Georgien საქართველო zum Fünften… (Mzcheta)

Ich kann’s nicht lassen, hier sind nochmals ein paar Bilder sowie Wissenswertes über Georgien:

Marjanishvili Street

Wie schon erwähnt, ist Tbilissi eine seltsam faszinierende Stadt mit vielen ungewöhnlichen Ansichten und Gebäuden. Martin Gerner vom Deutschlandfunk bringt es auf den Punkt: «Verwunschene Innenhöfe, maurische Fassaden, Kirchen und Tempel: Die malerische Altstadt von Tiflis ist geprägt von vielen Stilen. Kein Wunder: In der georgischen Hauptstadt kreuzten sich die verschiedensten Kulturen – und die kaukasische Metropole erfand sich im Laufe der Jahrhunderte immer wieder neu.»

Seht Euch nur schon die PUBLIC SERVICE HALL an (die weisse «Blume» am unteren Bildrand)

Giorgi Shermazana: Tbilissi mit Public Service Hall

Was hat es damit auf sich? Die „Public Service Hall“, das gläsernes Herz der Stadtverwaltung Tbilissi, wurde 2011 im Kampf gegen die Korruption erbaut. Info aus dem Internet: Alles unter einem Dach: Von Grundbucheintragungen über Hochzeiten bis zum Geburtsregister. Auch für die Kinder ist gesorgt, sollte es doch einmal länger dauern. Maximal fünf Minuten Wartezeit verspricht heute die Verwaltung. Vorbei die Zeit des stundenlangen Wartens, wo man Dokumente nur gegen Schmiergeld bekam. Deshalb wird nirgends bar bezahlt, sondern nur am Bankschalter gegen Beleg.

Doch nicht nur die Hauptstadt Tbilissi ist etwas Besonderes, Georgien in seiner Gesamtheit ist von grosser landschaftlicher Schönheit und ausserhalb der wenigen Städte weitgehend unberührt. Es gibt zwar ein paar touristische Hotspots, aber die sind (noch) so wenig bevölkert, wie ich das von meinen ältesten Reiseerlebnissen her in Erinnerung habe.

Schon in früheren Jahrhunderten führte ein Zweig der Seidenstraße durch Mzcheta. Mit unserm Guide Sergio besuchen wir diese ehemalige georgische Hauptstadt, die gemäss Archäologen seit rund 3000 Jahren bewohnt und heute das wichtigste religiöse Zentrum Georgiens ist.

Es regnet!

Die Swetizchoweli-Kathedrale war jahrhundertelang die Krönungs- und Begräbniskirche der georgischen Könige. In der Innenstadt von Mzcheta gelegen, ist er der zweitgrösste Kirchenbau Georgiens, doch handelt es sich nicht mehr um den originalen Bau aus der späten Antike. Denn wie so viele andere Bauwerke wurde auch die Swetizchoweli-Kirche durch Eroberer oder Erdbeben mehrfach zerstört und wiederaufgebaut. Sergio meint etwas verlegen, sie sei nicht mehr in so gutem Zustand. Kein Wunder, bei diesem Alter: Die heutige Kathedrale wurde in den Jahren 1010 bis 1029 errichtet! Baumeister war der georgische Architekt Arsukidze. Auf der inneren Nordwand in der Kirche befindet sich eine aus Stein gefertigte Hand, über der folgender Spruch eingemeisselt ist: „Die Hand des Sklaven Gottes Arsukidse. Gedenke seiner.“ Dem Vernehmen nach wurde dem Baumeister nach der Vollendung des Bauwerks die Hand abgeschlagen, auf dass er nie wieder ein so meisterliches Bauwerk erschaffe. Um Himmels willen! Das beweist wieder einmal, wie gut es heutige talentierte Architekten haben…

Das Kreuzkloster (Dschawri Kloster)

Das Dschawri Kloster, das wir als nächstes ansteuern, ist ebenfalls eines der bedeutendsten Bauwerke der georgisch-orthodoxen Kirche. Die ersten Bauten dieses Klosters wurden 545 n.Chr. errichtet. Die älteste Kreuzkuppelkirche des Landes ist also bereits vor mehr als 1500 Jahren erbaut worden und dient seither als Vorbild für zahlreiche religiöse Bauten in Georgien. Sie liegt auf den Hügeln hoch über der Stadt Mzcheta und ist weithin sichtbar; ein solcher Standort ist hier keine Seltenheit.

