Die etwas andere Weihnachtsgeschichte

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Ich bin immer wieder fasziniert, mit welchen Geschichten das Leben aufwartet. Fiktion wirkt geradezu blass dagegen.  

Eine ältere Freundin erzählt, dass sie und ihr Partner übereingekommen seien, über die Weihnachtstage zur Abwechslung einmal eine Carreise zu machen. Gesagt, getan.

Es ist der 22. Dezember. Auf ihrer Durchreise nach Ungarn übernachten sie mit der Reisegruppe in einem schönen Hotel nahe der ungarischen Grenze. Die grosse Empfangshalle ist festlich dekoriert, und neben der hohen eleganten Treppe steht ein mächtiger, prächtig geschmückter Weihnachtsbaum. Um zum Abendessen in den Speisesaal im Erdgeschoss zu gelangen, gilt es, diese Treppe hinunter zu steigen. Auf den obersten Stufen kommt ihnen der Hoteldirektor entgegen und begrüsst sie freundlich. Meine Freundin verwickelt ihn sofort in ein lustiges Gespräch. Typisch für sie, ist sie doch eine stete Frohnatur. Ärgert sich ihr Partner über ihre Plauderei? Jedenfalls macht er einen Fehltritt, worauf er das Gleichgewicht verliert. Was liegt einem Landmann näher, als bei einem Baum Halt zu suchen? Also packt er in der Not mit festem Griff den sterngeschmückten Baumwipfel in seiner allernächsten Nähe.     

Alles, was dann geschieht, geschieht fast gleichzeitig. Der sich am Weihnachtsbaum festklammernde Mann segelt in weitem Bogen durch die Halle zu Boden, wo die Tanne krachend hinfällt und ihn unter sich begräbt, während Weihnachtskugeln zerbersten, Dekorationsmaterial und Kerzen wie Geschosse umherfliegen. Eine amerikanische Reisegruppe, die beim Empfang steht um einzuchecken, stiebt erschreckt auseinander. Dabei prallt eine der kreischenden Amerikanerinnen in einen mit Geschirr hoch beladenen Servierwagen, mit dem ein Hotelangestellter im Begriff war, die Lobby zu durchqueren. Scheppernd fällt das Geschirr zu Boden und zerbricht in tausend Stücke, das Chaos ist perfekt. Und meine Freundin? Sie ist nach unten geeilt und sucht unter dem Baum ihren Partner. Als er benommen auf allen Vieren zwischen den Zweigen hervorkriecht, stellt sie erleichtert fest, dass ihm nichts fehlt. Dann beginnt sie zu lachen. «Du hättest das Tohuwabohu und den kriechenden Mann sehen sollen! Der Anblick war einfach zu komisch,» berichtet sie prustend. Auch mich erheitern allein schon ihre Schilderungen. Doch man stelle sich vor: Rundum beherrschen Verwüstung, Panik, Verwirrung die Szenerie, der prächtige Weihnachtsbaum ist ruiniert, alles liegt in Scherben – und sie hält sich vor Lachen die Seiten! Der bedauernswerte Hoteldirektor, der mit stummem Entsetzen aus der Höhe alles mitansehen musste, hat mit Sicherheit überhaupt nicht gelacht…

Als die Schweizer Reisegruppe nach vier Tagen auf der Rückreise wieder in diesem Hotel absteigt, präsentiert sich die Eingangshalle nüchtern bis trist. Keine Kerzen, keine Kugeln oder Tannzweige, geschweige denn ein Weihnachtsbaum. Und das Enttäuschendste: der Direktor ist nun gar nicht mehr freundlich. Man kann es ihm nicht verdenken, oder?

Ich wünsche Euch allen fröhliche Weihnachten. Tragt Sorge, vor allem Euch selbst – aber auch dem Weihnachtsbaum!

Elisabeth, 19.12.2018

Partnersuche

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Wie gut haben’s heutige «Singles»! Wenn sie des Alleinseins überdrüssig sind, schafft das Internet auf vielfältige Weise Abhilfe. In den Achtzigern und Neunzigern versuchten bzw. suchten wir «einsamen Herzen» unser Glück mittels Kleinanzeigen in der Lokalpresse oder in Zeitschriften. In den Jahren nach meiner Scheidung bescherte mir dies bei jedem neuen Anlauf eine Menge Herzklopfen und schlaflose Nächte, ausserdem kostete es Nerven; zum einen, weil die Wahl zwischen möglichen Kandidaten aufregend, zeitraubend und schwierig war, zum andern, weil ich bisweilen ungewollt zur Projektionsfläche von männlicher Erbitterung und gekränkter Eitelkeit wurde. Auf diesem «Brachland» tummelte sich zudem auch der eine oder andere Spanner.     

