Spatzenjammer

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Ein Spatzenmann sucht sich n’en Schatz.
Und als er ihn gefunden,
Da pfeift er keck und unumwunden:
Jetzt bauen wir ein Nest,
Dann gibt’s ein grosses Fest!

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Nun sitzt sie da und brütet dumpf:
Ist’s nur für ihn ein Trumpf?
Twit, twit, war’s das denn wirklich schon?
Wo, bitteschön, bleibt da mein Lohn?

Ich sitz zu Haus – und er fliegt aus.
Ich glaub, er vögelt rum.
Ich blindes, doofes Spatzenhirn,
So klein und doch so dumm!

Elisa, 9.9.2020

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Camping, Camping!

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«Camping, Camping, das ist meine Welt!» war früher ein gängiger Schlager. Vielleicht kennt ihn jemand von Euch? Für viele bedeutet Camping Freiheit, Spass und Entspannung.

Nicht so für meine Mutter, Camping war wirklich nicht ihre Welt. Meine tüchtige, musisch begabte Mama hatte mit Sport nichts am Hut, ebenso wenig mein Vater, obwohl beide gute Schwimmer waren. Wir machten am Sonntag meistens Ausflüge per Auto, die mit dem Besuch eines Tea Rooms endeten – oder gar im Schnee, wenn’s in die Berge ging.

Und doch stand in diesem Sommer plötzlich „Camping“ im Raum. Wer von den Freunden meiner Eltern war auf die Idee gekommen? Der temperamentvolle Arzt mit seiner eleganten Appenzellerin? Der dicke, lustige Konditor mit seiner fleissigen Frau und dem gutgehenden Café? Vielleicht sogar mein Vater? Denn in den Ferien regte sich bei Papa stets eine Art Abenteuerlust. Da konnte er z.B. nie der Versuchung widerstehen, seine Lieben auf dem Lago Maggiore oder dem Vierwaldstädtersee im gemieteten Motorboot spazieren zu fahren. Das ging fast immer schief, sei es, weil der Motor aussetzte oder Benzin verlor, sei es, weil das Boot in einen Gewittersturm geriet. Einmal musste gar die Luzerner Seepolizei eine pudelnasse, geschockte Familie samt verdattertem Vater retten. Was diesen allerdings nicht daran hinderte, sich in den nächsten Ferien wieder als Freizeitkapitän zu betätigen – nicht einmal Mamas Sträuben und ihre Proteste konnten da Abhilfe schaffen.

Ich weiss also nicht, wer den zündenden Funken in die Asche warf. Doch Tatsache ist: meine Eltern deckten sich innert Kürze mit allem Nötigen fürs Camping ein: einem kleinen Zelt, Luftmatratzen und Schlafsäcken, Kochutensilien mit entsprechendem Geschirr, neuen Badeanzügen und Strandkleidern. Noch heute sehe ich meine schöne Mama vor mir, wie sie vor dem Spiegel drei Sets von kurzen Shorts mit dazugehörigen gleichfarbigen Blusen aus robustem Stoff anprobierte und dann sorgfältig zusammenfaltete. Üblicherweise legte sie Wert auf smarte, bunte Kleider. Doch diesmal hatte sie einen Missgriff getan. Die Safarifarben, blasses Schilfgrün, Hellbeige und Khaki, betonten ihre weisse Haut auf ungünstige Weise, wollten so gar nicht zu ihrer Person passen. Für mich als Kind war es ausserdem ungewohnt und äusserst merkwürdig, meine Mama in kurzen Hosen zu sehen. Das Outfit war, wenigstens auf Grund der Farben, wahrscheinlich eher gedacht für Tropenausflüge als für Campingferien in Europa.

Damals, es sind bestimmt gegen die 70 Jahre her, trug «Frau» Dauerwelle, die das Gesicht in weichen Locken umrahmte. Man musste ihr Sorge tragen. Sobald das Haar kraus statt wellig wurde, hatte der Coiffeur gepfuscht. Dann galt die Dauerwelle als verdorben. Leider passierte das Kräuseln auch nachher noch, nämlich immer dann, wenn man ohne Schirm in einen Regenschauer geriet. Meine Mutter wurde bereits nervös, wenn ein paar wenige Regentropfen auf ihr Haar fielen.

Nachdem meine ältere Schwester und ich bei den Grosseltern «deponiert» worden waren, reisten die sechs Campingfreunde mit enorm viel Gepäck nach Südfrankreich ans Meer. Zwei Wochen wollten sie bleiben und gebräunt wiederkehren.