Was das Dschawri Kloster noch attraktiver macht, ist seine Lage oberhalb des Zusammenflusses der beiden Flüsse Mtkwari und Aragwi. Das Wetter hat aufgeklart und die wenigen anwesenden Touristen knipsen alles, was ihnen vor die Linse kommt – doch dieses Fotomotiv lohnt sich besonders:

Zusammenfluss; rechts Mzcheta mit der Swetizchoweli-Kathedrale

A propos Fluss fällt mir ein: In Tbilissi gibt es unzählige Strassenhunde. Sie sind unglaublich sanft und friedlich. Geduldig warten sie darauf, dass ihnen jemand einen Happen zuwirft. Und wenn nicht, gehen sie fischen! Kati hat uns erzählt, dass sie äusserst geschickt seien im Fangen von Fischen. Wohl auf Grund der gesunden Ernährung sehen die meisten von ihnen weder krank noch schwach aus.

Sergio führt mich an einen Verkaufsstand mit Tschurtschchela (ჩურჩხელა). Das sind die rätselhaften farbigen Stangen, die den bei uns von Kinderhand gezogenen Weihnachtskerzen ähneln. Hier ist es aber ein Fruchtkonfekt, hergestellt aus Baumnüssen, die man auffädelt, dann in mit Mehl verdickten Traubensaft tunkt und trocknen lässt. Georgier geniessen das Konfekt als traditionelles Dessert oder als Nascherei zwischenhinein. Grosszügig gab mir die Verkäuferin Häppchen zum Probieren. Die Stangen hier waren gut und saftig. Als ich meinen Kauf getätigt hatte, bekam Sergio als «Prämie» von der Frau sein Lieblings-Tschurtschchela: ein grünes mit Kiwi-Aroma. Beim Essen strahlte er übers ganze Gesicht.

Vergessen wir nie, dass auch kleine Freuden das Leben enorm verschönern!

Elisabeth, 13.11.2019

In Swanetien

Ein denkwürdiges Datum

Heute vor 10 Jahren, am 4. November 2009, musste ich mich einer schweren Krebs-Operation unterziehen. Ein langes, zähes, schmerzliches Ringen um Genesung folgte. Grosse ärztliche Kunst, liebevolle Betreuung, gute Pflege, viel Geduld – und nicht zuletzt Gebete – halfen mir, die schwierige Zeit zu überstehen. Eine Menge Unterstützung bekam ich auch von meinem Sohn, DEM MANN, meiner Familie und meinem Freundeskreis. Nach monatelanger Behandlung wurde ich wie durch ein Wunder geheilt und darf noch immer freudig am Leben teilhaben.

Darum möchte ich heute allen, die dazu beigetragen haben, laut «Danke, Danke, Danke» zurufen für die zehn geschenkten, wunderbaren Jahre! Der folgende, selbst verfasste Psalm soll meinen Empfindungen Ausdruck verleihen.

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Dankes-Psalm (von Elisa)

Der liebe Gott geht durch die Welt… IHM folge ich auf dem Fuss.
Denn überall dort, wo DU hintrittst, o Herr, hinterlässt DU Deine göttlichen Spuren.

DICH, meinen Schöpfer, sehe ich –
im winzigen Schneekristall, der in der Sonne glitzert wie ein Diadem,
im goldenen Abendlicht, wenn der Horizont erglüht,
im weissen Blümchenteppich auf schattigem Grund.
DU schaust mich an in der Reinheit von Kinderaugen,
DICH entdecke ich im nachtblauen Himmel, den ein Silbermond bewacht.

DICH, meinen Schöpfer, fühle ich –
im weichen Moospolster, auf dem das kunstvoll geformte Schneckenhaus liegt,
im Tau des kühlen Grases, das meinen nackten Fuss umfängt,
im feinen Sand, der mir durch die Finger rieselt.
DICH erahne ich in der Sanftheit der Brise auf meiner Wange,
im seidigen Fell der Katze, die mir um die Beine streicht.

DICH, meinen Schöpfer, rieche ich –
im Duft der voll erblühten Rose, im Geruch von sonnenwarmem Heu,
in der Herbheit des roten Ahornblatts, das unter meinen Schritten raschelt.
DICH schmecke ich im würzigen Kaffee und im Duft von knusprigem Brot.

