Im Orient: Marokko (2.Teil)

Westwing: Marokkanischer Innenhof

Schwelgt Ihr auch gerne in vergangenen Sinneseindrücken? Man kann sie jederzeit aus dem Gedächtnis hervorzaubern, darin versinken und die Zeit vergessen – etwas, das ich in diesen Tagen besonders schätze.

Westwing: Jardin Majorelle

Lebhaft erinnere ich mich an so vieles in Marokko: eine Fahrt über den Hohen Atlas mit Landschaften wie aus dem Bilderbuch; ein neugieriger Bummel durch die Souks; Dösen unter hohen, sich im Wind wiegenden Dattelpalmen; Essen unter duftenden Jasmin-Büschen inmitten eines blühenden Gartens; sich vom süßen Gesang der Vögel im Garten betören lassen; die Freundlichkeit der Menschen spüren; am Hotelpool bewegt dem Song von John Lennon lauschen: „Imagine all the people living life in peace“; dem kleinen Pariser Hund mit dem seltsamen Namen „Saint-Pierre“ (Heiliger Petrus) zuschauen, der sich genüsslich von seinen zwei Herrchen kraulen lässt; den Worten André Hellers nachsinnen: „Marokko ist die große Liebesgeschichte meines Lebens, seit ich 1972 erstmals hierhergekommen bin“. Sein bezauberndes Gartenparadies „Anima“ eröffnete 2016, etwas ausserhalb von Marrakesch.

Im älteren Jardin Majorelle schweifen die Augen begeistert über das berühmte Kobaltblau, das der Künstler Jacques Majorelle entwickelte. Tief und leuchtend ist es. In der Stille des 4000m2 großen botanischen Gartens, den Yves Saint-Laurent vor dem Verfall rettete, strahlt es überall. Es spiegelt sich im Wasser, kontrastiert mit leuchtendem Gelb, üppig grünen Pflanzen, exotischen Blüten und schattigen Bäumen.

Westwing: Jardin Majorelle

Außerhalb der roten Stadtmauern von Marrakesch herrscht ein anderer Rhythmus, leben andere Farben als im geschäftigen Stadtzentrum. Die Blätter rauschen sanft im Wind, ein Wohlgeruch von Jasmin und Geißblatt und der allgegenwärtige Duft der berühmten Rosen von Marrakesch liegen in der Luft.

Ein paradiesischer Ort, der mit Hilfe eines jahrhundertealten ausgeklügelten Brunnen- und Kanalisationssystems erblüht, ist auch der berühmte Palmenhain von Marrakesch. Er besteht aus 13’000 Hektar Grünflächen und 180’000 Palmen, beherbergt zudem einen Golfplatz. Ein Stück weiter, hinter dem Königspalast, liegt die Gartenanlage Agdal, in welcher prachtvolle Feste gefeiert werden. Je nach Jahreszeit tragen die Bäume gleichermaßen schöne wie erlesene Früchte, Orangen, Feigen, Granatäpfel, Oliven…. Wer hätte da nicht Lust, einmal Gast zu sein an einem dieser Feste? Könnte Bauchtanzen zur Vorbereitung vielleicht nützlich sein?  

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Jeden Tag ertönen am Hotelpool orientalische Melodien. Dann ist es Zeit für die morgendliche Bauchtanz-Lektion. Orientalische Rhythmen bringen schon bei den ersten Klängen mein Blut in Wallung. Obwohl im Tanzen eher unbegabt, kann ich schließlich nicht widerstehen und schließe mich der kleinen Gruppe am vorderen Ende des Pools an. Bei der Instruktorin – natürlich einer Marokkanerin – sieht alles so mühelos aus. Mit den Händen aufreizend wedeln, die Handgelenke, Schultern und Hüften kreisen und immer schneller rotieren lassen, die Beine von oben bis unten zum Zittern bringen, und erst noch all diese Bewegungen gleichzeitig ausführen, aber so, als wären die einzelnen Körperteile völlig losgelöst voneinander – Du liebe Zeit! Es dauert nicht lange, da bin ich hilflos überfordert, habe plötzlich Dutzende von Gliedern, die sich samt und sonders zu verwickeln drohen. Ich stehe genau im Blickfeld der Instruktorin, und zuerst ruft sie mir noch zu: „Non! Pas comme ça! Regardez!“, doch schon bald überlässt sie mich meinem linkischen Schicksal, um am Schluss trocken zu bemerken: „Das haben Sie nie zuvor gemacht, oder?“ Erraten!! Na ja, in der Schweiz tanzt man eben etwas anders… Ach, aus mir wird wohl nie eine geschmeidige, verführerische Bauchtänzerin.

