Erinnerungen

An diese alten Dinger kann ich mich noch erinnern… Photo by Dominika Roseclay on Pexels.com

In jedem einzelnen Menschen ist eine vollständige, wundersame Welt eingeschlossen, ein Universum für sich, ein Universum aus Leben, Gefühlen, Geheimnissen, Erinnerungen, Erfahrungen, Wissen, Schmerzen. Oft dringt nur wenig davon nach draussen. Ein Freund meinte einst: «Die Tragik der Menschheit ist, dass keiner des anderen Schmerz wirklich empfinden kann, sei er körperlich oder seelisch. Höchstens Mitgefühl ist uns möglich.»  

Jeder Mensch hat seine ureigensten Erinnerungen, die seine Geschichte erzählen. Mir fällt auf, wie sehr ich die meinen parallel abrufen kann, als wären sie alle gleichzeitig geschehen. Sie erscheinen mir daher zeitlos. Und mit zunehmendem Alter werden es immer mehr. Was macht das mit uns?

Nach einer Aufführung in einem Londoner Theater, die wir zusammen mit einem älteren Freundespaar besuchen, antwortet sie auf unsere entzückten Äusserungen: «Für uns war’s nur mässig. Ich fürchte, wir sind mit den Jahren etwas blasiert geworden.» Schade, Blasiertheit bräuchte es nicht. Erinnerungen sind kostbar, sie machen reich, lassen uns reifen, machen glücklich– oder nicht? Und das Beste: Leidvolle Erfahrungen verlieren aus der Distanz an Intensität.

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Ich sehe mich als Dreikäsehoch, wie ich mich voller Gewissensbisse versteckt halte, nachdem ich Grossvaters ganzen Stolz, das Schneeglöcklein-Beet vor dem Haus, leer gepflückt habe. Die Strafe bleibt aus, weil die Erwachsenen erleichtert sind, als sie mich endlich finden.

Mit klopfendem Herzen trete ich meine Praktikantinnen-Stelle in Paris an und verstehe fürs erste nur «Bahnhof», obwohl ich seit Jahren in der Schule Französisch gelernt habe. In England verabschiede mich in der Victoria Station von meinem Verlobten und erfahre, dass Engländer prüder sind als Franzosen: «This is not a kissing room», werden wir bei unserem innigen Abschiedskuss missbilligend getadelt – vom ältlichen Kellner des Bahnhof Restaurants, der wie ein Butler aussieht!

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Als junge Mutter spaziere ich stolz mit meinem Söhnchen durch die Gegend und plaudere mit ihm, als würde er alles verstehen. Seine grossen blauen Augen sehen staunend zu mir auf.

In Kenia erschauere ich beim Anblick eines blutigen Zebra-Kadavers, um dessen Gedärme Hyänen und Geier sich einen gehässigen Kampf liefern. In den Strassen von San Francisco lasse ich mich zusammen mit einem rassigen, schwarzen Verkehrspolizisten ablichten. In Indonesien beginnt mein Herz in einem abgelegenen Dorf zu flattern beim Anblick von reihum in Trance fallenden Tänzern.  

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Jahrelang träume ich von einem fürsorglichen Mann an meiner Seite. Und da ist er da, DER MANN: Bei unserer ersten Begegnung vor mehr als 25 Jahren stellt er sich schützend zwischen mich und den zähnefletschenden Schäferhund, obwohl ihm ebenfalls bang ist vor bissigen Hunden.

Auf Hawaii lassen DER MANN und ich uns das in der Erde gegarte Wildschwein schmecken. In Indien vergnügen wir uns als einzige Weisse auf einem kleinen Rummelplatz, während sich junge Burschen anschicken, den Kofferraum unseres Autos zu plündern.

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In Jerusalem wagen wir uns in die grosse Höhle neben dem Damaskus-Tor, die man den «Steinbruch König Salomons» nennt, weil dort die Felsbrocken für den Bau des ersten Tempels auf dem Tempelberg gebrochen wurden. Man stelle sich einen 230m langen, mystisch beleuchteten unterirdischen Weg durch Fels und Stein vor. Ausser zwei vorbei huschenden Katzen sind wir die einzigen Besucher.

Blick auf den Tempelberg in Jerusalem – Photo by Haley Black on Pexels.com

Im Rückblick laufen all diese Erlebnisse bei mir gleichzeitig ab. Wir Menschen sind also jederzeit in der Lage, gute oder schlechte Erinnerungen abzurufen, d.h. wenn wir sie als erhaltenswert gespeichert haben – seien sie von gestern, vorgestern, oder aber aus vergangenen Jahren, ja Jahrzehnten. Blitzschnell können wir von Ort zu Ort, von Episode zu Episode hüpfen. Ein Duft, ein Wort, eine Melodie, ein Bild, oder vielleicht ein Film, versetzt uns augenblicklich in eine andere Szene. Natürlich ist diese Gedankenreise auch willentlich machbar. Eine winzige Drehung des Blickwinkels, eine Art «Zappen» im Gehirn, genügt. Das ist wahrhaftig zum Staunen! Was für ein geniales «System»! Allerdings ist es auch verwundbar. Meines «stürzte» temporär ab, nachdem ich die Todesnachricht meines Sohnes erhalten hatte…

Mein Gedächtnis beweist mir, dass Zeit während unseres Erdendaseins eigentlich nicht richtig existiert. Obwohl wir älter und schliesslich alt werden, bewegt sich alles auf derselben persönlichen Ebene, verschmilzt ineinander. Vergangenheit und Gegenwart sind so eng verwoben, als wären sie eins. Die besonders eindrücklichen Geschehnisse erscheinen klar, lebhaft und nah beieinander, es spielt überhaupt keine Rolle, wenn inzwischen 50 Jahre vergangen sind.