An einem sonnigen Sonntagmorgen stehe ich einmal mehr auf einem fremden Bahnhof und warte auf mein «Date», einen Unternehmer aus der Region. Um diese Zeit ist nicht viel los, so dass mein Warten auffällt. Ein dicker Mann, der immer wieder in meine Nähe spaziert und mich offensichtlich von allen Seiten taxiert, fasst sich schliesslich ein Herz und fragt: «Warten Sie auf Walter?» Ein verwahrlost aussehender Jugendlicher schleicht dauernd um mich herum, starrt mich lauernd an. Wartet auch er? Oder will er Geld? Ein hinkender Mann mit schütterem Haar lächelt mich zum wiederholten Mal einladend an, d.h. jedes Mal, wenn er auf seiner Runde um den Bahnhof an mir vorbei kommt. Beim schätzungsweise 7. Mal fragt er: Sind Sie die Rosmarie? Eine ältere Frau nähert sich. «Warten Sie auch auf die Kinder aus dem Klassenlager?» Nein und nochmals nein!!! Zum Donner, wo bleibt der «50Jährige mit der Zeitung unter dem Arm»? Da endlich, nach zehn langen Minuten: Ein sympathischer, pfeifenrauchender Mann kommt geradewegs auf mich zu.

Es wird eine fröhliche, kurzweilige Wanderung über Stock und Stein, auf der wir einander viel zu erzählen haben. Keinen Moment wird’s langweilig. Später trinken wir in seinem Haus an bester Aussichtslage Kaffee und essen Kuchen. Dann fährt er mit mir in seinem Auto in meine Stadt,  wo er mich in ein gutes Restaurant zum Abendessen ausführt. Ein gelungenes Treffen, ein interessanter Mann, ein vielversprechender Anfang! Da könnte etwas draus werden! Ich bin ganz glücklich. Am Ende des Abends will ich mich vor dem Haus, wo ich wohne, im Auto von ihm verabschieden. Als ich mich anschicke, ihm herzlich zu danken, ist der Mann, mit dem ich den ganzen Tag aufs angenehmste verbracht habe, urplötzlich nicht mehr wiederzuerkennen. Er packt mich brutal, drückt mich so fest an sich, dass ich fast ersticke. Grob kneift er mich an den  empfindlichsten Stellen, macht mir weh. Ich bin wie vor den Kopf geschlagen, verharre starr vor Schreck. Dann jedoch steigt Empörung in mir hoch. Sie hilft mir, Bärenkräfte zu entwickeln, und schliesslich gelingt es, mich loszureissen und ins Haus zu laufen. Völlig verwirrt verbringe ich wieder einmal eine schlaflose Nacht.

Am Montagabend komme ich erst gegen elf von meiner Arbeit als Englisch-Kursleiterin nach Hause. Vor meiner Türe wartet ein riesiger Blumenstrauss auf mich. Kaum habe ich die Wohnung aufgeschlossen, klingelt das Telefon. Als ich antworte, ist es der Unternehmer. «Aha,» denke ich, «der Prachtsstrauss soll wohl eine Art Wiedergutmachung sein.» «Sind die Blumen von dir?» frage ich. «Welche Blumen?» tönt es zurück. «Warum sollte ich dir Blumen schicken?» GuteFrage… «Nein», fährt er fort, «ich rufe an, weil ich mir soeben vorgestellt habe, wie du dich ausziehst und nackt im Bett liegst.» Der Hörer ist schneller zurück auf der Gabel, als ich denken kann.

Und der Blumenstrauss? Er ist, wie ich erst jetzt auf dem reizenden Kärtchen lesen kann, von einem Engländer, den ich rein zufällig im Theater kennenlernte – neckischerweise am gleichen Tag, als mein Inserat in der Tageszeitung erschien. Er versprach damals, mich nach seiner 2wöchigen Abwesenheit von der Schweiz zu kontaktieren – und tatsächlich! Kärtchen und Blumen sind der Auftakt zu einer fröhlichen Sommer-Romanze mit einem humorvollen englischen Gentleman.