Ade, prachtvolle Feste!

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Elisabeth, 6.5.2020 – (Forts.folgt)

Im Orient (1.Teil)

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Den begeistert Reisenden unter uns fällt der Verzicht wegen Corona nicht leicht. Deshalb entführe ich Euch heute, wenigstens in Gedanken und Bildern, in den Orient. 1001 Nacht! Zieht Euch das Morgenland ebenfalls in seinen Bann?

Im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert wurde Europa von einer großen Begeisterung für alles Exotische überrollt. Von Wien aus breitete sich um 1900 eine Vorliebe für Orientalistik aus, die alles umfasste: Architektur, Inneneinrichtung, Kleidermode, Kunsthandwerk, Malerei, Reiseliteratur und sogar den Tourismus. Natürlich heizten Vorstellungen vom geheimnisumwitterten orientalischen Harem die Fantasie zusätzlich an.

Lasst uns mit zwei wahren Geschichten beginnen, die typisch sind für die gewitzten Menschen im Orient.

Ein Bekannter erzählte mir von seinem Tagesausflug in Marokko. Am Ziel angelangt, geriet er aus Neugierde in ein Teppichgeschäft und wurde vom Händler derart bedrängt, dass er als letzten Ausweg aus dem Kaufhandel die Ausrede vorbrachte, er habe seine Kreditkarte im 4 Bus-Stunden entfernten Hotel vergessen. „Macht nichts“, meinte der Händler, ihm das teure Stück förmlich in die Arme schubsend, „nehmen Sie den Teppich einfach mit und bezahlen sie ihn im Hotel.“ Mein Bekannter nahm das teure Prachtstück notgedrungen mit und dachte bei sich: „Na warte, den bezahle ich dir natürlich nicht, da bist du selbst schuld.“ Auf der Heimreise hielt der Bus mitten in den Bergen, um einen weiteren Passagier, einen Einheimischen, zusteigen zu lassen.

Zurück am Ferienort betrat der Bekannte mit seiner schweren Last die Hotelhalle – als ihm jemand von hinten auf die Schulter klopfte. Es war der unbekannte Passagier. „Ich bin gekommen, damit sie den Teppich bezahlen können“, sagte er freundlich. „Ich warte hier, bis Sie Ihre Kreditkarte im Zimmer geholt haben.“ Wer meint, als Schweizer einen Araber überlisten zu können, hat die Rechnung ohne den Wirt, will sagen ohne die Schlauheit des arabischen Händlers gemacht!!

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Einer meiner Freunde wurde von einem libanesischen Kollegen gebeten, ihn zu einem Juwelier an der Bahnhofstrasse in Zürich zu begleiten, weil er dort eine Schweizer Uhr für seinen Vater im Libanon kaufen wolle. Der Freund tat ihm den Gefallen. Im eleganten Geschäft standen nach kurzer Zeit zwei Schweizer Uhren in der engsten Auswahl, eine für Fr. 500.–, die andere für Fr. 1000.–. Der Libanese deutete auf die teurere Uhr und sagte: „Die nehme ich für Fr. 500.–.“ Darauf der Juwelier: „Das ist ein Missverständnis, Sie meinen wohl die 500fränkige.“ „Nein, nein“, meinte der Libanese, „das schönere Modell gefällt mir besser, und dieses will ich für Fr. 500.– kaufen.“ Darauf erwiderte der Juwelier höflich aber bestimmt: „Das geht natürlich nicht, Sie sind hier nicht auf einem orientalischen Basar. Bei uns kann man nicht markten.“ Als Antwort bekam er zu hören: „Also gut, dann kaufe ich die Uhr für Fr. 550.–.“ Der Juwelier wurde rot im Gesicht, und zum Begleiter gewandt, sage er: „Erklären Sie bitte Ihrem Bekannten, dass wir in der Schweiz feste Preise haben, und dass es nicht angeht, bei uns um den Preis zu feilschen.“ Der Begleiter gab sich alle Mühe – aber völlig umsonst. Als würde er nicht hören, arbeitete sich der Libanese langsam und geduldig um kleine Preisschritte nach oben. Darüber verging fast eine Stunde. Das Gesicht des Juweliers wurde röter und röter, dem Begleiter die Sache peinlicher und peinlicher. Schliesslich verlor der Geschäftsinhaber die Geduld und schrie fast: „Ich gebe Ihnen die Uhr für Fr. 999.50, aber verlassen Sie ums Himmels Willen mein Geschäft!“ Zur Verblüffung der beiden Schweizer war der Libanese mit diesem Preis sofort einverstanden und kaufte die Uhr mit zufriedenem Gesicht für Fr. 999.50. Draussen meinte er strahlend: „Es geht eben doch, siehst Du? Auch in der Schweiz kann man feilschen!“ (Forts.folgt)

Elisabeth, 29.4.2020

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In Harmonie mit sich und dem Universum

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In einem kürzlichen Interview zitiert Lotti Latrous (die in Afrika wirkende Schweizer ‘Mutter Theresa’) den persischen Mystiker Rumi: «Gestern war ich klug und wollte die Welt verändern, heute bin ich weise und möchte mich verändern».