DICH, meinen Schöpfer, höre ich –
im süssen Gesang der Amsel, die das Morgenlicht begrüsst,
im Wispern des Windes, der in der Baumkrone die Blätter fächelt.
DICH erfahre ich im Rauschen des Meeres, das den Strand umspült,
DIR spüre ich nach im Wunder der Musik,
deren Klang trennende Mauern durchbricht.

Der liebe Gott geht durch die Welt… IHM folge ich auf dem Fuss.
Denn jedes Mal, wenn ich DICH erkenne, o Herr, schenkst DU mir den Glauben neu.
Mit jedem Atemzug und jedem Herzschlag danke ich DIR,
dass überall da, wo DU bist, mein Herz sich wie im Himmel fühlt.

Elisabeth, 4.11.2019

Inspiriert vom Lied «Waldandacht – Der liebe Gott geht durch den Wald», komponiert von Franz Wilhelm Abt, 1819 – 1885, Text von Leberecht Blücher Drewes, 1816–1870, zu hören auf „YouTube“.

Die Diagnose

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Das entfernt mit mir verwandte Ehepaar war bereits über 80, als eine ärztliche Diagnose den beiden ihre alten Tage vergällte. Der Arzt hatte dem Mann eröffnet, dass er einen Leistenbruch habe, und ihn auch gleich im Spital angemeldet. Auf dem ganzen Heimweg jammerte der Patient: «Ich gehe nicht ins Spital, ich war noch nie im Spital, ich habe Angst vor dem Spital, unter keinen Umständen gehe ich dorthin.» Sie versuchte ihn zu besänftigen, erklärte geduldig: «Du hast doch gehört, dass die Operation unumgänglich ist. Das ist nicht so schlimm, es ist eine leichte Operation. Du musst auch nicht lange im Spital bleiben.» Er aber liess sich nicht beruhigen.

In dieser Nacht schliefen beide schlecht. Am Morgen gegen 6 Uhr schreckte sie aus dem Schlaf auf. Das Bett neben ihr war leer. Sie wohnten im zweiten Stock in einem der historisch wertvollen Altstadtbauten in der Nähe der Kirchenfeldbrücke in Bern. Auf blossen Füssen rannte sie im Nachthemd ins Treppenhaus und sah gerade noch, wie er nach unten ging. Er trug Pantoffeln, einen karierten Pyjama und darüber seinen seidenen Morgenmantel. «Um Gottes Willen, Henri, wo gehst du denn hin in diesem Aufzug?» rief sie ihm nach. Seine Antwort liess sie Schlimmes erahnen: «Ich will nicht ins Spital. Lieber bringe ich mich um. Ich gehe jetzt zur Kirchenfeldbrücke und springe hinunter.»

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Immer wieder haben verzweifelte Menschen mit einem Sprung von dieser Brücke Selbstmord begangen. Nach einer Häufung von Suiziden mit traumatisierten Augenzeugen liess die Stadt 2015 den Brückenzaun mit Fangnetzen sichern, wie das bei der Münsterplattform bereits der Fall war. Zum Zeitpunkt meiner Geschichte waren die Fangnetze jedoch noch nicht angebracht.

Sie geriet in Panik und schrie, den Tränen nahe, nach unten: «Bitte, bitte, tu das nicht, ich flehe dich an. Denk doch…» Da fiel die Haustüre ins Schloss. In fliegender Eile, mit zittrigen Händen, wusch und kämmte sie sich, schlüpfte fahrig in ihre Kleider, um ihm zu folgen. Als sie eben das Haus verlassen wollte, kam er mit gesenktem Kopf zurück und sagte leise: «Heute kann ich nicht springen, es hat bereits zu viele Leute auf der Brücke. Aber ich gehe niemals ins Spital.»

Beinahe hätte sie gelacht. Später am Morgen beschloss der herbeigerufene Arzt, dem alten Mann eine starke Beruhigungsspritze zu verabreichen. Er schlief fest, als ihn zwei Pfleger zu Hause abholten und ins Spital brachten.

