko-Maler aus ihm. Seine lockeren, farbig-leichten Bilder waren meist erotisch, er schockierte manche seiner Zeitgenossen. König Ludwig XV gefielen die gewagten Werke, und er ernannte ihn zu seinem Hofmaler. Anlässlich der französischen Revolution 1789, die bekanntlich 10 Jahre dauerte, kehrte Fragonard nach Grasse zurück. Unweit der Manufaktur kann man in der Kunstgalerie «Fragonard» rund 20 seiner Hauptwerke bewundern. Mir gefallen die lieblichen Bilder sehr. Ich lernte sie kennen, als ich vor Jahrzehnten von einem befreundeten englischen Antiquar und seiner Frau vier edle Porzellanteller mit entsprechenden Motiven geschenkt bekam.

Foto Kunstkopie.de: Gemälde von Fragonard, Der heimliche Kuss
Foto Provence-Info.de: Das Städtchen Grasse
Foto Barbie: Unsere liebe Anouk

Hier, wie versprochen, eine kleine Parfumlehre aus dem Internet, die eher die Frauen anspricht, aber vielleicht auch Männer interessiert, sind sie doch oft die Schenkenden.

Foto Activitypedia.com

Die Kopfnote

Die Entwicklung eines Duftes startet mit der Kopfnote. Sie ist das Erste, was man von einem Duft wahrnimmt, also sozusagen sein Auftakt. Häufig dominieren in der Kopfnote frische und würzige Duftnuancen. Dazu gehören zitrische Aromen (aus Zitrusfrüchten oder -Blüten), aber auch Pfeffer, Ingwer oder Bergamotte. Die Kopfnote verflüchtigt sich allerdings relativ schnell und ca. 15 Minuten nach dem Auftragen ist von ihr meist nicht mehr viel wahrzunehmen. Nun entfaltet sich die Herznote eines Duftes. Die Dauer dieses Übergangsmoments ist je nach Duft unterschiedlich.

Die Herznote

Die Herznote bildet den Duftkörper, also das Herz eines Duftes. Das bedeutet, dass vor allem sie dazu beiträgt, wie man einen Duft wahrnimmt. Die Herznote entfaltet sich mit dem Abklingen der Kopfnote und ist wesentlich länger wahrnehmbar. Sie schafft im Idealfall eine harmonische Verbindung zwischen Kopf- und Basisnote und besteht häufig aus blumigen Akkorden von Rosen, Nelken oder Jasmin.

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Die Basisnote

Die Basisnote trägt und stabilisiert die gesamte Duftkomposition. Sie wirkt dank sogenannter Fixateure am längsten. Dafür werden würzig-holzige Aromen, beispielsweise Harze, Moschus, Vanille oder Lavendel verwendet. Es liegt übrigens an der Basisnote, dass Düfte an jedem anders riechen. So kann es passieren, dass wir den neuen Duft der besten Freundin unglaublich toll finden, an uns selbst dann aber überhaupt nicht mehr. Erklären lässt sich dieses Phänomen dadurch, dass sich die Basisnote aus dem Zusammenspiel der einzelnen Duftaromen und der individuellen Hautbeschaffenheit heraus entwickelt. Neben der Haut und deren pH-Wert spielen außerdem auch der Hormonhaushalt, das Alter und unsere Ernährung eine wichtige Rolle bei der Duftentwicklung.

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Spannend, nicht? Also nie vergessen: Einem Eau de Toilette, einem Eau de Parfum oder gar einem Parfum muss man Zeit lassen, sich auf der Haut zu entfalten, um festzustellen, ob der Duft wirklich zu einem passt!

So, jetzt könnt Ihr Euch schon fast selbst Euer eigenes Parfum kreieren. Fehlen nur noch die unendlich vielen verschiedenen Duftöle und Essenzen!

Mit duftigen Grüssen, Elisa
01.12.2021

Foto DER MANN: Good-bye, dear Arlin!
Foto Anouk: Stacheliger Blick aufs Meer

Auf den Spuren Napoleons (Forts.)

Foto DER MANN: Unsere Lieben und ich

Und dann waren wir endlich da: im Feriendomizil unserer lieben Verwandten. Der Empfang war warm und herzlich.

