The American Policeman

Kaum waren wir im Osten der USA angekommen, lockten die Niagara Falls. Also flogen DER MANN und ich von Boston nach Buffalo, um von dort per Mietauto zu den berühmten Wasserfällen, einem Erbe aus der letzten Eiszeit, zu gelangen. Unser Ziel war die kanadische Seite, gilt sie doch als sogar noch reizvoller als die amerikanische. Nachdem wir das Auto in Buffalo in Empfang genommen hatten und losgefahren waren, kam uns in den Sinn, dass wir vergessen hatten, eine Strassenkarte zu besorgen (es gab noch kein GPS). Nicht schlimm! DER MANN würde den gut 30 km langen Weg schon finden. Und so war es auch.  

Schon bald hielten wir den Atem an: Ein alle Sinne betörendes Erlebnis erwartete uns. Es ist fast unmöglich, diese riesigen Wassermassen zu beschreiben, die mit einem gewaltigen Tosen und mit hoch in die Luft spritzender Gischt in die Tiefe schiessen. Pro Sekunde donnern beinahe 2 ½ Millionen Liter die Fälle hinab! Der grösste, der Horseshoe Fall, hat eine Fallhöhe von mehr als 50 m. Das Wasser stammt aus fünf der sechs grossen Seen: Michigan, Superior, Huron, St. Clair und Erie, es fliesst von den Fällen hinunter zum Ontario See und über Niagara River und Sankt-Lorenz-Strom in den Atlantik. Der Niagara River ist etwa 12’000 Jahre alt, was für Geologen ein «junger» Fluss ist. 20 % des Süsswassers der Welt liegt in den Grossen Seen, wovon das meiste über die Niagara Fälle strömt. Die erste Person, die sich in einem Fass über die Fälle tragen bzw. schleudern liess, war eine 63jährige Lehrerin! Sie hat überlebt – ob mit oder ohne Schleudertrauma, ist mir nicht bekannt…    

Besonders aufregend ist eine Bootsfahrt mit der Maid of the Mist über die wildesten Stellen und Strudel, so nah wie möglich an die tosenden Fälle heran: man verschwindet fast hinter den schäumenden Wasserschleiern, wird trotz Pelerine triefend nass, lässt sich lachend von einer überwältigenden Lebenslust packen. Auf dem Skylon Tower mit der Aussicht auf die tobenden Wasser verspäteten wir uns, und wir hatten keine Zeit mehr, uns etwas zum Essen zu besorgen. Es fiel uns nicht leicht, den naturgewaltigen Ort zu verlassen, der uns in wirbelnde Traumwelten entführt hatte.  

Auf der Rückfahrt holte uns die Realität ein. Das Flugzeug in Buffalo durften wir nicht verpassen. Prompt verfuhren wir uns. Nervös konsultierten wir ein- ums andere Mal unsere Uhren, versuchten uns an die morgendliche Fahrt zu erinnern. Ich sehe die kleine Unterführung auf einer einsamen Überlandstrasse noch gut vor mir. Angespannt wie DER MANN war, um den richtigen Weg zu finden, unterliess er trotz Stop-Signal das komplette Anhalten. Weit und breit war kein anderes Fahrzeug zu sehen. Dann, aus dem Nichts, tauchte ein amerikanischer Polizist auf einem schweren Töff auf, als hätte er in der Unterführung auf der Lauer gelegen. «Nicht aussteigen, nur anhalten», raunte ich DEM MANN zu, weil ich plötzlich dran dachte, dass eine junge Schweizerin eine Nacht im Gefängnis verbringen musste, weil sie aus ihrem Auto ausgestiegen war, nachdem ein amerikanischer Polizist sie angehalten hatte.

Der uniformierte Motorradfahrer sah böse aus. «Don’t you know what a stop signal means in the State of New York?» fragte er DEN MANN scharf. (Wissen Sie nicht, was ein Stop-Signal im Staate New York bedeutet?) DEN MANN, stets höflich und freundlich, brachten die grimmigen Blicke und der barsche Ton ganz aus dem Konzept. Verdattert antwortete er mit «No» statt mit «Yes». Dem Polizisten fielen vor Wut fast die Augen aus den Höhlen, und bereits sah ich uns beide elendiglich in einem amerikanischen Gefängnis schmoren. Bei dieser Vorstellung erwachte mein Kampfgeist. Ich zog alle Register, bat um Entschuldigung, redete voller Überzeugungskraft auf den Polizisten ein, Verständnis heischend für zwei unerfahrene Schweizer an ihrem zweiten Tag in den USA, auf unbekannter Strasse, in einem ungewohnten Auto… Kurz, ich erklomm rhetorische Höhen – und nach bangen Minuten lenkte der Polizist ein, obwohl sein Gesicht nicht freundlicher geworden war. «Aber lassen Sie sich nie mehr beim Überfahren eines Stop-Signals erwischen, schon gar nicht im Staate New York», drohte er mit erhobenem Finger. Wir machten, dass wir von dannen kamen.

