Leben, lieben, sterben

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»Herr, es ist Zeit…» Der dies dichtete, war bekanntlich Rainer Maria Rilke. Er hatte den Herbstanfang im Sinn. Ich möchte den Gedanken weiter fassen. Wenn man 75 ist, schwindet die Lebenszeit spürbar, stetig, und man hat bereits mehrere Male erleben müssen, wie ein geliebter Mensch auf einmal nicht mehr ist.

Der endgültige Weg, der Weg ins Sterben, ist die schwierigste aller Lebensaufgaben, das letzte grosse Loslassen. Es heisst, das Leben selbst mit allem Drum und Dran aufgeben; sich verabschieden von Bitternis und Enttäuschung, die sich im Laufe der Jahre im Herzen angesammelt haben, aber auch von aller Zärtlichkeit und Freude. Was ist wohl schwieriger preiszugeben, das Belastende oder das Schöne? Mit zunehmendem Alter dämmert einem, dass die Tatsache der eigenen Vergänglichkeit weder trivial noch angenehm ist, sondern im Gegenteil belastend. Sie erscheint einem widernatürlich. Selbstverständlich wissen wir, dass Leben am Ende Tod bedeutet, aber fast unser ganzes Dasein lang ist es nicht viel mehr als ein abstrakter Gedanke, der das Herz (noch) nicht erreicht hat. Können wir uns den Tod überhaupt vorstellen? Ich frage mich, wie der wandelbare Geselle wirklich aussieht, der mal auf leisen Sohlen, mal laut und hässlich, mal als Freund und mal als Feind, und meistens zur Unzeit, auftaucht. Das Bild vom Sensenmann hat mir nie behagt. Viel lieber male ich mir aus, dass es ein Todesengel mit mächtigen Schwingen ist, der einem den Lebensatem vom Munde küsst und die Augen sachte schliesst, bevor er die Seele zum Schöpfer zurückträgt.

Was geschieht nach dem Tod mit unserem Bewusstsein? Was mit den während des Lebens zusammengetragenen Erfahrungen? Spürt man etwas von der Kälte und Erstarrung, die den Körper von einer Sekunde zur anderen befallen? Die meisten Menschen hängen am Leben und wollen nicht sterben. Wir wissen ja praktisch nichts darüber, müssen dennoch den endgültigen Schritt ins Unbekannte alleine tun. Ich finde, das kostet enorm viel Tapferkeit. Ist Sterben ein schmerzhafter Prozess wie die Geburt, oder ist es im Gegenteil eine beglückende Befreiung von der Erdenschwere? Was erwartet uns im Jenseits – ein totales Nichts – oder die Fülle bei Gott? Mich besänftigt Letzteres. Die Aussage Rilkes: «Vergangen nicht – verwandelt ist, was war» setzt ebenfalls ein hoffnungsvolles Zeichen.  

Wenn ich versuche, in die verschwiegenen Ursprünge unserer Existenz einzutauchen, komme ich zu neuen Bildern. Auf Erden werden wir gezeugt, meist in Liebe, manchmal in Not oder Schande, doch unser Ursprung liegt nicht prioritär in menschlichem Tun; er geht auf eine göttliche Quelle zurück. Geheimnisvoll lässt der ewige Lebensfunke neue Geschöpfe erglühen, lässt sie wie Sternschnuppen in die irdische Wirklichkeit gleiten und dort ihre Bahn ziehen, bis sie auf göttliches Geheiss – man weiss nie wann – erlöschend an ihren Ursprung zurückkehren.

Für mich persönlich wird Sterben dereinst bedeuten: Abschied von der Musik, von morgenfrischen Sonnenaufgängen und feurigen Sonnenuntergängen, von lauen Frühlingslüftchen, blühenden Bäumen und blumenübersäten Wiesen, von warmen Sommernächten mit ihren fröhlichen Festen, vom Farbentaumel des Herbstes, von winterlichen Traditionen, jubelnden Gesängen, Kerzenschein – kurz, Abschied von der Schönheit des Lebens. Vor allem aber beinhaltet Sterben das herzzerreissende Abschiednehmen von meinen Allernächsten und von vertrauten Freunden.