Nach drei Tagen waren meine Eltern zurück. Meine Mutter war verstört. In der ersten Nacht hatte es sintflutartig geregnet. Mein lieber Vater – der an sich geschickte Hände hatte – war alles andere als geübt darin, ein Zelt aufzustellen und solide zu sichern. Und so riss ihnen der Sturmwind, kaum waren sie eingeschlafen, das Zelt über Kopf und Leib weg. Das grosse, nigelnagelneue Stück Stoff wurde vom Sturm zerfetzt und verschwand auf Windböen in die Dunkelheit. Völlig durchnässt, in glucksenden Schuhen und unpassender Kleidung, mit sandverklebtem und erst noch gekraustem (!) Haar, mussten meine Eltern mitten in der Nacht ein Hotelzimmer suchen. Ich erinnere mich nicht mehr genau daran, was die übrigen vier Freunden in dieser Nacht erlebten, doch ging die Rede, dass das Camping für sie ebenfalls als «stürmisches» Fiasko endete.

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Was hat Mama wohl gemacht mit den gewiss nicht billigen Strandkleidern, dem Koch- und Zeltzubehör? Nie mehr sah ich die Gegenstände, und das Wort «Camping» war von da an in ihrer Gegenwart tabu.

Elisa, 2.9.2020

   

Nachklang

Bernie zu Besuch in Südfrankreich bei Barbie, Christof und Anouk

Es war schwerer, als ich es mir vorgestellt hatte.

Nun ist die Wohnung meines Sohnes beinahe geräumt. Dem Leben und Sterben eines über alles geliebten Menschen so nah zu sein, ihm anhand von Alltäglichkeiten und Erinnerungsstücken während Tagen immer wieder aufs Neue intensiv zu begegnen, kostete mich eine schier übermenschliche Anstrengung. Es war aufwühlend, erschütterte mich als Mutter bis ins Innerste. Auch gleicht solches einem Eindringen in das ganz persönliche, intime Leben eines anderen, das man normalerweise auch unter Nächsten respektiert.

Die Begegnungen weckten natürlich nicht nur Trauer. Ein weiterer Schritt im Loslassen konnte gewagt werden, frohe Erinnerungen wurden wach. Die praktisch ausgestattete Küche mit den vielen Gewürzen und den Kochbüchern, die halb abgebrannten Kerzen und Kerzenständer im Wohnzimmer, die betörenden Duftlämpchen, die eindrückliche Musiksammlung, der elektronische Sternenhimmel im Schlafzimmer, die Klimaanlage, die zahlreichen eleganten Kleider und Schuhe, die von seinem Schönheitssinn erzählten, die Bücher, die von seinem starken Willen zu beruflicher Vervollkommnung und persönlicher Reifung zeugten – all dies ist Ausdruck davon, dass sich aus dem einst empfindsamen Kind ein feiner, tüchtiger Mann entwickelt hatte, der mitten im Leben stand. Immer wieder aufs Neue vermochte er mich zu Lebzeiten zu überraschen und zu bezaubern. Jetzt ist da nur noch die fast abstrakte und doch so kostbare Erinnerung… Gut, kann ich auf DEN MANN und seine Fürsorge zählen. Wiewohl «lediglich» Stiefvater, leidet er ebenfalls und versteht mich.

Tröstend klingen die Abdankungsworte des Pfarrers in mir nach: «Ein Mensch, der morgens noch voll Leben ist, kann schon vor Abend unbeachtet sterben. Wenn Gott die Seile seines Zeltes löst, dann muss er fort. Er weiss nicht, wie’s geschieht.» (Hiob 4,21) Erklärend fügte er bei: «Gott löst die Seile, wenn es Zeit ist. Gott und nicht der blinde Zufall oder ein tragisches Schicksal. Und weil Gott selbst die Seile löst, dürfen wir wissen: Mit dem Sterben gehen wir nicht verloren. Nein, Gott löst die Seile, weil die Reise weitergeht, weil er mit uns eine Zukunft vorhat, die über das Zeitliche hinausgeht (Zitat: Pfr. Markus Niederhäuser,Bern).

Diese Worte lassen Verstehen in mir aufkeimen. Bitterkeit ist keine in mir – nur ein grenzenloser Schmerz, der jetzt zu mir gehört – bis auch meine Seile von Gott gelöst werden.