Diese Einstellung nimmt dem Alt-Werden den Stachel, denn es bleibt uns immer noch mehr als genug zu tun – und sich zu verändern ist eine höchst ehrenvolle Arbeit.

Kennt Ihr Rumi? Dschalāl ad-Dīn Muhammad Rūmī (1207-1273) ist einer der bedeutendsten persischen Dichter des Mittelalters. Er war auch ein berühmter Gelehrter seiner Zeit. Krieg und Frieden, stellte er fest, folgen in dieser Welt endlos aufeinander, obwohl fast alle Menschen einen ewigen Frieden wünschen. Dieser sei aber nicht irdisch, sondern nach langem Kampf der Seele mit dem «inneren Löwen» in einer Wandlung durch den Geist zu finden. Liebe betrachtete er als die Hauptkraft des Universums. Der Mensch könne die Harmonie mit sich selbst und dem Universum nur erreichen, wenn er lerne, Gott – und damit alles von Gott Geschaffene – zu lieben. Fein ausgedrückt, um eine so essentielle Wahrheit auf den Punkt zu bringen, nicht? Wenn die ganze Menschheit Rumis Wahrheit verinnerlichen würde, hätten wir das Paradies auf Erden. Das vollkommene Paradies indessen wartet, so glaube ich, erst jenseits des Vorhangs.

Einer von Rumis Übersetzern, der Engländer Andrew Harvey, war nicht nur verzaubert vom Gedankengut, sondern auch von der sprachlichen Schönheit in Rumis Gedichten. In Bezug auf seine Arbeit meinte er: «Jede Übersetzung ist natürlich mit gewissen Enttäuschungen verbunden. Doch zumindest ist das Englische ausdrucksstark genug, um Rumis Bildsprache gebührend aufzufangen. Und ich hoffe, dass ich einen Teil dieser Schönheit und einen Schatten des großen Lichts aus dem Original erhalten konnte.»

Und im Deutschen? Bitte lest diese Gedichte – ich finde sie wunderschön. Ihr auch?

Sieh, das ist Liebe: himmelwärts zu fliegen,
In jedem Nu die Schleier zu besiegen,
Im ersten ganz den Atem anzuhalten,
Im letzten dann den Fuss zurückzuhalten,
Die Welt als Unsichtbares zu betrachten,
Das eig’ne Seh’n als Sehen nicht zu achten.
«Oh Herz», so sprach ich, «möge es dir frommen
Im Kreis der Liebenden nun anzukommen,
Von jener Richtung aus die Welt zu sehen,
Tief in die Winkel deiner Brust zu gehen!
Was für ein Hauch rührt, Seele, dich mit Schmerzen?

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist pexels-photo-1105389.jpeg.

Wenn sie am Tage des Todes
tief in die Erde mich senken,
dass mein Herz dann noch auf Erden
weile, darfst du nicht denken….
Siehst meine Bahre du ziehen,
lass‘ das Wort Trennung nicht hören,
weil mir dann ewig ersehntes
Treffen und Finden gehören!
Klage nicht‚ Abschied, ach Abschied!‘
wenn man ins Grab mich geleitet:
Ist mir doch selige Ankunft
hinter dem Vorhang bereitet.

Elisabeth, 22.4.2020

Mea culpa


Mea Culpa

Schon als kleines Kind pflückte ich voller Begeisterung im Garten meiner Eltern Blumen und schmückte unseren Esstisch damit. Wenn eines in der Familie Geburtstag hatte, umrahmte ich seinen Teller mit dem blumigen Segen. Der kranken Mutter versuchte ich mit einer Handvoll Schneeglöckchen oder Veilchen eine Freude zu machen.

Kleine Wildblumen-Büschelchen haben mich seit jeher entzückt. Aber ich bin längst kein Kind mehr, was das Zusammentragen schwieriger macht. Könnt Ihr euch vorstellen, was mich das hier abgebildete Frühlingssträusschen gekostet hat? Mehr als ich gedacht hätte. Das kam so:

In diesen Tagen verlassen wir das Haus etwas verstohlen, weil wir wegen des Distanzhaltens niemandem begegnen möchten. Hin und wieder ein wenig Luft schnappen an einem einsamen Ort, ist in diesen üppig blühenden Frühlingstagen eine besondere Wohltat. Wir glauben, dass dies weder uns noch anderen schaden wird.