Vom pfeifenrauchenden Unternehmer mit dem schicken Haus und den zwei Gesichtern habe ich nie wieder etwas gehört. Wen kümmert’s? Aber halt! Wäre das nicht ein absolut klassischer Fall für #MeToo? Keine Zeugen – blaue Flecken längst verheilt – fast 30 Jahre her?? Puhhh!

Elisabeth, 12.12.2018 

Schönheit

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Älter werden hat etwas Grausames, besonders für uns Frauen, haben wir doch schon in frühester Jugend verinnerlicht, dass Weiblichkeit mit «Zierde» verknüpft ist. Und nun das: Es sind nicht nur die körperlichen Unzulänglichkeiten, die mit den Jahren langsam aber sicher bei uns Einzug halten, nein, es ist ebenso die Schönheit, die sich in immer schnellerem Tempo von uns verabschiedet. Kürzlich war ich an einem Vortragsabend, der sich damit beschäftigte, wie wir Frauen Gegensteuer geben können. Die erschütternde Botschaft: Man kann das Alter nicht besiegen (haben wir das nicht schon immer gewusst?), man kann es nur hinauszögern, und das ist, weiss Gott, alles andere als billig.
Eine erfahrene Spezialärztin erklärte die Aufgabe der weiblichen Hormone bzw. die Folgen ihres Ausbleibens. Ehrlich erläuterte sie die drei Möglichkeiten, die uns Frauen noch bleiben. Wie bei allem, was vernünftig und kostenlos ist, steht an erster Stelle ein gesunder Lebensstil: nicht rauchen, nicht trinken, wenig Zucker, dafür viel Sport (Was macht ein Sportmuffel wie ich?). Einiges an Erfolg und Wohlbefinden bieten Hormonpräparate und Nährstoffe. Am wirkungsvollsten jedoch sind – man staune und seufze – teure medizinische Eingriffe wie Straffungen, Mundmodellierungen, Filler-Spritzen. Selbstverständlich muss solches regelmässig wiederholt werden, und das im ganzen Gesicht. Denn es gibt nicht nur Lachfältchen (die stören am wenigsten, obwohl böse Zungen von «Krähenfüssen» sprechen). Schauen wir den Tatsachen tapfer ins Gesicht, dann entdecken wir auch Stirnfalten (alle 10 Jahre eine mehr, sagen die Experten – wieder zu Hause, hab’ ich sofort nachgezählt!). Allmählich machen sich hängende Hamsterbäckchen und das gefürchtete Doppel- oder gar Dreifachkinn breit. Schlupflider verwandeln uns optisch in Chinesinnen, aus dem Nichts tauchen Halsfalten auf, die einer Schildkröte Ehre machen würden. (Habt Ihr bemerkt, wie viele ältere Damen Foulards tragen?) Die Knitterfalten rund um den Mund sowie die Furchen vom Nasenflügel zum Mundwinkel sind schuld, dass wir zusehends verhärmt oder gar grimmig aussehen. Es ist zum Heulen, so viele mimische Entgleisungen auf einem einzigen Gesicht! Von den Zornesfalten zwischen den Augenbrauen ganz zu schweigen. (Ich glaube, ich habe im Verlauf des Abends mindestens eine bekommen!)

Das alles wäre ja noch zu ertragen, aber was ist mit den hässlichen, ringförmigen Polstern rund um Taille und Hüfte, die uns aussehen lassen, als wären wir mit dem dicken chinesischen Buddha verwandt? Hier lautet das Zauberwort: Kältebehandlungen. (Mich friert allein der Gedanke…).

Du meine Güte! Jetzt begreife ich, warum alternde Männer sich plötzlich für junge Frauen interessieren: die kosten praktisch nichts, zumindest in kosmetischer Hinsicht. Aber wisst Ihr was? Mir ist an dem Abend erstmals klar geworden, dass wir Frauen uns gar nicht für die Männer schön machen (Tut mir leid, Ihr Lieben!), sondern für unsere Geschlechtsgenossinnen. Da füllten derart schick gekleidete und toll geschminkte Damen den Saal, dass ich vor Neid erblasste. Wie Models sahen viele von ihnen aus, schlank und rank, gestylt und getrimmt von Kopf bis Fuss, während ich so daherkam, wie ich nun einmal bin. Fühlt man sich als Frau da noch wohl? Nein, natürlich nicht! Inmitten solch blendender Perfektion saust das eigene Selbstbewusstsein flugs in den Keller.