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26.8.2020, Elisa

Aus dem Alltag eines Reiseleiters

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Ein Reiseleiter aus Südafrika erzählt: Vor einiger Zeit passierte mir ein Missgeschick. Nach dem Teehalt in einem schattigen Garten war ich mit meiner Gruppe ein wenig verspätet. Daher ging ich vor der Abfahrt rasch durch die Busreihen, ohne genau hinzuschauen. Weiter hinten sass eine Dame mit grossem Strohhut. Wie gesagt, ich sah nur flüchtig hin – und, ohne es zu merken, zählte ich eine leere Männerjacke mit. Ich gab dem Chauffeur das Abfahrtszeichen, und los ging die Fahrt, bergauf, bergab, um Kurven, einen Fluss entlang. Nach etwas mehr als einer Stunde meldete sich die Frau mit dem Strohhut und jammerte: „Mein Mann ist immer noch im Restaurant, wo wir Tee getrunken haben.“ Du liebe Güte! Warum sagte die erst jetzt etwas? Den sperrigen Bus auf der schmalen Strasse gewendet, eine Stunde zurück gefahren, den verlorenen Mann an Bord geholt und zum zweiten Mal die gleiche Strecke vorwärts – die Verspätung an diesem Tag war nicht mehr aufzuholen. Peinlicher noch: Die Damen in der Gruppe sahen mich vorwurfsvoll oder gar empört an, ein paar Herren lachten hinter vorgehaltener Hand. Seither zähle ich meine Schäfchen immer ganz genau!

Einmal war der schottische Besitzer einer Whiskyfabrik unter meinen Gästen. Er trug stets eine Flasche seines Getränks in der Jackentasche. Der Whisky floss, zumindest bei ihm, in Strömen, die Landschaft nahm er wahrscheinlich trotz klarem Wetter eher verschwommen wahr. Gegen Ende der Woche meldete er besorgt, dass er nurmehr eine einzige Flasche Whisky übrig habe. Dann legte er sich ganz hinten im Bus auf die Rückbank und begann bald zu schnarchen. Nach einer Weile musste der Busfahrer unvermittelt bremsen – der Schotte plumpste ziemlich heftig auf den Boden. Dabei zerbrach klirrend seine letzte Whiskyflasche. Die kostbare Flüssigkeit rann an ihm herunter, bildete eine kleine schwarze Lache auf dem Boden des Busses. Beim Herunterfallen war der Unglücksrabe natürlich aus seinem Schlummer aufgeschreckt. Beunruhigt richtete er sich auf, tastete sein nasses Hosenbein ab. Dann schrie er entsetzt: „Oh Gott, lass es bitte, bitte Blut sein!“

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Ich wünsche Euch schöne Ferienträume, die sind zum Glück trotz Corona jederzeit möglich…

Elisa, 19.8.2020

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Weisheiten

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Heute möchte ich meine zwei Lieblingsanekdoten mit euch teilen, die ich nicht nur für geistreich, sondern ebenso für weise halte.

  • Bitterer Ernst bewegte einen frommen Juden, täglich seine Armut und seinen Hunger im Gebet vor Gott auszubreiten und ihn um Hilfe zu bitten. Aber Gott schwieg. Als die Notlage kaum mehr zu ertragen war, ging der Mann erneut in die Synagoge und betete: „Ach, Gott, hörst du mir gar nicht zu? Jetzt flehe ich dich jeden Tag an, dass du mich endlich in der Lotterie gewinnen lässt, und doch passiert einfach nichts. Siehst du nicht, wie schlimm es um mich und meine Kinder steht? Warum hilfst du uns denn nicht?“

    Da ertönte von oben herab eine Stimme: „Gib mir eine Chance, kauf endlich ein Los!“

Macht der Glaube an eine Höhere Macht passiv? Hoffentlich nicht. Wir sollten selbst mithelfen, Probleme anzupacken, damit eine Änderung zum Guten eintreten kann.