Unser Dasein verläuft auf verschlungenen Wegen, rätselhaft, undurchschaubar. Wir mühen uns ab und lieben es dennoch, wir lehnen uns auf und machen’s uns selbst nicht leicht. «Das Leben ist eine Wundertüte aus Gottes Hand», hat unsere Pfarrerin neulich gesagt. Der Glaube, dass eine höhere Weisheit über allem steht, vermag indes nicht jedermann zu trösten. Doch wie wunderbar, wenn am Ende unseres Lebens das Einverstanden-Sein in uns gereift ist und wir dankbar sein können für Freude und Leid. Denn am Schluss, so denke ich, gleicht sich alles aus. Was zählt, was überdauert, ist die Liebe und ihr Nachklingen in den Herzen der Zurückgebliebenen. Selbst vergangene Liebe bleibt Liebe. Ihr Zauber ist nicht vergänglich. Sie ist das Unbegreiflichste und Kostbarste, was zwischen Menschen entstehen kann. Schon als junge Frau war ich angerührt von Theodor Storms Zeilen: «Wer je gelebt in Liebesarmen, der kann im Leben nie verarmen.»

Elisabeth, 15.5.2019

Von Fröschen und Menschen

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Eines Tages verliessen die beiden Frösche Franz und Fritz ihren Tümpel, um die weite Welt zu erforschen. Sie hüpften fröhlich quakend durch die Gegend und kamen zu einem Bauernhof. Vor dem Stall stand ein grosser Eimer. „Was ist wohl da drin?“ wunderte sich Frosch Fritz. „Schauen wir mal nach,“ schlug Frosch Franz vor. Gesagt, getan. Sie nahmen Anlauf und – hoppla! – landeten in einem Eimer, der bis zum Rand mit Milch gefüllt war. Da die Milch dick und cremig war, begann sie ihre Nasenlöcher zu verstopfen. Was tun? Die Weibchen herbei zu quaken, würde kaum helfen, obwohl Weibchen sehr oft Rat wissen, aber es war zu befürchten, dass sie mit leichter Hysterie auf die Situation reagieren würden. „Schwimmen, wir müssen schwimmen,“ schnarrte heiser Frosch Franz. Sein Freund gehorchte. Also begannen sie zu paddeln, zu paddeln… Sie paddelten im engen Rund, bis sie sehr müde wurden. Da seufzte Frosch Fritz: „Ich kann nicht mehr, ich gebe auf. Adieu.“ Mit schweren Schenkeln liess er sich fallen und sank auf den Grund des Eimers. Das war das verfrühte und unrühmliche Ende von Fritz. Nicht so Franz, der sich nicht entmutigen liess: In stillem Eifer schwamm er weiter, immer im Kreis, die ganze Nacht hindurch. Am andern Morgen, als die Sonne eben ihre ersten Strahlen über den Bauernhof sandte, sass Frosch Franz auf einem goldenen Butterberg und konnte bequem aus dem Eimer hüpfen. Wie schön für die Froschweibchen in seinem Tümpel!

Es gehört leider zum Leben, dass wir auf Schwierigkeiten stossen oder gar eine Krise durchzustehen haben. Dann braucht es Kreativität und vor allem Durchhaltewillen. Für eine solche Episode wünsche ich Euch von Herzen eine nie versiegende Ausdauer und genügend Kraft. Denkt dabei an den «goldenen Butterberg» bei Sonnenaufgang!