Am Rande eines Naturschutzgebietes befindet sich das ausgedehnte Grundstück mit dem gemütlichen alten Landhaus, umgeben von Bäumen und Büschen, ziemlich versteckt und absolut ruhig. Wir fühlten uns sofort zu Hause. Hier liess es sich vergnügt ausruhen, plaudern, diskutieren, essen, geniessen. Entspannen gilt zwar weniger für den Eigentümer… Wer ein solches Haus und Grundstück besitzt, muss in zahlreichen Bereichen begabt sein und sich in die laufend anstehenden Arbeiten hineinknien können.

Auch hier gab’s am Morgen frisches Baguette und dicke französische Croissants mit Butter und Lavendelhonig! Am Abend erfreuten wir uns an hausgemachter Pizza aus dem selbst gemauerten Pizzaofen, an herrlichen Spaghetti, delikaten Käseplatten… Mmh, noch im nachhinein läuft DEM MANN und mir das Wasser im Mund zusammen!

Der Ort hat eine ganz besondere Ausstrahlung. Auch mein Sohn hatte ihn geliebt. Wenn in der Morgenfrische die Sonne ihre Strahlen über das Wäldchen auf die grosse Wiese schickte, begannen Blümlein ihre in der Nacht geschlossenen Köpfchen zu öffnen und wandten sich der Wärme zu, so dass sich auf der Wiese ein zarter Teppich in Weiss und Gelb entfaltete. Still und doch kraftvoll. Ein wahres Paradies, das man nicht gerne verlässt!

Foro DER MANN: Das alte Landhaus mit seiner guten Ausstrahlung

Für Dufterlebnisse bot sich das nahe Grasse an. Ein leichtfüssiges, bezauberndes Städtchen, so stellte ich mir Grasse vor, gilt es doch als Welthauptstadt des Parfums. Es liegt am Hang, unweit von Cannes, und zählt 48’865 Einwohnern. Vor allem der 1985 erschienene Roman des Deutschen Patrick Süskind «Das Parfum», in dem Grasse der Handlungsort ist, verhalf dem Städtchen zu weltweitem Ruhm. Habt Ihr das meisterhaft geschriebene, aber gruselige Werk auch gelesen? Der Roman ist unter dem Namen «Die Geschichte eines Mörders» verfilmt worden.

Foro Elisa: Im Garten
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Das milde Klima in Grasse bringt einen herrlichen Blütenreichtum hervor. Lavendel und Rosen gedeihen im Überfluss, auch Jasmin und Orangenblüten finden ihren Weg in die feinen Duftprodukte. Besucht man Grasse, sollte man unbedingt eine der drei Parfümfabriken Galimard, Molinard oder Fragonard besuchen. Man lernt dabei Spannendes über die Parfum-Herstellung.

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Mit Tochter und Enkeltochter DES MANNES fuhr ich deshalb nach Grasse. Die Männer wollten nicht mitkommen. Dabei wissen weibliche Wesen einen wohlduftenden Mann sehr wohl zu schätzen, oder nicht? Ich liebe feine Düfte über alles! An keiner Blume kann ich vorbeigehen, ohne daran zu riechen. Unter Anleitung habe ich schon zwei- oder dreimal mein eigenes Parfum kreiert und viel gelernt über die Kopfnote, die Herznote und die Basisnote, die in den meisten Parfums drin sind und ineinander übergehen. (Mehr davon im nächsten Blog).

Foto Barbie: Beim Eingang zum Fragonard

Wir besuchten die Parfumfabrik «Fragonard» und nahmen an einer Führung teil. Anschliessend betritt man drei (oder vier) grosse, helle Verkaufsräume, die von Touristen, bunten Vogelschwärmen gleich, heimgesucht werden, alle mit Duftstreifen unter der Nase und hektisch schnuppernd. Denn draussen wartet der Bus… Wir konnten es gemütlicher nehmen. Die wunderbaren Düfte schienen mich einzuhüllen, und ich schwebte auf Duft-Wolke 7! Doch dann entdeckte ich, dass mich meine Sinne im Stich liessen. Es waren viel zu viele verschiedene Düfte, und ich konnte sie nicht mehr klar erschnuppern. Also kaufte ich nur feine Seifen, denn ein teures, «falsches» Eau de Toilette wollte ich mir nicht leisten. Erst zu Hause entdeckte ich die Schätze, die ich erstanden hatte.

