Parallelwelten

Hallo, Ihr Lieben, ich bin wieder da – noch etwas wackelig auf den Beinen. Was tut’s? Es ist Frühling, die Zeit für neue Energien.

Foto von Freundin Heidi Wildi: Frühling!

In einem gewissen Sinn ist eine Operation etwas Seltsames: Man versinkt total in Bewusstlosigkeit, und wenn man aus der Narkose erwacht, ist es, als sei man irgendwie fremd in der Realität. Der Kopf denkt noch nicht klar, im Körper fehlt etwas, das bisher zu einem gehört hat. Ein paar Tage wird man umsorgt wie ein Kind, man leidet Schmerzen, bekommt jede Menge Schmerzmittel, aber man spürt genau, dass es langsam Zeit wird, sich wieder ins normale Leben einzugewöhnen.

Die folgende, ebenfalls in sich geschlossene Welt, ist die REHA-Klinik (Rehabilitationsklinik), wo gutes Essen serviert, man liebevoll herumgefahren und ins Bett gebracht wird (nicht ohne Einreiben der Beine), wo man bei Bedarf, vor allem nachts, jemanden per roten Knopf herbeirufen kann, der einem aus den Federn hilft. Es ist allerdings ratsam, nicht bis zum Äussersten zu warten (will sagen bis die Blase platzt), denn oft dauert es 10 oder 15 Minuten, bis jemand kommt, denn schliesslich müssen 47 Patientinnen und Patienten in 3 Häusern versorgt sein.

Photo by SHVETS production on Pexels.com

Ausser den Angestellten bewegt sich niemand normal: die Patienten brauchen Stöcke, oder ein Laufböcklein, einen Rollator oder gar einen Rollstuhl. Fast alle haben wir irgendwelche neuen Gelenke (Implantate) bekommen. Es mutet auf den ersten Blick befremdlich, ja grotesk an, wie die Menschen in einem in dieser Menge nie gesehenen Aufmarsch humpeln, um Biegungen zuckeln, sich wie in Zeitlupe Zentimeter um Zentimeter vorwärts schieben. Vor allem in den Gängen vor den Aufzügen und rund um den Speisesaal stockt der lange Zug vor den Essenszeiten, obwohl niemand lange stehen kann und will. An welch sonderbaren Ort bin ich bloss hingeraten? Aber natürlich gehöre auch ich dazu…

Foto Elisa: Blick von meinem Gartensitzplatz

Viel Freude bereitet mir mein Zimmer, das ich nach dem Weggang des MANNES beziehen darf. Der Sitzplatz davor liegt in unmittelbarer Nähe zu einem kleinen Biotop und dem Aussenbereich des Bistros. Geradeaus öffnet sich der Blick auf die gegenüberliegenden, zum Teil noch schneebedeckten Berge und den spiegelglatten Brienzersee. Ein landschaftliches Paradies mit drei Wochen täglichem Sonnenschein!

Doch halt: man ist nicht hier, um Ferien zu machen, wir sitzen allesamt im selben «Boot bzw. im selben Rollstuhl». Denn wir sind in der Klinik um zu lernen, wieder selbständig zu leben, besser als zuvor. Das ist, vielleicht glaubt Ihr’s kaum, unglaublich anstrengend. Die spärlich bemessenen Mussestunden verbringen die meisten mit Vorliebe mit Schlafen, denn starke Schmerzmittel bekommen wir alle, sie erleichtern uns den Alltag, auch Liegen zwischendurch ist notwendig. Denn, so sagt man uns, unser Körper befindet sich seit der Operation im Überlebensstress. Es ist freilich nicht die gegenwärtige Krankheit allein. Die meisten sind betagt. Ihr Körper ist durch Alter, Operationen und gesundheitliche Defizite arg gebeutelt worden, ihre Seele beim Ringen um Glück und Liebe ermattet. Ein freiwilliger Helfer erzählt mir, dass er jeweils derart tragische Schicksale schildern höre, dass es schwerfalle, sich abzugrenzen. Kurz und gut: Es ist ein Ort voller Schmerzen, voller Kümmernisse, aber auch voller Zuversicht und hin und wieder sogar wohltuender Fröhlichkeit und unbeschwertem Lachen.

