Das Mittagessen

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Als ich im letzten Blog über Mademoiselle Georges berichtete, tauchte in meinen Gedanken unvermutet eine andere weibliche Person aus dem Pariser Büro auf: Mademoiselle Morice. Sie war zierlich und sehr scheu, das pure Gegenteil von Mademoiselle Georges. Sie bewegte sich wie ein erschrecktes graues Mäuschen durch die Korridore, was in merkwürdigem Gegensatz zu ihrer Stellung als Sekretärin des Vizedirektors zu stehen schien. Doch dieser Herr war jähzornig und unbeherrscht. Den ganzen Tag hörte man ihn herumbrüllen, sogar am Telefon. Mademoiselle Morice war sein bevorzugtes Opfer; sie liess sich tagein, tagaus von ihm herumhetzen und schlecht behandeln. Dabei war sie tüchtig, arbeitete effizient und äusserst pflichtbewusst. Warum wehrte sie sich nicht? War sie von Kindheit an solch miese Behandlung gewohnt? Oder war es, weil es auch damals schon schwierig war, in Paris eine Stelle zu finden? Dass sie in ihren Chef verliebt war, konnte ich mir nicht vorstellen.

Manchmal, wenn er einen englischen Brief diktieren wollte (was zum Glück nur selten vorkam), liess er mich rufen. Ich fand ihn unsympathisch und nicht ganz normal. Ständig warf er mit Papieren oder gar Büromaterial um sich, verwechselte eines seiner zwei Telefone, schrie nacheinander in beide. Sein Pult glich einem Schlachtfeld. Mit mir war er einigermassen anständig, vielleicht, weil ich wie er aus der Schweiz kam. Dennoch verliess ich jedes Mal nach dem Diktat aufatmend sein Büro und dachte: «Gottseidank muss ich den nicht öfters ertragen.» Natürlich war mir selbst damals klar, dass ich in dieser Umgebung meine ersten Lektionen in Lebensschulung bekam!    

Das Büro von Mademoiselle Morice lag neben unserem. Eines Vormittags, kurz vor Weihnachten, kam sie zu uns herüber. Sie sah ganz verwandelt aus: ihre Augen strahlten, glücklich lächelnd erzählte sie uns, ihr Chef habe sie heute Mittag zum Essen eingeladen. «Endlich», sagten wir, «endlich zeigt er ein wenig Wertschätzung!»

Wir schauten aus dem Fenster, wie Chef und Sekretärin auf das feine Restaurant am Ende der Strasse zusteuerten.

Die Zeit über Mittag wurde uns lang. Wir platzten fast vor Neugierde. Was würde sie erzählen? Wie wir wissen, ist Frankreich ein Eldorado für alle Geniesser. Beim Warten malten wir uns aus, was für ein opulentes Mahl aufgetischt werden würde – von einem herrlichen Dessert ganz zu schweigen. Vielleicht gab’s zum Kaffee gar eine Tarte Tatin? Eine Crêpe Suzette? Eine Tarte Framboises? Oder köstliche Petits Fours?

Endlich kam sie zurück. Sie wirkte noch zerbrechlicher als sonst, das Strahlen war verschwunden. «Erzähl», baten wir. Da flüsterte sie: «Er hat für mich nur den Kaffee bezahlt.» Niemand sagte ein Wort. Voller Mitgefühl sah ich, wie sich aus ihren Augen zwei dicke Tränen lösten und über ihre blassen Wangen rollten. Still ging sie hinaus, zurück an ihre Arbeit.

In mir schoss heisse Empörung über den kaltherzigen Geizhals auf. Aber keine von uns hatte ein Wort des Trostes für sie gefunden. Gab es da überhaupt einen Trost?

Elisabeth, 30.4.2019

Fräulein Georges

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Im Büro nannten sie alle «Mademoiselle Georges», und nicht «Madame Georges», obwohl sie ein Kind hatte. Wir waren im Korrespondenzdienst sechs Frauen. Auf relativ engem Raum arbeiteten wir zusammen, mal besser, mal schlechter, denn Missgunst und Tratsch waren nie weit. Der Sitz des Versicherungsmaklers lag auf zwei Etagen in einer ruhigen Quartierstrasse in Paris, in der Nähe des Parc Monceau. Alain Delon hatte gleich vis-à-vis ein kleines Appartement, das er zu unserem Leidwesen höchst selten aufsuchte.