Wie’s im Leben so geht: Wir erreichten Buffalo am Ende doch noch rechtzeitig – nur um zu erfahren, dass unser Flieger rund zwei Stunden Verspätung hatte! Im kleinen Flughafen gab’s um diese Zeit weder offene Läden noch Coffee Shops. So warteten wir ergeben auf den Flug, wenn auch hungrig und durstig. Das war immerhin hundert Mal besser als schlaflose Stunden in einem amerikanischen Gefängnis!

Auf unserer weiteren Entdeckungstour durch die USA trat DER MANN jedes Mal reflexartig auf die Bremse, wenn irgendwo ein Polizist auftauchte.

Elisabeth, 18. Juni 2018

Cliffhanger

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In den öffentlichen Verkehrsmitteln ist es auffallend still geworden, seit fast jede und jeder Whatsapp benützt und hochkonzentriert auf dem Smartphone „herumtöggelet“. Aber es gibt sie noch, die unüberhörbaren Ausnahmen, die private Gespräche vor aller Ohren führen. Bestimmt ist euch das Wort ‚Cliffhanger’ geläufig: ein spannender Bericht oder eine Erzählung, die aufhört, bevor sie zu Ende erzählt ist – man bleibt buchstäblich mit seiner Neugierde an der Klippe hängen. Ärgerlich! Neulich rief eine junge Frau ins Mobile: „Du bist ein sooo schlechter Mensch! Ich hab’s schon immer gewusst! Ich…“ Funkstille! Hat er am Ende aufgehängt?? Und das im fesselndsten Moment! Da haben wir’s: ein typischer ‚Cliffhanger’. Ein simpler? Nein, schlimmer noch, ein doppelter, man hört beim Telefon-Gespräch immer nur die eine Seite. Dabei möchte man doch so gerne alles erfahren, und nicht nur die paar Happen, die Sprechende uns zum Frass hinwerfen. Sind wir auf dem besten Weg, zum ‚homo voyeuristicus’ zu werden?

Mir fällt auf, dass heutzutage sogar die mündliche Kommunikation mehr und mehr mit ‚Cliffhangern’ durchsetzt ist. Ich schnappe im Bus beispielsweise halbe Sätze auf, so in der Art: „Weißt Du, was meinem Bruder passiert ist? Das war furchtbar. Er ging… Oh, ist das eure Kleine? Wie heisst sie denn? Ist sie…? Ja, ja, ich weiss.“ Oder: „Der Wanderweg war völlig vereist. Es war total gefährlich. Jemand hatte… Ach, da kommt mir in den Sinn, ich habe ganz vergessen… Tschüüüss, muss hier aussteigen.“ Was, wie, wo? Was ist dem Bruder passiert, was dem Jemand auf dem vereisten Weg? Ich persönlich erzähle meine Geschichten zu Ende, meine ich. Allerdings habe ich eine andere Untugend, sozusagen einen ‚Cliffhanger’ in umgekehrter Richtung. Wenn mich etwas oder eine Person beschäftigt, platze ich mitten aus meinem Gedankengang heraus und frage DEN MANN nach seiner Meinung, ohne dass er weiss, wovon ich spreche. Auch nicht gerade toll, oder? Kennt Ihr das auch? Es ist halt schon so: Heutzutage nehmen wir uns für alles zu wenig Zeit – als ob wir die Zeit dadurch verlängern könnten. Immerhin gibt’s einen Vorteil, zumindest für den, der sich an den witzigen Satz hält: Was ich liegen lasse, erledigt die Zeit.

Was haben wir früher bloss ohne die praktischen Mobiles gemacht? Es ist schätzungsweise 21 Jahre her, seit ich mein erstes Handy vom Sohn geschenkt bekommen habe. Damals arbeitete er in einem Laden, der mobile Telefone anbot. Ein Boom sondergleichen! Man hat ihm die Dinger förmlich aus der Hand gerissen, und wenn er sein eigenes neben der Kasse liegen liess, war im Nu auch dieses weg. Durch die mediale Kommunikation sind wir freier, beweglicher, und, dies vor allem: enthemmter geworden. Soll man nun darüber lachen oder weinen?