Foto Elisa: Alter Destillationsbehälter bei Fragonard

Nach einem feinen Tee mit delikater Pâtisserie trennten wir drei uns, damit jedes seinen eigenen Interessen nachgehen konnte. In dieser Gasse gab’s feine Läden, eine erstklassige Confiserie, glänzende Boutiquen, Bistrots. Gegen Abend sass ich bei einem frischen Fruchtsaft draussen und beobachtete, was sich vor meinen Augen tat. Da entdeckte ich in einem nahen, links abgehenden Gässchen eine Apotheke. Apotheken lassen ihr grünes Schild leuchten, wenn sie geöffnet haben.

Ich machte mich auf den Weg. Kaum im Gässchen, erschrak ich. Eine völlig andere Welt offenbarte sich hier, nur etwa 100 m entfernt: Alkoholiker, Drogenabhängige und andere elende Menschen sassen mit hängenden Köpfen auf Türschwellen oder schlurften herum. Die Hoffnungslosigkeit rundum war erschütternd. Als ich mir in der Apotheke ein Duftfläschchen zeigen liess und die Assistentin es mir vor die Nase hielt, drängte sich auf einmal der ungepflegte Kopf eines Alkoholikers dazwischen. Der Mann war drauf und dran, mit seiner Nase die Fläschchenöffnung zu berühren. «Monsieur, ça ne va pas», sagte ich streng. Er murmelte: «Ich verstehe etwas von Düften.» Und im nächsten Moment tat er mir leid. War er ein arbeitsloser Parfumeur? Der Apotheker sagte: «Er war hier zum Covid-Test.» Schliesslich schickte er ihn und seinen Kollegen, die um mich herumschlichen, resolut nach draussen. Eine Weile später machte ich mich auf den Rückweg. Mir war etwas bange, doch niemand belästigte mich. Die Not und die Armut dieser Menschen begleiteten mich noch lange. Unerträglich, wenn man nicht helfen kann.

Wenn Glanz und Elend so nahe beieinander sind, ist es besonders traurig.

Foto Elisa: Im Garten

Amitiés, Elisa
24.11.2021

Auf den Spuren Napoléons (Forts.)

Foto DER MANN: Die Zitadelle in Sisteron, ebenfalls mit Häuserzeile darunter

Sisteron hat mich schon immer begeistert. Es ist ein markantes Städtchen. Wart Ihr auch schon einmal dort? Dann versteht Ihr mich. Wenn man Sisteron am Fluss im Tal unten betreten bzw. weg gehen will, muss man eine Brücke überqueren, um danach ins Städtchen hinauf zu fahren – oder Sisteron zu verlassen. Auf der einen Seite der Brücke, auf der Landseite, steht ein hoher, senkrechter, verwitterter Felsen, auf der gegenüberliegenden Seite erhebt sich ein ebenso imposanter, trutziger Felsen, auf dem sich auf 500 Meter Höhe eine alte Zitadelle befindet, die schon in der Antike befestigt war. Sie diente ab 1209 der Sperrung zwischen Dauphiné und der Provence. In der heutigen Form wurde die Zitadelle 1599 unter König Henri IV ausgebaut. Erst im Jahr 1920 wurde sie vom französischen Staat als Militärstützpunkt aufgegeben. Im zweiten Weltkrieg war sie ein Internierungszentrum. Sie ist so imposant, dass man ganz vergisst, dass sie militärischen Zwecken diente. Das Städtchen selbst liegt auf der Höhe und ist sehr gemütlich. Jetzt wird Sisteron das «Tor zur Provence» genannt.

