Eigenartig

Photo by Stijn Dijkstra on Pexels.com: Marschallinseln

Wisst Ihr, was das Wort «Iroojlaplap» bedeutet? Nein? Es heisst «Oberster Häuptling» und ist auf den Marschallinseln beheimatet (siehe Bilder). Die Marschallinseln, ein Staat mit rund 60’000 Einwohnern, sind eine Inselgruppe, die zu Mikronesien gehört. Habt Ihr vor, den Ausdruck «Iroojlaplap» auswendig zu lernen? Ich auch nicht!

Foto Berner Zeitung vom 22. Juli 22: Hier ist er, der «Iroojlaplap», der es bestens versteht, farbenfrohe Zeremonien mit moderner Demokratie in Einklang zu bringen.
Foto Pinterest: Marschallinseln

Jetzt fragt Ihr Euch bestimmt, was diese Information denn soll, sie bringt ja nichts oder zumindest nicht viel. Natürlich gibt es noch mehr unnützes Wissen. Als Beispiel will ich Euch heute von einer kleinen Begebenheit erzählen.

Während meines Praktikums in Paris waren wir eine internationale Gruppe von Sekretärinnen, die anspruchsvolle Übersetzungen in mehrere Sprachen zu erledigen hatten. Wenn wir nicht weiterkamen, riefen wir den Mitarbeiter aus Armenien. Der grosse schlanke Mann war ein brillanter Kopf. Es gab nichts, was er nicht wusste. Sechs Sprachen beherrschte er in Wort und Schrift. Zweifellos hätte er die Fähigkeiten für eine leitende Stellung gehabt – doch ein äusserst merkwürdiger Tick, dem Anschein nach psychischen Ursprungs, hinderte ihn am Vorwärtskommen.

Photo by Nasser Ansari on Pexels.com: Armenien

Da stand dieser Mann mit verlegenem Gesicht vor meinem Pult, knetete ein weisses Stoff-Taschentuch in seinen Händen zu einem kleinen Klüngel zusammen. Dann stopfte er es in Mund und Nase, bis es kaum mehr zu sehen war. Hierauf ertönte seine inzwischen ganz nasale Stimme wie aus dem Abseits. Jedes Mal schaute ich ihm mit einer Mischung aus Faszination, Verwunderung, Abscheu, aber auch Mitgefühl zu. Was hatte er Schlimmes erleben müssen, dass ihm dieser Zwang das Leben dergestalt beschwerte?

Photo by Konstantin Mishchenko on Pexels.com

Nie mehr habe ich vergessen, wie er mir stolz erzählte, seine Grossmutter habe einmal mit dem russischen Zaren getanzt. (Ich nehme an, es war Nikolas II.) Noch heute erscheint bei der Erwähnung von Russland vor meinem inneren Auge sofort der Zar, der die mit ihm tanzende Grossmutter von Herrn Kh. im Arm hält!

Was Monsieur Kh. wohl macht? Vielleicht ist er gestorben, vielleicht quält er sich weiter in einem Pflegeheim? Eines ist gewiss: Der Zar und die armenische Grossmutter tanzen längst nicht mehr.

Photo by emre keshavarz on Pexels.com

Merkwürdig, wie unser Gehirn funktioniert. Es ist in der Lage, schlimmste körperliche Qualen zu vergessen, zumindest als gefühlte Schmerzen an sich; es kann Erinnerungen vergolden, geliebte verstorbene Menschen für eine Weile wieder aufleben lassen, glückliche Stunden ein Leben lang bewahren. Im Gegensatz dazu, kommen natürlich auch seelische Verletzungen hartnäckig ins Hier und Jetzt zurück und schürfen sich immer wieder schmerzhaft auf. Soweit so menschlich.

Foto: http://www.gehirnvital.de

Warum ums Himmels Willen aber speichert unser Hirn gleichzeitig völlig unbedeutende Ereignisse, befrachtet unsere Gedanken mit banalen Dingen – gerade auch per täglichen Social Media-Klatsch – während wichtige andere in völliges Vergessen gleiten? Ich halte es für möglich, dass uns an unfehlbar aufscheinenden, unnützen Erinnerungen irgendetwas berührt, gefesselt oder sonst wie angesprochen hat, um einen bleibenden Eindruck zu produzieren. Das mag von Mensch zu Mensch unterschiedlich und höchst persönlich sein.