Nach der Operation, nachdem er aus der Narkose erwacht war, sah er seine Frau verwundert an und meinte: «Es hat ja gar nicht weh getan. Wenn ich das bloss gewusst hätte…» Da lächelten sie einander an, erleichtert – und fast ein wenig spitzbübisch.

Elisabeth, 29.10.2019

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Do it yourself

Darf ich vorstellen? Das ist Little Lady Prettyplum of Rivertown Wangbury. Sie hat am 26.8.2019 unter meinen eher ungeschickten Händen, aber mit professioneller Unterstützung von Freundin R., einer sehr versierten Töpferin, das Licht der Welt erblickt. Farbe hat sie angenommen am 15. Oktober 2019 und gehört seither zu unserer Familie. Selbst DER MANN hat sich mit ihr angefreundet.

Ein Lord Prettyplum kommt nur in ihren Träumen vor, also begnügt sie sich mit «Abwarten und Teetrinken» – und natürlich möglichst vielen Süssigkeiten. Am liebsten hat sie «Plumpudding» und «Plumcake», was den Umfang ihrer Taille erklärt. Uns gefällt sie so wie sie ist.

Und Euch? Eine hübsche kleine Lady, oder nicht?

Elisabeth, 22.10.2019

Der Galgen

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DER MANN und ich leben in einem weitläufigen Quartier namens «Galgenfeld». Der Name hat mir schon immer missfallen, ich wollte mich nie hier niederlassen. Doch dann wurde mir nach 34 Jahren meine romantische Altbauwohnung mit den hohen, grosszügigen Räumen gekündigt, mit einer Frist von nur 3 Monaten. Ich war in Zeit- und Seelennot. Zum Glück machte die heutige Wohnung, die mir eine Kollegin vermittelte, einen guten Eindruck: freundliche Räume, zu einem vernünftigen Mietzins, unweit einer Baumallee gelegen, mit Blick auf prachtvolle Berner Berge. Klar war sie einiges kleiner, aber das Beste, was ich in kurzer Zeit finden konnte.

Vor 14 Jahren wohnte DER MANN noch nicht bei mir, doch er half mir tatkräftig beim Umzug. Ich gewöhnte mich nur langsam ein. Ich hatte Heimweh nach dem lebendigen, bunten Quartier von früher, wo mich morgens auf dem Weg zur Tramstation Kleinladen-Besitzer fröhlich gegrüsst hatten. Hier gab’s keine Läden mehr. Die in den umliegenden Bäumen heiser krächzenden Krähen, die von alters her als Unglücksbringer gelten, taten ein Übriges. Beschwichtigend war es jeweils, wenn ich auf meinen Balkon trat und von dort auf die majestätischen Berggipfel in der Ferne blickte. Leider nahm dies ein Ende, denn vier Jahre später, 2009, fuhren die Bagger auf, um direkt vor unserer Nase den hübschen grünen Hügel mit den blühenden Büschen und seinem Meer an sonnengelb leuchtendem Löwenzahn dem Erdboden gleichzumachen.

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Kurz danach verstummten die Bagger wieder. Sie machten einem am rechten äusseren Rand aufgerichteten, abgesperrten Zelt von ca. 350 Quadratmetern Platz. In der Zeitung erschien eine kurze Notiz, der archäologische Dienst der Stadt mache eine Notgrabung. «Juhu, jetzt können sie nicht mehr bauen», jubelte ich, «dem Galgen sei Dank!» DER MANN meinte nüchtern: «Aber nein, das gibt nur ein paar Wochen Aufschub.»

Er behielt Recht. Und so entstand das erste Haus genau dort, wo das Zelt gestanden hatte. Kaum war es fertig, brannte sein Dachstock aus, der Grund blieb schleierhaft. Hässliche schwarze Schlieren verunstalteten die neue weisse Fassade. Rächte sich da verspätet eine zu Unrecht verbrannte Hexe?  

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Natürlich nicht! Im kantonalen Jahrbuch des «Archäologischen Dienstes» ist der korrekte historische Hintergrund beschrieben, der aber kaum fröhlicher stimmt: Die Stadt besass im Mittelalter zwei Richtstätten. Ihre Lage ist bis auf wenige Meter genau bekannt, sie befanden sich am höchsten Punkt des Hügels, ausserhalb des Stadttors, liefen u.a. hinter den (unseren!) Häusern entlang und weiter bis zum heutigen Friedhof. Schriftlich erwähnt werden sie erstmals 1384.