Elisabeth, 8. Mai 2019

Das Mittagessen

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Als ich im letzten Blog über Mademoiselle Georges berichtete, tauchte in meinen Gedanken unvermutet eine andere weibliche Person aus dem Pariser Büro auf: Mademoiselle Morice. Sie war zierlich und sehr scheu, das pure Gegenteil von Mademoiselle Georges. Sie bewegte sich wie ein erschrecktes graues Mäuschen durch die Korridore, was in merkwürdigem Gegensatz zu ihrer Stellung als Sekretärin des Vizedirektors zu stehen schien. Doch dieser Herr war jähzornig und unbeherrscht. Den ganzen Tag hörte man ihn herumbrüllen, sogar am Telefon. Mademoiselle Morice war sein bevorzugtes Opfer; sie liess sich tagein, tagaus von ihm herumhetzen und schlecht behandeln. Dabei war sie tüchtig, arbeitete effizient und äusserst pflichtbewusst. Warum wehrte sie sich nicht? War sie von Kindheit an solch miese Behandlung gewohnt? Oder war es, weil es auch damals schon schwierig war, in Paris eine Stelle zu finden? Dass sie in ihren Chef verliebt war, konnte ich mir nicht vorstellen.

Manchmal, wenn er einen englischen Brief diktieren wollte (was zum Glück nur selten vorkam), liess er mich rufen. Ich fand ihn unsympathisch und nicht ganz normal. Ständig warf er mit Papieren oder gar Büromaterial um sich, verwechselte eines seiner zwei Telefone, schrie nacheinander in beide. Sein Pult glich einem Schlachtfeld. Mit mir war er einigermassen anständig, vielleicht, weil ich wie er aus der Schweiz kam. Dennoch verliess ich jedes Mal nach dem Diktat aufatmend sein Büro und dachte: «Gottseidank muss ich den nicht öfters ertragen.» Natürlich war mir selbst damals klar, dass ich in dieser Umgebung meine ersten Lektionen in Lebensschulung bekam!    

Das Büro von Mademoiselle Morice lag neben unserem. Eines Vormittags, kurz vor Weihnachten, kam sie zu uns herüber. Sie sah ganz verwandelt aus: ihre Augen strahlten, glücklich lächelnd erzählte sie uns, ihr Chef habe sie heute Mittag zum Essen eingeladen. «Endlich», sagten wir, «endlich zeigt er ein wenig Wertschätzung!»

Wir schauten aus dem Fenster, wie Chef und Sekretärin auf das feine Restaurant am Ende der Strasse zusteuerten.

Die Zeit über Mittag wurde uns lang. Wir platzten fast vor Neugierde. Was würde sie erzählen? Wie wir wissen, ist Frankreich ein Eldorado für alle Geniesser. Beim Warten malten wir uns aus, was für ein opulentes Mahl aufgetischt werden würde – von einem herrlichen Dessert ganz zu schweigen. Vielleicht gab’s zum Kaffee gar eine Tarte Tatin? Eine Crêpe Suzette? Eine Tarte Framboises? Oder köstliche Petits Fours?

Endlich kam sie zurück. Sie wirkte noch zerbrechlicher als sonst, das Strahlen war verschwunden. «Erzähl», baten wir. Da flüsterte sie: «Er hat für mich nur den Kaffee bezahlt.» Niemand sagte ein Wort. Voller Mitgefühl sah ich, wie sich aus ihren Augen zwei dicke Tränen lösten und über ihre blassen Wangen rollten. Still ging sie hinaus, zurück an ihre Arbeit.

In mir schoss heisse Empörung über den kaltherzigen Geizhals auf. Aber keine von uns hatte ein Wort des Trostes für sie gefunden. Gab es da überhaupt einen Trost?

Elisabeth, 30.4.2019

Fräulein Georges

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Im Büro nannten sie alle «Mademoiselle Georges», und nicht «Madame Georges», obwohl sie ein Kind hatte. Wir waren im Korrespondenzdienst sechs Frauen. Auf relativ engem Raum arbeiteten wir zusammen, mal besser, mal schlechter, denn Missgunst und Tratsch waren nie weit. Der Sitz des Versicherungsmaklers lag auf zwei Etagen in einer ruhigen Quartierstrasse in Paris, in der Nähe des Parc Monceau. Alain Delon hatte gleich vis-à-vis ein kleines Appartement, das er zu unserem Leidwesen höchst selten aufsuchte.

Das Foto, das Mademoiselle Georges mir, kaum war ich angekommen, von ihrem kleinen Nicolas unter die Nase hielt, zeigte einen hübschen, kraushaarigen, etwa 7jährigen Jungen. «Von einem Marokkaner», erklärte sie stolz. Dann glitt ein Schatten über ihr Gesicht. «Ich weiss nicht, wo der Mann inzwischen lebt. Er ging weg, als ich schwanger war.»