  • Ein frommer Pfarrer ging im Moor spazieren. Eine Unachtsamkeit: er stolperte, sank ein. Auf einem nahen Strässchen kam bald darauf die Feuerwehr vorbei. Als sie den Pfarrer entdeckten, riefen die kräftigen Mannen: «Herr Pfarrer, brauchen Sie Hilfe?» Der Pfarrer, der inzwischen bis zu den Knien eingesunken war, antwortete tapfer: «Nein, Gott hilft.» Die Feuerwehr-Mannen fuhren ihres Wegs, während der Pfarrer still weiterbetete. Als ihm das Wasser bis zu den Hüften stand, kehrte die Feuerwehr zurück. Die Leute hielten an und fragten erneut: «Herr Pfarrer, können wir Ihnen helfen?» Wieder tönte es zurück, wenn auch etwas schwächer: «Nein, Gott hilft.» Die Feuerwehr fuhr weg. Der Gottesmann betete mittlerweile flehentlich, doch die Hilfe blieb aus, das Wasser stieg höher und höher, bis zu seinem Hals. Ein drittes Mal kam die Feuerwehr dahergebraust. Wie aus weiter Ferne hörte der Pfarrer sie rufen: «Können wir Ihnen denn nicht helfen?» Mit letzter Kraft stammelte der Fromme: «Nein, nein, Gott hilft.»

    Kurz darauf stand er vor dem Himmelstor und sah Petrus vorwurfsvoll an. «So unerschütterlich habe ich an Gott geglaubt», reklamierte er, «und das ist jetzt der Lohn, ihr habt mich ertrinken lassen.» Kopfschüttelnd musterte Petrus ihn und meinte: «Was können wir denn mehr für dich tun als dir dreimal die Feuerwehr vorbeischicken?»

Gut, hoffen wir in schwierigen Situationen auf ein Wunder! Besser noch: Lassen wir uns auch von lieben Menschen helfen! Sie könnten uns von Gott gesandt sein…

Elisabeth, 29.7.2020

Dankespsalm

In diesem Augenblick geht irgendwo auf der Welt die Sonne auf
an einem andern Ort geht sie unter

In diesem Augenblick liebt sich ein junges Paar
weint ein Kind, zetern zerstrittene Eheleute
pflegen helfende Hände liebevoll Wunden
wird irgendwo ein Mensch erschossen
fällt einer in den Wahnsinn
dankt ein anderer seinem Retter

In diesem Augenblick fällt ein Haus in Trümmer
wird fröhlich eines erbaut
ist irgendwo blutiger Krieg
blüht anderswo der Friede

In diesem Augenblick segnet ein Pfarrer seine Gemeinde
verflucht ein Schelm Gott und die Welt
lästert eine Hure, hilft ein Menschenfreund
foltert man Frauen in dunklen Kellern
pflanzt jemand im Sonnenlicht einen Baum

In diesem Augenblick stirbt ein Menschenkind
wird ein anderes geboren
in diesem einen Augenblick

So ist die Welt:
In diesem Augenblick ist alles gut
im nächsten vielleicht alles anders…

In jedem Augenblick, unser Gott und Vater,
ruhen Deine Augen auf uns
voller Liebe und Zärtlichkeit
voller Geduld und Bewahrung

Unser Gott und Vater, wir danken Dir

Elisabeth, 22.7.2020

Erinnerungen

An diese alten Dinger kann ich mich noch erinnern… Photo by Dominika Roseclay on Pexels.com

In jedem einzelnen Menschen ist eine vollständige, wundersame Welt eingeschlossen, ein Universum für sich, ein Universum aus Leben, Gefühlen, Geheimnissen, Erinnerungen, Erfahrungen, Wissen, Schmerzen. Oft dringt nur wenig davon nach draussen. Ein Freund meinte einst: «Die Tragik der Menschheit ist, dass keiner des anderen Schmerz wirklich empfinden kann, sei er körperlich oder seelisch. Höchstens Mitgefühl ist uns möglich.»  

Jeder Mensch hat seine ureigensten Erinnerungen, die seine Geschichte erzählen. Mir fällt auf, wie sehr ich die meinen parallel abrufen kann, als wären sie alle gleichzeitig geschehen. Sie erscheinen mir daher zeitlos. Und mit zunehmendem Alter werden es immer mehr. Was macht das mit uns?

Nach einer Aufführung in einem Londoner Theater, die wir zusammen mit einem älteren Freundespaar besuchen, antwortet sie auf unsere entzückten Äusserungen: «Für uns war’s nur mässig. Ich fürchte, wir sind mit den Jahren etwas blasiert geworden.» Schade, Blasiertheit bräuchte es nicht. Erinnerungen sind kostbar, sie machen reich, lassen uns reifen, machen glücklich– oder nicht? Und das Beste: Leidvolle Erfahrungen verlieren aus der Distanz an Intensität.