Erst zu Hause kam ich wieder zu mir. Nie und nimmer würde ich einen solchen Aufwand betreiben, selbst wenn ich das nötige Kleingeld hätte. Wir müssen sowieso aufpassen, dass diesbezügliche Bemühungen mit der Zeit nicht etwa ins Gegenteil umschlagen. Mir ist es lieber, wenn man mir ansieht, dass ich über 70 bin und die Leute finden: «Die sieht in ihrem Alter doch noch ganz passabel aus», als dass sie mich wegen meiner Beauty Tricks viel jünger einschätzen und denken: «Diese 60Jährige mit den tiefschwarzen Locken sieht irgendwie alt aus.»

Was also? Liebe Schicksalsgenossinnen, ich schlage vor, wir machen’s wie der dickwanstige Buddha: Lächeln wir dem Leben und dem Alter entgegen! Fühlt sich das nicht prima an? Denn der chinesische Buddha lächelt, weil er glücklich ist (so will es zumindest die Legende). Und: Lächeln macht erst noch schön!

Elisabeth, 5.12.2018

Herzinfarkt

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Mein damals vierjähriger Sohn bekam im Winter einen starken Husten, so dass ich mit ihm zum Kinderarzt ging. Der Arzt hörte die geplagte kleine Brust aufmerksam mit dem Stethoskop ab – etwas völlig Unbekanntes für das Kind. Nachdem wir die Praxis verlassen hatten, sah es mit bekümmertem Gesichtchen zu mir auf und flüsterte: «Mami, bekomme ich jetzt einen Herzimfrack?»

Der Herzinfarkt kam 42 Jahre später – und mit solcher Wucht, als hätte er in der langen Zwischenzeit Anlauf genommen. Jene Tage gelten als die schwärzesten in meinem Leben. Gottlob konnte der Sohn durch das Einpflanzen von drei Stents gerettet werden. Wunderbarerweise ist er inzwischen wieder wohlauf.

Jedes von uns muss bisweilen Schweres durchmachen. Deshalb ist es sinnlos, neidisch auf jene zu schielen, denen es blendend geht, während man selbst in der Tinte sitzt. Das Leben ist ein ewiges Auf und Ab. Glück ist nie selbstverständlich, umso mehr empfinden wir es als etwas Kostbares. Wahr ist aber auch, dass wir es erst nach einer Pechsträhne so richtig schätzen können. Am dankbarsten sind wir wahrscheinlich, wenn wir «Glück im Unglück» haben.

Zum Thema «Pech» fällt mir eine Anekdote ein, die mit einer ziemlich unverblümten Lebensweisheit aufwartet. Vielleicht kennt Ihr sie schon?

Ein Mäuschen, das vor einer Katze floh, rannte in den Stall und flehte atemlos die nächstbeste Kuh an: „Ich werde verfolgt! Bitte hilf mir!“ „Mach ich“, brummte die Kuh gutmütig, „stell dich ganz schnell unter meinen Schwanz.“ Und schon platschte ein grosser Kuhfladen auf das Tierchen herab. Da erschien die Katze im Stall, sah sich kurz um. Dann schnappte sie sich – schwupps – das arme Mäuschen und frass es mit Haut und Haar. Und die Moral von der Geschicht’?

•  Nicht jeder, der dich ansch…., meint es schlecht mit dir.

  Nicht jeder, der dich aus dem Dreck zieht, meint es gut mit dir.

 Wenn du schon im Dreck hockst, dann zieh wenigstens den Schwanz ein!

Tröstlich zu wissen – und jetzt geht’s nicht um Mäuse: Wir sind Schwierigkeiten nie auf Gedeih und Verderben ausgeliefert. Vor allem dann nicht, wenn wir an Gott glauben.