Ich frage mich, ob die Zukunft auch bereits vorgezeichnet und irgendwo als Erinnerung registriert ist. Wie denkt Ihr darüber?

Elisabeth, 15.7.2020

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Im Orient: Marokko, 5.+letzter Teil

Die Kasbah Ait Benhaddou

In den Städten Marokkos ist die Kasbah das Viertel der Regierungsbeamten und liegt daher ganz in der Nähe des Königspalastes, während man unter der „Medina“ die Altstadt mit den Souks versteht. Beide befinden sich in Marrakesch innerhalb der Stadtmauern und liegen übergangslos nebeneinander. Wir haben bei unserer ausgedehnten Kutschenfahrt denn auch kaum einen Unterschied zwischen Kasbah und Medina ausmachen können. Claude Ollier schreibt über die arabische Medina: „In blinde Mauern eingeschlossene Intimität, jedes Eindringen aus der überfüllten Straße wird durch die kleinen Türen verwehrt, die man nie ganz, immer nur einen Spalt weit öffnet, und die schwere Schlösser haben.“

Photo by Taryn Elliott on Pexels.com: Innenhof-Intimität

Auf dem Land sind Kasbahs eindrucksvolle Lehmburgen, befestigte Dörfer, meist auf Hügelkuppen gelegen, wo die Lehmhäuser der Bewohner sich hinter hohen, prächtig verzierten Mauern um den Palast des Paschas scharen. Eine Kasbah war früher Fluchtburg und Herrensitz, Festung und Gemeinschaftsspeicher, Sippenwohnung und Machtzentrum in einem. Einige sind noch heute bewohnt. Doch der idyllische Schein trügt: Im Winter, bei Schnee und Regen, ist das Leben inmitten der hohen Gemäuer hart, nass und sehr kalt.

Außer in Marokko haben sich die wuchtigen, aus Stampflehm und Maisstroh gefügten Festungen nur im Jemen erhalten. Die wohl schönste Kasbah Marokkos ist „Ait Benhaddou“. UNESCO hat das durch Alter und Witterung arg in Mitleidenschaft gezogene Kulturgut vorbildlich renoviert. Den Filmen „Sodom und Gomorrha“ und „Laurence of Arabia“ diente „Ait Benhaddou“ als wunderbare Kulisse.

Wer weiß schon, dass nicht nur „Laurence of Arabia“ und „Kleopatra“ in der marokkanischen Wüste gedreht wurden, sondern auch der Tibet-Film „Kundun“? Dazu flog Hollywood 800 tibetische Statisten ein. Der schön bemalte tibetische Palast, die steinernen Türwächter-Löwen – alles Schwindel und Fassade, alles bloß aus Pappe und Gips! Dies haben DER MANN und ich zwischen den glühend-heissen Filmkulissen von Quarzazate verdutzt, aber auch mit Nachdenklichkeit festgestellt. Wie leicht lassen wir Menschen uns doch täuschen vom schönen Schein und von weg retuschierten Realitäten!

Photo by Markus Winkler: China, Tibet, Marokko – oder??

Interessant ist, dass Quarzazate 1928 von der französischen Kolonialverwaltung Marokkos als Garnisonsstadt für die Fremdenlegion gegründet wurde. Meines Wissens war das alles andere als ein realitätsfremder Ort!

Fährt man durch bestimmte Gegenden Marokkos, entdeckt man Bäume, in deren Kronen ganze Gruppen von Ziegen stehen. Was um alles in der Welt veranlasst die Tiere, ins hohe Geäst zu klettern? Des Rätsels Lösung: Sie fressen mit Hochgenuss die Früchte der Arkana-Bäume. Die äußerst harten, etwa eichelgroßen Fruchtsteine scheiden sie mit dem Kot wieder aus. Die dort ansässigen Menschen sortieren diese Fruchtsteine aus dem Kot, knacken die harte Schale, rösten die Kerne und pressen sie anschließend zu Öl. Dieses Öl hat einen ausgeprägten Nussgeschmack, ist sehr kostbar und teuer. Es gilt als äußerst gesund, vor allem als Nahrungsbeigabe (z.B. in Salatsaucen); dann aber auch als Einreibemittel gegen Rheuma und Rückenschmerzen, oder in der Kosmetik.

Wie man sieht, ist mitunter sogar Kot etwas Wertvolles – vorausgesetzt, man scheut sich nicht, beherzt hineinzulangen.

Die Ziegen in den Arkana-Bäumen

Elisabeth, 8.7.2020

Im Orient: Marrakesch, 4. Teil

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Man sagt, Marrakesch, die Hauptstadt von Südmarokko und eine der vier Königsstädte, sei der Höhepunkt einer Marokkoreise. Die „Stadt der Rosen“ sei „so ewig wie der Schnee auf den höchsten Gipfeln und so tief in der Geschichte verwurzelt wie Palmen in der Erde“. Im Laufe von über tausend Jahren haben die größten Könige um Marrakesch gestritten, Dynastien entstanden – und verschwanden wieder. Was blieb, wurde von Gelehrten, Handwerkern, Architekten, Malern und Bildhauern aller Epochen geschaffen: prächtige Paläste, Moscheen und Gärten. In der Königsstadt kommen Berber und Araber, Nomaden und Bergbewohner zusammen, was ihr wohl diese facettenreiche, farbenprächtige Lebendigkeit verleiht.