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Ich sehe mich als Dreikäsehoch, wie ich mich voller Gewissensbisse versteckt halte, nachdem ich Grossvaters ganzen Stolz, das Schneeglöcklein-Beet vor dem Haus, leer gepflückt habe. Die Strafe bleibt aus, weil die Erwachsenen erleichtert sind, als sie mich endlich finden.

Mit klopfendem Herzen trete ich meine Praktikantinnen-Stelle in Paris an und verstehe fürs erste nur «Bahnhof», obwohl ich seit Jahren in der Schule Französisch gelernt habe. In England verabschiede mich in der Victoria Station von meinem Verlobten und erfahre, dass Engländer prüder sind als Franzosen: «This is not a kissing room», werden wir bei unserem innigen Abschiedskuss missbilligend getadelt – vom ältlichen Kellner des Bahnhof Restaurants, der wie ein Butler aussieht!

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Als junge Mutter spaziere ich stolz mit meinem Söhnchen durch die Gegend und plaudere mit ihm, als würde er alles verstehen. Seine grossen blauen Augen sehen staunend zu mir auf.

In Kenia erschauere ich beim Anblick eines blutigen Zebra-Kadavers, um dessen Gedärme Hyänen und Geier sich einen gehässigen Kampf liefern. In den Strassen von San Francisco lasse ich mich zusammen mit einem rassigen, schwarzen Verkehrspolizisten ablichten. In Indonesien beginnt mein Herz in einem abgelegenen Dorf zu flattern beim Anblick von reihum in Trance fallenden Tänzern.  

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Jahrelang träume ich von einem fürsorglichen Mann an meiner Seite. Und da ist er, DER MANN: Bei unserer ersten Begegnung vor mehr als 25 Jahren stellt er sich schützend zwischen mich und den zähnefletschenden Schäferhund, obwohl ihm ebenfalls bang ist vor bissigen Hunden.

Auf Hawaii lassen DER MANN und ich uns das in der Erde gegarte Wildschwein schmecken. In Indien vergnügen wir uns als einzige Weisse auf einem kleinen Rummelplatz, während sich junge Burschen anschicken, den Kofferraum unseres Autos zu plündern.

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In Jerusalem wagen wir uns in die grosse Höhle neben dem Damaskus-Tor, die man den «Steinbruch König Salomons» nennt, weil dort die Felsbrocken für den Bau des ersten Tempels auf dem Tempelberg gebrochen wurden. Man stelle sich einen 230m langen, mystisch beleuchteten unterirdischen Weg durch Fels und Stein vor. Ausser zwei vorbei huschenden Katzen sind wir die einzigen Besucher.

Blick auf den Tempelberg in Jerusalem – Photo by Haley Black on Pexels.com

Im Rückblick laufen all diese Erlebnisse bei mir gleichzeitig ab. Wir Menschen sind also jederzeit in der Lage, gute oder schlechte Erinnerungen abzurufen, d.h. wenn wir sie als erhaltenswert gespeichert haben – seien sie von gestern, vorgestern, oder aber aus vergangenen Jahren, ja Jahrzehnten. Blitzschnell können wir von Ort zu Ort, von Episode zu Episode hüpfen. Ein Duft, ein Wort, eine Melodie, ein Bild, oder vielleicht ein Film, versetzt uns augenblicklich in eine andere Szene. Natürlich ist diese Gedankenreise auch willentlich machbar. Eine winzige Drehung des Blickwinkels, eine Art «Zappen» im Gehirn, genügt. Das ist wahrhaftig zum Staunen! Was für ein geniales «System»! Allerdings ist es auch verwundbar. Meines «stürzte» temporär ab, nachdem ich die Todesnachricht meines Sohnes erhalten hatte…

Mein Gedächtnis beweist mir, dass Zeit während unseres Erdendaseins eigentlich nicht richtig existiert. Obwohl wir älter und schliesslich alt werden, bewegt sich alles auf derselben persönlichen Ebene, verschmilzt ineinander. Vergangenheit und Gegenwart sind so eng verwoben, als wären sie eins. Die besonders eindrücklichen Geschehnisse erscheinen klar, lebhaft und nah beieinander, es spielt überhaupt keine Rolle, wenn inzwischen 50 Jahre vergangen sind.

Ich frage mich, ob die Zukunft auch bereits vorgezeichnet und irgendwo als Erinnerung registriert ist. Wie denkt Ihr darüber?

