Peinlichkeiten

  • (Foto Elisa: Appenzeller Zwerge)

Unsere Mama hatte Charakter, Charme und Intelligenz. Trotzdem konnte mein fantasievoller Sohn, als er klein war, ihr fast jeden Bären aufbinden. Für ihn war es ein Gaudi, wenn sie darauf hereinfiel. Sie kostete es Nerven.

Immer mal wieder tappte sie auch in Fettnäpfchen. Da legte sie doch tatsächlich in einem Café das schwere Telefonbuch auf den offenen Dessertwagen, mitten in die appetitliche Rahmpâtisserien – die hierauf nicht mehr so appetitlich aussah…

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Hin und wieder trat sie als beliebte Sopranistin auf. Dies tat sie stets im gleichen schwarzen Kleid, mit einer schlichten Goldkette um den Hals. Das Kleid hatte einen braven «Bünzli»-Kragen. Vor einem Konzertauftritt herrschte gewöhnlich Hektik bei uns zu Hause. So auch kurz vor einem bevorstehenden Weihnachtsoratorium in der Kirche. Beim letzten Blick in den Spiegel stellte sie nervös fest, dass der kleine Kragen nicht perfekt gebügelt war. Um das Kleid nicht noch einmal ausziehen zu müssen, bat sie Papa, den Kragen auf ihrem Hals mit dem heissen Bügeleisen zu plätten. Zuerst weigerte er sich, aber Mama liess nicht locker, und Papa liebte sie über alles. Er konnte gut mit defekten Webmaschinen in unserer Weberei umgehen – mit dem (funktionstüchtigen) Bügeleisen leider weniger, da fehlte es ihm schlicht an Übung. Und so kam es, wie es kommen musste: Er verbrannte Mama den Hals oberhalb des Kragens. Sie nahm es mit Humor – erst recht, als meine ältere Schwester entdeckte, dass bei der Prozedur mit dem Dampfbügeleisen das unschöne Hautknötchen an Mamas Hals regelrecht verdampft war. Ohne mit der Wimper zu zucken, begab sie sich mit verbranntem Hals und zerknittertem Kräglein in die Kirche – dafür ohne das hässliche Hautknötchen.

  • (Foto Patentochter Sandra Romano: Kirchlein in der Ostschweiz)

In mancher Hinsicht habe ich Eigenschaften unserer Mama geerbt. Wie ihr, passieren mir Missgeschicke, die auffallen. Wie sie, handle ich des Öftern überstürzt und denke erst nachher nach. Wollt Ihr bei ein paar Müsterchen mitschmunzeln?

Im Bemühen, meinen nassen Regenschirm im engen Kleintheater unter dem Sitz zu verstauen, schlug ich der vor mir sitzenden Dame den Hut vom Kopf. Ich glaube nicht, dass sie mir verzieh… Gut nur, trug sie nicht auch noch eine Perücke! – Im Beauty Studio brachte ich beim Stöbern nach etwas Glitzerndem einen grossen Ständer mitsamt den hübsch eingereihten Zierkämmen zum laut scheppernden Einsturz und löste damit fast einen Polizeieinsatz aus… – Auf einer Pariser Ausstellung hängte ich mich bei einem Mann ein und plauderte munter auf ihn ein. Erst, als ich zu ihm aufschaute, weil er nicht antwortete, sah ich, dass er mir wildfremd war und nicht der vermutete Freund. – Als uns auf Mauritius beim Gang zum festlichen Piloten-Dinner am Strand ein plötzlicher Kurzschluss in völlige Dunkelheit riss, rief mein Begleiter, der um meine Schwäche wusste, lachend in die finstere Runde: «Achtung, Elizabeth is coming!» Könnt Ihr Euch das belustigte Gelächter vorstellen?

  • (Foto Freundin Heidi Wildi: Es sticht nicht alles, was brummt!)

Mitunter kann’s richtig peinlich werden. Erst kurz verheiratet, ging ich mit meinem damaligen Mann in eine Apotheke, um Hustensirup zu kaufen. Es war Samstag, und viele Menschen warteten im grossen Geschäft auf Bedienung, so auch wir. Aus Langeweile betrachtete ich die zum Verkauf auf dem Tresen ausgebreiteten Produkte. Ein unscheinbares Schächtelchen erregte meine Aufmerksamkeit. Neugierig nahm ich es in die Hand. «Du, schau mal», wandte ich mich an meinen Mann und rief in meiner weittragenden Stimme, «was ist denn das? Da steht «Gummischutz für den Herrn» drauf!» Im gleichen Moment dämmerte es mir, so dass ich ebenso laut nachschickte: «Jesses Gott!» und das Schächtelchen auf den Tresen zurückwarf. Geistesgegenwärtig packte mich mein Ehemann am Arm und zog mich hinter sich aus der Apotheke. Draussen zischte er: «Ist Dir eigentlich klar, wie sehr du mich soeben blamiert hast?»

Naja, es gibt Schlimmeres, findet Ihr nicht auch?

  • (Foto Patentochter Sandra Romano: Abendstimmung über dem Bodensee)

09.06.2021: Mit einem Augenzwinkern grüsst Euch Eure Elisa

15 Kommentare zu „Peinlichkeiten

  1. Hallo Elisa,
    Du hast mit Deinen netten Geschichten wieder einmal ein Schmunzeln hervorgezaubert, was uns allen gut tut.
    Übrigens gab es heute schon eine gedankliche Verbindung nach Bern: Nora Schmid, ein echtes“ Bärner Meitschi“ wird die künftige Intendantin der Semperoper in Dresden und war schon von 2010 bis 2015 Chefdramaturgin im Haus – sie spricht von Rückkehr an einen“ geliebten Ort“, was mich besonders freut.
    Alles Gute und liebe Grüße von Ursula

    Gefällt 2 Personen

    1. Liebe Ursula, danke vielmals für Deine beiden Beiträge, Du treue Freundin! Es freut mich sehr, dass Ihr beide die Schweiz so gerne habt. Ich hätte grosse Lust, einmal Dresden zu sehen und dort in die Oper zu gehen. Auch die deutsche Seite des Bodensees ist sehr schön, das weiss ich aus meiner Kindheit. Meine Patentochter wohnt sehr gerne oberhalb des Bodensees, und ich habe letzte Woche während unseres Aufenthaltes zum ersten Mal gemerkt, dass sogar der Geruch des Sees nostalgische Gefühle in mir weckt! Habt ein frohes Wochenende. Ich umarme Dich, Elisa

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  2. Liebe Elisa, sicher gibt es Schlimmeres. Deine „Peinlichkeiten“ haben mir ein Schmunzeln aufs Gesicht gezaubert. Du hast alles anschaulich beschrieben. Der Dame mit den Kopfbedeckungen war es sicher peinlicher als Dir.
    Das Foto vom Bodensee gefällt mir sehr. Eine gute Zeit wünsche ich Dir und herzliche Grüße, Gisela

    Gefällt 1 Person

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