Das Foto, das Mademoiselle Georges mir, kaum war ich angekommen, von ihrem kleinen Nicolas unter die Nase hielt, zeigte einen hübschen, kraushaarigen, etwa 7jährigen Jungen. «Von einem Marokkaner», erklärte sie stolz. Dann glitt ein Schatten über ihr Gesicht. «Ich weiss nicht, wo der Mann inzwischen lebt. Er ging weg, als ich schwanger war.»

Sie war in der Bretagne aufgewachsen, ihre Mutter früh verstorben. Ihr Vater, inzwischen alt und gichtgeplagt, war dort Landarzt gewesen. Auch von ihr gab’s ein Foto, ein früheres: Eine schöne junge Frau. Jetzt trug sie eine hässliche Brille mit dicken Gläsern und hatte strähniges Haar, das sie von Zeit zu Zeit selber stutzte. Einst hochgewachsen und schlank, war sie nunmehr in die Breite gegangen. Die Kleider, die sie auf dem Flohmarkt kaufte, standen ihr nie, obwohl sie sie immer voller Freude im Büro vorführte. Mit Stolz präsentierte sie vom «Marché aux Puces» auch ein Kästchen mit Lippenstift-Muster, wie man sie damals im Warenhaus sah, als Hilfe für die Wahl des richtigen Farbtons. «Von Dior», strahlte sie und wies auf die 15 unappetitlichen Stummel hin. In der Folge schmierte sie sich jeden Tag eine neue Farbe auf die Lippen, ob sie ihr nun stand oder nicht – Hauptsache «von Dior».

Die Kolleginnen belächelten sie. Ich mochte sie. Gewiss, sie besass einiges an Naivität und Gutgläubigkeit, das merkte selbst ich unerfahrenes junges Ding aus einer Schweizer Kleinstadt. Doch sie war die Freundlichkeit in Person, und die Art, wie sie dem Leben und ihrer offensichtlichen Armut mit einem Lächeln trotzte, hatte etwas Berührendes.

«Les Halles», dieser seit dem 12. Jahrhundert bestehende, legendäre Grossmarkt Frankreichs mitten im Herzen der Stadt, existierte 1964 noch am alten Standort. Er war fest mit dem Quartier verwachsen und ein unvergleichlicher Ort, dem der Ruf des quirlig-bunten Besonderen, aber auch des gefährlich Verruchten anhing. Zum Leidwesen vieler wurden «Les Halles» 1970 abgebrochen und in die Peripherie verlegt. Dabei sollen Heere von aufgescheuchten Ratten das Weite gesucht und die prekären Hygieneverhältnisse in aller Deutlichkeit sichtbar gemacht haben. Ob die Nager wohl ebenfalls in die Peripherie umzogen?

Einerlei. In jenem Sommer, als ich mein einjähriges Büropraktikum absolvierte, hatte Mademoiselle Georges einen, wie sie glaubte, zündenden Einfall: Sie würde für ihre Kolleginnen und Kollegen frühmorgens auf dem Markt Früchte und Beeren holen und sie im Büro gegen ein kleines Aufgeld weiterverkaufen. Es war ein schöner, heisser Sommer. Mademoiselle Georges radelte jeden Morgen vor Arbeitsbeginn durch die halbe Stadt und zurück, durch Verkehr, Gestank und aufkommende Hitze, und kam mit einer kleinen Kiste auf dem Gepäckträger um 9 Uhr im Büro an. Durch die holprige Fahrt über Pflastersteine hatten die empfindlichen Früchte bereits gelitten. Gut möglich, dass sie in «Les Halles» auch Früchte zweiter Wahl erstanden hatte. Der Lauf der Dinge war vorauszusehen: Kaum jemand interessierte sich für den etwas lädierten Segen, und so blieben die meisten Körbchen bis am Abend in unserem Büro stehen, was ihrer Qualität nicht eben zugutekam. Sie liess sich nicht entmutigen. Unverdrossen ging sie von Zeit zu Zeit in beiden Stockwerken von Büro zu Büro, schnitt angeschlagene Pfirsiche in Schnitze und verteilte an jede und jeden mindestens einen Schnitz, während sie selbst einen ass und dabei mit einem verzückten «miam-miam» zur Decke schaute, um zum Kauf zu animieren. Ebenso verschenkte sie die besten Beeren aus den verschiedenen Körbchen und wartete gespannt auf die Reaktion. Doch wir assen damals lieber Schleckzeug wie Biskuits, Bonbons und «Mon Chéri», die wir bei einer anderen Kollegin kauften, die sich um Kundschaft nicht bemühen musste.

