Lebensaufgaben

Er hat vor kurzem seine Erstausbildung in der Pflege beendet. Während dieser vier Jahre hat er viel erlebt. Ein Jahr davon arbeitete er auf einer Pandemie-Notfallstelle. Zahlreiche Menschen hat er sterben sehen, hat er in den Tod begleitet. Die jüngste Frau war eine 35jährige Mutter von zwei Kindern; die älteste 103 Jahre alt. Kein Wunder, ist er für seine 19 Jahre ungewöhnlich ernst. „Wissen Sie“, sagt er eines Abends“, es gibt Kämpferinnen wie Sie, die können nicht loslassen, die sind nicht totzukriegen.“ (Wie bitte? Hat er gesagt «totzukriegen?») Innerlich zucke ich zusammen, dann denke ich: Er kann noch nicht wissen, dass in bestimmten Situationen der Lebenswille richtig ist, und obendrein bewundernswert.

Photo by Guy Dwelly on Pexels.com

Er fährt fort: „Andere ergeben sich still. Dann breitet sich ein wunderbarer Friede im ganzen Zimmer aus – ich spüre das bereits beim Betreten.“

Seine Worte bewegen mich, obwohl sie nicht wirklich neu sind für mich. Gewiss, unsere letzte, bestimmt schwierigste Aufgabe auf dieser Welt ist das allumfassende Loslassen, und zwar im richtigen Moment, damit wir friedlich sterben dürfen. Es ist vielleicht gewollt, dass unsere Kräfte mit zunehmendem Alter nachlassen, dass wir vermehrt geliebte Menschen verlieren, dass vieles nicht mehr möglich ist, was uns Freude macht. Dies bereitet uns auf natürliche Weise aufs Loslassen vor. Es soll Menschen geben, die ihre Todesstunde im Voraus spüren und sich dann still darauf einstellen. Und kurz darauf überschreiten sie tatsächlich die Grenze. Was für eine Gnade, wenn wir uns leicht ergeben können! Wer wünscht sich das nicht?

Photo by Artem Podrez on Pexels.com

Ich bin indes überzeugt, dass darüber hinaus eine Höhere Macht die Fäden in Händen hält, und dass unsere Todesstunde einem göttlichen Plan folgt. Neben dem Loslassen ist deshalb für mich das Vertrauen in das, was kommt, ebenfalls von ganz enormer Bedeutung. Letzten Endes sind und bleiben unsere Geburt, unser Leben und Sterben ein tiefseelisches Geheimnis, und ein großes Wunder.

Kennt Ihr dieses Lied: Ich trage, wo ich gehe, stets eine Uhr bei mir, gesungen von Hermann Prey? https://youtu.be/AIch werde Worte darauf setzenhQHVUSMwMg (Musik Karl Loewe. Den Liedtext von Johann Gabriel Seidl finden Interessierte am Blog-Ende)

Photo by Pixabay on Pexels.com

Eindrücklich, das Lied, nicht? Und gerade weil wir nicht wissen, wann die eigene „Uhr“ abläuft, ist der Lebenswille, ist die Lebensfreude etwas so Bedeutsames. Bleiben wir deshalb dem Leben, so lange es dauert, zugewandt mit all unseren Sinnen: betrachten, schmecken, riechen, hören, bewundern, feiern wir es! Lassen es täglich aufleben in seiner Schönheit und Kraft, trotz oder gerade wegen dieser sorgenvollen Zeit. Nicht nur unser eigenes menschliches – auch das vielfältige, geniale Leben in der Pflanzen- und Tierwelt. Wir sind ja Teil von allem.

Wenn wir das Leben lieben, sollten wir den Tod nicht fürchten, denn er kommt aus derselben Hand. (Michelangelo)

Eure Elisa
08.06.2022

Foto von Freundin Barbara Butscher: Blühender Kirschbaum im Baselbiet
Photo by Achim Bongard on Pexels.com
Photo by NAUSHIL ANSARI on Pexels.com
Photo by James Wheeler on Pexels.com
Photo by Gantas Vaiu010diulu0117nas on Pexels.com
Photo by Andru00e9 Cook on Pexels.com

Liedtext:
Ich trage, wo ich gehe
Stets eine Uhr bei mir
Wieviel es geschlagen habe
Genau seh ichs an ihr

Es ist ein großer Meister
Der künstlich ihr Werk gefügt
Wenngleich ihr Gang nicht immer
Dem törichten Wunsche genügt

Ich wollte, sie wär oft rascher
Gegangen an manchem Tag
Ich wollt an manchem Tage
Sie hemmte den raschen Schlag

In meinen Leiden und Freuden
Im Sturme und in Ruh –
Was immer geschah im Leben
Sie pochte den Takt dazu

Sie schlug am Sarge des Vaters
Sie schlug an des Freundes Bahr´
Sie schlug am Morgen der Liebe
Sie schlug am Traualtar

Sie schlug an der Wiege des Kindes
Sie schlägt, wills Gott! noch oft,
Wenn bessere Tage kommen
Wie meine Seel es hofft

Und ward sie manchmal träger,
Und drohte zu stocken ihr Lauf,
So zog sie der Meister mir immer
Großmütig wieder auf.