Sie war in der Bretagne aufgewachsen, ihre Mutter früh verstorben. Ihr Vater, inzwischen alt und gichtgeplagt, war dort Landarzt gewesen. Auch von ihr gab’s ein Foto, ein früheres: Eine schöne junge Frau. Jetzt trug sie eine hässliche Brille mit dicken Gläsern und hatte strähniges Haar, das sie von Zeit zu Zeit selber stutzte. Einst hochgewachsen und schlank, war sie nunmehr in die Breite gegangen. Die Kleider, die sie auf dem Flohmarkt kaufte, standen ihr nie, obwohl sie sie immer voller Freude im Büro vorführte. Mit Stolz präsentierte sie vom «Marché aux Puces» auch ein Kästchen mit Lippenstift-Muster, wie man sie damals im Warenhaus sah, als Hilfe für die Wahl des richtigen Farbtons. «Von Dior», strahlte sie und wies auf die 15 unappetitlichen Stummel hin. In der Folge schmierte sie sich jeden Tag eine neue Farbe auf die Lippen, ob sie ihr nun stand oder nicht – Hauptsache «von Dior».

Die Kolleginnen belächelten sie. Ich mochte sie. Gewiss, sie besass einiges an Naivität und Gutgläubigkeit, das merkte selbst ich unerfahrenes junges Ding aus einer Schweizer Kleinstadt. Doch sie war die Freundlichkeit in Person, und die Art, wie sie dem Leben und ihrer offensichtlichen Armut mit einem Lächeln trotzte, hatte etwas Berührendes.

«Les Halles», dieser seit dem 12. Jahrhundert bestehende, legendäre Grossmarkt Frankreichs mitten im Herzen der Stadt, existierte 1964 noch am alten Standort. Er war fest mit dem Quartier verwachsen und ein unvergleichlicher Ort, dem der Ruf des quirlig-bunten Besonderen, aber auch des gefährlich Verruchten anhing. Zum Leidwesen vieler wurden «Les Halles» 1970 abgebrochen und in die Peripherie verlegt. Dabei sollen Heere von aufgescheuchten Ratten das Weite gesucht und die prekären Hygieneverhältnisse in aller Deutlichkeit sichtbar gemacht haben. Ob die Nager wohl ebenfalls in die Peripherie umzogen?

Einerlei. In jenem Sommer, als ich mein einjähriges Büropraktikum absolvierte, hatte Mademoiselle Georges einen, wie sie glaubte, zündenden Einfall: Sie würde für ihre Kolleginnen und Kollegen frühmorgens auf dem Markt Früchte und Beeren holen und sie im Büro gegen ein kleines Aufgeld weiterverkaufen. Es war ein schöner, heisser Sommer. Mademoiselle Georges radelte jeden Morgen vor Arbeitsbeginn durch die halbe Stadt und zurück, durch Verkehr, Gestank und aufkommende Hitze, und kam mit einer kleinen Kiste auf dem Gepäckträger um 9 Uhr im Büro an. Durch die holprige Fahrt über Pflastersteine hatten die empfindlichen Früchte bereits gelitten. Gut möglich, dass sie in «Les Halles» auch Früchte zweiter Wahl erstanden hatte. Der Lauf der Dinge war vorauszusehen: Kaum jemand interessierte sich für den etwas lädierten Segen, und so blieben die meisten Körbchen bis am Abend in unserem Büro stehen, was ihrer Qualität nicht eben zugutekam. Sie liess sich nicht entmutigen. Unverdrossen ging sie von Zeit zu Zeit in beiden Stockwerken von Büro zu Büro, schnitt angeschlagene Pfirsiche in Schnitze und verteilte an jede und jeden mindestens einen Schnitz, während sie selbst einen ass und dabei mit einem verzückten «miam-miam» zur Decke schaute, um zum Kauf zu animieren. Ebenso verschenkte sie die besten Beeren aus den verschiedenen Körbchen und wartete gespannt auf die Reaktion. Doch wir assen damals lieber Schleckzeug wie Biskuits, Bonbons und «Mon Chéri», die wir bei einer anderen Kollegin kauften, die sich um Kundschaft nicht bemühen musste.