Elisabeth, 12. Juni 2019

Vielmännerei

Ich war im Bus unterwegs, als sie zustieg. Wir erkannten einander auf Anhieb, obwohl wir uns schätzungsweise mehr als 25 Jahren nicht mehr gesehen hatten. Dabei kam mir in den Sinn, dass sie damals neben ihrem Beruf als Pflegefachfrau ein persönliches Hilfswerk für Ladakh am Laufen hielt, indem sie in der Schweiz ihre beeindruckenden Portraitfotos von Bergland-Bewohnern sowie handgemachte Produkte aus Ladakh verkaufte. Den Erlös brachte sie ins Land zurück, um die dortige Armut zu lindern. Dafür hatte ich sie immer bewundert.  

Ladakh hat eine überaus wechselvolle Geschichte. Einst ein unabhängiges Königreich, dann erobert von den Tibetern und anderen Völkern, gehört es seit der Unabhängigkeit Indiens zu Jammu und Kaschmir im äussersten Norden des indischen Subkontinents. Auf das mehrheitlich von der tibetischen Kultur geprägte Land haben zentralasiatische und indische Einflüsse ebenfalls eingewirkt. Das Bergland zwischen den Gebirgsketten des Himalayas hat ein raues, trockenes Klima, in dem sowohl mit extremer Kälte als auch mit Hitze zu rechnen ist. Auf kurze heisse Sommer folgen lange, grausam kalte Winter. Da die Dörfer zwischen 3’000 und 4’000m hoch liegen, ist das Leben kräftezehrend. Zweifellos gründet das folgende ladakhische Sprichwort in langjähriger Erfahrung: „Wenn ein Tal nur über einen hohen Pass zu erreichen ist, kommen lediglich gute Freunde – oder schlimme Feinde.“

Vor Jahren besuchte ich im Völkerkundemuseum eine fesselnde Ausstellung über Ladakh. Was mich damals wie heute fasziniert, ist die Tradition der «Fraternalen Polyandrie», der Vielmännerei. Ein paar Brüder heiraten die gleiche Frau (und nicht etwa umgekehrt!) Mit einem Schmunzeln erinnere ich mich an einen kurzen Film, in welchem ein Paar Männerschuhe zu sehen waren, die vor dem Frauen-Schlafzimmer standen. Der Kommentar dazu lautete, die Schuhe seien ein Signal an die übrigen Männer im Haus, dass das Ehe-Bett besetzt sei. Eine andere Szene zeigte eine lachende Frau bei der Feldarbeit. Während sie keck in die Kamera blickte, lugte der Mann scheu hinter ihrem Rücken hervor. Mir fiel auf, wie selbstsicher und selbstbestimmt die Frauen im gebirgigen Land ihrer harten Arbeit nachgingen.

Indien hat die Polyandrie in Ladakh zwar verboten, dennoch liess sie sich nicht völlig ausrotten; namentlich in den kleinen Dörfern wird sie nach wie vor praktiziert. Aber weshalb dieser Brauch, an dem hartnäckig festgehalten wird? Hat’s dort besonders viele hübsche Männer und nicht genug Frauen, oder ist’s einfach eine frauenfreundliche Idee? Falsch gedacht… Es liegt auf der Hand, dass bei einer Frau, selbst wenn sie drei oder vier Männer hat, pro Jahr nur eine Schwangerschaft möglich ist. Ein Mann hingegen kann zusammen mit mehreren Frauen mehrere Kinder zeugen. Dies gilt es zu verhindern – ist doch Ladakh ein äusserst karges Land und besitzt nur wenige fruchtbare Gebiete, denen man in den kurzen Sommermonaten die Nahrung abringen muss. Wie also gelingt es, die Ernten anzugleichen? Indem man die Bevölkerungszahl niedrig hält, Landreserven nicht unablässig teilt und das Arbeitskraftpotential an die knappen Landressourcen anpasst. So gesehen, ist die Polyandrie die geniale ökonomische Lösung!