Die Place Djemaa el Fna bei Nacht (Jorge Lascar)

Eine rote Stadtmauer aus dem 11. Jahrhundert umschließt auf 12 Kilometern Länge die Altstadt von Marrakesch, die sog. Medina. Wie schon letztes Mal berichtet, herrscht drinnen ein unglaublich pulsierendes Leben, vor allem in den Souks. Der fröhliche Bäcker lässt DEN MANN und mich seine Untergrund-Bäckerei besichtigen und schenkt uns zwei frische Fladenbrote, ofenheisse, so dass wir sie beinahe fallen lassen.

Der El Bahia-Palast wurde um 1900 vom Großwesir Bou Ahmed mit orientalischer Prachtentfaltung angelegt. Bou Ahmed, ein einflussreicher Mann, übte die Vormundschaft über den jungen Sultan Abd el Aziz aus. Sein Schlafzimmer im Palast, sehr groß, mit vielen Nischen und Alkoven, war mit einem geräumigen Sommer- und einem ebenso geräumigen Winterbett ausgestattet. Hafid, unser kurzfristiger Reiseführer, erzählt, dass beim Liebesspiel des Wesirs mit den Haremsdamen jeweils auch Musikanten zugegen waren. Aber diese hatten blind zu sein, damit sie nicht etwa Dinge sahen, die sie nicht sehen durften. Vorwitzig frage ich: „Und ‚hören‘ war erlaubt, oder mussten sie sehr laut spielen?“ Damit bringe ich Hafid ungewollt in Verlegenheit.

Die Place Djemaa el Fna (Luc Viatoux)

Die Place Djemaa el Fna in der Altstadt ist übervölkert wie jeder Marktplatz auf der Welt – und wirkt doch einzigartig. Übersetzt heißt er „Versammlung der Toten“, da hier in früheren Jahrhunderten die Köpfe der enthaupteten Delinquenten, auf Speerspitzen gespießt, dem Volk als blutige Abschreckung präsentiert wurden. Inzwischen nennt man die Djemaa el Fna den schönsten Platz Afrikas. Denn heutzutage geht’s weit humaner zu und her, obwohl er in Meister Hitchcocks Film „Der Mann, der zu viel wusste“ als Kulisse für einen beklemmenden Film-Mord herhalten musste.

Trommler auf der Place Djemaa el Fna (Maxence Régnier)

DER MANN und ich genießen die schillernde Atmosphäre des berühmten Platzes. Inmitten der fliegenden Händler mit ihren auf Wolldecken ausgebreiteten Waren entdecken wir den Zahnausreißer mit seinem Tablett voller Beweisstücke, den Wunderheiler (der die Beweisstücke schuldig bleibt) oder den unter aufgespanntem Schirm wartenden öffentlichen Schreiber, der seine Klienten auf kleinen bereitstehenden Hockern empfängt. Kalte Schauer rieseln DEM MANN und mir über den Rücken beim Anblick von Dutzenden sich aufrichtender Schlangenkörper, die den näselnden Flöten ihrer Beschwörer gehorchen, welche oft sogar ganze Bündel Schlangen um den Hals tragen.

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Schlangenbeschwörer auf der Place Djemaa el Fna (Arnaud 25)

Der buntgekleidete Wasserverkäufer, der mit Glöckchen auf sich aufmerksam macht, dient heutzutage meist der Folklore (bitte kein Wasser verlangen, könnte Leitungswasser sein!). Auch allerhand Gaukler sind zugegen, Musikanten, Tänzerinnen, Akrobaten, Wahrsagerinnen, Feuerschlucker, Märchenerzähler… Viele wollen uns fotografieren – natürlich gegen ein Entgelt – und die mitgeführten Tiere leisten dem Ansinnen Vorschub. So hüpft mir ein kleiner Affe völlig unerwartet auf den Kopf und posiert dann ganz professionell auf meinem Arm. Es hätte mich nicht gewundert, wenn er auch gleich noch gelächelt hätte!

Wasserträger auf der Place Djemaa el Fna (Carlitos 0802)

Der quirlige Mann am Orangensaft-Stand mit seinen kunstvoll aufgebauten Orangen-Bergen; die gelenkigen Possenreißer, die listigen Zauberer: sie alle wollen Geschäfte machen inmitten von Lärm, Gestank und Schmutz.

Frischer Orangensaft (Ramstein Air Base)

Bei einbrechender Dunkelheit wirkt der Platz am geheimnisvollsten. Im Licht der Karbidlampen steigen von den unzähligen Straßenküchen dichter Rauch und appetitliche Düfte auf. Eine verführerische Einladung, die eigene Biederkeit abzulegen! Gibt es etwas Schöneres, als sich ganz von dieser vibrierenden orientalischen Lebensfreude mitreißen zu lassen?

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Elisabeth, 1. Juli 2020

Lebensfragen

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Soeben erreicht mich die Nachricht, dass eine liebe Freundin gestorben ist. Auch sie…

Dem abgedroschenen Spruch «Mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben», können wir im Alltag wenig abgewinnen, er dringt nicht wirklich in unser Bewusstsein ein. «Wenn, dann trifft es die andern, mich bestimmt nicht», beruhigen wir uns, falls sich die Redensart zwischenhinein doch einmal in unsere Gedanken schleicht. So vergehen die Jahre. Ach – und dann werden wir auf einmal brutal und direkt durch das Sterben eines geliebten Menschen mit der Wirklichkeit konfrontiert.