Manchmal, am Abend, bevor ich das Büro verliess, erbarmte ich mich und kaufte ein Körbchen mit zermantschten, halb verfaulten Früchten, das sie mir dankbar, wohl zum Schleuderpreis, überliess. In meinem Zimmer ass ich ohne grossen Appetit die wenigen noch essbaren Beeren und kippte den Rest in meinen Abfalleimer. Damit setzte ich mich regelmässig einem Donnerwetter meiner Zimmerwirtin aus, die mich eine Verschwenderin schalt und mich aufforderte, nur noch soviel zu kaufen, wie ich auch essen möge. Meinen Erklärungsversuchen schenkte sie keinen Glauben. Und so verlor Mademoiselle Georges schliesslich als Kundin auch mich.  

In der Erinnerung steigt mir der faulige Beerengeruch, dem wir einen ganzen Sommer lang ausgesetzt waren, noch immer in die Nase. Mademoiselle Georges gab ihr Vorhaben erst auf, als kalte Herbstnebel über der Seinestadt aufzogen. Heute liebe ich Beeren über alles und bin jedes Mal betrübt, wenn die Saison der Sommerfrüchte zu Ende geht. Damals in Paris war ich froh darüber…

Elisabeth, 23.4.2019

Jerusalem

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Es ist am Vorabend von Jom Kippur, dem Versöhnungsfest, das als höchster jüdischer Feiertag gilt. In früheren Zeiten schickte der Priester einen Ziegenbock als Sündenbock in die Wüste.

Zusammen mit israelischen Freunden sind DER MANN und ich in der Jerusalemer Altstadt unterwegs. Aus allen Gassen und Gässchen strömen massenhaft Leute, alle mit dem gleichen Ziel: die Klagemauer. Junge und Alte, Orthodoxe, Chassidim, Liberale, alle in Feststimmung und Festkleidung; gelöst, freudig, erwartungsvoll, mit Gebeten auf den Lippen. Auf dem Gebetsplatz vor der Klagemauer wimmelt es nur so von Menschen, mehr als ich je auf einem Haufen gesehen habe. Wunderbare Gesänge erfüllen die Luft, Lachen, Gemurmel, Fröhlichkeit, Anbetung, wohin man schaut.

Wie heisst es doch mahnend auf der EDA-Homepage über Israel? „Wegen der angespannten Situation ist in Jerusalem besondere Vorsicht geboten, vor allem bei Altstadtbesuchen an jüdischen und islamischen Feiertagen.“ Daran denken wir jetzt nicht. Es ist eindrücklich, mystisch, vermischt mit ehrfürchtigen Schauern, Gänsehaut rieselt über den Rücken. Wir lassen uns von der heiteren, sinnesfrohen, bisweilen leidenschaftlichen Stimmung anstecken, uns mitziehen in diesem Menschenstrom, der vor Vorfreude vibriert. Wir erfahren kaum Stockungen, die Menge bewegt sich zielstrebig. Nachdem wir den geschichtsträchtigen Platz wieder verlassen haben, gibt’s keinen Weg zurück, nur vorwärts. Auch wir sind relativ rasch unterwegs. Die zahlreichen bewaffneten Sicherheitsbeamten nehmen wir kaum zur Kenntnis. Ich gehe am äussersten Rand auf der linken Seite. Meine leichte Bluse mit den langen Fledermausärmeln bläht sich im aufkommenden Wind. Plötzlich spüre ich etwas Kaltes, Metallisches an Ellbogen und Oberarm – und entdecke einen Gewehrlauf, der sich in meinen Blusenärmel verirrt hat. Ich habe mir buchstäblich einen Sicherheitsbeamten geangelt! Blitzschnell ziehe ich meinen Arm weg, befreie den Ärmel vom Sturmgewehr und murmle: „Sorry!“ Der Soldat verzieht keine Miene. Mir aber fährt nachträglich der Schreck in die Glieder.