DER MANN und ich sind uns einig, heute wollen wir in einem kaum besuchten Wald ein paar Blumen für den Palmsonntag pflücken. Seit Jahren kenne ich einen Ort, wo ein Bächlein plätschert und die prächtigsten Wildblumen wachsen. Nach einem längeren Spaziergang gelangen wir dahin. Veilchen, Sumpfdotterblumen und Schlüsselblümchen leuchten uns entgegen, allerdings nicht unmittelbar am Weg, sondern ein steiles Stück unterhalb. Ich schicke mich an, langsam, vorsichtig die Böschung hinunter zu tappen. «Was machst du denn», ruft der MANN, «hier kannst du doch nicht runter! Gerade jetzt darfst du keinen Unfall riskieren, in den Spitälern haben sie zurzeit keine überzähligen Betten.» «Ich riskiere keinen Unfall», gebe ich zurück, «schon immer bin ich hier hinuntergegangen.» «Das war einmal», widerspricht er, «mit bald 76 kannst du das nicht mehr.» Das weckt meinen Ehrgeiz, ich gehe weiter. Und schon geschieht, was geschehen muss: Ich falle hin und rutsche auf meinem Allerwertesten nach unten, die ganze Böschung hinunter, während der Mantel und mein kurzer Rock nach oben rutschen.

Da hocke in nun, von der Taille an abwärts nur mit meiner knallbunten, kornblumenblauen Strumpfhose bekleidet – inmitten von feuchter Erde, kleinen Ästchen, Moos – und dummerweise auch noch auf einer spitzen Baumwurzel. Ich schaue vorsichtig zum MANN hoch, der mit tadelnder Miene oben auf dem Waldweg steht. Vorwürfe wie «Ich hab’ dich ja gewarnt», höre ich indessen nicht von ihm. Er ist und bleibt ein Gentleman.

Schade jedoch, entgeht ihm die Komik der Situation. Die Rutschpartie hätte ein höchst schräges Video ergeben. So schnell wird aus einer gepflegten Erscheinung eine lächerliche Figur… Vorerst bleibe ich einfach hocken. Ein unbändiges Lachen erfasst mich, die strenge Miene DES MANNES reizt mich doppelt. In solchen Momenten perlt meine Lebensfreude an ihm ab wie Wassertropfen an einem Erpel. Er ist viel besonnener als ich und würde sich nie freiwillig in eine derart peinliche Situation hineinmanövrieren. Seitdem, hat er gestern verlauten lassen, sei sein Handy bei Spaziergängen nun immer mit von der Partie…

Als mein feuchter Hosenboden kalt wird, besinne ich mich und will aufstehen. Aber oha lätz! DER MANN hatte Recht wegen der 76 Jahre! Mir fehlt die Kraft in Armen und Beinen, um mich aufzurappeln. Saublöd! Unter seinen stummen Blicken strenge ich mich mächtig an, es dauert und dauert. Ich bin ja selbst schuld. Wer sich etwas eingebrockt hat, muss es auch auslöffeln. Der Baum, von dem die spitze Wurzel stammt, ist morsch und gibt nicht den geringsten Halt. Immer wieder muss ich lachen, obwohl es längst nicht mehr lustig ist. Nach langen Minuten und unter Aufbietung meines ganzen Willens gelingt das Aufstehen endlich, und ich befinde mich nur noch drei Meter vor dem Bächlein mit den vielen Blumen.

Schön ist das Sträusschen geworden, oder nicht?

Bleibt noch anzumerken, dass es nochmals einen enormen Kraftaufwand und die Mithilfe des MANNES braucht, um die Böschung wieder hinaufzukommen. Pieksende Halme und Dornen hängen mir an Strümpfen, Jupe und Mantel, feuchte Erde an meinem Po. Doch ich bin glücklich mit meinem Sträusschen, das ich wie eine Trophäe nach Hause trage. Erst, als ich es zu Hause liebevoll arrangiert auf den Tisch stelle, meint DER MANN anerkennend: «Es ist wirklich hübsch.»