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Ich frage mich, ob es denn verkraftbar wäre, wenn wir Menschen unsere Todesstunde kennen würden. Was meint Ihr? Wäre das nicht belastend, auch für unsere Nächsten? Würden wir darob verzweifeln, uns bis zum Letzten sträuben? Wahrscheinlich ist es gut so, wie es ist. Hingegen finde ich es klug, wenn wir das Leben auskosten – nicht nur im Hinblick darauf, dass es endlich ist… sondern weil es uns trotz Kummer und Schmerz ebenso viel Freude und Glück schenkt. Am Leben zu sein, zu spüren, wie Gottes Atem durch unseren Körper strömt, ist Grund zu Ehrfurcht und Dankbarkeit. Hier auf Erden können wir das Geheimnis des Lebens nicht entschlüsseln. Der Trost, dass wir nicht tiefer fallen können als in die göttliche Hand, muss uns genügen.

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Freitagnachmittag, 22. Mai 2020: Mit einer guten Freundin und Arbeitskollegin machte mein Sohn Bernie eine Arbeitspause. Sie diskutierten ernsthaft über das Leben und über Krankheiten. Beide hatten vor mehreren Jahren, und viel zu früh, einen schweren Herzinfarkt erlitten und lebten im Wissen, dass sie die Herz-Medikamente regelmässig einnehmen müssten, aber sonst nicht viel machen könnten, als auf ihr Glück zu vertrauen. Noch bevor die Arbeitspause um war, waren sie sich einig, dass sie zwei richtige Glückspilze seien, weil sie auf wunderbare Weise überlebt hätten.

Doch schon am nächsten Morgen in der Früh blieb Bernies Herz stehen. Diesmal kam jede Hilfe zu spät. Nicht nur für uns war es ein riesiger Schock – der Tod kam wohl auch für Bernie völlig unerwartet, aber er kam schmerzlos, gnädig – wie es sich für einen richtigen Glückspilz gehört. Ruhe in Frieden, unser liebster Sohn!

Trauer //Mascha Kaléko, 1907 – 1975
Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,
nur vor dem Tode derer, die mir nahe sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?
Allein im Nebel tast ich todentlang
Und lass mich willig in das Dunkel treiben.
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.
Der weiss es wohl, dem Gleiches widerfuhr;
und die es trugen, mögen mir vergeben.

Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur
doch mit dem Tod der andern muss man leben.

Elisabeth, 24.6.2020

Liebe

Klatschmohn – Botanicus.de

Es fällt mir nicht leicht, wieder zu bloggen – doch gleichzeitig fehlt mir das Schreiben (und letztlich auch Ihr), seit Sohn Bernie, unser innigst geliebter Paradiesvogel, uns verlassen hat. Sein vorzeitiger Tod hat mich verstört. Was liegt da näher, als mit einer frühen Erinnerung an ihn wieder ins Bloggen einzusteigen?

Mein Söhnchen war damals ein etwa 6 Monate altes Baby. Wir wohnten am Rand eines grossen Dorfes am Zürichsee, gleich unterhalb eines ausgedehnten Rebgebietes. Schöne Spazierwege gab’s dort, wir lebten mitten im Grünen. Stieg man in der Nähe unseres Wohnhauses über eine steile Treppe in die Höhe, gelangte man oben auf dem Rebhügel zu einem gemütlichen Gasthof, der sich einer prächtigen Aussicht über den See und auf die Berge rühmen konnte.

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An einem Samstagnachmittag ging mein damaliger Mann mit dem Söhnchen im Wagen spazieren, während ich mich den notwendigen Haushaltsarbeiten widmete. Ich hatte die Wohnung soeben aufgeräumt, als ich bemerkte, wie ein heftiger Platzregen niederprasselte. Die beiden waren ohne Regenschutz unterwegs, und während ich Babykleidchen und einen Kessel voll Stoffwindeln wusch, sorgte ich mich, dass sie nun klitschnass werden würden. Pampers gab es 1968 in der Schweiz noch keine…

Eine gute Stunde später kam mein Mann mit dem Baby zurück. Zu meinem Erstaunen waren sie beide ganz trocken. «Wie ist das möglich?» fragte ich meinen Mann. «Ach, es hat nur ganz kurz geregnet», erwiderte er. Ich nahm ihm das Bündel dankbar ab und legte das Kind auf die Wickelkommode, um ihm die Windeln zu wechseln. Ich redete zärtlich mit ihm, und da begann der kleine Spatz mit Ärmchen und Beinchen wild zu rudern und zu strampeln, während er strahlend immer wieder ein Wort wiederholte – er, der noch gar nicht sprechen konnte.

Bernie beim geliebten Sport

Als wir fertig waren, trug ich den Kleinen ins Wohnzimmer und sagte zu meinem Mann: «Du hast mich angelogen. Ihr wart gar nicht spazieren, sondern sasst die ganze Zeit im Restaurant.» «Woher weisst du das?» «Dein Sohn hat es mir erzählt.» «Was», rief der Vater verblüfft, «er redet doch noch gar nicht!» «Doch, doch! Er hat heute von dir ein Wort gelernt», meinte ich und verbiss ein Lachen, «er hat mehrmals ‘obsi, obsi’ (hinauf, hinauf) gerufen, das sagst du doch immer, wenn du in den Landgasthof gehst. Es hat ihm wohl Eindruck gemacht und ihm im Restaurant gefallen bei den vielen Leuten!»

