Der Zeitgeist

Kürzlich las ich diesen witzigen Satz von Schopenhauer: «Wer sich mit dem Zeitgeist verheiratet, ist morgen verwitwet. Hatte er Recht?

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Es war der Dichter und Philosoph Herder, der 1769 den Begriff «Zeitgeist» prägte. Für ihn bedeutete er Einschränkung, die sich bleiern und drückend auf das Verhalten des Individuums auswirke. Wo der Zeitgeist regiere, fehlten für Herder traditionelle Verhaltensstandards. Des Weitern schrieb auch Goethe in Faust I: Was ihr den Geist der Zeiten heißt, das ist im Grund der Herren eigner Geist, in dem die Zeiten sich bespiegeln. Hans Magnus Enzensberger drückte sich drastischer aus: „Etwas Bornierteres als den Zeitgeist gibt es nicht. Wer nur die Gegenwart kennt, muss verblöden.“ Und weiter: „Wer sich ganz und gar dem Zeitgeist verschreibt, ist ein armer Tropf. Die Innovationssucht der ewigen Avantgarde hat etwas Kastrierendes.“ Diese Schmähungen könnten glatt als Eierkopf-Trend durchgehen…

Photo by Pavel Danilyuk on Pexels.com – Eierköpfe

Wenn diese Herren wüssten! Lassen wir uns nicht trotz ihrer Warnung laufend «kastrieren»? Innovationen, neue Moden wechseln schneller, als wir denken können, und werden pausenlos rund um die Welt geschleust, so dass niemand den Überblick wirklich zu behalten vermag. Erinnert Ihr Euch daran, wie japanisches Sushi oder ein Champagner-Frühstück auf einmal als letzter Schrei für trautes Beisammensein galten? Wie Avocados und Mangos den westlichen Markt im Sturm eroberten? Wie vor ein paar Jahren die halbe Welt plötzlich den Gangnam-Style eines übermütigen Südkoreaners nachmachte? Inzwischen hopst er vermutlich alleine herum.

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Was bedeutet für uns der «Zeitgeist»? Wie gehen wir um mit den ständig wechselnden Trends? Mit Verhaltensweisen, die ein Einzelner oder eine Gruppe sozusagen erfindet und die dann mit einem Mal von Millionen von Menschen rund um den Erdball mit heiligem Eifer befolgt werden? Es geht um Geld! Vor allem um Geld! Man gehört nur dazu, wenn man unersättlich Social Media mit den neuesten Mode Styles, den aktuellsten Life Styles etc. konsumiert. Wie auf Kommando wurde «Influencing» weltweit zur vielbewunderten, fürstlich bezahlten Tätigkeit, liessen sich zahllose junge Frauen die Lippen aufspritzen, begannen sich auf die gleiche Art zu kleiden, wendeten die gleichen Frisuren- und Schminktipps an, buken die gleichen dicken Torten, probierten erfolglos die gleichen Schlankheitsmittel aus… Soll mir einer sagen, es sei weniger aufregend, den Co2-Fussabdruck des einmal pro Jahr gekauften Weihnachtsbaumes zu errechnen! 

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Habt Ihr etwas gegen Veganer? Wohl kaum. Doch erinnert Euch: Diese Essenskultur ist urplötzlich aufgetaucht, woher weiss ich nicht. Vor ein paar Jahren hatte ich eine einzige Freundin, die überzeugte Veganerin war, und wenn wir uns zum Essen trafen, mussten wir nach einem passenden Restaurant suchen wie nach einem Stecknadelkopf. Und heute? Quasi aus dem Nichts hat sich der Veganismus zum weltweiten Life Style gemausert, und Supermärkte und Gastronomen haben sich einer anfänglichen Minderheit rasend schnell angebiedert. Geht es ihnen wirklich um Klimaschutz und um Gesundheit?

Weshalb ist es für eine junge Mutter spannender, sich unterwegs am Smart-Phone ausgiebig mit Freunden zu unterhalten, anstatt in die klaren Augen ihres kleinen Kindes zu schauen und mit ihm zu plaudern? Nur, um es dann später mit elektronischem Spielzeug zu überhäufen, damit es weiss, wie sich beschäftigen??