Elisabeth, 15.4.2020

Der Liebesdienst

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Während der warmen Frühlingstage vor ein paar Wochen spazierten DER MANN und ich über den in unserer Nähe gelegenen Friedhof, der von vielen Wegen durchquert wird. Der Gottesacker mit den vielen alten Bäumen, den gepflegten Gräbern und zahlreichen Sitzbänken ist ein friedlicher, hübscher Ort, den auch Spaziergänger und Ruhesuchende gerne betreten. Wenn die Natur erwacht, geht man federnden Schrittes auf unbenutzten Wiesenflächen, von denen es einige hat. Die dicken Polster aus hellgrünem Moos, die hier wachsen, sind eine Wohltat für die Füsse. Daneben, unter den Bäumen, strahlen dichte Teppiche Buschwindröschen aus dem Laub wie kleine weisse Sterne.

Beim Gemeinschaftsgrab hielten wir an. Schon ein paar Menschen, die wir gekannt hatten, lagen an dieser Stelle unter der Erde. Als meine Tante in den 90er Jahren hier ihre letzte Ruhestätte fand, hatte dieser Platz nur eine einzige Grube mit einer aufklappbaren Platte darüber, und der Inhalt aller Urnen wurde dort hineingekippt. Heutzutage stellen die Hinterbliebenen Blumen auf die inzwischen ca. 4x4m graue, quadratische Steinplatte. In der Wiese im Umkreis verstreut sieht man kleine Steinplatten, unter denen die Verstorbenen nunmehr einzeln ihre Ruhe finden.

In stillem Gedenken setzten wir uns in der Nähe auf eine Bank und schwiegen. Auf einmal wurden wir auf eine Frau aufmerksam, die sich mitten auf die Platte stellte, sich bückte und sich dort zu schaffen machte. Sie rückte Sträusse, Blumenstöcke, Kerzen, Laternen und kleine Engel hin und her. Zuerst runzelten wir die Stirn. Was sollte das? Doch dann bemerkte ich, wie sie den Ort immer wieder überprüfte und sichtbar herausputzte. Schliesslich goss sie sorgsam Wasser in Vasen und arrangierte die Blumen neu. Sie hantierte geschickt und mit grosser Sorgfalt. Jetzt leuchteten die Blumen in bunter Harmonie und Frische.

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Nach einer Weile ging ich zu ihr hin. Sie war nicht mehr ganz jung und sah aus wie jemand, der bescheiden leben muss. «Ich habe gesehen, dass Sie das grosse Gemeinschaftsgrab verschönern», sagte ich zu ihr. «Sie haben ein Auge dafür. Das finde ich toll.» Sie schaute auf und lächelte scheu: «Ich komme regelmässig hier vorbei und schaue zu den Blumen. Heute habe ich sogar ein paar lahme wieder frisch machen können, nachdem ich sie nebenan eine Weile in Wasser eingelegt hatte.» «Das ist sehr freundlich von Ihnen», erwiderte ich. Eifrig erklärte sie: «Wissen Sie, ich mache das gerne. Und jetzt, wo bald Ostern ist, haben die Angehörigen vielleicht keine Zeit, um vorher nochmals zu den Gräbern zu kommen, da ist es wirklich nötig, dass sich jemand um die Blumen kümmert.» «Ich kannte auch ein paar Menschen, die hier begraben sind», antwortete ich. Als ich mich zum Gehen wandte, fügte ich bei: «Vielen Dank und auf Wiedersehen.»

Zu meiner Überraschung bedankte auch sie sich. Sie – die jede Woche wildfremden Menschen etwas zuliebe tut und ihnen ihr Herz verschenkt, ohne dass sie es ahnen…

Elisabeth, 8.4.2020

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Covid 19 ,Kleines Tagebuch’/6

Liebe Blog-Freunde, heute möchte ich Euch „ausser Programm“ etwas zusenden, das meine liebe Blog-Freundin Bea gepostet hat. Es ist ein berührender Beitrag über Corona. Freut Euch auf die Musik! Liebe Grüsse, Elisa

Mindsplint's Blog

SEBEL- Zusammenstehen (Corona Virus Lied):

 

Ein Lied, das ich gestern Abend bei ‚Hart aber fair‘ hörte, von einem mir bis dato komplett unbekannten Künstler.
Der Recklinghausener Musiker SEBEL hat sich vor 14 Tagen ans Klavier gesetzt und ein Lied komponiert.
Eins über die Coronakriese –
und seine Gefühle und Gedanken dazu.
Er erzählte, dass er sich ans Klavier setzte und sowohl Text als auch Melodie einfach so aus ihm heraus flossen.  Er hat den so entstandenen Song in ein Video eingebettet und ihn ins Netz gestellt, mit der Aufforderung an Alle, mitzumachen.
Mitzusingen und mitzuspielen.
Inzwischen wurden SEBEL über 150  Tonspuren und Videoaufnahmen zugeschickt – von jungen und alten, schwarzen und weissen, armen und reichen, …. Menschen aus der ganzen Welt – und täglich kommen mehr hinzu…
Sie alle wollen ihn sowohl instrumental als auch stimmlich ‚unterstützen‘.
Und sie alle will er zu einem großen, musikalischen Kunstwerk zusammenbauen….
Falls…