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Foto DER MANN: Felsen Stadtseite, neben der Festung
Foto Tumbir: Sisteron, Felsen Landseite

Heute fanden wir unser Ziel mühelos, dabei lag es etwa 12 km ausserhalb von Sisteron, fast unsichtbar auf einem Hügel, wohin man nur auf einem steilen, einspurigen Schotterweglein hinaufgelangte. Das liebenswürdige Ehepaar, das uns als Feriengäste erwartete, hatte sichtlich Freude, als wir eintrafen. Sofort zeigten sie uns das hübsche Haus und den biologischen Garten mit dem gepflegten Biotop. Ein entzückendes Kleinod! Da wir die einzigen Gäste waren, durften wir uns frei bewegen und so tun, als ob uns das Anwesen gehörte. Wir suchten ein Schattenplätzchen auf Liegestühlen, an der Sonne war es zu heiss.

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Foto Elisa: Bei unseren Zimmervermietern

Foto Elisa: das gastliche Haus

Fürs Abendessen gab’s vom Hausherrn eine Empfehlung, und er reservierte uns auch gleich einen Tisch im Restaurant «Oppidum». Bevor wir uns auf den Weg machten, fragte ich: «Bis wann müssen wir zurück sein wegen dem Hausschlüssel?» «Das spielt keine Rolle. Das Haus ist Tag und Nacht offen.» Was?? Stellt Euch vor, wir würden das in unseren Städten machen. Da befände sich am Morgen wohl nicht mehr viel in der Wohnung!

Foto Elisa: Im Zentrum von Sisteron, das auf der Höhe liegt

Im Zentrum des Städtchens, in einer dunklen Nebengasse, wurden wir bald fündig. Hier war das Essen ausgesprochen fein, und auch hier war das allerdings eher kleine Lokal sehr bald vollständig besetzt. Mit dem Zertifikat nehmen’s die Franzosen übrigens sehr genau.

Foto Elisa: Die Kirche mit dem typischen Turm im Zentrum von Sisteron

Am nächsten Morgen erwachten wir im eisigen Zimmer, in der Nacht hatte es einen Temperatursturz mit bisigem Mistral gegeben. Im Badezimmer war’s geschätzte null Grad! «Da dusche ich nicht», meinte DER MANN. «Ich auch nicht», beschied ich schlotternd. «Schade nur, dass wir gestern den Whirlpool in unserem Badezimmer nicht benutzten.» Der Whirlpool? Das war’s doch! Es hatte bestimmt genügend Warmwasser. Gesagt, getan. Ich liess bis obenhin heisses Wasser einlaufen und glitt geniesserisch in die wohlige Wärme. Die vielen sprudelnden Düsen und der Dampf waren ein Riesen-Vergnügen! Gewärmt und gutgelaunt liessen wir uns hierauf an der Sonne im Garten frisches Baguette und dicke französische Croissants mit Butter und Lavendelhonig servieren.

Foto Elisa: Au Revoir, Sisteron

Zum Abschied erhielt jedes von uns ein duftendes Lavendelsäckli mit biologischem Lavendel aus dem eigenen Garten. Schön war’s in Sisteron!

Foto Elisa: Schöne Platanen in Digne-les-Bains

In Digne-les-Bains, einem hübschen Ferienort, den man auch die Hauptstadt des Lavendels nennt, flanierten wir an eleganten Läden vorbei, doch um diese Zeit am Mittag waren die meisten bis 14.30 Uhr geschlossen. Besser für mein Portemonnaie! In den Bistrots schienen die Einheimischen ihre Mittagspause ebenso in die Länge zu ziehen.

Photo by u5149u66e6 u5218 on Pexels.com: Duftender Lavendel

Auf einer Restaurant-Terrasse sass am Nebentisch eine Gruppe Feuerwehrleute, Frauen und Männer, in ihren Uniformen. Heiter ging’s zu und her, es wurde viel gelacht. Auf einmal brachen sie ziemlich abrubt auf, sie hatten wohl auf die Uhr gesehen. Dabei blieb neben einem der leeren Teller ein dicker Schlüsselbund liegen. Unsere Rufe blieben ungehört. Etwas später kam einer der Männer, er schien der Hauptmann zu sein, verlegen grinsend zurück. Was, wenn in der Zwischenzeit „Not am Mann“ bzw. „Not am Schlüssel“ entstanden wäre?