Doch stände sie einmal stille,
Dann wär´s um sie geschehn
Kein and´rer, als der sie fügte
Bringt die zerstörte zum Gehn

Dann müßt ich zum Meister wandern
Und ach, der wohnt gar weit
Wohnt draußen, jenseits der Erde
Wohnt dort in der Ewigkeit

Dann gäb ich sie dankbar zurücke
Dann würd ich kindlich flehn:
Sieh, Herr, – ich hab nichts verdorben
Sie blieb von selber stehn

11 Kommentare zu „Lebensaufgaben

  1. Puh, sei mir nicht böse liebe Elisa – aber dass kann ich gerade nur schwer verdauen.
    Der Pfleger, egal ob er nun 19 Jahre alt ist, oder war – und überhaupt ist in dem fall das Alter relativ egal, ist so dermaßen unsensibel – da läuft mir wirklich eine Gänsehaut über den gesamten Körper! Seine Worte erinnern an Menschen, die als Todesengel durch die Medien gehen …. echt gruselig!
    Dass du das noch versuchst, schön zu reden im Sinne von Verständnis dafür aufbauen, ist mir rätselhaft. Ich? Hätte ihn verbal lang gemacht ob seiner unsensiblen Art und ihn mal gefragt, ob er auch nur eine kleine Ahnung davon hat, was er da gerade von sich gegeben hat!!!!
    Manmanman… Beruf verfehlt, aber sowas von!!!
    Herzliche Umarmung von einer Freundin, die gerade wirklich geschockt ist…. HDL 💖💖💖

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Bea, das tut mir aber leid. Weisst Du, ich hatte das Gefühl, der junge Mann sei total überfordert und habe niemandem, um seine Gefühle zu teilen. Ob ich die Dinge schön rede? Mag sein… Für mich ist es besser als mich aufzuregen. Ich denke immer daran, dass man in jungen Jahren nicht gleich „weit“ sein kann wie später. Für mich ist Loslassen tatsächlich ein Thema. In den vergangenen Wochen habe ich auch miterlebt, wie schwer dies meiner Schwester fiel, trotz ihrer grausamen Krankheit. Es bleibt für mich eine anspruchsvolle Lebensaufgabe. Wie andere mit Leben und Sterben umgehen, kann ich nicht beeinflussen, wünsche mir jedoch, dass das Sterben enttabuisiert wird. Ich danke Dir herzlich für Deine Offenheit. Das schätze ich sehr. Ganz liebe Grüsse Deine Freundin Elisa 🥰 💖💜💚

      Gefällt 1 Person

      1. Liebe Elisa – vielleicht war ’schön reden‘ eine falsch gewählte Floskel, denn sie wirkt jetzt, wo ich es nochmal lese so, als wenn DU Schuld daran hättest. So war es nicht gemeint.
        Sondern so, wie du es beschreibst – du versuchst, seine unüberlegten und kalten Feststellungen zu entschuldigen.
        Mich hat das wirklich geschockt, was dieser Pfleger da geäußert hat….
        Und klar, du musst damit zurecht kommen. Im besten Fall OHNE dich aufzuregen. Aber dafür hast du ja MICH! Und ich empfinde sein Verhalten mehr als übergriffig und absolut unsensibel. Erst recht, wenn er im Bereich der Pflege tätig ist, sowas geht einfach nicht!!!
        Wie gut, dass du das hier geschrieben hast, denn Schreiben ist ja auch eine Form der Verarbeitung, nach der man im günstigsten Fall loslassen kann. Bezogen auf den Vorfall, nicht auf das Leben, wohlgemerkt.
        Von daher bleib so, wie du bist und genieß die schönen Stunden, ohne loszulassen. 🙂
        Herzliche Grüße Bea 🌞🧡🍀⛱🎈💚

        Gefällt 1 Person

      2. Liebe Bea, ja, Du hast Recht, Schreiben eignet sich grossartig zum Verarbeiten von Gefühlen! Aber möglicherweise habe ich mich nicht so aufgeregt, weil ich spürte, dass der junge Mann jemanden zum Zuhören brauchte, um seine eigenen Ängste loszuwerden und nicht gerade sensible Worte gefunden hat . Im übrigen bin ich gerührt über Deine lieben Zeilen, vor allem über Deinen Satz: „Dafür hast du ja mich!“ Natürlich hoffe ich, dass Du inzwischen wieder beruhigt bist. Ich wünsche Dir ein frohes Wochenende mit vielen schönen Stunden. Ganz liebe Grüsse, Elisa 🎨🎭🎢💋🩱🎧🎵💖