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Der Praktikant

Wald-Frühlingssträusschen

Er stand am Tisch in unserem Stammcafé und fragte nach unseren Wünschen. Die vom MANN bestellte Schweizer Weinsorte kannte er nicht. «Muss fragen», sagte er und wiederholte 2x das komplizierte Wort. Kurz darauf brachte er die Getränke. Er sah sehr gut aus, war grossgewachsen und schlank, hatte schwarzes Haar und dunkle Augen – und ein Gesicht, das das Lächeln verlernt hatte. Seine Gesichtszüge wirkten fremdartig, aber ich konnte ihn nicht einordnen. «Darf ich fragen, woher Sie kommen?» wollte ich wissen. «Aus Afghanistan», erwiderte er ernst. «Man sagt, das sei ein schönes Land», meinte ich. Wortlos schaute er mich an. Wie taktlos von mir! Was hatte er wohl Schreckliches erlebt?

Einkassieren durfte er nicht. Es waren kaum Leute im Lokal. Wir sahen, wie er fleissig die Tische rund um uns herum abwischte. «Haben Sie einen neuen Kellner?» fragten wir die Chefin, nachdem wir um die Rechnung gebeten hatten. «Nein, er ist Praktikant, man muss ihm alles zeigen», lächelte sie.

Als DER MANN und ich bald darauf wieder im Café sassen, hielt ich Ausschau nach ihm. Er war nicht da. «Er hat sicher seinen freien Tag», meinte DER MANN. Doch als wir das nächste Mal ins Café kamen, hatte er offenbar noch immer «seinen freien Tag». Bei der Serviertochter erkundigten wir uns nach ihm. Sie lachte amüsiert: «Er war nur einen einzigen Tag bei uns. Seither ist er spurlos verschwunden. Niemand weiss, wo er ist.»

Schade? Eine verpasste Chance für ihn? Ich weiss nicht… Warum sollte ein junger, durch Kriegswirren gebeutelter Mensch nicht andere Berufsträume haben, als für eine Wohlstandsgesellschaft Tische sauberzumachen?

Elisabeth, 1. April 2020

Auch das wird vorüber gehen – This too will pass by

Liebe Freunde,

«Sie wussten nicht, dass es unmöglich ist, darum taten sie es.» (Mark Twain)

Das erleben wir in diesen Tagen aufs eindrücklichste. Zu viele Menschen arbeiten fast bis zum Umfallen, während andere maus alleine und ohne persönliche Kontakte ausharren müssen oder drängende Geldprobleme haben. Gleichzeitig, es ist zum Staunen, wachsen Solidarität und Hilfsbereitschaft in der Nachbarschaft und im ganzen Land. An dieser Stelle möchte ich allen unter Euch, die DEM MANN und mir helfen oder uns Hilfe angeboten haben, ganz herzlich für ihre Freundlichkeit danken, besonders auch unserem Sohn, der für uns Lebensmittel und Getränke herschleppt und der, wie die meisten unter Euch, durch eine schwierige Phase geht. Wir haben sogar einen wundervollen Blumenstrauss bekommen von einfühlsamen Freunden, die wissen, wie wichtig gerade jetzt Freude und Farben sind. In unserem Umfeld gibt es so viele liebe Menschen. Das allein verleiht uns schon Kraft und Zuversicht. Beten ist ebenfalls hilfreich. Dennoch können wir unsere Besorgnis um unsere Lieben, um unsere Welt und unser Glück nicht einfach verdrängen. Bange ist uns auch um die zahlreichen jungen Menschen und ihre drückenden beruflichen Sorgen. Es geht in jeder Hinsicht um ihre Zukunft.

Der wonnevolle Frühling, der sich trotz eiskaltem Biswind draussen vor den Fenstern entfaltet, hat etwas fast Schmerzliches. Oder ist das eher ein ganz starkes Zeichen der Hoffnung? Ich will darauf bauen. Notrecht bedeutet ja nicht Krieg; wir sind dankbar, dass wir haben, was wir zum Leben brauchen: Ein Dach über dem Kopf, genug zu essen, sauberes Wasser, treue Freundschaften. Und sagt man nicht, der Mensch wachse mit der Aufgabe? Ich denke häufig an Murray’s Rat: «Auch das geht vorbei.» Oh, wie werden wir uns freuen, wenn es so weit ist!