Manchmal, am Abend, bevor ich das Büro verliess, erbarmte ich mich und kaufte ein Körbchen mit zermantschten, halb verfaulten Früchten, das sie mir dankbar, wohl zum Schleuderpreis, überliess. In meinem Zimmer ass ich ohne grossen Appetit die wenigen noch essbaren Beeren und kippte den Rest in meinen Abfalleimer. Damit setzte ich mich regelmässig einem Donnerwetter meiner Zimmerwirtin aus, die mich eine Verschwenderin schalt und mich aufforderte, nur noch soviel zu kaufen, wie ich auch essen möge. Meinen Erklärungsversuchen schenkte sie keinen Glauben. Und so verlor Mademoiselle Georges schliesslich als Kundin auch mich.  

In der Erinnerung steigt mir der faulige Beerengeruch, dem wir einen ganzen Sommer lang ausgesetzt waren, noch immer in die Nase. Mademoiselle Georges gab ihr Vorhaben erst auf, als kalte Herbstnebel über der Seinestadt aufzogen. Heute liebe ich Beeren über alles und bin jedes Mal betrübt, wenn die Saison der Sommerfrüchte zu Ende geht. Damals in Paris war ich froh darüber…

Elisabeth, 23.4.2019

Jerusalem

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Es ist am Vorabend von Jom Kippur, dem Versöhnungsfest, das als höchster jüdischer Feiertag gilt. In früheren Zeiten schickte der Priester einen Ziegenbock als Sündenbock in die Wüste.

Zusammen mit israelischen Freunden sind DER MANN und ich in der Jerusalemer Altstadt unterwegs. Aus allen Gassen und Gässchen strömen massenhaft Leute, alle mit dem gleichen Ziel: die Klagemauer. Junge und Alte, Orthodoxe, Chassidim, Liberale, alle in Feststimmung und Festkleidung; gelöst, freudig, erwartungsvoll, mit Gebeten auf den Lippen. Auf dem Gebetsplatz vor der Klagemauer wimmelt es nur so von Menschen, mehr als ich je auf einem Haufen gesehen habe. Wunderbare Gesänge erfüllen die Luft, Lachen, Gemurmel, Fröhlichkeit, Anbetung, wohin man schaut.

Wie heisst es doch mahnend auf der EDA-Homepage über Israel? „Wegen der angespannten Situation ist in Jerusalem besondere Vorsicht geboten, vor allem bei Altstadtbesuchen an jüdischen und islamischen Feiertagen.“ Daran denken wir jetzt nicht. Es ist eindrücklich, mystisch, vermischt mit ehrfürchtigen Schauern, Gänsehaut rieselt über den Rücken. Wir lassen uns von der heiteren, sinnesfrohen, bisweilen leidenschaftlichen Stimmung anstecken, uns mitziehen in diesem Menschenstrom, der vor Vorfreude vibriert. Wir erfahren kaum Stockungen, die Menge bewegt sich zielstrebig. Nachdem wir den geschichtsträchtigen Platz wieder verlassen haben, gibt’s keinen Weg zurück, nur vorwärts. Auch wir sind relativ rasch unterwegs. Die zahlreichen bewaffneten Sicherheitsbeamten nehmen wir kaum zur Kenntnis. Ich gehe am äussersten Rand auf der linken Seite. Meine leichte Bluse mit den langen Fledermausärmeln bläht sich im aufkommenden Wind. Plötzlich spüre ich etwas Kaltes, Metallisches an Ellbogen und Oberarm – und entdecke einen Gewehrlauf, der sich in meinen Blusenärmel verirrt hat. Ich habe mir buchstäblich einen Sicherheitsbeamten geangelt! Blitzschnell ziehe ich meinen Arm weg, befreie den Ärmel vom Sturmgewehr und murmle: „Sorry!“ Der Soldat verzieht keine Miene. Mir aber fährt nachträglich der Schreck in die Glieder.