Elisabeth, 15.7.2020

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Im Orient: Marokko, 5.+letzter Teil

Die Kasbah Ait Benhaddou

In den Städten Marokkos ist die Kasbah das Viertel der Regierungsbeamten und liegt daher ganz in der Nähe des Königspalastes, während man unter der „Medina“ die Altstadt mit den Souks versteht. Beide befinden sich in Marrakesch innerhalb der Stadtmauern und liegen übergangslos nebeneinander. Wir haben bei unserer ausgedehnten Kutschenfahrt denn auch kaum einen Unterschied zwischen Kasbah und Medina ausmachen können. Claude Ollier schreibt über die arabische Medina: „In blinde Mauern eingeschlossene Intimität, jedes Eindringen aus der überfüllten Straße wird durch die kleinen Türen verwehrt, die man nie ganz, immer nur einen Spalt weit öffnet, und die schwere Schlösser haben.“

Photo by Taryn Elliott on Pexels.com: Innenhof-Intimität

Auf dem Land sind Kasbahs eindrucksvolle Lehmburgen, befestigte Dörfer, meist auf Hügelkuppen gelegen, wo die Lehmhäuser der Bewohner sich hinter hohen, prächtig verzierten Mauern um den Palast des Paschas scharen. Eine Kasbah war früher Fluchtburg und Herrensitz, Festung und Gemeinschaftsspeicher, Sippenwohnung und Machtzentrum in einem. Einige sind noch heute bewohnt. Doch der idyllische Schein trügt: Im Winter, bei Schnee und Regen, ist das Leben inmitten der hohen Gemäuer hart, nass und sehr kalt.

Außer in Marokko haben sich die wuchtigen, aus Stampflehm und Maisstroh gefügten Festungen nur im Jemen erhalten. Die wohl schönste Kasbah Marokkos ist „Ait Benhaddou“. UNESCO hat das durch Alter und Witterung arg in Mitleidenschaft gezogene Kulturgut vorbildlich renoviert. Den Filmen „Sodom und Gomorrha“ und „Laurence of Arabia“ diente „Ait Benhaddou“ als wunderbare Kulisse.

Wer weiß schon, dass nicht nur „Laurence of Arabia“ und „Kleopatra“ in der marokkanischen Wüste gedreht wurden, sondern auch der Tibet-Film „Kundun“? Dazu flog Hollywood 800 tibetische Statisten ein. Der schön bemalte tibetische Palast, die steinernen Türwächter-Löwen – alles Schwindel und Fassade, alles bloß aus Pappe und Gips! Dies haben DER MANN und ich zwischen den glühend-heissen Filmkulissen von Quarzazate verdutzt, aber auch mit Nachdenklichkeit festgestellt. Wie leicht lassen wir Menschen uns doch täuschen vom schönen Schein und von weg retuschierten Realitäten!

Photo by Markus Winkler: China, Tibet, Marokko – oder??

Interessant ist, dass Quarzazate 1928 von der französischen Kolonialverwaltung Marokkos als Garnisonsstadt für die Fremdenlegion gegründet wurde. Meines Wissens war das alles andere als ein realitätsfremder Ort!

Fährt man durch bestimmte Gegenden Marokkos, entdeckt man Bäume, in deren Kronen ganze Gruppen von Ziegen stehen. Was um alles in der Welt veranlasst die Tiere, ins hohe Geäst zu klettern? Des Rätsels Lösung: Sie fressen mit Hochgenuss die Früchte der Arkana-Bäume. Die äußerst harten, etwa eichelgroßen Fruchtsteine scheiden sie mit dem Kot wieder aus. Die dort ansässigen Menschen sortieren diese Fruchtsteine aus dem Kot, knacken die harte Schale, rösten die Kerne und pressen sie anschließend zu Öl. Dieses Öl hat einen ausgeprägten Nussgeschmack, ist sehr kostbar und teuer. Es gilt als äußerst gesund, vor allem als Nahrungsbeigabe (z.B. in Salatsaucen); dann aber auch als Einreibemittel gegen Rheuma und Rückenschmerzen, oder in der Kosmetik.

Wie man sieht, ist mitunter sogar Kot etwas Wertvolles – vorausgesetzt, man scheut sich nicht, beherzt hineinzulangen.