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Wozu müssen Spargeln oder Erdbeeren das ganze Jahr über für uns Konsumenten verfügbar sein? Wären wir sonst todunglücklich? Hingegen vermisse ich im Sommer die reifen Früchte! Trotz natürlicher Erntezeit kommen sie steinhart in den Supermarkt und faulen zu Hause von innen heraus, ohne noch nachzureifen. Ich frage mich, ob junge Menschen noch eine Ahnung haben, wie köstlich eine reife Aprikose, ein saftiger Pfirsich schmeckt.

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Ein weiteres Zeichen für den Zeitgeist ist es, Nachrichten nicht mehr in der Zeitung zu lesen, sondern nur noch im Netz, wo es wimmelt von abwertenden Kommentaren, Gerüchten, Fakenews und unnützem Klatsch. Merken wir es noch, wenn wir manipuliert werden?   

Vielleicht wäre es tatsächlich einfacher, dem ständig ändernden Zeitgeist zu folgen und nicht gross nachzudenken. Einfach Spass zu haben mit den Einfällen anderer Leute! Zudem gibt es unter den Innovationen natürlich höchst erstrebenswerte Entwicklungen, die unser Leben verbessern. Jede Zeit hat ihren eigenen Stempel und ist dadurch einzigartig. DER MANN und ich finden es einfach ermüdend, ständig den neuestens Trends hinterher zu laufen. Und doch! Wer Traditionen kompromisslos liebt und sie bewahren möchte, oder wer im Alter findet, früher sei alles einfacher gewesen und man könne dieses und jenes «moderne Zeugs» getrost links liegen lassen, fällt schneller aus der Gegenwart als ihm lieb ist. Solche Menschen gelten rasch als hoffnungslos veraltet, sind die Verlierer der heutigen Zeit – von den Konsequenzen auf Grund ihres technischen Rückstands ganz zu schweigen!

Photo by Alexey Wineman on Pexels.com – Traditionen sind wertvoll

Meine Lieben, ich bin versucht, den Zeitgeist als «Ungeist» zu bezeichnen – obwohl der Zeitgeist mit seinen zahlreichen schillernden, erstaunlichen und innovativen Auswirkungen eigentlich eine faszinierende Sache ist.

Wie immer, liegt die Lösung darin, weder das eine noch das andere zu übertreiben, sondern den berühmten goldenen Mittelweg zu wählen. Oder etwa nicht? Heiraten ja, aber verwitwet sein, eher nein.

Photo by Pixabay on Pexels.com – Goldener Mittelweg

Elisa, 12.01.2022

13 Kommentare zu „Der Zeitgeist

      1. Mein Kommentar war notwendigerweise kurz weil mit phone getätigt. 😀
        Jetzt auch wieder.
        Die Wurzeln der Achtung von damals waren mir nicht bekannt. Sie scheint ja in Wellen immer wieder in Variationen aufzutauchen.
        Jetzt bin ich selber fast alt und eigentlich geneigt, Leute mit Köpfchen jedweden Alters zuzuhören. 😀

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  1. Liebe Elisa, sinnvolle Innovationen sind okay, aber jeden Modetrend mitzumachen, ist nicht meine Welt. Selbst, als ich noch jung und schön war (lach), habe ich das Althergebrachte geehrt und in mein Alter mitgenommen. Zurück zur Einfachheit ist meine Devise. Danke für Deinen Beitrag, in dem ich vieles wiedergefunden habe, was mich stört. Liebe Grüße, Gisela

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    1. Liebe Gisela, vielen Dank für Deinen Beitrag. Mit Deinen Worten bin ich total einverstanden. Freundin Heidi zeigt in die gleiche Richtung wie Du und hat mir geschrieben: „Wichtig ist, aus dem Zeitgeist zu nehmen, was einem entspricht und gut tut und mit den eigenen Werten übereinstimmt, egal was irgendwer denkt. Es ist ein stetiges Ringen und Sich-Fragen, was stimmt für mich noch und was nicht. Wir dürfen in dieser Sache sehr wohl selektiv sein, mit einem wachen Geist, um auch Dinge zu hinterfragen.“ Althergebrachtes ist auch für mich von Bedeutung. Es sei denn, man erstarrt darin, was bei Dir ganz bestimmt nicht der Fall ist. Ganz liebe Grüsse Elisa 🌹🌹🌹