Später verfolgen DER MANN und ich im Fond eines Taxis amüsiert eine heftige, in Hebräisch geführte Diskussion zwischen Sicherheitsoffizier, Taxifahrer und unseren Freunden. Wir verstehen kein Wort, aber dass die Emotionen hochfliegen, ist unverkennbar. Der Grund ist leicht zu erahnen: wir sitzen fest, umringt von Menschenmassen, blockiert durch gesperrte Zufahrten. Schliesslich dreht sich der Sicherheitsoffizier mit harter Miene weg, ohne weiteren Kommentar – nicht einmal ein Wendemanöver hat er erlaubt. Unserem Chauffeur bleibt nichts anderes übrig, als das Taxi samt Fahrgästen rückwärts ein unglaublich steiles, furchtbar enges und holpriges Gässchen hinunter zu quälen. Mit mehr Krach als Ach finden wir schliesslich zum Ausgangspunkt zurück, dem Parkhaus vor den Toren der Altstadt. Natürlich, hier geht Sicherheit immer vor! Die lückenlose Bewachung ist es ja, die es ermöglicht, die Magie der Stadt ungestört in sich aufzunehmen.

Dieser Magie kann sich kaum jemand entziehen. In meinem Reiseführer steht gar: In Jerusalem beginnt selbst der überzeugteste Atheist an Gott zu glauben. Allein die Schönheit des Ortes, das warme Licht, die Bauten aus goldfarbenem Stein, die liebliche Lage in den Hügeln mit den grünen und silbrigen Kronen der Feigen- und Olivenbäume reichen für den Gesinnungswandel aus.

Auch für uns ist Jerusalem etwas ganz Besonderes. Es gibt wohl keinen Ort auf Erden, wo mehr gebetet, gesungen, Gott gelobt und angefleht wird, das gibt der Stadt ein ganz spezielles Gepräge. Doch erst am Ende des Tages, wenn Hitze, Gewimmel und Getöse der geschäftigen Stunden am Verebben sind, spürt man, wie Gottes mächtiger Atem durch die engen Gassen der Altstadt strömt. Im uralten Gemäuer nisten Geheimnisse, wehen Erinnerungsfetzen aus dem Altertum, wispert der Wind. Er trägt den Nachhall jahrtausendealter Geschichten über die heiligen Dächer hinaus und in unsere Zeit hinein. Sie erzählen von Siegen und Niederlagen, menschlichen Leidenschaften und Blutvergiessen – und von Jahwe, dem Ewigen.

Das jüdische Pessachfest, das an den Auszug aus Ägypten erinnert, beginnt dieses Jahr am Abend des 19. April nach Sonnenuntergang und dauert eine Woche, während wir Christen Karfreitag und Ostern feiern. Ich wünsche Euch frohe und erholsame Tage. Freut Euch: der Tod hat nicht das letzte Wort!

Elisabeth, 10.4.2019

Der Hund

Auf dem einsamen Feldweg, völlig aus dem Nichts, tauchte er hinter uns auf: ein grosses, zotteliges, schwarzes Ungetüm von einem Hund. Meine Kniee begannen zu schlottern, während mein Sohn unbekümmert voranschritt. Der Hund folgte jetzt ihm, ging auf Distanz zu mir, als würde er verstehen, warum mich jeder freilaufende Hund erschreckte, seit ich als Kind von einem Schäferhund von hinten umgestossen und gebissen worden war. Seither dauerte es seine Zeit, bis ich Vertrauen zu einem unbekannten Tier fasste, obwohl ich mit dem Schäferhund meiner Grosseltern aufgewachsen war.

Diese Zeit gewährte mir unser neuer Gefährte. Erst nach einer Weile, als ich mich nicht mehr vor ihm fürchtete, kam er zu mir und blieb dicht an meiner Seite, ganz ritterlicher Beschützer. Was für ein feinfühliges, sanftmütiges Geschöpf! Schon bald wuchs er meinem Sohn und mir ans Herz. Offenbar spürte er die aufflammende Zuneigung. Nach einer Weile rannte er übermütig nach vorn, dann wieder zurück und schaute aus treuen Augen zu mir hoch. Kam eine Wegkreuzung, wartete er geduldig, bis wir die Richtung vorgaben; ebenso, wenn wir uns ausruhten, um uns aus dem Rucksack zu verpflegen.

