Ehrfurcht

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Das Netz einer Spinne
unsichtbar, zerbrechlich und fein
eine unbedachte Geste, eine brüske Bewegung
kann es zerreissen
Doch sieh:
ein wenig Morgentau, ein Sonnenstrahl –
und ein Wunder der Natur
offenbart sich dir

Die Fäden menschlicher Beziehungen
verborgen, verletzlich und zart
ein hasserfüllter Blick, ein verächtliches Wort
kann sie zerstören
Doch fühle:
ein wenig Zuwendung, ein Augenblick der Wärme –
und das Göttliche selbst
leuchtet auf vor dir

Elisabeth, 11. Dezember 2019

Foto von Lukas Gawenda.de: Aurora borealis (Nordlicht)

Samichlaus

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In weiten Teilen Europas besucht am 6. Dezember der Heilige Nikolaus mit einem schweren Sack auf dem Rücken eines langsamen, manchmal bockigen Esels die Jüngsten und verteilt Süssigkeiten. Bei uns heisst er bekanntlich «Samichlaus». Als Kinder hatten wir Angst vor ihm, aber die Zeiten, wo als Zugabe erzieherische Strafpredigten vom bärtigen Mann im Schwange waren, sind längst vorbei und bei Kindern und Eltern verpönt.

Auch in England gibt es eine rotgewandete Gestalt, die auf den heiligen Nikolaus aus Myra zurückgeht. Er kommt allerdings nicht am 6. Dezember, sondern erst in der Nacht vor Heiligabend. Im Laufe der Zeit haben sich der britische Father Christmas und der amerikanische Santa Claus stetig angenähert. Beide fliegen sie in einem Rentierschlitten über den stillen Nachthimmel. Von jedem Hausdach aus rutschen sie durch den Schornstein und füllen die von den Kindern aufgehängten Socken mit kleineren oder grösseren Geschenken – sagt man. Ob die Sprösslinge das im 21. Jahrhundert noch glauben? Immerhin gibt’s inzwischen ungeahnte neue Möglichkeiten, die den Glauben an die Legende aufleben lassen. Gestern machte ich eine virtuelle Ausfahrt im Niklaus-Schlitten, liess mich von Rentieren über ein geschmücktes virtuelles Weihnachtsdorf hinaufziehen, knapp an der Kirchturmspitze vorbei, über Schneeberge hinweg, mitten hinein in einen sternklaren Winterhimmel. Unglaublich kitschig – und einfach zauberhaft! Nur der Weihnachtsmann liess sich nicht blicken.

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Mein Sohn, er mag damals etwa vierjährig gewesen sein, war beim Hören des Märchens vom schenkenden Christkind skeptisch. So fragte er mich: «Mami, wie nur bringt das Christkind alle Weihnachtsgeschenke zusammen? Nachts ist der «Loeb» doch geschlossen und dunkel. Auch die Fenster sind zu, weil es so kalt ist. Wie kommt es da ins Warenhaus? Und wie trägt es die vielen Spielsachen alleine fort?» Wie Ihr Euch denken könnt, brachten mich die Fragen arg ins Schwitzen!

Das lässt mich an meine englische Freundin Margaret denken. Als junge Frau arbeitete sie eine Zeitlang als Journalistin in Kanada. Ein Schweizer lud sie zu einer Autofahrt ein, wobei er einen Unfall verursachte und beide ins gleiche Spital eingeliefert wurden. Noch vor Ort, machte er ihr einen Heiratsantrag, obschon sie einander kaum kannten. «Wohl aus einem schlechten Gewissen heraus», spöttelte Margaret später. Sie wiederum heiratete ihn, weil nach dem zweiten Weltkrieg Mangel an Männern herrschte…

Ein paar Jahre danach, sie hatten bereits einen kleinen Jungen, siedelten sie in die Schweiz über. Am ersten «Samichlaus»-Tag in der Schweiz stand der Knirps am Fenster und hielt ungeduldig Ausschau nach dem bärtigen Besucher. Margaret erklärte ihm: «Weisst du, der Nikolaus muss mit seinen Rentieren über alle Dächer fliegen, bis er uns findet, das dauert ein Weilchen.» «Blödsinn», rief ihr Ehemann. «Der Samichlaus kommt zu Fuss mit einem Esel, und nicht auf dem Rentierschlitten». Der Kleine sagte nichts. Minuten vergingen. Auf einmal wandte er sich um und sagte zu den Eltern: «Ihr habt beide unrecht, der Samichlaus ist mit dem VW gekommen.»