Darüber, wie die Menschen hingerichtet und beerdigt wurden, gaben die Ausgrabungen von 2009 ebenfalls Auskunft: Nebst den Fundamentresten des Galgens fanden die Archäologen Gruben, in welche die Hingerichteten massenweise hineingeworfen und verscharrt worden waren. Es gab Skelette von Geköpften, ausserdem einzelne zerschlagene Langknochen in unnatürlicher Lage – ein klarer Hinweis, dass auch das «Rädern» praktiziert wurde.

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Nochmals das Jahrbuch: Generell war zu beobachten, dass die Toten auf dem Rücken gefesselte Hände aufwiesen. Sie lagen sehr unterschiedlich orientiert, einer davon in Bauchlage. Es waren ausschliesslich Skelette von Männern, viele davon von Jugendlichen. Die meisten Toten dürften aus dem Mittelalter stammen.

Das ist lange her und dennoch traurig. Bestimmt haben die meisten nicht einmal etwas Schlimmes angestellt – vielleicht nur aus Hunger gestohlen?

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Seit alle neuen Gebäude stehen, verschlucken sie komplett unsere Aussicht auf die schneebedeckten Berner Alpen. Die gesamte Bauzeit dauerte sage und schreibe sieben Jahre! Auf diese Weise entstanden 54 Mehrfamilienhäuser mit 411 Wohnungen für rund 1200 Personen. Diesen luxuriösen neuen Stadtteil hat man nicht «Galgenfeld», sondern «Schönberg» getauft… Zum Glück wächst jetzt nach und nach üppiges, mit farbigen Blumen gesprenkeltes Grün zwischen den Häusern, und gebrannt hat’s nie mehr.

Inzwischen habe ich mich an die Lage und den gruseligen Namen unseres Wohnviertels gewöhnt. Wer weiss, was unter unseren Füssen noch so alles verborgen und vergessen liegt? Jeder von uns lebt auf längst vergangenen Geheimnissen, selbstverständlich auch auf Schrecknissen – oder nicht? Schliesslich ist unsere Erde schon seit Urzeiten bewohnt, und seit Urzeiten wurde geliebt, gekämpft, getötet, gehofft, gestorben und wieder geboren. Voller Ehrfurcht denke ich an diesen ewigen Kreislauf auf unserem Planeten, mit seiner Vielfalt an Geschöpfen, der herrlichen Pflanzenwelt und der ungestümen Natur. Möge es uns gelingen, Frieden und Freiheit zu bewahren und uns während unserer persönlichen Zeitspanne auf Erden für mehr Gerechtigkeit und Nächstenliebe einzusetzen!

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Elisabeth, 15.10.2019

Hochzeit (ქორწილი) in Tbilissi (თბილისი)

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Wenn ich im Ausland bin, kaufe ich fürs Leben gerne ein. Geht es Euch auch so? Den internationalen Läden zum Trotz gibt es noch überall viel Unbekanntes zu bestaunen oder zu erwerben. Gerade in Geogien sind Geschäfte und Auslagen derart farbenfroh und ungewohnt, dass «Lädelen» eine helle Freude ist.

Doch auch Hochzeiten sind etwas fürs Auge – d.h. eher fürs weibliche denn fürs männliche… Kirchliche Vermählungen finden in Georgien an Samstagen oder Sonntagen statt (hier wohnende Armenier bevorzugen den Freitag). Die orthodoxe Kirche und der Glaube liegen den Menschen in diesem Land am Herzen.