Der Lauf der Welt bleibt jedoch nirgendwo stehen. Die Jugend besitzt erneuernde Kraft und ringt um ihren eigenen Weg, während die Alten die Traditionen zu bewahren suchen. In einer lebendigen Gesellschaft braucht es beides – auf diese Weise entsteht aus erprobten Wurzeln Neues. Auf die Entwicklung in Ladakh kann man gespannt sein. Junge Männer leben heutzutage lieber monogam und in der Stadt. Vielleicht begrüssen die modernen Frauen den Kulturwechsel ebenfalls? Für sie, denke ich, vervielfacht sich beim Brauch der Vielmännerei nicht nur die Freude – garantiert häufen sich auch die Pflichten! Man stelle sich vor: Die Ehefrau muss z.B. bei Krankheiten nicht nur einen, sondern zwei, drei oder gar vier Männer pflegen…

«Gehst du immer noch regelmässig nach Ladakh?» fragte ich meine Bekannte. «Ja», antwortete sie, «denn ich habe viele liebe Freunde dort.» «Hat’s da, wo sie leben, auch noch Vielmännerei?» erkundigte ich mich weiter. «Ja natürlich, aber heutzutage gibt es auch andere Eheformen. In Bezug auf den Ehestand sind die Ladakhis sehr pragmatisch. Wie sie die Sache handhaben, kommt ganz auf die Situation an.» Da meine Bekannte nur wenig jünger ist als ich, beschäftigte mich ein weiterer Punkt: «Ist das Leben in Ladakh inzwischen nicht beschwerlich geworden für dich?» «Doch», erwiderte sie mit einem Lächeln. Weisst Du, es kann nachts bis zu 30 Grad minus werden, und Heizungen gibt es nicht. Früher machte es mir nichts aus, auf dem kalten Boden zu schlafen, heute habe ich Mühe damit. Ausserdem macht mir auf einmal, im Gegensatz zu vorher, die fehlende Hygiene zu schaffen. Manchmal muss ich mich beim Essen sogar überwinden. Im letzten Jahr wurde ich schwer krank. Sie umsorgten mich liebevoll. Da aber die Wege wegen Schnee und Eis nicht passierbar waren, konnten sie mich erst eine Woche später in lamentablem Zustand in ein Spital bringen. Als ich Gottseidank wieder gesund geworden war, fragte ich meine Freunde: ‘Wenn ich gestorben wäre, was wäre schlimmer gewesen für euch: Mich zu verlieren? Oder kein Geld aus der Schweiz mehr zu erhalten?’ Sie drucksten ein bisschen herum, dann sagten sie mit entwaffnender Ehrlichkeit: ‘Beides. Wir haben für dich und fürs Geld gebetet.’»  

Elisabeth, 5.6.2019

Am schwarzen Meer

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Kennt Ihr die Krim? Mitte der 90er Jahre verbrachte ich zwei Wochen in Jalta. Die Halbinsel ist von bemerkenswerter landschaftlicher Schönheit. Immer wieder genießt man atemberaubende Ausblicke von den Bergen aufs Meer in der Tiefe; aus der Zarenzeit sind viele prächtige Paläste erhalten und restauriert worden. Die dichten Wälder und die weiche, nach würzigen Hölzern duftende Luft erklären, warum Jalta früher als beliebter Kurort glänzte. Schon die Zaren liessen es sich hier gutgehen. Bis heute erinnern edle Sanatorien und Kurhäuser an die bedeutenden Besucher von einst.

1917 brach in Russland die Oktoberrevolution aus, in deren Verlauf Zar Nikolaus II und seine Familie von Bolschewiken ermordet wurden. Den letzten Sommer genossen sie in ihrem eleganten weissen Liwadija-Palast auf der Krim. 1945 trafen sich am gleichen Ort Churchill, Roosevelt und Stalin zur Konferenz von Jalta, um Europa unter sich aufzuteilen. Der Palast ist eine beeindruckende Stätte voller Schätze, voll spürbarer Geschichte, voll intensiver Erinnerungen. Der italienische Innenhof und die Aussicht auf das Schwarze Meer wirken besonders reizvoll, interessant auch das Büro von Zar Nikolaus II. Die Wandteppiche der Zarenfamilie in ihren kräftigen Farben sind Schmuckstücke. Dagegen wirkt der historische Konferenztisch der drei Politiker geradezu nüchtern.

Auch ich war da… Und verlor eine Weile mein inneres Gleichgewicht, als ich mich plötzlich allein im riesigen Park wiederfand. Wo war die Reisegruppe? Ich hatte getrödelt, mich in den Anblick von kunstvoll gearbeiteten Lackdosen und Kostbarkeiten aus Bernstein vertieft. Kennt Ihr dieses ungemütliche Gefühl, allein unter Menschen zu sein, mit denen man sich nicht verständigen kann? Von dem vor langer Zeit belegten Russisch-Kurs war mir ein einziger Satz in Erinnerung geblieben: «Sprechen Sie Deutsch?» (= Вы говорите по-немецки?) Nicht gerade erfolgversprechend in dieser Umgebung, doch hatte ich schliesslich, wie schon so oft, unerwartet Glück.