Bernie im April 2020

Auch später und bis zu seinem frühen Tod am 23. Mai 2020 zog mich mein Sohn ins Vertrauen, wenn ihn etwas stark bewegte – ein Zeichen für unsere Nähe. Ich glaube, die reinste irdische Liebe ist die Mutter- und Kindesliebe. Diese Liebe ist voll Vertrauen, heisst Geborgenheit, bedeutet, dass man sich akzeptiert fühlt, jederzeit sich selbst sein darf. Sie schenkt die Gewissheit einer Liebe ohne Bedingungen.

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Meinen Sohn loszulassen, fällt mir unendlich schwer. Doch wie drückte es John Lennon so treffend aus? Zahme Vögel singen von der Freiheit. Wilde Vögel fliegen.

Lebe wohl, mein liebster Paradiesvogel, lebe wohl!

Elisabeth, 17.6.2020

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Paradiesvogel

Bernie an einer seiner geliebten Messen
Bernies letztes Geschenk

Am 23. Mai, morgens etwa um acht Uhr, hat unser innigst geliebter Sohn Bernie, geb. 1968, auf Grund eines Herzversagens für immer seine leuchtend blauen Augen geschlossen. Er war unser wunderschöner Paradiesvogel, der sich nun in die grosse Freiheit aufgemacht hat. Uns blutet das Herz, doch hat er zahllose bunte Federn bei uns zurückgelassen, die uns auf ewig trösten werden.

27. Mai 2020. In tiefster Trauer, Elisa und DER MANN  

Mein geliebter Sohn: Geborgen in Gottes Hand

Sternenstaub

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Wenn ich in Todesanzeigen den Wunsch lese, der geliebte Mensch möge des Nachts als Stern vom Himmel leuchten und den Hinterbliebenen zublinzeln, schüttle ich den Kopf. Soll das ein Trost sein? Ein fern blinkender Himmelskörper, der nur bei Dunkelheit sichtbar ist? Und vielleicht schon lange verglüht ist, obwohl wir ihn noch sehen können?

Dass diese Idee jedoch nicht völlig aus der Luft gegriffen ist, habe ich kürzlich beim Lesen des folgenden Berichts erfahren, dem das Buch «Womit das Vacuum gefüllt ist» zu Grunde liegt:

«Die Wissenschaft geht heute davon aus, dass sich organische Moleküle schon im Weltall gebildet haben und dann im Inneren von Kometen auf die damals junge Erde gelangt sind. Tatsächlich können in Kometen organische Moleküle nachgewiesen werden. Da Kometen hauptsächlich aus gefrorenem Wasser bestehen, überstehen diese Moleküle im Kometen-Inneren gut den Eintritt in die Erdatmosphäre. Letztlich kann man sagen, dass alles Leben Sternenstaub ist und die ersten organischen Moleküle wohl aus dem Weltall auf die Erde kamen. Dies war nur möglich, weil es ein Besonderes unter den Elementen gibt, das geeignet ist, Leben in solcher Fülle zu ermöglichen: der Kohlenstoff.»

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Die Frage, woher wir kommen und wohin wir gehen, hat die Menschheit seit jeher umgetrieben. Und nun dies: Die Erde und alles, was hier lebt und wächst, entstand vermutlich vor Urzeiten aus Sternenstaub! Unglaublich: Am Anfang war nur Sternenstaub, unser aller Ursprung soll im Weltall liegen! Vielleicht fragen wir uns jetzt, ob wir bei unserem Ableben in die unendlichen, unvorstellbaren Weiten des Universums, an dessen Rand unsere Erdkugel bloss ein Staubkorn ist, zurückkehren werden. Wir alle haben sie im Ohr, die liturgische Beisetzungsformel, die der Pfarrer am Grab ausspricht: «Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub.» Liegt in diesen Worten ein tieferer Sinn? Verweilen wir indes nicht länger beim Tod, der ebenfalls rätselhaft ist. Seien wir dankbar, auf dieser Welt zu sein! «Leben ist nicht Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers». (nach Jean Jorès)

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Wie sich auf unserem blauen Planeten aus Sternenstaub allmählich Menschen, Tiere, Pflanzen, Meere – kurz die Natur in ihrer Vollkommenheit entwickelte, ist eine Frage, mit der wir an Verborgenes, ja Heiliges rühren. Wer hat uns den Atem eingehaucht? Uns das Bewusstsein geschenkt? Liebe und Freude in unsere Herzen gesenkt? Die Liebe, diese unbegrenzte Lebenskraft, ohne die wir nicht gedeihen können – diese Liebe kann meiner Meinung nach nur einer göttlichen Quelle entsprungen sein.

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Christian Lorey und Christoph Gerhard, die, wie sie erklären, gerade deshalb an Gott glauben, weil sie Wissenschaftler seien, haben das eingangs erwähnte, 2018 erschienene Buch verfasst. Sie schreiben u.a.:

«Am Ende jeder naturwissenschaftlichen Betrachtung steht das Staunen. Jede Antwort zieht gleich neue Fragen nach sich: Womit ist das Vakuum gefüllt? Und warum ist nicht ‘nichts’, sondern die Erde geworden? Am Ende stellt man verblüfft fest: All diese Erkenntnisse tragen zur Verzauberung der Welt bei und führen nicht, wie dies oft behauptet wird, zu einer Entzauberung der Wirklichkeit, die uns umgibt.