Foto Elisa: Blick von Oberried auf den Brienzersee

Und in diese eigenartige, mit Gesundheitssorgen beladene Welt bricht ein viel grösserer Schrecken ein, ein Entsetzen sondergleichen: Die Nachricht über den furchtbar brutalen, unbegreiflichen Krieg, der unseren Atem stocken lässt. Daneben wird unser aller Leiden klein. Das bequeme Bett, das feine Essen, die hingebungsvolle Pflege, die gewissenhafte Physiotherapie – dürfen wir das dennoch geniessen? Unser geschützter, immerhin beschwerter Alltag als Parallele zur Welt des Grauens, des gewaltsamen Todes – das beschäftigt ungemein. Auf dieser Erde gibt es seit Menschengedenken stets irgendwo herzzerreissende, blutige Orte. Ich sage es ehrlich: Es wird mir bisweilen zu viel. Ich fühle mich hilflos und frustriert. Wie ergeht es Euch mit diesen Parallelwelten?

Eines scheint mir gewiss. Es gibt wunderbar echte Liebe und Hingabe bei Menschen, die wir kennen. Ich finde, sogar mehr als früher. Wie kommt es dann, dass weltweit so entsetzlich viele Menschen nur auf ihren Scheiss-Vorteil bedacht sind? Dass es immer mehr Hass, Machtgier, Geldversessenheit, Kälte und Gewalt Einzelner gibt?

Es tut weh, dass Schönheit und Hässlichkeit, Liebe und Hass in unserem Dasein so nah beieinander liegen. Die Spannung gilt es auszuhalten, sie gehört zum Leben. Dafür wünsche ich Euch und mir Kraft.

Foto Elisa: Der Frühling kündigt sich auch hier an

Elisa, 24.03.22

18 Kommentare zu „Parallelwelten

  1. Alles Gute und baldige Genesung, liebe Elisa! Der Frühling hilft sicher. Was nicht hilft, ist das Weltgeschehen. Heute vor einem Monat mussten wir das Unfassbare in den Nachrichten vernehmen. Es fällt verdammt schwer. Wie kann man im Büro, nach den beklemmenden Informationen im Autoradio, beschwingte, verkaufsorientierte Texte schreiben, mit der Familie am Abend einen lustigen Film und am Wochenende nette Ausflüge machen wie bisher. Man kann und man muss. Wo und soweit es geht helfen, spenden, mal sehen, wann hier erste Geflüchtete auch in unsere Gegend kommen und wir vielleicht nicht nur anonym, sondern auch persönlich helfen können. Leider ist mein Russisch über die vielen Jahre ohne Gebrauch fast vollständig verloren gegangen, dass ich nicht als Dolmetscher tätig werden kann. Aber mal sehen … Cari saluti aus Italia! Anke

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    1. Liebe Anke, Deine Bereitschaft, persönlich zu helfen in Bezug auf die Ukraine, verdient Lob. Vielen ist dies unmöglich. Doch auf den Sieg des Guten zu hoffen und zu beten, ist ebenfalls wichtig. Es freut mich sehr, dass Du mir folgst. Aus Bella Italia zu hören, ist, wie wenn etwas südliche Sonne in unser Gemüt scheint. Danke Dir für Deine guten Wünsche und liebe Grüsse aus dem ebenfalls sonnigen Bern, Elisa

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  2. Liebe Elisa,

    ich freue mich sehr darüber, dass es Dir den Umständen entsprechend gut geht und Du alles überstanden hast. Die Reha wird Dir guttun, zumal sie für Dich in einer wunderschönen Umgebung stattfindet. Das Wieder-laufen-lernen ist schwer, ich weiß das aus meiner Schlaganfall-Erfahrung, aber es wird alles gut werden. Erst Rollstuhl, dann Rollator und schließlich Stock kostet Überwindung, wenn Du ins normale Leben zurückkehrst. Aber das muss Dir egal sein. Du willst schließlich gesund werden. Ich drücke Dir die Daumen dazu. Dein Gehirn muss erstmal den Fremdkörper annehmen. Manchmal kostet es Überwindung, die ersten Schritte ohne Stock zu gehen.