Später verfolgen DER MANN und ich im Fond eines Taxis amüsiert eine heftige, in Hebräisch geführte Diskussion zwischen Sicherheitsoffizier, Taxifahrer und unseren Freunden. Wir verstehen kein Wort, aber dass die Emotionen hochfliegen, ist unverkennbar. Der Grund ist leicht zu erahnen: wir sitzen fest, umringt von Menschenmassen, blockiert durch gesperrte Zufahrten. Schliesslich dreht sich der Sicherheitsoffizier mit harter Miene weg, ohne weiteren Kommentar – nicht einmal ein Wendemanöver hat er erlaubt. Unserem Chauffeur bleibt nichts anderes übrig, als das Taxi samt Fahrgästen rückwärts ein unglaublich steiles, furchtbar enges und holpriges Gässchen hinunter zu quälen. Mit mehr Krach als Ach finden wir schliesslich zum Ausgangspunkt zurück, dem Parkhaus vor den Toren der Altstadt. Natürlich, hier geht Sicherheit immer vor! Die lückenlose Bewachung ist es ja, die es ermöglicht, die Magie der Stadt ungestört in sich aufzunehmen.

Dieser Magie kann sich kaum jemand entziehen. In meinem Reiseführer steht gar: In Jerusalem beginnt selbst der überzeugteste Atheist an Gott zu glauben. Allein die Schönheit des Ortes, das warme Licht, die Bauten aus goldfarbenem Stein, die liebliche Lage in den Hügeln mit den grünen und silbrigen Kronen der Feigen- und Olivenbäume reichen für den Gesinnungswandel aus.

Auch für uns ist Jerusalem etwas ganz Besonderes. Es gibt wohl keinen Ort auf Erden, wo mehr gebetet, gesungen, Gott gelobt und angefleht wird, das gibt der Stadt ein ganz spezielles Gepräge. Doch erst am Ende des Tages, wenn Hitze, Gewimmel und Getöse der geschäftigen Stunden am Verebben sind, spürt man, wie Gottes mächtiger Atem durch die engen Gassen der Altstadt strömt. Im uralten Gemäuer nisten Geheimnisse, wehen Erinnerungsfetzen aus dem Altertum, wispert der Wind. Er trägt den Nachhall jahrtausendealter Geschichten über die heiligen Dächer hinaus und in unsere Zeit hinein. Sie erzählen von Siegen und Niederlagen, menschlichen Leidenschaften und Blutvergiessen – und von Jahwe, dem Ewigen.

Das jüdische Pessachfest, das an den Auszug aus Ägypten erinnert, beginnt dieses Jahr am Abend des 19. April nach Sonnenuntergang und dauert eine Woche, während wir Christen Karfreitag und Ostern feiern. Ich wünsche Euch frohe und erholsame Tage. Freut Euch: der Tod hat nicht das letzte Wort!

Elisabeth, 10.4.2019

Der Hund

Auf dem einsamen Feldweg, völlig aus dem Nichts, tauchte er hinter uns auf: ein grosses, zotteliges, schwarzes Ungetüm von einem Hund. Meine Kniee begannen zu schlottern, während mein Sohn unbekümmert voranschritt. Der Hund folgte jetzt ihm, ging auf Distanz zu mir, als würde er verstehen, warum mich jeder freilaufende Hund erschreckte, seit ich als Kind von einem Schäferhund von hinten umgestossen und gebissen worden war. Seither dauerte es seine Zeit, bis ich Vertrauen zu einem unbekannten Tier fasste, obwohl ich mit dem Schäferhund meiner Grosseltern aufgewachsen war.

Diese Zeit gewährte mir unser neuer Gefährte. Erst nach einer Weile, als ich mich nicht mehr vor ihm fürchtete, kam er zu mir und blieb dicht an meiner Seite, ganz ritterlicher Beschützer. Was für ein feinfühliges, sanftmütiges Geschöpf! Schon bald wuchs er meinem Sohn und mir ans Herz. Offenbar spürte er die aufflammende Zuneigung. Nach einer Weile rannte er übermütig nach vorn, dann wieder zurück und schaute aus treuen Augen zu mir hoch. Kam eine Wegkreuzung, wartete er geduldig, bis wir die Richtung vorgaben; ebenso, wenn wir uns ausruhten, um uns aus dem Rucksack zu verpflegen.