        Gefällt 1 Person

    2. Antwort von Freundin Ursula K., u.a.: „…Da bin ich auch gleich bei dem jungen Mann in der Pflege und ich verurteile ihn nicht wegen seiner Bemerkung „nicht totzukriegen“. Er fand in diesem Moment wohl kein passenderes Wort und meinte nach seiner erlebten sicherlich nicht einfachen Tätigkeit auf der Pflegstation zu Coronazeiten, dass es eben Menschen gibt, die schneller loslassen können und andere die kämpfen, um eben noch nicht loszulassen. Das ist doch eigentlich ganz normal und individuell bei jedem einzelnen Menschen zu sehen und hängt ab von vielen Umständen, die Seiten füllen würden. Ich würde jedem und auch mir selbst wünschen, dass alles mit einem inneren Frieden einhergeht und man beim Zurückblicken keinen großen Belastungen (Vorwürfe, Reue usw.)ausgesetzt ist. …“ Anmerkung: Kopiert von Elisa

      Gefällt 1 Person

  2. Ein sehr schöner Beitrag, Elisa. Das Leben ist ein Wunder, unfassbar eigentlich. Der Tod ebenfalls.
    Wie tröstlich ist der Gedanke, dass Beides aus der gleichen Hand kommt. Dass es noch etwas gibt, etwas Grosses, das wir noch nicht verstehen. Aber wir fühlen es.
    Alles Liebe Brig

    Gefällt 1 Person

  3. Loslassen muss man auch, wenn das Leben missglückt ist oder es dir wesentliches vorenthalten hat.
    Das betrachte ich als sehr schwer.
    Leben kann sehr mühsam und voller Enttäuschung gewesen sein, aber wenn trotzdem ein guter roter Faden durch es ging, kann man wohl leichter Abschied nehmen.

    Gefällt 1 Person

    1. Lieber Gerhard, es dünkt mich immer bemitleidenswert, wenn jemand ein Leben voller Enttäuschungen leben muss. Das ist bitter und, da hast Du Recht, erschwert das Sterben wahrscheinlich, obwohl es ja dann nur besser kommen kann. Ich bin froh, dass wir auch immer noch selbst ein wenig dafür sorgen kann, dass das Leben kein einziger Frust ist. Du erwähnst den roten Faden – den spüre ich Gottseidank immer wieder, besonders in Zeiten der Trauer und des Schmerzes. Das Sterben erschweren kann auch der Abschied von geliebten Menschen. Mein festestes Band, mein vor 2 Jahren verstorbener Sohn, fällt bei mir jetzt weg. Ich danke Dir vielmals und grüsse Dich herzlich, Elisa

      Gefällt 1 Person

  4. Liebe Elisa, vielen Dank für diese durchaus berührende Geschichte. Geburt und Tod sind naturgegeben, doch der Mensch mag über den Tod nicht reden. Selbst wenn ein Mensch sterben muss und darüber sprechen will, wird der Tod oft vom Zuhörer verleugnet. Man muss sich dem Unausweichlichen hingeben, loslassen, wie Du geschrieben hast. Manchmal ist der Tod ein Geschenk. Unsere Söhne sind vorgegangen, damit wir sie hier auf Erden nicht mehr loslassen müssen.
    Dem Pfleger ist das Wort „totzukriegen“ wohl unbeabsichtigt rausgerutscht. Meine Oma sagte immer: „An Irgendwas muss man doch sterben.“ Im Gegensatz zu mir bist Du noch sehr agil. Ich habe alle früheren Bedürfnisse zurückgesetzt und brauche Dinge, die anderen wichtig sind, nicht mehr. Wie es auch kommen mag, ich bin bereit und weiß, es wird gut sein.
    Der Tod kann uns nicht von dem trennen, den wir lieben, denn die Liebe wird immer das Ihre fordern. Kummer beruht auf Unwissenheit. Mit Wissen könnten wir sicher sein, dass derjenige, den wir lieben, uns näher ist als je zuvor. Wir könnten schon jetzt etwas von der Freude kosten, die mit dem Verständnis der geistigen Realität einhergeht. Es ist falsch zu trauern, wenn sich die Raupe in einen schönen Schmetterling verwandelt hat.
    Liebe Grüße, Gisela 🦋

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Gisela, was für ein tröstlicher, schöner Kommentar!🌹 Ich danke Dir von Herzen. Das Sterben ist leider noch immer ein Tabu, doch wenn man, wie wir, die Gewissheit hat, dass uns bei Gott ein Paradies erwartet, dann verliert der Gedanke ans Sterben seinen Schrecken. Dennoch finde ich das Trauern wichtig – aber eben auch das Leben mit all seinen Facetten. Ich bewundere Deine Kraft, Deinen Glauben und Deine Reife. Von Dir können wir viel lernen. Ich danke Dir. Liebe Grüsse, Elisa 😍😍🤩

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s