Das Staunen ist der Anfang aller Philosophie – und genau hier führt eine Brücke zum Glauben an einen Schöpfer dieser wunderbaren Welt, über die jeder zu gehen vermag, der sich noch wundern kann über die Natur und was in ihr von Anbeginn bis auf den heutigen Tag geschieht.» (Ende Zitat)

Photo by Pixabay on Pexels.com

Ich wundere mich noch! Ihr auch? Die Vorstellung, ursprünglich aus den Tiefen des Weltalls gekommen zu sein, hat etwas Unergründliches und tief Bewegendes, oder nicht? Die atemberaubenden Bilder, die wir uns seit 1995 dank der NASA anschauen können, geben uns nur einen winzigen Einblick in die unendliche Weite des herrlichen Universums und seiner Geheimnisse. Für mich ist es nicht schwierig, angesichts dieser überwältigenden Fotos, sowie angesichts der Vielfalt der Lebewesen und der Naturschönheiten auf unserer Erde an den einen erhabenen Gott und Weltenschöpfer zu glauben.

La Réunion, Photo von Freundin Heidi

Von Freundin Sissy habe ich das eindrückliche Zitat erhalten: Wer einen Engel sucht und nur auf die Flügel schaut, könnte eine Gans mit nach Hause nehmen. Nehmen wir keine Gans nach Hause, sondern glauben wir an eine überirdische, geistliche Dimension, eine göttliche Kraft in unserem Dasein.

Ich wünsche Euch einen sanften Sternschnuppen-Regen und zahlreiche zauberhafte Sternstunden, die euch in einen Zustand des Erstaunens und der Ehrfurcht versetzen! Und mögt Ihr den göttlichen Funken in Euch spüren!

Elisabeth, 20.5.2020

Photo by Hristo Fidanov on Pexels.com

Im Orient, Marrakesch (Teil3)

Photo by Anna Filyaeva on Pexels.com: Moschee

Obwohl sie uns lediglich einen flüchtigen Einblick in ein fremdes Land, eine andere Kultur gewähren, bleiben Ferienerinnerungen lange haften. Marrakesch ist der ideale Ort, um Träume aufleben zu lassen.

Nur drei Stunden dauert der Direktflug von Zürich nach Marrakesch. Umso überraschender fühlt es sich für DEN MANN und mich an, dass uns eine vollständig fremde Welt begegnet, kaum sind wir aus dem Flugzeug gestiegen. In Marrakesch bietet sich uns ein Fest für die Augen, eine Welt voller Geheimnisse und starker Düfte. Ekelhafte bleiben neben betörenden wie ein heißer Hauch in der Luft hängen und vermischen sich mit farbenprächtigen Szenen, die jeden unserer Sinne beleben. Zum ersten Mal hören wir die Rufe des Muezzins, die in regelmäßigen Abständen von einer der Moscheen durch die hitze-flimmernde Luft hallen; die Frömmsten werfen sich genau da, wo sie gerade sind, zum Gebet in den Staub, während die anderen diese Pflichten auf günstigere Momente verschieben. Was uns fasziniert, ist diese emsige Geschäftigkeit, dieses schillernde Zusammenspiel von Farben und Lebhaftigkeit, das die ganze Medina durchzieht und ihr ihren unvergleichlich orientalischen Zauber verleiht. Marokkaner sagen indessen: „Marokko offenbart sich nur jenen, die sich die Zeit nehmen, um Wasser zu schöpfen und eine Kanne Tee aufzugießen.“

Photo by Moe Shammout on Pexels.com: Im Orient

Widersprüche sind in diesem Land an der Tagesordnung und verwundern DEN MANN und mich: orientalische Gelassenheit mündet unvermittelt in Heißblütigkeit; immer wieder trifft man ausgesprochen warmherzige, teilnahmsvolle Menschen; daneben lauern Geschäftemacher wie die Spinne im Netz auf Arglose, um sie kaltblütig übers Ohr zu hauen. Aus den Souks kommt man erst nach Stunden wieder heraus – mit leichtem Portemonnaie, dafür vollbepackt mit Dingen, die man gar nicht zu kaufen beabsichtigte. Doch wer wollte auf einen Souk-Besuch verzichten? Ein mit Charme und Übertreibung gewürzter Kaufhandel ist unbezahlbar. Müsterchen gefällig?

Photo by Alex Azabache on Pexels.com: In den Souks

Der Kleiderhändler stülpt mir flugs ein langes Gewand über den Kopf, kichert entschuldigend, als er eine Sekunde lang mein Unterhemd erspäht. Um DEN MANN zum Kauf anzufeuern, lobt er ein übers andere Mal: „Oh, la jolie gazelle! Verkaufen sie sie mir!“ (Dieser Heuchler!) Im Teppichgeschäft tönt es: „Ich gebe Ihnen den wertvollen Teppich gratis, wenn Sie mir dafür Ihre schöne Frau dalassen!“ Was, ich bin gleich viel wert wie ein seidenes Prachtstück?

Happpytovisit.com: Kutschenfahrt

Der Verkauf liegt den Orientalen im Blut! Will man seinen Geldbeutel schonen, hilft eigentlich nur Weglaufen, bevor das obligate Glas Tee vor einem steht… In der Medina hält der Kutscher, der uns lediglich durch die Altstadt hätte fahren sollen, vor dem Laden eines Homöopathen. Der sieht mein wegen einer Venenentzündung verbundenes Bein, fragt: „Was hast du da?“ und schon liege ich auf seinem Schragen auf dem Bauch. „Du bist zu dick“, sagte er unverblümt und holt einen Schlankheitstee vom Regal. Nanu, wegen der paar Kilos?? Und ich habe gedacht, im Orient finde man mollige Frauen attraktiv. Aber hier geht’s nicht um Schönheit, hier geht’s ums Geschäft! Als zweites bekomme ich eine gründliche Massage an beiden Beinen und im Kreuz. Dann befiehlt er, DER MANN solle mir die entsprechende Venen-Salbe und das Öl täglich einreiben (Tu feras ça pour elle, n’est-ce-pas?), und ehe ich mich‘s versehe, stehe ich mit diesen beiden teuren Produkten, einem Schlankheitstee sowie einem (ebenfalls nicht selbst gewählten) Entspannungstee an der Kasse. DER MANN hingegen kommt ungeschoren davon. „Hättest du vielleicht gern Viagra bei mir gekauft? Nein, nein, nein, da weiß ich dir etwas viel Besseres: Üben, üben und nochmals üben…“.