Foto Elisa: auf einem der Plätze in Digne-les-Bains

Wir näherten uns dem Reiseziel. Noch ein letzter Halt! Etwa 80 Kilometer nordwestlich von Cannes, in den Bergen der Haute-Provence, liegt Castellane, ein ebenfalls reizendes Städtchen. Es liegt am Fluss Verdon, am Anfang der bekannten Verdon-Schlucht. Überragt wird Castellane vom 1626 m hohen Berg Cadière, wo die Kirche «Notre Dame du Roc» aus dem 12. Jahrhundert eindrücklich über der Stadt thront.

Postkarte: Notre-Dame du Roc bei Nacht
Foto Elisa: Rathaus von Castellane
Foto Elisa: Die Kirche „Notre Dame du Roc“ am Tag

Ein eindeutig friedlicheres Wahrzeichen als die Zitadelle in Sisteron! Imponiergehabe, Säbelrasseln, Drohungen sind dem Frieden natürlich nicht dienlich – auch im zivilen Leben nicht. Da lob ich mir «Unsere Felsendame», obwohl sie ein steinernes Herz hat.

Amitiés, Elisa

(Forts.)

Auf den Spuren Napoléons

(1769 – 1821)

Seid Ihr auch schon einmal über die berühmte alte Route Napoléon gefahren, die in Grenoble beginnt? (Nicht zu verwechseln mit der Autobahn gleichen Namens). Diesen Herbst nahmen wir die wilde, reizvolle Bergstrecke «unter die Räder», um ein paar Tage in Südfrankreich zu verbringen.

Foto Wikipedia: Alte Route Napoléon, RN85, Bergstrecke

Was hat es mit dieser Strecke auf sich? Weshalb ihr Name? Das ist spannend. Die «Route Nationale 85», gebaut 1927, folgt nämlich der ehemaligen Marschroute von Napoléon. Von der Insel Elba kommend, wohin er nach seiner Abdankung von den Siegermächten verwiesen worden war, wollte er mit rund 1000 Getreuen sein Land von Süden her unblutig zurückerobern. Die Route führte ihn von Golfe-Juan bei Antibes über Grasse, Digne, Sisteron, Gap bis nach Grenoble, wo er gestoppt wurde. Die Gesamtlänge von 335 Kilometern bewältigten er und seine Truppe in einem siebentägigen Gewaltmarsch ab dem 1. März 1815. Die Blasen an ihren Füssen hätte ich nicht sehen wollen!

Foto True Riders.it: Alte Route Napoléon, Bergstrecke
Photo by Mikhail Nilov on Pexels.com: Ville de Grenoble

Bereits am 5. März erreichte Napoléon Sisteron, die erste grössere Stadt auf seinem Weg, wo ihm die Bewohner freundlich gesinnt waren.  

Am 7. März kamen sie kurz vor Grenoble ins Dorf Laffrey. Der Befehlshaber von Grenoble, der Napoléon keinen freien Durchzug gewähren wollte, sandte ein Regiment aus, das dem Eroberer in einem Engpass vor Laffrey auflauerte. Als Napoléon auf sie traf, befahl er seinen Soldaten, das Gewehr unter den linken Arm zu nehmen. Wagemutig trat er dem feindlichen Regiment allein und schutzlos entgegen. Das machte bestimmt Eindruck, denn nach einer kurzen Rede gewann er die Gegner für sich. Noch am selben Tag lief eine weitere Einheit zu ihm über. Und am Abend zog er in Grenoble ein.

Photo by Lauro Laureano on Pexels.com: La Ville de Grenoble

Ab Grenoble hatte Napoléon bereits gewonnen. Unter den Triumphrufen des Volkes, für das er bereits wieder der Kaiser war, marschierte der Haudegen weiter nach Paris. Am 20. März 1815 zog er in den Tuilerien-Palast ein, die Residenz der meisten französischen Könige und Kaiser.

Hélas, der Triumph war kurz. Nach nur drei Monaten endete seine Herrschaft mit der Niederlage in der grausamen Schlacht von Waterloo.