Letzte Woche rief ich meine 98jährige demente Freundin an. Sie erlitt nach einem Sturz am 6. Februar einen äusserst peinigenden Schenkelhalsbruch, so dass sich die Ärzte trotz ihres Alters zur Operation entschlossen. Sie hat Narkose, Eingriff und Spitalaufenthalt wunderbar überstanden. Bereits ist sie in den Gängen des Pflegeheims wieder unterwegs mit ihrem Rollator. Ich liess sie also ans Telefon bitten, um ihr mitzuteilen, dass wir sie jetzt vielleicht für längere Zeit nicht besuchen könnten. Sie freute sich sehr über den Anruf, verstand jedoch nicht ganz, was ich sagen wollte. «Weisst du», versuchte ich zu erklären, «wir müssen zu Hause bleiben, der Bundesrat hat das so bestimmt wegen einer schlimmen Krankheit.» «Ach so», meinte sie fröhlich, «ja, wenn die schon regieren, müssen sie eben von Zeit zu Zeit auch etwas befehlen.» Mein Lachen wird ihr gutgetan haben. Den Sinn des Ganzen bekam sie wohl nicht mit.

Je länger je mehr komme ich zum Schluss, dass Demenz für einen persönlich nicht das Schlimmste ist, was einem passieren kann…

Elisabeth, 25.3.2020

Das Gute und das Böse

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Immer mal wieder höre ich den Seufzer, der Mensch sei durch und durch schlecht. Man müsse nur um sich blicken. Stimmt das? Was meint Ihr? Erlebt Ihr nicht auch immer wieder das Gegenteil, nämlich Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit, Empathie?

Im Januar wurde DEM MANN wegen einer Lungenentzündung kurz schwarz vor den Augen und er stürzte frühmorgens im Badezimmer. Als ich ihm aufhelfen wollte, war er so schwach, dass er kein Jota nachzuhelfen imstande war. Ich selbst hatte auch nicht die Kraft dazu, obwohl DER MANN ein Fliegengewicht ist. Ich stützte ihn, so gut es ging und wiederholte meine Anstrengungen x-mal. Vergebens! Am Ende ging ich ins Treppenhaus, um draussen meinen Wanderstock zu holen, der vielleicht eine Stütze böte. Da trat zufällig der junge Nachbar aus der Tür. Er war auf dem Weg zur Arbeit und fragte, was los sei. Dankbar bat ich ihn herein. Sofort erfasste er die verzwickte Lage und half ganz selbstverständlich und liebenswürdig DEM kranken MANN auf die Beine und zurück ins Bett. Es ist nicht das einzige Mal in diesen Wochen, dass uns freundliche Hilfe angeboten worden ist.

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Der Historiker Rutger Bregman vertritt klar die Meinung, es sei ein hartnäckiger Mythos, Menschen seien von Natur aus egoistisch und aggressiv. Selbst bei den bekanntesten Katastrophen der Geschichte, z.B. dem Untergang der Titanic oder dem Einsturz der Twin-Towers am 11. September 2011, habe das Gute im Menschen Oberhand gewonnen. «Der Film ‘Titanic’ macht uns glauben, dass alle in Panik gerieten und sich gegenseitig aus dem Rettungsboot schubsten. Augenzeugen sagten indessen, es habe keine Anzeichen von Panik oder Hysterie gegeben. Überlebende von 9/11 berichteten ebenfalls von Rücksicht und Hilfsbereitschaft. Gerade wenn Bomben vom Himmel fallen, kommt das Beste in uns zum Vorschein», ist Rutger Bregman überzeugt. Die gleiche Solidarität begegnete mir in Tatsachenberichten aus dem 2. Weltkrieg, nicht zuletzt aus England. Sie zeigt sich auch in diesen Tagen wieder.

Doch was ist mit den beiden berühmten Experimenten, die vor Jahren dem Mythos des aggressiven Menschen erheblich Nahrung verliehen? Das Stanford-Prison Experiment aus dem Jahre 1971 erklärte selbst friedliebende Menschen zu grausamen Gefängniswärtern. Bregman wies nach, dass das ‘sadistischer Quatsch’ sei. Die Forscher hielten die Teilnehmenden nämlich zu aggressiverem Verhalten an, um ihre These zu beweisen.

Das Stanley Milgram Schockexperiment ergab scheinbar, zwei Drittel aller Bürgerinnen und Bürger seien bereit, Fremde auf einem elektrischen Stuhl zu exekutieren, einfach weil es ihnen aufgetragen wurde. Psychologen sind sich unterdessen einig, dass man die falschen Schlüsse gezogen hat. Das Experiment beweise lediglich, dass einige von uns, wenn man sie lang genug bearbeite und manipuliere, zu Bösem imstande seien, sofern sie glauben, eigentlich etwas Richtiges zu tun.