Am Nachmittag kehrten wir in einem Dorf in den Gasthof ein. Die Wirtin brachte dem Hund Wasser, und ich bestellte ein Paar Würstchen für ihn. Der Kerl hatte offenbar mächtig Hunger. Freudig stürzte er sich auf das Bestellte und hatte die beiden dünnen Würstchen in Sekundenschnelle verschlungen. Voll neuer Energie tollte er hierauf im Blumengärtchen der Wirtin herum. Ich versuchte ihn davon abzubringen, doch ohne Erfolg. Das erzürnte die Wirtin und sie befahl mir, meinen Hund zurückzurufen. «Er gehorcht mir nicht, denn er ist gar nicht mein Hund», gab ich zur Antwort und erntete ungläubiges Kopfschütteln. Rasch tranken wir aus, damit wir uns so schnell wie möglich mit unserem ungestümen Gefährten wieder auf den Weg machen konnten. Ich begriff, dass das Tier gewohnt war, sich äusserst frei zu bewegen.

Auf der Schlussstrecke bangten wir um ihn. Es war eine befahrene Strasse, und Barry, wie wir ihn inzwischen nannten, rannte mitten auf der Strasse kreuz und quer vor uns her. Da fand ich es an der Zeit, ihn zurückzuschicken. Wenig erstaunlich, auch diesmal gehorchte er nicht. Immer wieder redete ich ihm gut zu, scheuchte ihn weg. Er blieb. Hatte er uns nicht den ganzen Tag begleitet? Uns sozusagen adoptiert? Uns gezeigt, dass ihm an uns lag?

Auf dem Bahnhof versuchte ich erneut, ihn zur Umkehr zu bewegen. Doch er wich nicht mehr von unserer Seite. Als der Zug kam, wollte Barry partout mit uns einsteigen, so dass der Zug schliesslich ohne uns wegfahren musste. «Schau, mein lieber Barry», erklärte ich ihm, «du wärst in der Stadt todunglücklich. Ausserdem ist in unserer Wohnung kein Platz für einen so grossen Hund wie dich.» Wie hätte er das verstehen können? Er kannte offensichtlich nur die Freiheit auf dem Land. Schweren Herzens gingen wir zum Stationsbüro und erklärten dort die Sachlage. «Er trägt eine Marke. Lassen Sie ihn hier, wir werden morgen seine Besitzer ausfindig machen», schlug die nette Stationsbeamtin vor. Nachdem sie ihn im Stationsbüro eingeschlossen hatte, entfernten wir uns. Ein letztes Mal sahen wir zurück. Barry sprang verzweifelt hinter der Scheibe auf und ab und heulte, dass wir es draussen hören konnten. Meine Brust zog sich zusammen. Am liebsten hätte ich mitgeheult.

Wie ich anderntags bei meinem Anruf erfuhr, war er auf einem Bauernhof zu Hause. Weshalb hatte er weglaufen wollen? Wurde er schlecht behandelt, oder fühlte er sich einsam, weil seine Besitzer keine Zeit für ihn hatten? Wir wussten ja unterdessen, dass sich unter dem struppigen Fell ein gefühlvolles Herz versteckte.

Selten bringen wir Menschen es fertig, starke Gefühle wie etwa Schmerz, Verzweiflung, Enttäuschung derart unvermittelt zu äussern wie Barry. Dabei brächte dies die Menschen einander näher. Hunden gelingt dies spielend. Ob man einen Hund nicht zuletzt deshalb «den besten Freund des Menschen» nennt?   

Elisabeth, 3.4.2019

Im Wald

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Kommt Ihr mit mir ins Dämmer eines Waldes? Stille geniessen? Tannenduft einatmen? Verwunschenen Pfaden folgen?

