Am hellichten Tag

Foto von Patentochter Sandra Romano

Es war ein paar Tage nach der Operation. Früh morgens kam eine Pflegerin ins Zimmer, die ich noch nicht kannte. Robust sah sie aus, und ja, auch etwas grob. Sie half mir beim Aufstehen und setzte mich trotz meiner schmerzenden Operationswunde auf einen unbequemen Stuhl, bevor sie das Zimmer wieder verliess. Nach einer knappen halben Stunde war sie zurück. „Ich möchte nicht, dass sie mich so lange sitzen lassen“, monierte ich. Die schnippische Antwort kam postwendend: „Ich habe noch 37 andere Patienten.“ Mir war durch Erschöpfung hässig zumute: „Das lasse ich mir nicht gefallen. Die ganze Nacht habe ich kein einziges Mal geklingelt.“ „Die Nacht ist vorbei, es ist helllichter Tag“, kam es prompt zurück. Mein Ton wurde lauter: „Ich lasse es mir trotzdem nicht gefallen!“ Nun herrschte längere Zeit Stille zwischen uns. Während sie mir beim Waschen half, entdeckte ich auf ihrem Arm ein Tattoo. Neugierig erkundigte ich mich nach dem Wie und Was, und auf einmal taute sie auf und erzählte.

Photo by Dominika Roseclay on Pexels.com

Als wir fertig waren, nahm sie wortlos meinen bei den Mahlzeiten fleckig gewordenen Morgenrock und wusch ihn gründlich aus. Dann hängte sie ihn zum Trocknen am Heizkörper auf. Ich traute meinen Augen kaum und sagte verwundert: „Sie sind ja eine sehr freundliche Pflegerin!“ „Und Sie eine sehr freundliche Patientin!“ kam es zurück. Ich schaute sie fragend an. „Wissen Sie, manchmal braucht es zu Beginn ein wenig Zank“, fügte sie bei.

Ja, warum nicht? Wir waren beide schlecht gelaunt gewesen und hatten dies ehrlich gezeigt. Jetzt lächelten wir einander an. Der Tag war auf einmal hell geworden.

Foto von Patentochter Nadia Lutz

Warum können Konflikte zwischen Völkern nicht ebenfalls friedlich gelöst werden? Dann wären alle Tage hell.

Ich wünsche Euch frohe, helle, friedliche Ostertage, Eure Elisa
12.04.2022

6 Kommentare zu „Am hellichten Tag

  1. Liebe Elisa, wie recht du hast…. wenn Zorn verraucht, ist die Luft im Anschluss klarer, als zuvor! Ein schönes Erlebnis, in dem sehr viel Wahrheit steckt. Und ja, auch ich wünsche mir ein wenig mehr ‚über den eigenen Schatten springen‘ und ‚auch mal zurück rudern‘ von der Menschheit – das würde vieles erleichtern und für mehr Klarheit und Glanz sorgen! 🙂
    Danke fürs Teilen und lass uns die Hoffnung nicht aufgeben, hörst du? 🙂
    Herzliche Grüße Bea 🌑🌒🌓🌔🌕🌞

    Gefällt 2 Personen

    1. Liebe Bea, ich bin ganz dafür, dass wir die Hoffnung nicht aufgeben! Wie könnten wir sonst weiterleben? Ich versuche stets, das Schöne in meinem Leben stärker zu gewichten als das Schlimme. Das hilft mir, nicht in Hoffnungslosigkeit zu versinken. Ich wünsche mir dasselbe für Dich. Empfindsame Menschen haben es schwerer im Leben als andere, das spürst Du in diesen Tagen wohl besonders stark. Vielleicht ist es eine gute Übung, den Zorn immer wieder verrauchen zu lassen! Ich wünsche Dir alles Liebe und Gute und danke Dir herzlich für Deine Treue. Ich möchte Dich und Deine Gedanken nie und nimmer missen! Herzlichst aus der Schweiz, Elisa 🍀🌻🌺🙏🥰🦢💗

      Gefällt 1 Person

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