Photo by julie aagaard on Pexels.com

Weiter geht’s mit unserer Kutsche durch die engen Gässchen der Medina und der Kasbah, oft kaum 3 bis 4m breit, hautnah vorbei am armseligen Alltag ihrer Bewohner, die sich unseretwegen an Mauern drücken und in Türbogen ducken müssen: Etwas betroffen blicken DER MANN und ich von den Kutschensitzen hinab in dunkle Buden und Werkstätten, vollgestopfte Läden und auf stinkende Abfallhaufen. Da spült jemand, im Hauseingang kauernd, Geschirr, dort wird munter repariert oder rasiert.

Ob wir wie die Marokkaner noch so fröhlich lächeln würden, wenn wir uns mit solchen Lebensumständen begnügen müssten? Oft scheint es, als hätten wir im Abendland trotz Wohlstand die Lebensfreude verloren. Reisen bereichert. Mich macht es zudem dankbar.

Elisabeth, 13.5.2020

Im Orient: Marokko (2.Teil)

Westwing: Marokkanischer Innenhof

Schwelgt Ihr auch gerne in vergangenen Sinneseindrücken? Man kann sie jederzeit aus dem Gedächtnis hervorzaubern, darin versinken und die Zeit vergessen – etwas, das ich in diesen Tagen besonders schätze.

Westwing: Jardin Majorelle

Lebhaft erinnere ich mich an so vieles in Marokko: eine Fahrt über den Hohen Atlas mit Landschaften wie aus dem Bilderbuch; ein neugieriger Bummel durch die Souks; Dösen unter hohen, sich im Wind wiegenden Dattelpalmen; Essen unter duftenden Jasmin-Büschen inmitten eines blühenden Gartens; sich vom süßen Gesang der Vögel im Garten betören lassen; die Freundlichkeit der Menschen spüren; am Hotelpool bewegt dem Song von John Lennon lauschen: „Imagine all the people living life in peace“; dem kleinen Pariser Hund mit dem seltsamen Namen „Saint-Pierre“ (Heiliger Petrus) zuschauen, der sich genüsslich von seinen zwei Herrchen kraulen lässt; den Worten André Hellers nachsinnen: „Marokko ist die große Liebesgeschichte meines Lebens, seit ich 1972 erstmals hierhergekommen bin“. Sein bezauberndes Gartenparadies „Anima“ eröffnete 2016, etwas ausserhalb von Marrakesch.

Im älteren Jardin Majorelle schweifen die Augen begeistert über das berühmte Kobaltblau, das der Künstler Jacques Majorelle entwickelte. Tief und leuchtend ist es. In der Stille des 4000m2 großen botanischen Gartens, den Yves Saint-Laurent vor dem Verfall rettete, strahlt es überall. Es spiegelt sich im Wasser, kontrastiert mit leuchtendem Gelb, üppig grünen Pflanzen, exotischen Blüten und schattigen Bäumen.

Westwing: Jardin Majorelle

Außerhalb der roten Stadtmauern von Marrakesch herrscht ein anderer Rhythmus, leben andere Farben als im geschäftigen Stadtzentrum. Die Blätter rauschen sanft im Wind, ein Wohlgeruch von Jasmin und Geißblatt und der allgegenwärtige Duft der berühmten Rosen von Marrakesch liegen in der Luft.

Ein paradiesischer Ort, der mit Hilfe eines jahrhundertealten ausgeklügelten Brunnen- und Kanalisationssystems erblüht, ist auch der berühmte Palmenhain von Marrakesch. Er besteht aus 13’000 Hektar Grünflächen und 180’000 Palmen, beherbergt zudem einen Golfplatz. Ein Stück weiter, hinter dem Königspalast, liegt die Gartenanlage Agdal, in welcher prachtvolle Feste gefeiert werden. Je nach Jahreszeit tragen die Bäume gleichermaßen schöne wie erlesene Früchte, Orangen, Feigen, Granatäpfel, Oliven…. Wer hätte da nicht Lust, einmal Gast zu sein an einem dieser Feste? Könnte Bauchtanzen zur Vorbereitung vielleicht nützlich sein?  

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Jeden Tag ertönen am Hotelpool orientalische Melodien. Dann ist es Zeit für die morgendliche Bauchtanz-Lektion. Orientalische Rhythmen bringen schon bei den ersten Klängen mein Blut in Wallung. Obwohl im Tanzen eher unbegabt, kann ich schließlich nicht widerstehen und schließe mich der kleinen Gruppe am vorderen Ende des Pools an. Bei der Instruktorin – natürlich einer Marokkanerin – sieht alles so mühelos aus. Mit den Händen aufreizend wedeln, die Handgelenke, Schultern und Hüften kreisen und immer schneller rotieren lassen, die Beine von oben bis unten zum Zittern bringen, und erst noch all diese Bewegungen gleichzeitig ausführen, aber so, als wären die einzelnen Körperteile völlig losgelöst voneinander – Du liebe Zeit! Es dauert nicht lange, da bin ich hilflos überfordert, habe plötzlich Dutzende von Gliedern, die sich samt und sonders zu verwickeln drohen. Ich stehe genau im Blickfeld der Instruktorin, und zuerst ruft sie mir noch zu: „Non! Pas comme ça! Regardez!“, doch schon bald überlässt sie mich meinem linkischen Schicksal, um am Schluss trocken zu bemerken: „Das haben Sie nie zuvor gemacht, oder?“ Erraten!! Na ja, in der Schweiz tanzt man eben etwas anders… Ach, aus mir wird wohl nie eine geschmeidige, verführerische Bauchtänzerin.