Ich liebe den Wald, zu jeder Jahreszeit: Im Frühling, wenn es fein nach Holunderblüten riecht, wenn die jungen Knospen der Buchen aufspringen, sich Sonnenstrahlen zwischen die Bäume stehlen und Myriaden lichtgrüner junger Blättchen zum Leuchten bringen; im Sommer, wenn der kühle Schatten einen wohltuend umfängt, das Harz an warmen Baumstämmen seinen würzigen Duft entfaltet, Beeren reifen und es rundum brummt und summt von Bienen und Fliegen; im Herbst, wenn die Ameisenhaufen wimmelnd hoch sind, wenn das Laub unter den Füssen raschelt, milchiges Sonnenlicht durch die Bäume fällt, die in einem wundervollen Farbrausch erglühen; im Winter, wenn leichte Pfotenabdrücke auf der jungfräulich weissen Erde das Vorbeihuschen von Waldtieren verraten, wenn die dunklen Tannäste – geschmückt mit einer diamanten glitzernden Schneepracht – in ihrer Schwere fast bis zum Boden reichen.

Schon als Kind war ich am liebsten im Wäldchen in der Nähe meines Elternhauses. Im Frühjahr bedeckte ein dichter Teppich weisser Buschwindröschen den moosigen Waldboden, aus dem etwas später winzige Büschel violetter Veilchen hervorlugten, die ich gerne für meine Mama pflückte.

Und doch: dieses und jenes Ausgeliefertsein in unangenehmer Situation hat mich das Schaudern gelehrt. Wenn ich ohne Begleitung auf menschenleeren Waldwegen unterwegs bin, fürchte ich mich stets ein wenig und bewege mich schneller als sonst.

Nun ja, ich ging trotzdem immer wieder hin, damals, in den Jahren nach meiner Scheidung. Während meiner Ehe hatte ich das Wandern lieben gelernt. Inzwischen war mein Sohn erwachsen geworden, also machte ich mich nach seinem Wegzug an den Wochenenden oft allein auf die «Wandersocken», obwohl es ungewohnt war, ohne einen anderen Menschen an meiner Seite durch Feld und Wald zu streifen.

An einem sonnigen Sonntag hatte ich wieder einmal eine abwechslungsreiche Tageswanderung vor mir. Nach etwa einer Stunde kam ein Waldstück, durch das ich in rassigem Tempo schritt. Da entdeckte ich ein paar Meter vor mir auf einer etwas versteckten Bank einen Mann. Du lieber Himmel! Was, wenn?? Er grüsste freundlich, während ich an ihm vorbei hastete. Nervös blickte ich mich ein- oder zweimal um, um mich zu vergewissern, dass er mir nicht folgte.

Aufatmend konnte ich schon bald den Wald verlassen und gelangte in eine kleine Siedlung mit Häusern auf beiden Seiten des Weges. Plötzlich war der Mann neben mir. «Ich habe bemerkt, dass Sie sich im Wald vor mir fürchteten», sagte er. «Das hat mir leidgetan. Es ist wohl nicht immer einfach, eine Frau zu sein.» Bei diesen einfühlsamen Worten hätte ich beinahe geweint. Wie Recht er hatte! Jetzt schaute ich ihn genauer an und sah in seinen Augen, dass er, wenn auch kaum viel älter als 40, ein gütiger Mensch war. Ganz selbstverständlich gingen wir miteinander weiter, wir wanderten den ganzen Tag Seite an Seite, auch durch Waldstücke, assen unterwegs in einem Landgasthof eine Kleinigkeit. Dabei führten wir anregende Gespräche, lachten fröhlich und genossen die gegenseitige Gesellschaft. Ein sorgloser Tag! Mein Begleiter auf Zeit entpuppte sich als gebildeter, liebenswürdiger Mann, der mir ein grosses Geschenk machte: Geborgenheit und Ruhe in männlicher Gesellschaft, den wiedergewonnenen Glauben in die Männer.

Seinen Namen habe ich vergessen. An seine Freundlichkeit zurückzudenken, wärmt mir indes noch heute das Herz.

Elisabeth, 27.3.2019 

Maeklong

Kennt Ihr Thailand? Und das Dorf Maeklong? Wenn nicht, erfahrt Ihr gleich, warum es berühmt ist.