Foto Wikipedia: Die Preussen greifen ein, gemalt von Adolph Northen

Danach wurde Napoléon, als Kriegsgefangener der Briten, auf die Atlantikinsel St. Helena deportiert, wo er am 5. Mai 1821 starb, also vor 200 Jahren. Man munkelt, er sei vergiftet worden. Als Todesursache wird zwar meistens Magenkrebs angegeben. Aber der Historiker und Napoleon-Experte Thomas Schuler ist auf Grund von Untersuchungen überzeugt, dass der Kaiser der Franzosen mit Arsen vergiftet wurde.

Foto Klatsch_Tratsch.de: Insel St. Helena

DEM MANN und mir lauerte niemand auf; niemand hat uns, friedliebend wie wir sind, daran gehindert, nach Grenoble zu gelangen. Man hätte allerdings auf diese Idee kommen können! Denn das gebuchte Hotel «Mercure» in Meylan nahe Grenoble fanden wir trotz elektronischer Unterstützung erst nach langem Suchen. Die Anweisungen waren in schlechtem Französisch gesprochen, und das Gewirr von Gassen, Strassen, Nebengässchen, Kreiseln, Plätzen, tat sein übriges.

Photo by JKY on Pexels.com: Ville de Grenoble

Hungrig und durstig, wie wir waren, freuten wir uns auf ein feines Abendessen. Fehlanzeige! Das Hotelrestaurant war sonntags geschlossen. Im Zimmer lagen ein paar Vorschläge für gute Restaurants in der Nähe, ich rief sie alle an, doch sie waren ausgebucht, oder wir hätten frühestens um 21.30 einen Tisch bekommen können. Ganz Grenoble schien ausgehungert zu sein! Schade um die verschwendete Zeit, ein Abendspaziergang hätte uns bei diesem sonnigen Wetter besser getan. Der Rezeptionist reservierte uns schliesslich einen Tisch um 19 Uhr – wo? – («Ich bin nicht sicher, ob es Ihnen da gefällt») – und bestellte ein Taxi. Hatten wir denn eine Wahl?

Später stand dann ein Tesla vor der Türe. Es wurde eine lange Fahrt mit einem wortkargen Chauffeur, doch hatten wir Spass daran, weil es eine Art Stadtrundfahrt durch das attraktive, abendliche Grenoble war. Als wir ankamen, war das Restaurant noch geschlossen. Nachdem wir die happige Taxi-Rechnung bezahlt hatten, überliess uns der Fahrer an der Strassenecke der inzwischen aufgekommenen Bise, er fuhr sofort weg. Ich hatte ihm gerade noch eine Visitenkarte für die Rückreise entlocken können.

Foto DER MANN: Im savoyardischen Restaurant Casse-Croûte

Das savoyardische Restaurant, das wir etwa eine Viertelstunde später betreten konnten, gefiel uns auf Anhieb. Wir waren die ersten Gäste und durften den Platz auswählen. Es war als eine Art Alphütte eingerichtet, rustikal, voll kitschiger Gegenstände und alter Werkzeuge, mit einem Meer von rot/weiss gewürfelten kleinen Vorhängen. Auf der Speisekarte standen vor allem Raclette, Bauernwürste und Fondue. Fast wie in einem Fondue-Chalet in der Schweiz! Im ersten Moment glaubte ich, ich sei im «falschen Film», wie damals in Johannesburg, als wir uns beim Nachtessen im vornehmen Hotel-Speisesaal unerwartet inmitten eines Bayerischen Oktoberfestes wiederfanden, umgeben von blauweissen Fahnen, Bierhumpen, bayerischer Volksmusik und einem Südafrikaner in Lederhosen, der sich im Jodeln versuchte. „Bayern live“ nach einem 10stündigen Flug über ganz Afrika!

Hier war das indes mehr als eine billige Imitation, denn Fondue und Raclette sind in Savoyen und Franche-Comté sehr beliebt, werden aber womöglich mit etwas anderen Zutaten serviert!