Bei meinem Besuch war die Krim der Ukraine zugehörig, aber noch stark vom Kommunismus geprägt. Vieles kam mir bizarr vor, trotz der Herzlichkeit der dortigen Menschen, denn 70 Jahre Kommunismus hatten deutliche Spuren hinterlassen, von denen die kaputten Sonnenschirme und löchrigen Luftmatratzen am weißen Sandstrand noch die harmlosesten waren.

Während die Insel heutzutage dank russischer Werbung scharenweise Touristen anlockt und das zu mietende Strandzubehör mittlerweile sicher einwandfrei ist, herrschte damals bitterste Armut. Die Menschen kauften auf dem Markt angefaulte Früchte, weil sie billiger waren. Die Regale in den Läden waren mehrheitlich leer. Eine Greisin fiel mir auf, weil sie trotz offensichtlicher Altersbeschwerden mühsam die Gehwege auf dem Hotelareal säuberte. Man sagte mir, es gäbe für niemanden eine Rente. Ich legte ihr ein paar Geldstücke in die Hand. Erschüttert nahm ich wahr, wie sie sich unter Tränen bedankte und bekreuzigte.

Gleich zu Beginn buchte ich einen Helikopterflug zur Marmorhöhle auf dem Taschtyr-Dag-Plateau. Erst 1987 wurde die 2 km lange und mehr als 50 m tiefe Höhle entdeckt. Mit ihren glitzernden Kristallen und Tropfsteinen gilt sie als eine der spektakulärsten Höhlen der Welt. Der Flug selbst war auf andere Weise spektakulär. Wir etwa 15 Passagiere hoben in einem über 30jährigen, ungepflegten Helikopter ab, der einst Breschnew gehört hatte. Die Scheiben waren blind vor Schmutz, der Motorenlärm ohrenbetäubend. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis das alte Ding endlich in der Höhe war, wo es nach einer Stunde nur mit Mühe das Plateau zu erreichen schien. Eine weitere Stunde hatten wir Zeit für die Höhle. Sie war wunderbar! Eine Woche später erzählte eine andere Reiseleiterin von dieser beeindruckenden Sehenswürdigkeit und fügte an: «Bitte, bitte, buchen Sie nicht!! Wir Reiseleiterinnen stehen jedes Mal während des Fluges Todesängste aus. Vor zwei Wochen ist einer der schlecht instandgesetzten Helikopter in den Bergen abgestürzt. Alle Passagiere, auch unsere Kollegin, starben dabei. Das wollen Sie doch nicht?» Fürwahr eine schlimme Geschichte, die nicht einmal an die Öffentlichkeit gedrungen war. Wie lange hat’s Breschnews ausgedienter Helikopter wohl noch gemacht?

Eine rabiate Behandlung beim Rückenmasseur hinterliess auf meinem Körper eine Vielzahl blauer Flecken. Hatte mich vorher nur der Rücken geplagt, schmerzten mich jetzt sämtliche Knochen. Doch meine Neugierde war noch nicht gestillt. Am nächsten Tag besuchte ich einen Augendiagnostiker. Der Mann war betrunken. „Gegen die kommende Erkrankung der Eierstöck links“ empfahl er mir „Bewässerung“. Ich fand das lustig. Ob er damit eine Kur mit Wodka meinte? Ein Freund hatte eine ganz andere Idee… Jahre später erkrankte ich tatsächlich an Eierstockkrebs. Merkwürdig. Hätte ich den Diagnostiker bloß gefragt, was er unter „Bewässerung“ verstand!