In 1¼ Stunden bringt uns der Fahrer von Bangkok nach Maeklong. Der Gang durch den lokalen Markt ist auch diesmal, wie überall in Asien, ein farbenprächtiger Augenschmaus. Er führt vorbei an dicken, silbrig-zappelnden Fischen, blutenden, soeben abgehackten Fischköpfen und frisch zerteilten Fleischstücken, leuchtenden Stapeln bunter Früchte und Blumen, kochenden Frauen vor dampfenden Töpfen, allerlei Haushaltsartikeln wie sie noch meine noch Mutter benutzte, Kleidern, Schuhen jeglicher Farbe und Grösse, grellbunten Plastikkübeln mit krabbelnden Insekten, frittierten Hühnerfüssen, und – kaum verlockender – 6cm grossen gesalzenen Käfern. Das riesige Angebot ist nicht immer appetitlich für uns: Gebratene Peking-Enten mit allem Drum und Dran, also mit  Schnabel und Füssen, baumeln über den Köpfen der Käufer und sind für etwas mehr als einen Franken zu haben; getrocknete Gedärme, Schwalbennester, rosarote nicht etwa gefärbte Eier, Kuhmägen, ganze Schweineköpfe, sowie eine Unmenge weiterer, undefinierbarer Delikatessen, von denen einige in der drückenden, schwülen Hitze zum Himmel stinken – und doch ist dieses bildstarke, intensiv riechende Gewimmel und wilde Gekrabble absolut sehenswert.  

Jetzt stehen DER MANN und ich auf dem Bahnhof am Ende des Marktes. Maeklong ist die letzte Station des aus Bangkok kommenden Pendlerzuges. Man weiss nie genau, wann er kommt, manchmal hat er eine Stunde Verspätung. Billette muss man eine halbe Stunde vor dem Eintreffen des Zuges lösen, nämlich dann, wenn sich der Beamte ins Billetthäuschen setzt. Hier ist vor allem eines gefragt: Geduld.

Das Besondere an Maeklong ist, dass der Zug mitten durch den Markt fährt. Um das zu sehen, sind wir hier. Der 100jährige Markt ist nämlich älter als die Zugslinie, und es kommt nicht in Frage, dass ein Markt, diese allerwichtigste Lebensader des thailändischen Alltags, aufgehoben wird – wegen einer Bahnlinie schon gar nicht.

Wir warten neugierig am Rand des Marktes, zusammen mit anderen Touristen, die ihre Kameras bereits gezückt haben. Man hört von weit her das Pfeifen einer Lokomotive. Jetzt entstehen im Markt der Bahnlinie entlang gezielte Aktivitäten. Flink und routiniert, aber keineswegs hastig, werden Sonnendächer von Marktständen aufgerollt, Kleiderständer, Kübel und Behälter ein paar Meter nach hinten verschoben, das am Boden zum Verkauf ausgebreitete Gemüse abgetragen, so dass nur noch eine ca. 10cm hohe Schicht davon liegen bleibt. Von Hektik keine Spur. Unterdessen hat man auch beidseits des Strässchens, das vor dem Bahnhof liegt, zwei Bahnschranken von Hand heruntergeholt. Und jetzt kommt er in Sicht: ein breiter, mächtiger schwarzer Koloss von einem Zug mit gut 30cm hohen Trittbrettern. Er wälzt sich langsam dafür stetig, pfeifend und schnaufend durch den ganzen Markt, über sämtliche am Gleisrand liegenden Waren hinweg, haarscharf an Verkaufsständen, Verkäufern und fotografierenden Touristen vorbei.

Es ist ein spektakulärer Anblick, den wir nie vergessen werden. Und das Beste: es zeigt die kreative, erstaunliche, täglich von neuem einwandfrei funktionierende Lösung eines Interessenskonflikts. Wunderbar!

Elisabeth, 20.3.2019

Brille: Fielmann.

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Die Beiständin meiner demenzkranken Freundin bittet mich, die betagte Frau zu Fielmann zu begleiten, um eine Brille zu besorgen. «Sie hat doch seit Jahrzehnten Linsenimplantate, schon seit ihrem schweren Unfall Anfang der Achtzigerjahre. Ich habe sie noch nie mit einer Brille gesehen», berichte ich der Beiständin. «Nun braucht sie aber eine Brille», beharrt diese. «Im Pflegeheim sagen sie, dass sie gar nichts mehr lesen kann. Ich schicke Ihnen das Rezept des Augenarztes. Bitte vergessen Sie nicht: Die Kostenlimite für Gläser und Gestell beträgt Fr. 200.»