Wie bei uns, gibt es entweder bescheidene oder luxuriöse Hochzeiten. Es ist möglich, samt Familie und Freunden für weniger als umgerechnet 300 Schweizer Franken zu feiern. Paare, die sich traditionstreu (oder vielleicht im Liebesrausch?) für eine luxuriöse Hochzeit entscheiden, zahlen die daraus entstandenen Schulden oft ein ganzes Leben lang ab, denn dazu sind nach georgischer Tradition ein paar hundert Gäste eingeladen, manchmal sogar mehr als 500 Personen. Was soll’s? Wenn ich als Frau einer der glamourösen Hochzeitsgesellschaften begegne, dann verstehe ich es! Das ergibt doch ein prächtiges Fest, und die Georgier feiern fürs Leben gern. Nicht nur die Braut (aber diese natürlich besonders), auch die übrigen Damen sind wunderschön geschminkt und frisiert, ausserdem tragen sie lange, märchenhafte Roben, während die Männer entweder in Trachten oder sonstigen eleganten Anzügen ihre Würde zur Schau stellen. Denkt Euch: Bei einer traditionellen Hochzeit muss der Brautvater fünfhundert bis tausend Liter Wein für die Gäste bereithalten!! Der Weinbau in Georgien rühmt sich einer etwa 8000jährigen Tradition. „Die ältesten Samen kultivierter Weinreben wurden in Georgien gefunden und auf 6.000 vor Chr. datiert,“ schreibt Rod Phillips in ‘A Short History of Wine’. Es ist also nicht erstaunlich, dass Georgien die ‘Wiege des Weins’ genannt wird.

Unsere tolle Reiseleiterin Kati empfahl uns einen Samstagsbesuch in der Sameba Holy Trinity Church. Diese ist eine der Hauptkirchen der Georgischen Orthodoxen Apostelkirche und Sitz ihres Patriarchen. Als grösstes Kirchengebäude in Transkaukasien dauerte ihre Erbauung 7 Jahre, also von 1996 bis 2003. Am Wochenende geht es in der majestätischen Kirche auf dem Hügel hoch zu und her. Ein Paar ums andere wird vom verehrten Patriarchen getraut, während die Gäste sie umringen, gespannt zusehen, Kinder fröhlich herumspringen. Wenn der Patriarch sie schliesslich zu Mann und Frau erklärt hat, dürfen sich die Gäste nähern und dem frisch getrauten Ehepaar gratulieren. Schön! Katis Rat haben wir nicht bereut.

Wir beobachteten das Ganze aus dem Hintergrund. Dennoch sahen wir, weshalb bei einer der Trauungen plötzlich eine Unruhe entstand und alle die Hälse reckten: Die schöne Brautführerin, die mit drei anderen jungen Leuten neben dem Paar stand, sank lautlos in sich zusammen. Die Braut fing sie auf, aber mehr konnte sie nicht tun. Während die Trauungszeremonie ihren Fortgang nahm, trugen ein paar Freundinnen die Ohnmächtige zum Altar und legten sie auf eine der Steinstufen. Jetzt gesellte sich ein Priester zur kleinen Gruppe. Schwungvoll, mit grosszügigen Spritzern aus dem Weihrauchgefäss, benetzte er die Liegende, bis sie sich ein wenig aufrichtete. Doch Wunder konnte das heilige Wasser nicht bewirken. Die Frauen mussten ihr weiterhin beistehen. DER MANN und ich gingen aus der Kirche und setzten uns draussen hin, um das herrliche Wetter zu geniessen. Kurz darauf führten die Frauen die Ärmste ebenfalls an die frische Luft und halfen ihr auf eine Bank in unserer Nähe. Trotz des frischen Windes, trotz der Fürsorge der Freundinnen, die ihr Gesicht und Dekolleté mit Kölnisch Wasser betupften, schien sie sich nicht zu erholen. Mit bleichem Gesicht schnappte sie immer wieder nach Luft. Nach einer Weile kam eine Gruppe junger Männer aus der Kirche. Sie lachten, scherzten und brachten der jungen Frau Süssigkeiten. Waren es die Süssigkeiten oder die Anwesenheit der hübschen jungen Männer? Jedenfalls war die Ohnmacht im Nu verflogen. Stattdessen zeigte sie sich lächelnd,  ja sogar ausgelassen. Als das Brautpaar und die übrige Gesellschaft die Kirche verliessen, lief sie flink wie ein Wiesel hinter ihnen her, die Stufen hinunter, im langen türkisblauen Kleid – und barfuss. Wo waren ihre Schuhe geblieben? Auf der Altarstufe?      

A propos Schuhe: Bei zwei Bräuten habe ich per Zufall entdeckt, dass sie unter dem schicken Kleid klobige weisse Turnschuhe trugen. Man sah die bequemen Treter allerdings nur dann, wenn ein starker Wind das festliche Kleid bauschte. Witzig – oder eher klug? Beim Tanzen ist’s auf jeden Fall bequemer.