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Elisabeth, 4.12.2019

Granatäpfel

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Bestimmt kennt Ihr die Granatäpfel, deren Kerne und Säfte in den letzten Jahren bei uns im Supermarkt oder auf dem Speisezettel ihre feuerrote Aufwartung machen. Mögt Ihr sie? Wenn nicht, wäre das schade.

Habt Ihr gewusst, wie gesund der reine Saft ist? Da ist die Rede von ausgezeichneten Inhaltsstoffen, wie z.B. zahlreichen Vitaminen, Mineralstoffen, ausserdem Polyphenolen, denen allgemein eine antioxidative Wirkung zugeschrieben wird. Verbreitet ist gar die Behauptung, Fruchtfleisch und Saft des Granatapfels könnten erhöhten Blutdruck senken und infolgedessen vor Herzinfarkt und Schlaganfall schützen; ausserdem würden Brustkrebszellen um 80% verringert und Leukämiezellen richtiggehend gehemmt. Amerikas Werbeindustrie lässt grüssen! Fraglos soll durch übertriebene Versprechungen in unserer auf Fitness versessenen Gesellschaft ein weiteres verheissungsvolles Trendprodukt den Markt erobern. Werbung hin oder her – lassen wir uns den Genuss keinesfalls verderben. Gesund sind Granatäpfel zweifellos, jedoch wohl kaum das angepriesene Allheil-Wundermittel.

In Tiflis habe ich in einer Kunsthandlung zwei echte kleine Granatäpfel erstanden, die golden eingefärbt sind (siehe folgendes Foto). Seither hat mich die Frucht zu interessieren begonnen. Auf dem beigelegten Kärtchen stehen lediglich Stichworte zu ihrer überlieferten Bedeutung:

  • Fruchtbarkeitssymbol, Fülle, Wiedergeburt, Unsterblichkeit, Liebe und Ehe
  • Die Paradiesfrucht, der Augapfel, die Äpfel der Unsterblichkeit
  • Die Kelchblätter des Granatapfels dienten als Prototyp für die Königliche Krone

Ich wollte es genauer wissen und habe im Internet nachgeschaut. Tatsächlich scheint ziemlich sicher, dass, als Eva und Adam die verbotene Frucht im Garten Eden assen, diese kein Apfel war, wie wir ihn kennen, sondern höchstwahrscheinlich ein Granatapfel vom Baum des Lebens und der Erkenntnis von Gut und Böse. Hier wäre nun wirklich ein Grund, der für seinen Verzehr spricht…

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Wo wächst der Granatapfel im 21. Jahrhundert? Offenbar überwiegend in Asien und im Mittelmeerraum. Die größten Anbaugebiete befinden sich in Afghanistan, Spanien, Italien, Israel und im Iran, man pflanzt sie ausserdem auf den Kanaren sowie auf Zypern und Madeira an – und wohl nicht zuletzt in Georgien.

Aufgrund seiner mannigfaltigen geschichtlichen Wurzeln lässt sich sein wahrer Ursprung nicht schlüssig herausfinden. Man nimmt aber an, dass seine Herkunft in Asien liegt. Granatäpfel (bestimmt inzwischen völlig verschrumpelt) wurden sogar in der Grabkammer eines hohen ägyptischen Beamten aus der Zeit von Ramses IV. (ca. 1145 vor Chr.) gefunden, dem sie als «Wegzehrung» mitgegeben worden waren! Vor meinem geistigen Auge ziehen Händler mit ihren Karawanen des Wegs und bringen die begehrten Äpfel aus Asien zu den Pharaonen, hoch zu Kamel durch ockerfarbene Sanddünen, nachdem sie weite Meere und breite Flüsse überwunden haben.

Der Granatapfel ist eine uralte Frucht mit grosser kulturell-religiöser Bedeutung. Historisch gesehen machte er bereits vor mehreren tausend Jahren auf sich aufmerksam. Wegen der zahlreichen Samenkerne gilt er als Symbol für Leben und Fruchtbarkeit, jedoch auch für Macht, Blut und Tod. Im Christentum kennt man ihn als Symbol von Herrschaft und Macht, dargestellt im Reichsapfel in Form einer Weltkugel mit aufgesetztem Kreuz.