Die Freundin ist ganz übermütig wegen des Ausflugs ins Stadtzentrum, während ich mir überlege, ob ich nicht vorher hätte anrufen sollen, um die Fielmann-Angestellten über die Demenzerkrankung ins Bild zu setzen. In Gegenwart meiner Freundin will ich die Krankheit natürlich nicht erwähnen. Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass die Demenz sicher sehr rasch erkannt werde. Mitnichten! Meiner teilnahmslos dasitzenden Freundin erklärt eine Optikerin anhand von komplizierten Tabellen die Art und Funktion von Gleitsichtbrillen, die Ursachen der Fehlsichtigkeit, die Dienstleistungen von Fielmann… Ich muss sie schliesslich unterbrechen. Der nächste Optiker gibt sich noch mehr Mühe. Nach längerem Hin und Her – nicht zuletzt auf Grund seiner Bedenken wegen der Kostenlimite bei solch ungewöhnlicher Fehlsichtigkeit – schreitet er mit Versuchsgläsern zur Tat. Die Freundin lässt geduldig alles über sich ergehen. Verleiht ihr das im Voraus in Aussicht gestellte «Zvieri» Flügel? Auch der Optiker beweist viel Geduld. Denn unterdessen ist viel Zeit vergangen.

Mit dem entstellenden Gestell und flaschenbodendicken Gleitsichtgläsern im Gesicht lächelt die Greisin freundlich in die Runde, als sei sie jeden Tag zur Brillenauswahl bei Fielmann. Währenddessen denke ich besorgt, ihr Gehirn werde mit einer solch anspruchsvollen Umstellung – in ihrem Alter und erst recht wegen ihrer Demenz – überhaupt nicht mehr fertig. Ich verstehe den Augenarzt nicht. Leider ist auch der Optiker felsenfest davon überzeugt, dass eine Umgewöhnung kein Problem sei. Inzwischen rede ich mit Engelszungen. Endlich lässt er meine Freundin probehalber mit den neuen Gläsern im Laden herumgehen. Sie schafft nicht einmal zwei Schritte. Ich kann sie gerade noch auffangen, damit sie nicht stürzt. Der Test hat glücklicherweise etwas Überzeugendes.

Ich rege eine simple Lesebrille an. Daraufhin macht die dritte Optikerin einen Sehtest mit der «Frau Mammaaa», die strahlt, als hätte sie im Lotto gewonnen. Sie scheint die Buchstaben alle zu erkennen, so schnell rasselt sie sie herunter… Ich sitze wie auf Kohle. Doch oh Wunder! Nach fünf Viertelstunden sind wir jetzt auf dem besten Weg. Verschiedene Brillengestelle liegen zur Auswahl auf dem Tisch. Da sagt die alte Frau plötzlich ganz entschieden: «Ich habe noch nie eine Brille getragen und will auch keine. Ich brauche gar keine Brille!» Dabei bleibt sie, stur wie ein Maultier, da ist nichts zu machen. Am Ende versteigt sie sich sogar zur Behauptung, sie habe schon ewig lange eine Brille, sie müsse sie bloss suchen. Jemand verstecke sie dauernd, wahrscheinlich sei sie inzwischen in ihrem Nachttisch, sie finde sie bestimmt noch heute Abend, wenn sie nicht schon wieder weggenommen worden sei. Nach 1½ Stunden «Keine Brille: Fielmann.» verlassen wir das Geschäft: ich mit schamroten Wangen, der Fielmann-Crew insgeheim ein Kränzlein windend, sie vergnügt und völlig im reinen mit sich und der Welt. Unbeschwert lässt sie sich das versprochene «Zvieri» schmecken. Schon auf dem Rückweg ins Pflegeheim hat sie den ausgedehnten Fielmann-Besuch ganz und gar vergessen.

Seither sind gut zwei Jahre vergangen. Inzwischen ist sie 97. Nach wie vor freut sie sich über jeden Besuch. Doch sie hat noch immer keine Brille. Sie hat auch keine Lust mehr zu lesen.

Und der Sozialdienst hat Fr. 200 eingespart.

Elisabeth, 13.3.2019