Was sagt Ihr zu diesem Hochzeitspaar? Nicht gerade glanzvoll und erst noch ohne Gäste. Dafür gibt’s garantiert keine lebenslangen Schulden.

Elisabeth, 9.10.2019

Baden in Tbilissi

Einziges oberirdisches Bad, „Orbeliani“

Neugierig wie ich bin, übt Aussergewöhnliches eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf mich aus. So auch das Bäderviertel Abanotubani in der Altstadt von Tiflis – diese Ansammlung von halbkugeligen Kuppeln aus Backstein im persischen Stil! Der georgische Name Tbilissi bedeutet ‚warme Quelle‘. Tatsächlich sprudelt am Berg Mtabori an den Hängen der Stadt kohlensäurehaltiges schwefliges Quellwasser aus der Erde, das bis zu 46,5 °C heiss ist. Dieses Heilwasser wird seit über 700 Jahren in den Badehäusern von Tbilissi verwendet.  

Im 13. Jahrhundert wurden in Tbilissi rund 65 Schwefelbäder genutzt. Heute sind es nur noch etwa acht. Die Baderäume liegen unterhalb des Erdbodens, weil dort der Wasserdruck höher ist. Sie erhalten Licht und Luft aus den Öffnungen am Scheitelpunkt der Kuppeln. Das Viertel ist eine Besonderheit, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Es ist bei Einheimischen und Touristen beliebt und sowohl am Tag als auch nachts sehr belebt. Natürlich riecht es im ganzen Quartier nach «faulen Eiern», sprich Schwefel, was weder DEN MANN noch mich störte (und offensichtlich auch sonst niemanden).

Bäder haben selbst in Europa eine lange Tradition, auch wenn jene in Tbilissi durch ihren besonderen Baustil Bewunderung erregen. Hat man nicht privat (zum Beispiel als Paar) ein Becken gemietet, besucht man den öffentlichen Bereich und sieht eine Menge nackter Georgier, selbstverständlich streng nach Geschlecht getrennt. Ich erinnere daran, dass es in Bern noch im 18. und 19. Jahrhundert öffentliche Badhäuser gab, deren Ruf jedoch nicht immer über alle Zweifel erhaben war. Selbst Giacomo Casanova liess sich 1760 dort verwöhnen (wohl nicht im Männersektor).

Es heisst, zu einem Bad nach georgischer Art gehöre eine ausgedehnte Massage auf einer Steinplatte. Der Masseur bearbeite Rücken, Arme und Beine, stehe einem auf dem Rücken, laufe das Rückgrat hinauf und hinunter. (Beim blossen Gedanken läuft es mir kalt über den Rücken!) Alte Haut entferne er mit einem Handschuh aus Pferdehaar. Zwischen den Massagegängen werde geduscht und zum Schluss gebe es kräftige Heisswassergüsse aus Eimern. Du liebe Güte, das ist nichts für zarte Seelen!

Sieht ganz und gar nicht sanft aus!

Eine georgische Massage ist beileibe nicht jedermanns Sache. Oli vom Weltreiseforum berichtet: «Ein dickbäuchiger Mann kam ungefragt in unseren Privatraum (Ob da vielleicht ein sprachliches Missverständnis vorlag? Anm. Elisa) und zog sich zuerst einmal die Badehose aus. Erst dann stellte er sich nackt als Masseur vor und band sich ein Tuch um seine Lenden. Kurz darauf mussten wir uns auf eine harte Steinbank legen, auf der er uns mit einem Kratzhandschuh zu malträtieren begann. Immer wieder schüttete er heisses Wasser über uns oder zog uns unsanft auf der Bank in die richtige Position. Die Kratzmassage war ganz und gar nicht angenehm. Ich kann eine Massage in Abanotubani nicht unbedingt empfehlen.»

Dieser und weitere Berichte hielten uns davon ab, ein Bad zu besuchen und uns nackt und hilflos einer Steinliege, einem bulligen Masseur, seinem Kratzhandschuh und der dampfenden Hitze auszusetzen. Zwar warfen wir im einzigen oberirdischen Bad «Orbeliani» einen Blick hinein, doch da ging es zu und her wie in einem Bienenhaus, so dass wir aufatmend den Rückzug antraten.

Eigentlich schade!

Elisabeth, 2.10.2019