Elisabeth, 28.11.2018

Sauna

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Die Sauna mag ich nicht. Es ist mir zu heiss da drin. Ich lasse mir nicht gerne einheizen, und ausserdem… Was ist das nur für ein Brauch, bei dem sich wildfremde Menschen freiwillig auf engstem Raum in stickiger Luft zusammenpferchen, mit Leuten notabene, die sie ausserhalb der Sauna nicht einmal grüssen würden? Doch jetzt schnauft, keucht und schwitzt man gemeinsam, was das Zeug hält. «Faute de mieux» betrachtet man die zur Schau gestellten Fettpölsterchen und wabbeligen Bäuche vis-à-vis und fragt sich, ob man ebenso unattraktiv aussieht. Fremde Ausdünstungen vermischen sich mit der eigenen. Fremder Schweiss tropft auf die Bank, auf der man sitzt. Die unschöne Blösse, die man sich hier gibt, hätte in der Öffentlichkeit, ausserhalb der Sauna, mit Sicherheit etwas Anstössiges. Oder besitzen alle Saunagänger/innen tolle, gestählte Körper wie in der Werbung?

Wie dem auch sei, einmal, da haben’s DER MANN und ich in einem schönen Hotel in Österreich versucht, d.h. es war nur ein Dampfbad. Kurz und gut, wir sind da rein in das kleine Häuschen, im Badeanzug und mit dem Badetuch unterm Arm. Niemand war drin, und rasch begannen die Schweissbäche zu rinnen. Auf einmal geht die Türe auf, und ein fremder, splitternackter Mann tritt ein. Leicht verlegen schauen wir weg. Da öffnet dieser freche Mensch den Mund und sagt deutsch und deutlich: „Ihr zwa san Sauhunde!“ Was, wir haben wohl nicht richtig gehört? Empört schauen wir ihn an – ist doch eher er ein nackter Sauhund, oder? Doch schon fährt er fort: „Im Badeanzug geht doch kaaner ins Dampfbad, des is ja so was von unhygieeenisch!“ Wortlos greifen wir nach unserm Frottétuch, schleichen betreten fort. Tja, das war’s dann – Sauna und Dampfbad können uns seither gestohlen bleiben. Wir sind doch keine Sauhunde, oder?

Elisabeth, 21.11.2018

Affentheater

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(Fortsetzung vom 7.11.2018, „Auf Safari“)

Am Tag danach wollte es mit „Abrahams schützendem Schoss“ nicht so recht klappen. Das hatte jedoch weder mit Nachtwächter Mose noch mit Tansania etwas zu tun.

An diesem Tag beschloss ich, mich auszuruhen, um meine Afrika-Erlebnisse gemütlich Revue passieren zu lassen. Nachdem die anderen zur letzten Morgen-Safari aufgebrochen waren, breitete sich im Camp eine wohltuende Stille aus. Eben hatte ich es mir im Liegestuhl vor meinem Zelt bequem gemacht, als er auftauchte: Ein eher kleiner, struppiger, unsympathischer Kerl von einem Affen, der mich aus bösen Knopfaugen scharf beobachtete. Sass ich auf seinem Lieblingsspielplatz? Seine Gegenwart machte mich unruhig. Ich hatte in Malaysia Affen fotografiert und in Indonesien Affen gefüttert, auch eine Affenmutter, an deren Brust sich ein winziges Baby festklammerte, während sie sich die Erdnüsschen schnappte. Aber dieser Affe hier sah alles andere als freundlich aus.

„Piss off,“ sagte ich mit lauter Stimme. Er machte keine Anstalten, der Aufforderung Folge zu leisten, im Gegenteil, er kam näher. Als er sich anschickte, die Treppe zu mir herauf zu hüpfen, spürte ich instinktiv die nahende Gefahr. Ich erhob mich und stieg auf der entgegengesetzten Seite die Treppenstufen hinunter zum schmalen Weglein, das zum Zentrum des Camps führte.

Ich war erst ein paar Meter gegangen, als es in den hohen Bäumen auf beiden Seiten des Pfades lebendig wurde. Rundum raschelte und knackte es. Die Geräusche und Bewegungen folgten mir auf dem Fuss, ja, sie wurden immer schneller. Mein Nackenhaar begann sich zu sträuben. Ich beschleunigte meinen Schritt, doch vergebens. Als ich auf die breite Lichtung hinaustreten wollte, welche die Zelte von den zentralen Gebäuden trennte, traute ich meinen Augen nicht: Vor mir, in einem grossen Halbkreis, waren etwa zwanzig Affen versammelt und versperrten mir den Weg. Nicht genug, sie fletschten die Zähne, schauten mich lauernd an, hockten sprungbereit! Jetzt geriet ich wirklich in Panik. Ein kräftiger Adrenalinschub – und ich schrie aus Leibeskräften in die Lichtung hinaus: „Help!!! Help!!!“ Das schien die Affen zu verblüffen, lenkte sie kurz ab.