Die Ziegen in den Arkana-Bäumen

Elisabeth, 8.7.2020

Im Orient: Marrakesch, 4. Teil

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Man sagt, Marrakesch, die Hauptstadt von Südmarokko und eine der vier Königsstädte, sei der Höhepunkt einer Marokkoreise. Die „Stadt der Rosen“ sei „so ewig wie der Schnee auf den höchsten Gipfeln und so tief in der Geschichte verwurzelt wie Palmen in der Erde“. Im Laufe von über tausend Jahren haben die größten Könige um Marrakesch gestritten, Dynastien entstanden – und verschwanden wieder. Was blieb, wurde von Gelehrten, Handwerkern, Architekten, Malern und Bildhauern aller Epochen geschaffen: prächtige Paläste, Moscheen und Gärten. In der Königsstadt kommen Berber und Araber, Nomaden und Bergbewohner zusammen, was ihr wohl diese facettenreiche, farbenprächtige Lebendigkeit verleiht.

Die Place Djemaa el Fna bei Nacht (Jorge Lascar)

Eine rote Stadtmauer aus dem 11. Jahrhundert umschließt auf 12 Kilometern Länge die Altstadt von Marrakesch, die sog. Medina. Wie schon letztes Mal berichtet, herrscht drinnen ein unglaublich pulsierendes Leben, vor allem in den Souks. Der fröhliche Bäcker lässt DEN MANN und mich seine Untergrund-Bäckerei besichtigen und schenkt uns zwei frische Fladenbrote, ofenheisse, so dass wir sie beinahe fallen lassen.

Der El Bahia-Palast wurde um 1900 vom Großwesir Bou Ahmed mit orientalischer Prachtentfaltung angelegt. Bou Ahmed, ein einflussreicher Mann, übte die Vormundschaft über den jungen Sultan Abd el Aziz aus. Sein Schlafzimmer im Palast, sehr groß, mit vielen Nischen und Alkoven, war mit einem geräumigen Sommer- und einem ebenso geräumigen Winterbett ausgestattet. Hafid, unser kurzfristiger Reiseführer, erzählt, dass beim Liebesspiel des Wesirs mit den Haremsdamen jeweils auch Musikanten zugegen waren. Aber diese hatten blind zu sein, damit sie nicht etwa Dinge sahen, die sie nicht sehen durften. Vorwitzig frage ich: „Und ‚hören‘ war erlaubt, oder mussten sie sehr laut spielen?“ Damit bringe ich Hafid ungewollt in Verlegenheit.

Die Place Djemaa el Fna (Luc Viatoux)

Die Place Djemaa el Fna in der Altstadt ist übervölkert wie jeder Marktplatz auf der Welt – und wirkt doch einzigartig. Übersetzt heißt er „Versammlung der Toten“, da hier in früheren Jahrhunderten die Köpfe der enthaupteten Delinquenten, auf Speerspitzen gespießt, dem Volk als blutige Abschreckung präsentiert wurden. Inzwischen nennt man die Djemaa el Fna den schönsten Platz Afrikas. Denn heutzutage geht’s weit humaner zu und her, obwohl er in Meister Hitchcocks Film „Der Mann, der zu viel wusste“ als Kulisse für einen beklemmenden Film-Mord herhalten musste.

Trommler auf der Place Djemaa el Fna (Maxence Régnier)

DER MANN und ich genießen die schillernde Atmosphäre des berühmten Platzes. Inmitten der fliegenden Händler mit ihren auf Wolldecken ausgebreiteten Waren entdecken wir den Zahnausreißer mit seinem Tablett voller Beweisstücke, den Wunderheiler (der die Beweisstücke schuldig bleibt) oder den unter aufgespanntem Schirm wartenden öffentlichen Schreiber, der seine Klienten auf kleinen bereitstehenden Hockern empfängt. Kalte Schauer rieseln DEM MANN und mir über den Rücken beim Anblick von Dutzenden sich aufrichtender Schlangenkörper, die den näselnden Flöten ihrer Beschwörer gehorchen, welche oft sogar ganze Bündel Schlangen um den Hals tragen.