Am Nachmittag kehrten wir in einem Dorf in den Gasthof ein. Die Wirtin brachte dem Hund Wasser, und ich bestellte ein Paar Würstchen für ihn. Der Kerl hatte offenbar mächtig Hunger. Freudig stürzte er sich auf das Bestellte und hatte die beiden dünnen Würstchen in Sekundenschnelle verschlungen. Voll neuer Energie tollte er hierauf im Blumengärtchen der Wirtin herum. Ich versuchte ihn davon abzubringen, doch ohne Erfolg. Das erzürnte die Wirtin und sie befahl mir, meinen Hund zurückzurufen. «Er gehorcht mir nicht, denn er ist gar nicht mein Hund», gab ich zur Antwort und erntete ungläubiges Kopfschütteln. Rasch tranken wir aus, damit wir uns so schnell wie möglich mit unserem ungestümen Gefährten wieder auf den Weg machen konnten. Ich begriff, dass das Tier gewohnt war, sich äusserst frei zu bewegen.

Auf der Schlussstrecke bangten wir um ihn. Es war eine befahrene Strasse, und Barry, wie wir ihn inzwischen nannten, rannte mitten auf der Strasse kreuz und quer vor uns her. Da fand ich es an der Zeit, ihn zurückzuschicken. Wenig erstaunlich, auch diesmal gehorchte er nicht. Immer wieder redete ich ihm gut zu, scheuchte ihn weg. Er blieb. Hatte er uns nicht den ganzen Tag begleitet? Uns sozusagen adoptiert? Uns gezeigt, dass ihm an uns lag?

Auf dem Bahnhof versuchte ich erneut, ihn zur Umkehr zu bewegen. Doch er wich nicht mehr von unserer Seite. Als der Zug kam, wollte Barry partout mit uns einsteigen, so dass der Zug schliesslich ohne uns wegfahren musste. «Schau, mein lieber Barry», erklärte ich ihm, «du wärst in der Stadt todunglücklich. Ausserdem ist in unserer Wohnung kein Platz für einen so grossen Hund wie dich.» Wie hätte er das verstehen können? Er kannte offensichtlich nur die Freiheit auf dem Land. Schweren Herzens gingen wir zum Stationsbüro und erklärten dort die Sachlage. «Er trägt eine Marke. Lassen Sie ihn hier, wir werden morgen seine Besitzer ausfindig machen», schlug die nette Stationsbeamtin vor. Nachdem sie ihn im Stationsbüro eingeschlossen hatte, entfernten wir uns. Ein letztes Mal sahen wir zurück. Barry sprang verzweifelt hinter der Scheibe auf und ab und heulte, dass wir es draussen hören konnten. Meine Brust zog sich zusammen. Am liebsten hätte ich mitgeheult.

Wie ich anderntags bei meinem Anruf erfuhr, war er auf einem Bauernhof zu Hause. Weshalb hatte er weglaufen wollen? Wurde er schlecht behandelt, oder fühlte er sich einsam, weil seine Besitzer keine Zeit für ihn hatten? Wir wussten ja unterdessen, dass sich unter dem struppigen Fell ein gefühlvolles Herz versteckte.

Selten bringen wir Menschen es fertig, starke Gefühle wie etwa Schmerz, Verzweiflung, Enttäuschung derart unvermittelt zu äussern wie Barry. Dabei brächte dies die Menschen einander näher. Hunden gelingt dies spielend. Ob man einen Hund nicht zuletzt deshalb «den besten Freund des Menschen» nennt?   

Elisabeth, 3.4.2019

Im Wald

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Kommt Ihr mit mir ins Dämmer eines Waldes? Stille geniessen? Tannenduft einatmen? Verwunschenen Pfaden folgen?