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In der griechischen und persischen Mythologie hielt man den Granatapfel ebenfalls für ein Symbol von Fruchtbarkeit, Schönheit und ewigem Leben. Warum also nicht öfters ein Gläschen Granatapfelsaft trinken oder die feuerroten Kerne aufs Birchermüesli streuen? Zumindest der Schönheit zuliebe würde sich das lohnen…

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Elisabeth, 26.11.2019

Georgien zum Sechsten – und Letzten

In Swanetien

Die Kunde vom Wanderparadies hat längst die Runde unter jungen Touristen gemacht. Und so reisen immer mehr Wanderer nach Georgien, um in den einsamen Berglandschaften auf Entdeckung zu gehen. Im Winter ist Ski fahren in diesen unwiderstehlichen Schneelandschaften bei Reisenden aus aller Welt gefragt. Der bekannteste Wintersportort, der am Berg Kudebi liegt, heisst Gudauri. Er ist 120km von Tbilissi entfernt, klebt sozusagen 2196m über Meer am Hang.

Gudauri war ursprünglich lediglich eine Poststation unterhalb des nahe gelegenen Kreuzpasses, an der die Postkutschen die Pferde wechselten. Die Lage ist ideal für Wintersport und Heliskiing, da es an den Abhängen weder Lawinengefahr noch tückische Felsbrocken unter dem Tiefschnee gibt. In den 1970er Jahren errichtete man die erste Seilbahn – nicht etwa für Touristen, sondern für eine georgische Kinderskischule. Heutzutage werden Skifahrer und Snowboarder in der Umgebung von Gudauri bis auf eine Höhe von 4400m gebracht, und der, wie wir fanden, ziemlich künstliche Ferienort wird im Eiltempo hochgezogen. Schade! Man kann nicht umhin, um die Unberührtheit der Natur zu bangen. Die Gegend sieht sommers wie winters in ihrer Ursprünglichkeit atemberaubend schön aus! Der Fortschritt lässt sich indessen nicht aufhalten. Viel mehr noch als für die Schweiz, ist der Tourismus für Georgien eine sehnlichst erhoffte Einnahmequelle.

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Auf einem Tagesausflug fahren DER MANN und ich mit unserem Guide George über die vielen Kurven via Gudauri hinauf nach Kazbegi. Das Denkmal der Georgisch-Russischen Freundschaft befindet sich am Kreuzpass, etwas oberhalb von Gudauri. Es ist ein in leuchtenden Farben bemalter, monumentaler Halbkreis. Schön anzusehen, aber schwierig zu fotografieren! Eine unglaubliche Kälte und ein schneidender Wind lassen uns beim Aussteigen aus dem Auto erstarren und nach Atem ringen. Reflexartig kaufe ich mir an einem der touristischen Verkaufsstände in der Nähe viel zu grosse, warme Wollsocken. Als ob die mir Schutz böten vor dem Eiseswind!

Das Denkmal der georgisch-russischen Freundschaft
Mount Kazbegi im Winter

Offiziell heißt Kazbegi heute Stepanzminda. Durch den Ort führt die geschichtsträchtige ehemalige Heerstrasse im grossen Kaukasus, auf der wir hergefahren sind. Sie verbindet Georgien mit Russland. Wie schon in einem der letzten Beiträge erwähnt, führt sie südwärts bis nach Teheran. Das Tsminda Sameba Kloster ist das bedeutendste Pilgerziel Georgiens und liegt prachtvoll auf einem hohen Hügel. Wir hatten vor, dort hinauf zu spazieren, um den über 5000m hohen Mount Kazbegi noch besser bewundern zu können. Leider wird wegen des schlechten Wetters und dem dicken Nebel nichts daraus.  

So sieht der Mount Kazbegi bei blauem Himmel aus, links auf dem Hügel das Tsminda Sameba Kloster
So sah er bei uns aus. Wer von Euch findet ihn?