Zwar war unser Hotel das zweitbeste in Jalta, dennoch gab’s im Hotelpark nächtliche Schießereien. Andere Gäste warnten mich davor, je dort spazieren zu gehen, Bekannte seien schon verprügelt worden. Ob die Schüsse auf Streit im hauseigenen Bordell im 13. Stock zurückzuführen waren? Werbewirksam wurden die aufreizend gekleideten Damen allabendlich, im offenen roten Cabrio stehend, im Schneckentempo vor das Hotel gefahren. Oder waren die Schüsse die Folge des mehr als reichlich fließenden Wodkas? Die Serviertöchter verscherbelten ohne Scham nach dem Abendessen auf ihre Rechnung den hoteleigenen Wodka an die Gäste – auf der untersten Etage des Servierboys unter einem Tuch getarnt, natürlich zum Schnäppchenpreis. Im kleinen lokalen Supermarkt wurde mein mit Mineralwasser gefüllter Einkaufswagen von Männern in schwarzen Lederjacken auf ruppige Art ausgeräumt, mich stieß man grob hinaus und schloss die Tür hinter mir ab. Aber hallo! Was hatte ich getan?? Wie ich später erfuhr, war dies eine Razzia, weil man dem Verkaufspersonal misstraute. Es gehörte zum normalen Straßenbild, dass öffentliche Busse infolge Pannen mitten auf der Strecke stecken blieben. Kein Wunder: Arbeiter entwendeten in der Fabrik dringend benötigte Ersatzteile. Wie eine der Reiseleiterinnen erzählte, gab es auch Ärzte, die im Spital Medikamente mitlaufen ließen, um sie dann in der prallen Mittagssonne auf improvisierten Holztischen von Helfern verkaufen zu lassen. Wir trafen russische Soldaten, die seit Monaten keinen Sold mehr erhalten hatten und deshalb ihre Uniformknöpfe für eine Kopeke pro Stück an uns verhökern wollten.

Der schwierige Alltag der vorwiegend russischen Bevölkerung machte sich überall bemerkbar. Wir verwöhnten Schweizer aßen zwar die Blinis und den Sauerrahm mit Genuss. Die übrigen Speisen waren jedoch enttäuschend. Da wurde der prickelnde Krimsekt zu staubtrockenem Gebäck serviert, die Butter war verdorben, fettige Suppen dominierten die Mahlzeiten, das gebratene Poulet war flach geschlagen und folglich voller kleiner Knochensplitter. Ein Toilettenbesuch unterwegs entpuppte sich als wahres Abenteuer. Die Gäste (ich inbegriffen) erkrankten denn auch reihum an schwerem Durchfall. Schade um den Galaabend mit dem erstklassigen Ballett-Ensemble! Die einzig verfügbare Diät bestand aus Schwarztee und, kurz vor dem Heimflug, Spritzen vom Arzt.

Nicht genug, dass die Bevölkerung unter großer Armut litt – Mafia und Korruption verschlimmerten die Lebensbedingungen noch zusätzlich – wie immer, wenn Mächtige das Sagen haben und nach dem Motto „Ich zuerst“ handeln. Es ging das geflügelte Wort: „Wenn Sie viele Sorgen haben, so bringen Sie Ihr Geld zur Bank. Dann haben Sie nur noch eine Sorge: Wie bekomme ich mein Geld wieder zurück?“

Ich möchte gerne glauben, dass sich die Verhältnisse inzwischen in jeder Hinsicht gebessert haben. Oder ist das naiv? Was meint Ihr?

Elisabeth, 28.5.2019 

Ein Tag im Leben von…

Ich stand am SBB-Automaten und hatte soeben meine Kreditkarte aus dem Portemonnaie geklaubt, als der ältere Herr dicht neben mir auftauchte und laut rief er: «Halt!» Ich schrak zusammen. «Was wollen Sie?» fragte ich, «lassen Sie mich doch meine Fahrkarte lösen.» «Darum geht es ja gerade», erwiderte er. «Wohin fahren Sie?» Verstohlen blickte ich um mich. Vor allen Automaten stand jemand, er würde bestimmt nicht wagen… Aber eigentlich sah er ganz nett aus. Ich hatte vor, meine kranke Schwester zu besuchen und nannte ihm mein Reiseziel. «Ja, das passt,» fand er und streckte mir eine Tageskarte hin. «Schauen Sie», erklärte er, «sie ist nur einen Tag gültig, nämlich heute, und ich bin wegen einer dringenden Angelegenheit verhindert. Es wäre doch schade, wenn sie verfallen würde.» «Da haben Sie allerdings Recht», meinte ich, inzwischen um einiges freundlicher. «Was kostet sie denn?» «Nichts, nur ein Dankeschön, ich schenke sie Ihnen.»

Und diesem liebenswürdiger Menschen hatte ich misstraut!! Die abwechslungsreiche Fahrt durch den saftig-grünen Frühling genoss ich danach dankbar und unbeschwert. Der Zug fuhr bis nach Berlin. Ich war noch nie in Berlin, und einen Augenblick lang träumte ich davon, bis zum Endbahnhof weiterzufahren, einfach so, aus Freude, aus Abenteuerlust. Natürlich gab ich dem Impuls nicht nach – meine Schwester wartete auf mich.