Gottseidank gehören die Kenianer zu den schnellsten Läufern der Welt. In den folgenden bangen Sekunden sah ich drei von ihnen in weit ausholenden Sprüngen und laut rufend heranstürmen. Der erste, der bei mir ankam, nahm mich sogleich schützend in die Arme, die zwei anderen warfen grosse Steine auf die zornige Affenbande. Obwohl Affen vor den Einheimischen Respekt haben, dauerte es eine Ewigkeit, bis sich die Tiere zurückzogen. Mit zitternden Knien liess ich mich zum Freiluft-Restaurant führen, wo ich mich den ganzen Tag kaum vom Fleck rührte. „Das war gefährlich. Ab sofort dürfen Sie sich nicht mehr frei im Camp bewegen, sondern nur noch in Begleitung. Die Burschen kennen Sie jetzt,“ erklärten meine Retter. Offenbar hatte ich mich mit dem reizbaren, übellaunigen Chef einer Affensippe angelegt, der schon früher unangenehm aufgefallen war.

Erleichtert verliess ich anderntags das Masai Mara. Ist schon klar: nicht er ist in meinen Lebensbereich eingedrungen, sondern ich in seinen, aber dennoch… Kaum auszumalen, was nur allzu leicht hätte passieren können. Vom Affen gebissen zu sein, ist schlimm genug – geschweige denn von einer ganzen Sippe! Mich schaudert’s noch immer.

Elisabeth, 14.11.2018

 

Auf Safari

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Die komfortablen Zelte für Safari-Touristen im Masai Mara in Kenia lagen nahe beim Grenzfluss. Nur eine schmale Holzbrücke trennte sie und damit uns von Tansania. Die Zelte liessen sich von aussen öffnen. Frühmorgens kam nämlich ein Butler, um die Teilnehmer der ersten Tagessafari zu wecken. Das Beste daran: die heisse Tasse Tee mit Biskuits, die er neben Bett und Moskitonetz auf ein Tischchen stellte.

Meine freundlichen Zeltnachbarn, ein junges Paar aus Österreich, fragten mich am dritten Morgen: «Hast du den Aushang gesehen, der zu erhöhter Wachsamkeit aufruft? Letztes Jahr wurde eine deutsche Touristin hier in ihrem Zelt von Männern aus Tansania überfallen und vergewaltigt.» – «Sicher hab ich das gelesen. Es ist bedrohlich. Zumal ich als einzige allein hier im Camp und im Zelt bin.» – «Du brauchst dir nun wirklich keine Sorgen zu machen. Sag mal, was hast du mit dem Nachtwächter angestellt? Etwa mit ihm geflirtet?“ wollten sie mit belustigtem Unterton wissen. – „Nein, wieso?“ fragte ich zurück. – „Er steht mit seinem Speer die ganze Nacht nur vor deinem Zelt. Nicht nur uns ist das aufgefallen. Dabei müsste er doch gleichmässig alle Zelte bewachen, findest du nicht auch?» Ich antwortete nicht. Natürlich hatten sie Recht. Doch jetzt musste ich lächeln. So sicher wie in Abrahams Schoss würde ich mich nun in der kommenden Nacht fühlen.

Weshalb diese unverhoffte Bevorzugung? Überraschend einfach: Am ersten Abend nach unserer Ankunft war ich mit dem netten jungen Nachtwächter, er hiess Mose, ins Gespräch gekommen, denn wenn man allein unterwegs ist, hat man immer Zeit für einen Schwatz. Dabei hatte ich mich nach seiner Familie erkundigt und erfahren, dass sie weit weg wohnte. Aus Mitgefühl hatte ich ihm etwas Geld gegeben, damit er sie wieder einmal besuchen könne. Seine Freude war gross. Auch seine Dankbarkeit, wie ich jetzt begriff, und mir wurde ganz warm ums Herz. Als Alleinreisende ist man für Liebenswürdigkeiten besonders empfänglich und froh um jedes Quentchen zusätzlichen Schutz.

Laufend werden wir gewarnt, dass Gewalt noch mehr Gewalt hervorrufe. Wäre es nicht sinnvoller darüber zu reden, dass Freundlichkeit in aller Wahrscheinlichkeit mit Freundlichkeit erwidert wird?
(Forts. folgt nächste Woche)

Elisabeth, 7.11.2018