Auf dem Rückweg leuchten uns am Strassenrand reife Sanddornbeeren entgegen. Mmh, viel Vitamin C! Bevor ich die Hand ausstrecke, um ein paar davon in den Mund zu stopfen, fällt mir die Warnung einer amerikanischen Freundin im Josua-Tree-National-Park in ähnlicher Situation ein: «Halt, diese Beeren sind völlig ungeniessbar! Elizabeth, du vergiftest dich eines Tages noch, wenn du nicht aufhörst, fern der Heimat jede Beere zu pflücken und zu essen, die dir entgegenlacht.»  

Bei der Borjomi-Quelle kann man das berühmte Heilwasser direkt aus dem Felsen kosten. In der gleichnamigen Kurstadt trinkt man es ebenfalls direkt aus der Quelle. An der Heilkraft muss schon was dran sein, denn Borjomi-Wasser hat sich inzwischen zum wichtigsten Exportartikel Georgiens gemausert.

Nun stehen wir in den Bergen direkt vor dem Felsen, von dem das Wasser herunter rinnt. DER MANN ist skeptisch, während ich mir einen Probeschluck nicht entgehen lassen will. Schon in unserem Hotelzimmer haben wir mit dem in Flaschen abgefüllten gesunden Wasser Bekanntschaft gemacht. Ups, schmeckt eher ungewohnt und sauer aus der kleinen Röhre, die unten aus den Felsen ragt. Lassen wir einen Kenner zu Wort kommen: «Bald wird die erste Flasche geöffnet, Borjomi rinnt die Kehle hinunter. Ein leichtes Prickeln, Schwefel überzieht den Gaumen, und Salz, ja, Salz, zärtlich, aber bestimmt. Nach zwei, drei Schlucken kulinarischer Assimilation schmeckt dieses Wasser fantastisch, und die Zähne fühlen sich an wie frisch geputzt. Die Mineralien aus dieser Flasche müssen jene sein, die Ziegen tagein, tagaus von Steinen lecken.» (Fabian Stark, in der taz). Sieh an, da predigt einer Wein – und trinkt Wasser…

Die Borjomi-Quelle

Das neue Restaurant in Gudauri, in dem wir abends essen, trägt den Namen «Hofbräu München». Erwartet man hier in Zukunft vor allem Münchner Skifahrer? Obwohl wir ihn eingeladen haben, will George zuerst an der Kälte auf uns warten. Schliesslich kommt er doch an die Wärme und bestellt sein Lieblingsmenu. Wisst Ihr, was das ist? «Mexikanische Ofenkartoffeln» mit Tartaresauce. Meine Wahl, Schweinerippchen mit giftgrüner Pflaumensauce, ist weniger nach meinem Geschmack, während DER MANN begeistert vor einer feinen Bergforelle sitzt.

Fit fürs Münchner Oktoberfest?

Auf dem Berg beim Freundschaftsdenkmal hatte ich bei den dick vermummten Frauen ausser den Wollsocken frische Haselnüsse und ein kleines Glas flüssigen Honigs erstanden. Leider wird der Honig auf dem Rückflug beim Zwischenstopp in München vom deutschen Zöllner beschlagnahmt. Ich bitte ihn, eine Ausnahme zu machen. Oder ihn zu verschenken oder selbst zu essen. Er bleibt hart (muss er wohl), doch ich bin empört, als ich sehe, wie er die goldgelbe Köstlichkeit einfach fortschmeisst. Eigentlich hätte ich es wissen müssen, Glas im Handgepäck ist nicht erlaubt. Letztes Jahr war ich klüger. Damals wickelte ich ein paar Gläser mit korsischer Konfitüre in weiche, etwas ausgehöhlte Klosettrollen aus dem SPAR und versorgte sie im Fly-Gepäck, wo sie den Flug problemlos überstanden. Auch in Tiflis hatte es gegenüber unserem Hotel einen «SPAR»-Laden, wo ich ohne Weiteres Klosettpapier bekommen hätte…

Es gibt also mehr als einen Grund, Georgien ein weiteres Mal zu besuchen!