Oder sind das plausible Fehlschaltungen, vielleicht nichts weiter als eine Laune der Natur?

Eigentlich schön, gibt es im menschlichen Dasein noch Geheimnisse.

Wo man am meisten fühlt, weiß man am wenigsten zu sagen.“ (Annette von Droste-Hülshoff)

Liebe Grüsse, Elisa
27.07.2022

8 Kommentare zu „Eigenartig

  1. Das mache ich, liebe Bea. Der Sommer ist meist so rasch vorbei. Die Abende sind bereits kürzer und kühler. Ich danke Dir herzlich für Deinen Kommentar. Ja, unser Gehirn ist noch immer ein grosses Rätsel. Ich umarme Dich, Elisa 🍒🍑🍎🍉🍓

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  2. Ich kenne auch Ticks, insofern sind mir solche Dinge vertraut.

    Belanglose Gedankenfetzen gehören zu unserer Existenz. Vielleicht sind das Erinnerungen in einer ansonsten aufgeladenen Situation?!
    Ich mag im Prinzip solche Erinnerungen.

    Schmerzhaftes kennt jeder und daher auch Erinnerungen daran, die kaum abzuweisen sind. Das ist zutiefst menschlich

    Bis dahin
    Liebe Grüße Gerhard

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    1. Lieber Gerhard, Dein Kommentar gefällt mir. Es ist so, wie Du schreibst, es sind nur Gedankenfetzen. Vielleicht sind solch scheinbar unnütze Gedankengänge da, um die Erinnerung an einen unvergesslichen Menschen zu bewahren? Ja, auch schmerzliche Erinnerungen gehören zu unserem Leben. Das ist unausweichlich, das muss man akzeptieren. Danke Dir vielmals und liebe Grüsse, Elisa

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      1. Mannchmal ist es auch ein Hauch an Stimmung, Gefühl, Geruch, das mich aus einer anderen Lebenszeit sanft und ultrakurz anweht. So makaber das ist (es geschieht eher selten), so sehe ich das eher als unbewusstes Spiel des Gehirns mit „Versatzstücken“, die sozusagen herumstrudeln.
        Neurowissenschaftlich würde man das deuten als ein riesiger Sack an Einzelerinnerungen, der Löcher bekommen hat.
        Wobei diese belanglosen Einzelerinnerungen nie ins Gefühl und Erleben kämen, wenn sie nicht plötzlich frei wären und Kontakte knüpfen, die sie dann ins Bewusstsein heben, wenn auch nur recht vage.

        Ich hatte darüber auch schon mal geschrieben.
        Weil es nicht so leicht zu fassen ist, versuchte ich es gerade noch einmal.

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      2. Lieber Gerhard, ich finde Deine Ausführungen spannend, kreativ und sehr anregend. Ja, so könnte es sein. Für mich ist die Funktionsweise unseres Hirns letzten Endes aber auf geheimnisvolle Weise verschleiert (siehe auch den Nachtrag, den ich soeben gepostet habe) Danke Dir herzlich, und ein schönes Wochenende wünscht Dir Elisa 🌥🌥🌥

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  3. Liebe Elisa
    Ich bin zum ersten Mal hier (bin über Gerhards „Kopf und Gestalt“ auf dich aufmerksam geworden) und finde faszinierend und anrührend, was ich hier lese.
    Ja, unser Gehirn ist ein „Kosmos“ für sich – wie das Dasein überhaupt – und lässt uns immer wieder staunen und rätseln. Das Geheimnisvolle überwiegt wohl das, was wir kennen, bei weitem.

    Ich freue mich darauf, öfter herzukommen, um zu lesen und zu schauen und grüsse dich von Blog zu Blog,
    Brigitte

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    1. Liebe Brigitte, es freut mich, dass Du „mich“ besucht hast. Ich werde gelegentlich Gegenrecht halten! Schön, wie Du schreibst: Das Geheimnisvolle überwiegt wohl das, was wir kennen, bei weitem.
      Ich danke Dir vielmals und grüsse Dich, Elisa

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