Ich liebe den Wald, zu jeder Jahreszeit: Im Frühling, wenn es fein nach Holunderblüten riecht, wenn die jungen Knospen der Buchen aufspringen, sich Sonnenstrahlen zwischen die Bäume stehlen und Myriaden lichtgrüner junger Blättchen zum Leuchten bringen; im Sommer, wenn der kühle Schatten einen wohltuend umfängt, das Harz an warmen Baumstämmen seinen würzigen Duft entfaltet, Beeren reifen und es rundum brummt und summt von Bienen und Fliegen; im Herbst, wenn die Ameisenhaufen wimmelnd hoch sind, wenn das Laub unter den Füssen raschelt, milchiges Sonnenlicht durch die Bäume fällt, die in einem wundervollen Farbrausch erglühen; im Winter, wenn leichte Pfotenabdrücke auf der jungfräulich weissen Erde das Vorbeihuschen von Waldtieren verraten, wenn die dunklen Tannäste – geschmückt mit einer diamanten glitzernden Schneepracht – in ihrer Schwere fast bis zum Boden reichen.

Schon als Kind war ich am liebsten im Wäldchen in der Nähe meines Elternhauses. Im Frühjahr bedeckte ein dichter Teppich weisser Buschwindröschen den moosigen Waldboden, aus dem etwas später winzige Büschel violetter Veilchen hervorlugten, die ich gerne für meine Mama pflückte.

Und doch: dieses und jenes Ausgeliefertsein in unangenehmer Situation hat mich das Schaudern gelehrt. Wenn ich ohne Begleitung auf menschenleeren Waldwegen unterwegs bin, fürchte ich mich stets ein wenig und bewege mich schneller als sonst.

Nun ja, ich ging trotzdem immer wieder hin, damals, in den Jahren nach meiner Scheidung. Während meiner Ehe hatte ich das Wandern lieben gelernt. Inzwischen war mein Sohn erwachsen geworden, also machte ich mich nach seinem Wegzug an den Wochenenden oft allein auf die «Wandersocken», obwohl es ungewohnt war, ohne einen anderen Menschen an meiner Seite durch Feld und Wald zu streifen.

An einem sonnigen Sonntag hatte ich wieder einmal eine abwechslungsreiche Tageswanderung vor mir. Nach etwa einer Stunde kam ein Waldstück, durch das ich in rassigem Tempo schritt. Da entdeckte ich ein paar Meter vor mir auf einer etwas versteckten Bank einen Mann. Du lieber Himmel! Was, wenn?? Er grüsste freundlich, während ich an ihm vorbei hastete. Nervös blickte ich mich ein- oder zweimal um, um mich zu vergewissern, dass er mir nicht folgte.

Aufatmend konnte ich schon bald den Wald verlassen und gelangte in eine kleine Siedlung mit Häusern auf beiden Seiten des Weges. Plötzlich war der Mann neben mir. «Ich habe bemerkt, dass Sie sich im Wald vor mir fürchteten», sagte er. «Das hat mir leidgetan. Es ist wohl nicht immer einfach, eine Frau zu sein.» Bei diesen einfühlsamen Worten hätte ich beinahe geweint. Wie Recht er hatte! Jetzt schaute ich ihn genauer an und sah in seinen Augen, dass er, wenn auch kaum viel älter als 40, ein gütiger Mensch war. Ganz selbstverständlich gingen wir miteinander weiter, wir wanderten den ganzen Tag Seite an Seite, auch durch Waldstücke, assen unterwegs in einem Landgasthof eine Kleinigkeit. Dabei führten wir anregende Gespräche, lachten fröhlich und genossen die gegenseitige Gesellschaft. Ein sorgloser Tag! Mein Begleiter auf Zeit entpuppte sich als gebildeter, liebenswürdiger Mann, der mir ein grosses Geschenk machte: Geborgenheit und Ruhe in männlicher Gesellschaft, den wiedergewonnenen Glauben in die Männer.

Seinen Namen habe ich vergessen. An seine Freundlichkeit zurückzudenken, wärmt mir indes noch heute das Herz.

Elisabeth, 27.3.2019