Die sogenannte Himmelsleiter

Elisabeth, auf Georgisch: ელიზაბეთ, 20.11.2019 

Georgien საქართველო zum Fünften… (Mzcheta)

Ich kann’s nicht lassen, hier sind nochmals ein paar Bilder sowie Wissenswertes über Georgien:

Marjanishvili Street

Wie schon erwähnt, ist Tbilissi eine seltsam faszinierende Stadt mit vielen ungewöhnlichen Ansichten und Gebäuden. Martin Gerner vom Deutschlandfunk bringt es auf den Punkt: «Verwunschene Innenhöfe, maurische Fassaden, Kirchen und Tempel: Die malerische Altstadt von Tiflis ist geprägt von vielen Stilen. Kein Wunder: In der georgischen Hauptstadt kreuzten sich die verschiedensten Kulturen – und die kaukasische Metropole erfand sich im Laufe der Jahrhunderte immer wieder neu.»

Seht Euch nur schon die PUBLIC SERVICE HALL an (die weisse «Blume» am unteren Bildrand)

Giorgi Shermazana: Tbilissi mit Public Service Hall

Was hat es damit auf sich? Die „Public Service Hall“, das gläsernes Herz der Stadtverwaltung Tbilissi, wurde 2011 im Kampf gegen die Korruption erbaut. Info aus dem Internet: Alles unter einem Dach: Von Grundbucheintragungen über Hochzeiten bis zum Geburtsregister. Auch für die Kinder ist gesorgt, sollte es doch einmal länger dauern. Maximal fünf Minuten Wartezeit verspricht heute die Verwaltung. Vorbei die Zeit des stundenlangen Wartens, wo man Dokumente nur gegen Schmiergeld bekam. Deshalb wird nirgends bar bezahlt, sondern nur am Bankschalter gegen Beleg.

Doch nicht nur die Hauptstadt Tbilissi ist etwas Besonderes, Georgien in seiner Gesamtheit ist von grosser landschaftlicher Schönheit und ausserhalb der wenigen Städte weitgehend unberührt. Es gibt zwar ein paar touristische Hotspots, aber die sind (noch) so wenig bevölkert, wie ich das von meinen ältesten Reiseerlebnissen her in Erinnerung habe.

Schon in früheren Jahrhunderten führte ein Zweig der Seidenstraße durch Mzcheta. Mit unserm Guide Sergio besuchen wir diese ehemalige georgische Hauptstadt, die gemäss Archäologen seit rund 3000 Jahren bewohnt und heute das wichtigste religiöse Zentrum Georgiens ist.

Es regnet!

Die Swetizchoweli-Kathedrale war jahrhundertelang die Krönungs- und Begräbniskirche der georgischen Könige. In der Innenstadt von Mzcheta gelegen, ist er der zweitgrösste Kirchenbau Georgiens, doch handelt es sich nicht mehr um den originalen Bau aus der späten Antike. Denn wie so viele andere Bauwerke wurde auch die Swetizchoweli-Kirche durch Eroberer oder Erdbeben mehrfach zerstört und wiederaufgebaut. Sergio meint etwas verlegen, sie sei nicht mehr in so gutem Zustand. Kein Wunder, bei diesem Alter: Die heutige Kathedrale wurde in den Jahren 1010 bis 1029 errichtet! Baumeister war der georgische Architekt Arsukidze. Auf der inneren Nordwand in der Kirche befindet sich eine aus Stein gefertigte Hand, über der folgender Spruch eingemeisselt ist: „Die Hand des Sklaven Gottes Arsukidse. Gedenke seiner.“ Dem Vernehmen nach wurde dem Baumeister nach der Vollendung des Bauwerks die Hand abgeschlagen, auf dass er nie wieder ein so meisterliches Bauwerk erschaffe. Um Himmels willen! Das beweist wieder einmal, wie gut es heutige talentierte Architekten haben…

Das Kreuzkloster (Dschawri Kloster)

Das Dschawri Kloster, das wir als nächstes ansteuern, ist ebenfalls eines der bedeutendsten Bauwerke der georgisch-orthodoxen Kirche. Die ersten Bauten dieses Klosters wurden 545 n.Chr. errichtet. Die älteste Kreuzkuppelkirche des Landes ist also bereits vor mehr als 1500 Jahren erbaut worden und dient seither als Vorbild für zahlreiche religiöse Bauten in Georgien. Sie liegt auf den Hügeln hoch über der Stadt Mzcheta und ist weithin sichtbar; ein solcher Standort ist hier keine Seltenheit.