    Das momentane Weltgeschehen liegt schwer auf meiner Seele. Meine Gedichte sind leider dementsprechend und meine Träume auch. Das Pendel sagt nichts Gutes. Aber wir können nichts tun. Die Lebensmittelknappheit hat hier schon eingesetzt. Manche Regale sind leer.

    Erhole Dich gut und schöpfe neue Kraft in dieser herrlichen Natur. Liebe Grüße, Gisela

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    1. Liebe Gisela, ich danke Dir herzlich für Deine einfühlsamen Worte, die mir gut tun. 💜💜Inzwischen bin ich wieder zu Hause, habe hier jedoch Covid erwischt, so dass das Training noch etwas warten muss. Rundum wächst und blüht es, wie herrlich! Und doch schwierig, trotz dieses Überschwangs, die schweren Gedanken abzuschütteln. Ich wünsche Dir ein sonniges, blühendes Wochenende und vor allem einen erholsamen Schlaf. Ich habe im Moment ebenfalls Mühe damit. Liebe Grüsse, Elisa

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      1. Liebe Elisa, jetzt musst Du Dich auch noch mit Covid herumquälen. Das tut mir leid. Ich wünsche Dir gute Besserung und sende Dir ganz liebe Grüße in die Schweiz. Hab ein sonniges Wochenende und sei guten Mutes. Alles wird gut! 🌞👼💐

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  3. Oh ich freue mich, dich endlich wieder hier zu lesen, liebe Elisa. Und schön, dass du trotz der beschriebenen Schmerzen alles gut überstanden hast und es dir wieder gut geht!
    Alles, was du schreibst, kann ich nur zu gut nachempfinden. Nur zum Krieg mag ich mich momentan nicht äußern, denn das alles nimmt mich viel zu sehr mit…
    Ein andermal sicher gerne, aber den heutigen Abend möchte ich mit schönen Gedanken füllen.
    Und einer davon ist, dich wieder hier zu wissen.
    Weiterhin gute Genesung und viele Grüße von Herzen.
    💙💛
    Bea

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  4. Liebe Elisa, willkommen wieder zurück im Leben und zuhause!!!! Ich habe schon immer mal nachgeschaut, ob es über Deinen Blog eine Nachricht von Dir gibt. Nun wünsche ich Dir Geduld und Zuversicht, dann wird alles wieder gut. Du schaffst das wie Du schon so vieles geschafft hast. Genieße die Frühlingssonnenstrahlen und Blumen!
    Blende die weniger schönen Nachrichten vorerst aus, im Heilungsprozess soll man nur gute Gedanken haben können. Liebe Grüße und weiterhin gute Genesung! Herzlichst Ursula

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    1. Danke Dir herzlich, liebe Ursula. Ja, es ist schön, wieder zu Hause zu sein, aber irgendwie wieder eine neue Herausforderung. Das Ganze dauert länger, als ich dachte. Ich muss es eben annehmen, wie es ist. Du hast Recht: Schlechte Nachrichten heisst es nun auszublenden. Ganz geht aber leider nicht. Herrliche Frühlingstage und liebe Grüsse, Elisa

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  5. …und es ist ein langer Weg zurück zur relativen Normalität, gar kein Weg aber zurück in die Jugendtage. Zum Springinsfeld wird keiner mehr. Ich durfte derlei auch schon erleben und kann nur sagen, eine nützliche, aber maximal stellenweise schöne Erfahrung, gutes Gelingen, gute Besserung auf allen erstmal vorsichtig gewählten Wegen!

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    1. Ich danke Dir, liebe Petra, für Deine guten Wünsche. Nein, zum Springinsfeld reicht’s schon lange nicht mehr. Wie Du es erwähnst, die Wege müssen erstmal vorsichtig gewählt werden. Bessern wird’s schon noch. Dir sonnige Ostertage und bleib „Gut zu Fuss“. Liebe Grüsse, Elisa 😍

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