Kurz vor meinem Zielort gab’s einen weiteren Grund zu Frohmut: Der Zugbegleiter informierte über den Lautsprecher, dass unser Zug pünktlich um 12.01 Uhr auf Gleis 12 ankomme. Nach der ausführlichen Bekanntgabe von mehreren Zugverbindungen für Umsteigende ertönte am Schluss noch folgende Mitteilung: «Auf Gleis 2 fährt um 12.02 Uhr der Zug nach XY. Dieser Zug wartet den Anschluss nicht ab. Sehr Sportliche unter Ihnen schaffen’s vielleicht trotzdem.» Gut, musste ich Sportmuffel nicht nach XY! Die «verehrten Fahrgäste» schauten einander an und lachten fröhlich. Alle Hektik war vergessen. Was für ein schöner Auftakt, was für ein heiterer Morgen! Wir Menschen haben die Gabe, unseren Mitmenschen den Tag zu verschönern. Dazu braucht’s nicht einmal viel: ein offenes Gemüt, Grosszügigkeit, Humor, gute Laune. Ab heute versuch ich’s immer mal wieder mit einem freundlichen Lächeln. Wer macht mit?

Elisabeth, 22. Mai 2019      

Leben, lieben, sterben

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»Herr, es ist Zeit…» Der dies dichtete, war bekanntlich Rainer Maria Rilke. Er hatte den Herbstanfang im Sinn. Ich möchte den Gedanken weiter fassen. Wenn man 75 ist, schwindet die Lebenszeit spürbar, stetig, und man hat bereits mehrere Male erleben müssen, wie ein geliebter Mensch auf einmal nicht mehr ist.

Der endgültige Weg, der Weg ins Sterben, ist die schwierigste aller Lebensaufgaben, das letzte grosse Loslassen. Es heisst, das Leben selbst mit allem Drum und Dran aufgeben; sich verabschieden von Bitternis und Enttäuschung, die sich im Laufe der Jahre im Herzen angesammelt haben, aber auch von aller Zärtlichkeit und Freude. Was ist wohl schwieriger preiszugeben, das Belastende oder das Schöne? Mit zunehmendem Alter dämmert einem, dass die Tatsache der eigenen Vergänglichkeit weder trivial noch angenehm ist, sondern im Gegenteil belastend. Sie erscheint einem widernatürlich. Selbstverständlich wissen wir, dass Leben am Ende Tod bedeutet, aber fast unser ganzes Dasein lang ist es nicht viel mehr als ein abstrakter Gedanke, der das Herz (noch) nicht erreicht hat. Können wir uns den Tod überhaupt vorstellen? Ich frage mich, wie der wandelbare Geselle wirklich aussieht, der mal auf leisen Sohlen, mal laut und hässlich, mal als Freund und mal als Feind, und meistens zur Unzeit, auftaucht. Das Bild vom Sensenmann hat mir nie behagt. Viel lieber male ich mir aus, dass es ein Todesengel mit mächtigen Schwingen ist, der einem den Lebensatem vom Munde küsst und die Augen sachte schliesst, bevor er die Seele zum Schöpfer zurückträgt.

Was geschieht nach dem Tod mit unserem Bewusstsein? Was mit den während des Lebens zusammengetragenen Erfahrungen? Spürt man etwas von der Kälte und Erstarrung, die den Körper von einer Sekunde zur anderen befallen? Die meisten Menschen hängen am Leben und wollen nicht sterben. Wir wissen ja praktisch nichts darüber, müssen dennoch den endgültigen Schritt ins Unbekannte alleine tun. Ich finde, das kostet enorm viel Tapferkeit. Ist Sterben ein schmerzhafter Prozess wie die Geburt, oder ist es im Gegenteil eine beglückende Befreiung von der Erdenschwere? Was erwartet uns im Jenseits – ein totales Nichts – oder die Fülle bei Gott? Mich besänftigt Letzteres. Die Aussage Rilkes: «Vergangen nicht – verwandelt ist, was war» setzt ebenfalls ein hoffnungsvolles Zeichen.  