Die Philosophin Hannah Arendt ging davon aus, dass der Mensch zum Guten neige. Unser Bedürfnis nach Liebe und Freundschaft sei grösser als unser Verlangen nach Hass und Gewalt. Mir gefällt diese Aussage! Die Philosophin folgerte, dass der Mensch vom Bösen verführt wird, das im Gewande des Guten daherkommt – und nicht, dass er sich gedankenlos vom Bösen mitreissen lasse, wie Stanley Milgram 1961 behauptete. Das ist Erleichterung und Lichtblick zugleich. Selbstverständlich kann man dem die zunehmende Aggression und Feindseligkeiten unserer Zeit entgegenhalten. Ich wünschte mir, dass wir, die wir guten Willens sind, die Überzeugung Rutger Bregmans überall verbreiten. So könnte das Vertrauen, der Mensch sei mehrheitlich empathisch und zu Gutem fähig, als Bollwerk gegen negative Entwicklungen wirken.

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Mir machen die Gedanken des Historikers Mut. Sie fordern uns aber auch auf zur Wachsamkeit. Nur wenn wir genügend Liebe und Mitmenschlichkeit entwickeln, können wir im Umgang mit unserem Nächsten unserer Neigung nach Hilfsbereitschaft und Solidarität Folge leisten. In den gegenwärtigen Zeiten ist jede echte Hilfe eine Wohltat.

Literaturhinweis: «Im Grunde gut» von Rutger Bregman

Elisabeth, 18.03.2020

Gastfreundschaft

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Mit meiner Patentochter sitze ich draussen vor einem Restaurant in der Stadt. Sie hat mich zum Mittagessen in einem Zunfthaus eingeladen. Es ist strahlend schön, der Frühling ist endlich da, die vorbei bummelnden Leute verbreiten gute Laune, das milde Lüftchen ist wohltuend. Da durchbricht die verstörend schrille Sirene einer Ambulanz die friedliche Stimmung, ganz in der Nähe lärmt sie, aber nach einer Weile ist es wieder ruhig. Gespannt warten wir aufs Essen. Es dauert lange, viel zu lange, finden wir. Endlich wird serviert. Später, beim Bezahlen, fragt die Serviertochter freundlich, ob es geschmeckt habe. „Ja schon“, antwortet meine Patentochter, „doch wir mussten viel zu lange aufs Essen warten.“ „Ja wissen Sie, es gab einen Unfall in der Küche.“ „Hoffentlich nichts Schlimmes?“ frage ich. „Ziemlich schlimm“, lautet die Antwort. „Der Koch schnitt sich derart stark in den Arm, dass er ins Spital eingeliefert werden musste. Überall war Blut.“ Wir nicken verständnisvoll: „Deshalb also die Ambulanz.“ Kurz darauf ruft meine Patentochter bestürzt: „Ui nein, es passierte bestimmt beim Schneiden meines Carpaccios!“

Eine Erinnerung taucht bei mir auf. Mit einer Freundin zusammen hatte ich einen fröhlichen Tag bei einer ausgedehnten Wanderung verbracht. Gegen Abend gelangten wir zu einem Restaurant am Ende des Tales und bestellten etwas zu essen. Derart vergnügt waren wir, dass ununterbrochen lustige Sprüche zwischen uns hin- und herflogen und wir immer wieder in lautes Gelächter ausbrachen. Als wir uns voller Appetit hinter das Essen machten, war es total versalzen. Wir riefen die Wirtin herbei und beschwerten uns. Sie sah uns ernst an und bat um Verständnis: „Mein Mann ist heute total durcheinander. Er hat am Nachmittag mit dem Auto ein kleines Kind überfahren. Wir wissen nicht, ob es überlebt.“ Nicht nur das Essen, auch das Lachen blieb uns im Halse stecken.

Denken wir manchmal daran, wieviel wir anderen Menschen verdanken? Wie selbstverständlich nehmen wir im Alltag Dienstleistungen entgegen! Dabei sorgen tagein tagaus unzählige Menschen für unser Wohlbefinden. Es sind Menschen wie du und ich, mit ihren Freuden, Hoffnungen und Plänen, aber auch mit ihren Sorgen und Nöten. Ohne sie zu kennen, setzen wir jederzeit eine perfekte Leistung voraus. Auf einer Alp ging ich einmal spontan in die Küche, um dem Wirt für das ausgezeichnete Mahl zu danken. Der Mann war zu Tränen gerührt. Er hatte, wie er mir versicherte, so etwas noch nie erlebt.

Sagen wir doch öfters mal «Danke»!

Elisaeth, 11.3.2020