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Schlangenbeschwörer auf der Place Djemaa el Fna (Arnaud 25)

Der buntgekleidete Wasserverkäufer, der mit Glöckchen auf sich aufmerksam macht, dient heutzutage meist der Folklore (bitte kein Wasser verlangen, könnte Leitungswasser sein!). Auch allerhand Gaukler sind zugegen, Musikanten, Tänzerinnen, Akrobaten, Wahrsagerinnen, Feuerschlucker, Märchenerzähler… Viele wollen uns fotografieren – natürlich gegen ein Entgelt – und die mitgeführten Tiere leisten dem Ansinnen Vorschub. So hüpft mir ein kleiner Affe völlig unerwartet auf den Kopf und posiert dann ganz professionell auf meinem Arm. Es hätte mich nicht gewundert, wenn er auch gleich noch gelächelt hätte!

Wasserträger auf der Place Djemaa el Fna (Carlitos 0802)

Der quirlige Mann am Orangensaft-Stand mit seinen kunstvoll aufgebauten Orangen-Bergen; die gelenkigen Possenreißer, die listigen Zauberer: sie alle wollen Geschäfte machen inmitten von Lärm, Gestank und Schmutz.

Frischer Orangensaft (Ramstein Air Base)

Bei einbrechender Dunkelheit wirkt der Platz am geheimnisvollsten. Im Licht der Karbidlampen steigen von den unzähligen Straßenküchen dichter Rauch und appetitliche Düfte auf. Eine verführerische Einladung, die eigene Biederkeit abzulegen! Gibt es etwas Schöneres, als sich ganz von dieser vibrierenden orientalischen Lebensfreude mitreißen zu lassen?

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Elisabeth, 1. Juli 2020

Lebensfragen

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Soeben erreicht mich die Nachricht, dass eine liebe Freundin gestorben ist. Auch sie…

Dem abgedroschenen Spruch «Mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben», können wir im Alltag wenig abgewinnen, er dringt nicht wirklich in unser Bewusstsein ein. «Wenn, dann trifft es die andern, mich bestimmt nicht», beruhigen wir uns, falls sich die Redensart zwischenhinein doch einmal in unsere Gedanken schleicht. So vergehen die Jahre. Ach – und dann werden wir auf einmal brutal und direkt durch das Sterben eines geliebten Menschen mit der Wirklichkeit konfrontiert.

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Ich frage mich, ob es denn verkraftbar wäre, wenn wir Menschen unsere Todesstunde kennen würden. Was meint Ihr? Wäre das nicht belastend, auch für unsere Nächsten? Würden wir darob verzweifeln, uns bis zum Letzten sträuben? Wahrscheinlich ist es gut so, wie es ist. Hingegen finde ich es klug, wenn wir das Leben auskosten – nicht nur im Hinblick darauf, dass es endlich ist… sondern weil es uns trotz Kummer und Schmerz ebenso viel Freude und Glück schenkt. Am Leben zu sein, zu spüren, wie Gottes Atem durch unseren Körper strömt, ist Grund zu Ehrfurcht und Dankbarkeit. Hier auf Erden können wir das Geheimnis des Lebens nicht entschlüsseln. Der Trost, dass wir nicht tiefer fallen können als in die göttliche Hand, muss uns genügen.

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Freitagnachmittag, 22. Mai 2020: Mit einer guten Freundin und Arbeitskollegin machte mein Sohn Bernie eine Arbeitspause. Sie diskutierten ernsthaft über das Leben und über Krankheiten. Beide hatten vor mehreren Jahren, und viel zu früh, einen schweren Herzinfarkt erlitten und lebten im Wissen, dass sie die Herz-Medikamente regelmässig einnehmen müssten, aber sonst nicht viel machen könnten, als auf ihr Glück zu vertrauen. Noch bevor die Arbeitspause um war, waren sie sich einig, dass sie zwei richtige Glückspilze seien, weil sie auf wunderbare Weise überlebt hätten.

Doch schon am nächsten Morgen in der Früh blieb Bernies Herz stehen. Diesmal kam jede Hilfe zu spät. Nicht nur für uns war es ein riesiger Schock – der Tod kam wohl auch für Bernie völlig unerwartet, aber er kam schmerzlos, gnädig – wie es sich für einen richtigen Glückspilz gehört. Ruhe in Frieden, unser liebster Sohn!

Trauer //Mascha Kaléko, 1907 – 1975
Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,
nur vor dem Tode derer, die mir nahe sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?
Allein im Nebel tast ich todentlang
Und lass mich willig in das Dunkel treiben.
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.
Der weiss es wohl, dem Gleiches widerfuhr;
und die es trugen, mögen mir vergeben.

Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur
doch mit dem Tod der andern muss man leben.

Elisabeth, 24.6.2020