Was das Dschawri Kloster noch attraktiver macht, ist seine Lage oberhalb des Zusammenflusses der beiden Flüsse Mtkwari und Aragwi. Das Wetter hat aufgeklart und die wenigen anwesenden Touristen knipsen alles, was ihnen vor die Linse kommt – doch dieses Fotomotiv lohnt sich besonders:

Zusammenfluss; rechts Mzcheta mit der Swetizchoweli-Kathedrale

A propos Fluss fällt mir ein: In Tbilissi gibt es unzählige Strassenhunde. Sie sind unglaublich sanft und friedlich. Geduldig warten sie darauf, dass ihnen jemand einen Happen zuwirft. Und wenn nicht, gehen sie fischen! Kati hat uns erzählt, dass sie äusserst geschickt seien im Fangen von Fischen. Wohl auf Grund der gesunden Ernährung sehen die meisten von ihnen weder krank noch schwach aus.

Sergio führt mich an einen Verkaufsstand mit Tschurtschchela (ჩურჩხელა). Das sind die rätselhaften farbigen Stangen, die den bei uns von Kinderhand gezogenen Weihnachtskerzen ähneln. Hier ist es aber ein Fruchtkonfekt, hergestellt aus Baumnüssen, die man auffädelt, dann in mit Mehl verdickten Traubensaft tunkt und trocknen lässt. Georgier geniessen das Konfekt als traditionelles Dessert oder als Nascherei zwischenhinein. Grosszügig gab mir die Verkäuferin Häppchen zum Probieren. Die Stangen hier waren gut und saftig. Als ich meinen Kauf getätigt hatte, bekam Sergio als «Prämie» von der Frau sein Lieblings-Tschurtschchela: ein grünes mit Kiwi-Aroma. Beim Essen strahlte er übers ganze Gesicht.

Vergessen wir nie, dass auch kleine Freuden das Leben enorm verschönern!

Elisabeth, 13.11.2019

In Swanetien

Ein denkwürdiges Datum

Heute vor 10 Jahren, am 4. November 2009, musste ich mich einer schweren Krebs-Operation unterziehen. Ein langes, zähes, schmerzliches Ringen um Genesung folgte. Grosse ärztliche Kunst, liebevolle Betreuung, gute Pflege, viel Geduld – und nicht zuletzt Gebete – halfen mir, die schwierige Zeit zu überstehen. Eine Menge Unterstützung bekam ich auch von meinem Sohn, DEM MANN, meiner Familie und meinem Freundeskreis. Nach monatelanger Behandlung wurde ich wie durch ein Wunder geheilt und darf noch immer freudig am Leben teilhaben.

Darum möchte ich heute allen, die dazu beigetragen haben, laut «Danke, Danke, Danke» zurufen für die zehn geschenkten, wunderbaren Jahre! Der folgende, selbst verfasste Psalm soll meinen Empfindungen Ausdruck verleihen.

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Dankes-Psalm (von Elisa)

Der liebe Gott geht durch die Welt… IHM folge ich auf dem Fuss.
Denn überall dort, wo DU hintrittst, o Herr, hinterlässt DU Deine göttlichen Spuren.

DICH, meinen Schöpfer, sehe ich –
im winzigen Schneekristall, der in der Sonne glitzert wie ein Diadem,
im goldenen Abendlicht, wenn der Horizont erglüht,
im weissen Blümchenteppich auf schattigem Grund.
DU schaust mich an in der Reinheit von Kinderaugen,
DICH entdecke ich im nachtblauen Himmel, den ein Silbermond bewacht.

DICH, meinen Schöpfer, fühle ich –
im weichen Moospolster, auf dem das kunstvoll geformte Schneckenhaus liegt,
im Tau des kühlen Grases, das meinen nackten Fuss umfängt,
im feinen Sand, der mir durch die Finger rieselt.
DICH erahne ich in der Sanftheit der Brise auf meiner Wange,
im seidigen Fell der Katze, die mir um die Beine streicht.

DICH, meinen Schöpfer, rieche ich –
im Duft der voll erblühten Rose, im Geruch von sonnenwarmem Heu,
in der Herbheit des roten Ahornblatts, das unter meinen Schritten raschelt.
DICH schmecke ich im würzigen Kaffee und im Duft von knusprigem Brot.