Ade, prachtvolle Feste!

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Elisabeth, 6.5.2020 – (Forts.folgt)

Im Orient (1.Teil)

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Den begeistert Reisenden unter uns fällt der Verzicht wegen Corona nicht leicht. Deshalb entführe ich Euch heute, wenigstens in Gedanken und Bildern, in den Orient. 1001 Nacht! Zieht Euch das Morgenland ebenfalls in seinen Bann?

Im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert wurde Europa von einer großen Begeisterung für alles Exotische überrollt. Von Wien aus breitete sich um 1900 eine Vorliebe für Orientalistik aus, die alles umfasste: Architektur, Inneneinrichtung, Kleidermode, Kunsthandwerk, Malerei, Reiseliteratur und sogar den Tourismus. Natürlich heizten Vorstellungen vom geheimnisumwitterten orientalischen Harem die Fantasie zusätzlich an.

Lasst uns mit zwei wahren Geschichten beginnen, die typisch sind für die gewitzten Menschen im Orient.

Ein Bekannter erzählte mir von seinem Tagesausflug in Marokko. Am Ziel angelangt, geriet er aus Neugierde in ein Teppichgeschäft und wurde vom Händler derart bedrängt, dass er als letzten Ausweg aus dem Kaufhandel die Ausrede vorbrachte, er habe seine Kreditkarte im 4 Bus-Stunden entfernten Hotel vergessen. „Macht nichts“, meinte der Händler, ihm das teure Stück förmlich in die Arme schubsend, „nehmen Sie den Teppich einfach mit und bezahlen sie ihn im Hotel.“ Mein Bekannter nahm das teure Prachtstück notgedrungen mit und dachte bei sich: „Na warte, den bezahle ich dir natürlich nicht, da bist du selbst schuld.“ Auf der Heimreise hielt der Bus mitten in den Bergen, um einen weiteren Passagier, einen Einheimischen, zusteigen zu lassen.

Zurück am Ferienort betrat der Bekannte mit seiner schweren Last die Hotelhalle – als ihm jemand von hinten auf die Schulter klopfte. Es war der unbekannte Passagier. „Ich bin gekommen, damit sie den Teppich bezahlen können“, sagte er freundlich. „Ich warte hier, bis Sie Ihre Kreditkarte im Zimmer geholt haben.“ Wer meint, als Schweizer einen Araber überlisten zu können, hat die Rechnung ohne den Wirt, will sagen ohne die Schlauheit des arabischen Händlers gemacht!!

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Einer meiner Freunde wurde von einem libanesischen Kollegen gebeten, ihn zu einem Juwelier an der Bahnhofstrasse in Zürich zu begleiten, weil er dort eine Schweizer Uhr für seinen Vater im Libanon kaufen wolle. Der Freund tat ihm den Gefallen. Im eleganten Geschäft standen nach kurzer Zeit zwei Schweizer Uhren in der engsten Auswahl, eine für Fr. 500.–, die andere für Fr. 1000.–. Der Libanese deutete auf die teurere Uhr und sagte: „Die nehme ich für Fr. 500.–.“ Darauf der Juwelier: „Das ist ein Missverständnis, Sie meinen wohl die 500fränkige.“ „Nein, nein“, meinte der Libanese, „das schönere Modell gefällt mir besser, und dieses will ich für Fr. 500.– kaufen.“ Darauf erwiderte der Juwelier höflich aber bestimmt: „Das geht natürlich nicht, Sie sind hier nicht auf einem orientalischen Basar. Bei uns kann man nicht markten.“ Als Antwort bekam er zu hören: „Also gut, dann kaufe ich die Uhr für Fr. 550.–.“ Der Juwelier wurde rot im Gesicht, und zum Begleiter gewandt, sage er: „Erklären Sie bitte Ihrem Bekannten, dass wir in der Schweiz feste Preise haben, und dass es nicht angeht, bei uns um den Preis zu feilschen.“ Der Begleiter gab sich alle Mühe – aber völlig umsonst. Als würde er nicht hören, arbeitete sich der Libanese langsam und geduldig um kleine Preisschritte nach oben. Darüber verging fast eine Stunde. Das Gesicht des Juweliers wurde röter und röter, dem Begleiter die Sache peinlicher und peinlicher. Schliesslich verlor der Geschäftsinhaber die Geduld und schrie fast: „Ich gebe Ihnen die Uhr für Fr. 999.50, aber verlassen Sie ums Himmels Willen mein Geschäft!“ Zur Verblüffung der beiden Schweizer war der Libanese mit diesem Preis sofort einverstanden und kaufte die Uhr mit zufriedenem Gesicht für Fr. 999.50. Draussen meinte er strahlend: „Es geht eben doch, siehst Du? Auch in der Schweiz kann man feilschen!“ (Forts.folgt)

Elisabeth, 29.4.2020

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