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  2. So – gelesen. Und für gut befunden, liebe Elisa.
    Und auch ich bin ein Freund, nein eine Freundin des Mittelmaßes. Zumindest, was zum Beispiel Ernährung anbelangt….und fahre damit schon immer sehr gut!
    Mode sehe ich da ein wenig differenzierter:
    Was ich nicht mag, ziehe ich auch nicht an – egal, wie modern DAS ist. 🙂
    Denn ich bin der Meinung, dass sich die Mode sehr verändert hat und ALLES geht!
    Und das ist das (finde ich) wirklich Schöne am Jetzt 🙂
    Oder bin ich da etwa auch inzwischen veraltet?
    Egal!
    Ich machs inzwischen so, wie Pipi Langstrumpf:
    Ich mach mir die Welt, widdiwiddi-wie sie mir gefällt. 😀
    Hab einen schönen Abend und lass es dir gut gehen, ohne irgendwelche Zwänge!
    du (wir) hast (haben) schließlich nur EIN Leben. 🙂
    Liebe Grüße Bea 🍀🌟😘

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    1. Liebe Bea, wie schön: gelesen und für gut befunden! Ich danke Dir herzlich! Das ist es, was ich an der heutigen Zeit so mag: Trotz Pandemie haben wir viel Freiheit, in der Mode, in der Lebensweise, in der Persönlichkeitsentwicklung. Das ist wirklich toll. Was mir eher Sorgen macht, sind die ganz jungen Menschen, die, da sie sich selbst noch nicht „gefunden“ haben, leicht zu beeinflussen sind. Für sie geht zu viel Social Media Richtung Sucht. Sie suchen sich Vorbilder, die ihnen schaden können. Aber gelt, die Hoffnung ist da, dass auch sie ihren Weg finden. Mir gefällt Deine Einstellung sehr. Widdiwiddi!! ♥♥♥ Ich umarme Dich, Elisa 🎈🎀🎨👗👘👖🎠🎪🎉

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  3. Liebe Elisa, Deine Ausführungen zum Zeitgeist entsprechen auch meiner Lebenseinstellung. Ich finde es in unserem Alter als angenehm, sich nicht mehr beweisen zu müssen, unsere eigenen Vorstellungen folgen zu können, unabhängig von Job und anderem zu sein.Du nennst es zusammenfassend „Freiheit“. Das bedeutet, dass wir positive als auch negative Seiten unseres Zeitgeistes für uns individuell werten und im großen und ganzen auch danach leben können. Es geht darum, dass wir uns dabei wohlfühlen, unsere eigenen Überzeugungen ausleben können, wir selbst sein können. Egal, ob es um Mode, Ernährungsgewohnheiten und vieles mehr geht – wir wissen zu unterscheiden, ob es dabei wie meist nur um Profit geht – eingewickelt in Silberpapier – und nicht wirklich wie oft vorgetäuscht um das Wohl der Menschen an sich. Ich nenne es :Mehr Schein als Sein.
    Gerne tauche ich ab und zu ab in den Zeitgeist vorangegangener Epochen, jetzt z.B. mittels eines Romans über das Leben des Malers Claude Monet. Ergänzend dazu nutze ich den Zeitgeist unseres jetzigen Zeitalters in Form der Technik, indem ich mir die Gärten von Bilder von diesem Maler im Internet anschaue. Auch das möchte ich nicht missen. Ich stimme Dir zu, dass es oft vor allem für junge Leute nicht ganz einfach ist, den richtigen Weg zu finden. Liebe Grüße Ursula

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    1. Liebe Ursula, danke Dir herzlich für den schönen Kommentar. Du – und auch die andern, die einen Beitrag geschrieben haben – rundest meinen Blog richtig gut ab. Eigentlich müsste man noch definieren, was das Wort „Zeitgeist“ überhaupt bedeutet.
      Ich tauche ebenfalls liebend gerne in andere Epochen ein. Schon als Kind habe ich Schlösser und Museen geliebt! Unsere Zeit bietet so unglaublich viele Möglichkeiten. In dieser Hinsicht ist auch das Netz unübertroffen. Ich grüsse Dich herzlichst, Elisa

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