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Auf Empfehlung des gemütlichen, kugelrunden Kellners bestellten wir Pouletschenkel, die mit Gratin Dauphinois und einer Rahm-Morchelsauce serviert wurden. Das Gratin war deftig und schmackhaft, mit viel Butter und Käse angereichert, die Pouletschenkel ziemlich zäh, die frischen, feinen Morcheln in der dicken Rahmsauce eingekocht. Sie klebten am Boden der Creuset-Pfanne. Doch was soll’s. Nach dem Essen waren wir jedenfalls nicht mehr hungrig, und kalt war uns auch nicht mehr. Als wir das Taxi für die Rückfahrt bestellten, war das grosse Restaurant bis auf den letzten Platz besetzt, und die Fröhlichkeit der übrigen Gäste war trotz gläserner Trennwände auf uns übergesprungen.

Ungeachtet unserer schweren Bäuche, schliefen wir gut im ruhigen, geräumigen Zimmer auf den herrlich bequemen französischen Matratzen.  

Übrigens: Das Essen hatte weniger gekostet als die beiden Taxifahrten hin und zurück! (Forts. folgt)

Amitiés, Elisa
08.11.2021

Geschenk

Foto Elisa, Begonien in Südfrankreich

Mit meiner neu gewonnenen amerikanischen Freundin verbrachte ich einen federleichten Tag. Für DEN MANN war’s möglicherweise weniger «easy-going», da ich mich um 11 Uhr morgens von ihm verabschiedete, um zum Coiffeur zu gehen. Ich kam dann aber erst um 19 Uhr abends zurück… Doch er nahm’s mit Humor: «Hab ich’s mir noch fast gedacht!»

Foto Elisa: Blick zwischen Stacheln aufs Meer

Zuerst ging’s für uns zwei Frauen also zum Coiffeur, dann zum Einkaufen und schliesslich für Stunden in ein hübsches Strandcafé in Cannes. Die Zeit verflog im Nu. Wir lachten und schwatzten (schliesslich mussten wir einander erst mal besser kennenlernen), bestellten feines Essen in einem Sprachgemisch aus Englisch und Französisch, tranken literweise Mineralwasser, liessen uns vom Blick aufs Meer erfreuen und von der frischen Brise umwehen.

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Als wir fanden, es sei an der Zeit aufzubrechen, stiegen wir vom sandigen Boden die kurze Treppe hinauf zur Strasse. Wir hakten einander unter, stützten uns gegenseitig, da wir beide nicht mehr so leichtfüssig sind – kein Wunder, wenn man 73- bzw. 77jährig ist. Oben auf dem holprigen Trottoir war dies doppelt nötig. Da kam uns ein rassiger junger Mann entgegen. Er nickte, lachte uns an und zeigte zwei Reihen blitzend weisser Zähne im gebräunten Gesicht. Als er vorüber war, schauten wir einander anerkennend an: Was für ein Adonis! Strahlend wie die Morgensonne! «Er kommt wahrscheinlich geradewegs von seiner Liebsten», mutmasste meine Freundin. «Oder ist unterwegs zu ihr», ergänzte ich. Wir kicherten, dann wackelten wir unbekümmert weiter, im (Un)Gleichschritt.

Foto Barbara Gerber: Die Golden Corniche bei Saint-Raphael

Etwas später begegnete uns ein älterer Mann. Auch er lachte uns an und grüsste. Dabei glaubte ich eine kleine Belustigung in seinem Blick zu erkennen.

War jedes der beiden Lächeln ein Beweis für das «savoir vivre», die von mir so geliebte französische Lebensart? Immer wenn ich in Frankreich bin, belebt die Leichtigkeit der Franzosen und ihr natürlicher Charme meine Sinne wie perlender Champagner.

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Oder galt das Lächeln etwa der Annahme, dass wir zwei einander stützen müssten, weil wir uns bereits am Nachmittag zu viele Apéros gegönnt hatten?

Einerlei. Wir genossen den sonnigen Nachmittag aus vollem Herzen.

Uns allen, ob jung oder alt, werden unbeschwerte, glückliche Stunden geschenkt – meist dann, wenn wir sie am wenigsten erwarten. Quelle merveille!

Foto Elisa: Weinreben, im Herbst überall feurig rot

Ich schicke Euch ein strahlendes Lächeln, Elisa
27.10.2021