DICH, meinen Schöpfer, höre ich –
im süssen Gesang der Amsel, die das Morgenlicht begrüsst,
im Wispern des Windes, der in der Baumkrone die Blätter fächelt.
DICH erfahre ich im Rauschen des Meeres, das den Strand umspült,
DIR spüre ich nach im Wunder der Musik,
deren Klang trennende Mauern durchbricht.

Der liebe Gott geht durch die Welt… IHM folge ich auf dem Fuss.
Denn jedes Mal, wenn ich DICH erkenne, o Herr, schenkst DU mir den Glauben neu.
Mit jedem Atemzug und jedem Herzschlag danke ich DIR,
dass überall da, wo DU bist, mein Herz sich wie im Himmel fühlt.

Elisabeth, 4.11.2019

Inspiriert vom Lied «Waldandacht – Der liebe Gott geht durch den Wald», komponiert von Franz Wilhelm Abt, 1819 – 1885, Text von Leberecht Blücher Drewes, 1816–1870, zu hören auf „YouTube“.

Die Diagnose

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Das entfernt mit mir verwandte Ehepaar war bereits über 80, als eine ärztliche Diagnose den beiden ihre alten Tage vergällte. Der Arzt hatte dem Mann eröffnet, dass er einen Leistenbruch habe, und ihn auch gleich im Spital angemeldet. Auf dem ganzen Heimweg jammerte der Patient: «Ich gehe nicht ins Spital, ich war noch nie im Spital, ich habe Angst vor dem Spital, unter keinen Umständen gehe ich dorthin.» Sie versuchte ihn zu besänftigen, erklärte geduldig: «Du hast doch gehört, dass die Operation unumgänglich ist. Das ist nicht so schlimm, es ist eine leichte Operation. Du musst auch nicht lange im Spital bleiben.» Er aber liess sich nicht beruhigen.

In dieser Nacht schliefen beide schlecht. Am Morgen gegen 6 Uhr schreckte sie aus dem Schlaf auf. Das Bett neben ihr war leer. Sie wohnten im zweiten Stock in einem der historisch wertvollen Altstadtbauten in der Nähe der Kirchenfeldbrücke in Bern. Auf blossen Füssen rannte sie im Nachthemd ins Treppenhaus und sah gerade noch, wie er nach unten ging. Er trug Pantoffeln, einen karierten Pyjama und darüber seinen seidenen Morgenmantel. «Um Gottes Willen, Henri, wo gehst du denn hin in diesem Aufzug?» rief sie ihm nach. Seine Antwort liess sie Schlimmes erahnen: «Ich will nicht ins Spital. Lieber bringe ich mich um. Ich gehe jetzt zur Kirchenfeldbrücke und springe hinunter.»

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Immer wieder haben verzweifelte Menschen mit einem Sprung von dieser Brücke Selbstmord begangen. Nach einer Häufung von Suiziden mit traumatisierten Augenzeugen liess die Stadt 2015 den Brückenzaun mit Fangnetzen sichern, wie das bei der Münsterplattform bereits der Fall war. Zum Zeitpunkt meiner Geschichte waren die Fangnetze jedoch noch nicht angebracht.

Sie geriet in Panik und schrie, den Tränen nahe, nach unten: «Bitte, bitte, tu das nicht, ich flehe dich an. Denk doch…» Da fiel die Haustüre ins Schloss. In fliegender Eile, mit zittrigen Händen, wusch und kämmte sie sich, schlüpfte fahrig in ihre Kleider, um ihm zu folgen. Als sie eben das Haus verlassen wollte, kam er mit gesenktem Kopf zurück und sagte leise: «Heute kann ich nicht springen, es hat bereits zu viele Leute auf der Brücke. Aber ich gehe niemals ins Spital.»

Beinahe hätte sie gelacht. Später am Morgen beschloss der herbeigerufene Arzt, dem alten Mann eine starke Beruhigungsspritze zu verabreichen. Er schlief fest, als ihn zwei Pfleger zu Hause abholten und ins Spital brachten.

Nach der Operation, nachdem er aus der Narkose erwacht war, sah er seine Frau verwundert an und meinte: «Es hat ja gar nicht weh getan. Wenn ich das bloss gewusst hätte…» Da lächelten sie einander an, erleichtert – und fast ein wenig spitzbübisch.

Elisabeth, 29.10.2019

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