Wenn ich versuche, in die verschwiegenen Ursprünge unserer Existenz einzutauchen, komme ich zu neuen Bildern. Auf Erden werden wir gezeugt, meist in Liebe, manchmal in Not oder Schande, doch unser Ursprung liegt nicht prioritär in menschlichem Tun; er geht auf eine göttliche Quelle zurück. Geheimnisvoll lässt der ewige Lebensfunke neue Geschöpfe erglühen, lässt sie wie Sternschnuppen in die irdische Wirklichkeit gleiten und dort ihre Bahn ziehen, bis sie auf göttliches Geheiss – man weiss nie wann – erlöschend an ihren Ursprung zurückkehren.

Für mich persönlich wird Sterben dereinst bedeuten: Abschied von der Musik, von morgenfrischen Sonnenaufgängen und feurigen Sonnenuntergängen, von lauen Frühlingslüftchen, blühenden Bäumen und blumenübersäten Wiesen, von warmen Sommernächten mit ihren fröhlichen Festen, vom Farbentaumel des Herbstes, von winterlichen Traditionen, jubelnden Gesängen, Kerzenschein – kurz, Abschied von der Schönheit des Lebens. Vor allem aber beinhaltet Sterben das herzzerreissende Abschiednehmen von meinen Allernächsten und von vertrauten Freunden.

Unser Dasein verläuft auf verschlungenen Wegen, rätselhaft, undurchschaubar. Wir mühen uns ab und lieben es dennoch, wir lehnen uns auf und machen’s uns selbst nicht leicht. «Das Leben ist eine Wundertüte aus Gottes Hand», hat unsere Pfarrerin neulich gesagt. Der Glaube, dass eine höhere Weisheit über allem steht, vermag indes nicht jedermann zu trösten. Doch wie wunderbar, wenn am Ende unseres Lebens das Einverstanden-Sein in uns gereift ist und wir dankbar sein können für Freude und Leid. Denn am Schluss, so denke ich, gleicht sich alles aus. Was zählt, was überdauert, ist die Liebe und ihr Nachklingen in den Herzen der Zurückgebliebenen. Selbst vergangene Liebe bleibt Liebe. Ihr Zauber ist nicht vergänglich. Sie ist das Unbegreiflichste und Kostbarste, was zwischen Menschen entstehen kann. Schon als junge Frau war ich angerührt von Theodor Storms Zeilen: «Wer je gelebt in Liebesarmen, der kann im Leben nie verarmen.»

Elisabeth, 15.5.2019

Von Fröschen und Menschen

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Eines Tages verliessen die beiden Frösche Franz und Fritz ihren Tümpel, um die weite Welt zu erforschen. Sie hüpften fröhlich quakend durch die Gegend und kamen zu einem Bauernhof. Vor dem Stall stand ein grosser Eimer. „Was ist wohl da drin?“ wunderte sich Frosch Fritz. „Schauen wir mal nach,“ schlug Frosch Franz vor. Gesagt, getan. Sie nahmen Anlauf und – hoppla! – landeten in einem Eimer, der bis zum Rand mit Milch gefüllt war. Da die Milch dick und cremig war, begann sie ihre Nasenlöcher zu verstopfen. Was tun? Die Weibchen herbei zu quaken, würde kaum helfen, obwohl Weibchen sehr oft Rat wissen, aber es war zu befürchten, dass sie mit leichter Hysterie auf die Situation reagieren würden. „Schwimmen, wir müssen schwimmen,“ schnarrte heiser Frosch Franz. Sein Freund gehorchte. Also begannen sie zu paddeln, zu paddeln… Sie paddelten im engen Rund, bis sie sehr müde wurden. Da seufzte Frosch Fritz: „Ich kann nicht mehr, ich gebe auf. Adieu.“ Mit schweren Schenkeln liess er sich fallen und sank auf den Grund des Eimers. Das war das verfrühte und unrühmliche Ende von Fritz. Nicht so Franz, der sich nicht entmutigen liess: In stillem Eifer schwamm er weiter, immer im Kreis, die ganze Nacht hindurch. Am andern Morgen, als die Sonne eben ihre ersten Strahlen über den Bauernhof sandte, sass Frosch Franz auf einem goldenen Butterberg und konnte bequem aus dem Eimer hüpfen. Wie schön für die Froschweibchen in seinem Tümpel!

Es gehört leider zum Leben, dass wir auf Schwierigkeiten stossen oder gar eine Krise durchzustehen haben. Dann braucht es Kreativität und vor allem Durchhaltewillen. Für eine solche Episode wünsche ich Euch von Herzen eine nie versiegende Ausdauer und genügend Kraft. Denkt dabei an den «goldenen Butterberg» bei Sonnenaufgang!

Elisabeth, 8. Mai 2019