Musik klingt in meinen Ohren

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Von Kindsbeinen an waren meine Schwestern und ich in unserem Elternhaus von Musik umgeben. Als ich acht war, bekam ich meine erste Geige. In Sommernächten wiegte uns Hausmusik in den Schlaf. Später gaben wir in kleinerer oder grösserer Besetzung Konzerte, wir spielten an Altersnachmittagen, an Sommerkonzerten im Schloss, an Weihnachtsfeiern im Spital, an Festtagen in der Kirche, und einmal sogar im Gefängnis, wo ich mich ein wenig fürchtete. Als Jugendliche durfte ich in zwei Orchestern spielen: im Erwachsenen- und im Jugendorchester. Das Jugendorchester bestand erst wenige Jahre, doch wir befanden uns auf stetem Höhenflug. Der Leiter, ein schwarzlockiger Berufsmusiker, entzündete in uns das Feuer für die Musik.

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Der Frühlingsball war für unsere beiden Orchester der Höhepunkt des Jahres. Mitreissend das Programm – eine gekonnte Abfolge neckisch-leichter Liebeslieder und beschwingter Walzer, die zum Tanzen einluden – üppiger Blumenschmuck auf den weiss gedeckten Tischen, festliche Stimmung, heitere Menschen, es war ein bezauberndes Vergnügen für alle.

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Von den Ereignissen, die völlig unerwartet in unsere schöne Welt platzten und uns aus dem Takt warfen, will ich Euch heute erzählen. Dazu nehme ich Euch mit, zurück in die späten 50er Jahre des letzten Jahrhunderts:

Tatsächlich wird im Spätsommer der Traum jäh zerstört. Unsere Familie sitzt beim Abendessen, als das Telefon klingelt. Papa nimmt im Korridor das Gespräch entgegen. Als er an den Tisch zurückkommt, ist er ganz blass. „Stellt euch vor, der Präsident des Orchestervereins, X.Y., ist gestern Abend bei seiner Rückkehr aus den Sommerferien vor seinem Haus verhaftet worden. Er soll bei seinem Arbeitgeber massiv Geld unterschlagen haben. Während er in Spanien am Strand lag, hat eine Buchhaltungsrevision den Betrug ans Tageslicht gebracht.“ Er wendet sich an Mama: „Du hast ihm nie vertraut, gelt? Warum hast du gewusst, dass bei ihm etwas nicht stimmt?“ „Er konnte einem nicht in die Augen schauen,“ antwortet sie schlicht.

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Nach und nach wird die ganze leidige Geschichte bekannt. X.Y. hat als Buchhalter bei einer florierenden Unternehmung in weniger als 10 Jahren mehr als 700’000 Franken veruntreut, indem er jeden Monat zusätzlich Löhne an ein paar von ihm erfundene Personen auszahlte – das erschwindelte Geld auf raffinierte Weise zu sich lenkend. 700’000 Franken! In den 50er Jahren eine Unsumme Geldes, die ihm mehrere Jahre Gefängnis eintragen wird. Vom Geldsegen profitiert haben nicht nur seine Familie und sein Freund, der schwarzlockige Dirigent. Auch der Orchesterverein war Nutzniesser, wenn auch ungewollt. Immerhin verdanken ihm die beiden Orchester die schönsten Konzerte, die himmlischsten Bälle, die unvergesslichsten Stunden ihrer Geschichte. Leider hinterlässt Y.X. dem Verein auch einen riesigen Stapel unbezahlter Rechnungen, so dass in den nächsten Jahren jeder Franken umgedreht werden muss, bevor man ihn ausgeben kann. Als erstes fällt das beliebte Jugendorchester dem ‚Streichkonzert’ zum Opfer. Wie schade! Und erst noch nach einem Konzert keine feinen Fleischplatten und Torten mehr als Belohnung nach einem Konzert!

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Als Vizepräsident hat auch Papa eine Mitverantwortung am Debakel, ebenso der Kassier Ulrich, wie Papa ein äusserst gutmütiger Mann. Die Buchhaltung samt Kassabuch ist nämlich schon seit fast drei Jahren bei X.Y. zu Hause, wo sie eigentlich nichts zu suchen hätte. X.Y. hat seiner Kreativität auch hier alle Ehre gemacht: nämlich als Meister im Erfinden immer neuer Ausreden, warum sich der Jahresabschluss Jahr um Jahr hinauszögern müsse. Alle, ausser unserer Mama, hat er eingelullt, indem er, absichtlich beiläufig, von einem stillen Gönner geschwärmt hat, der die grossartigen Anlässe des Orchesters voller Freude finanziere. Es ist ihm sogar gelungen, den beiden leichtgläubigen Vorstandsmitgliedern Blankoschecks abzuluchsen.

Nach der Verhaftung von X.Y. bekommt der Orchesterverein einen neuen Präsidenten und einen neuen Kassier. Letzterer ist ein flotter junger Mann, der soeben eine 14 Jahre ältere Witwe mit vier schulpflichtigen Kindern geheiratet hat, was allgemein als noble Tat gewertet wird. Als der Orchesterverein nach ein paar spartanischen Jahren alle Schulden abbezahlt und wieder ein nettes Sümmchen Geld gespart hat, verschwindet der feine Herr samt Kasse bei Nacht und Nebel – eine ratlose Familie sowie einen gebeutelten Verein hinterlassend. Beide sind gleichermassen untröstlich, aber natürlich aus ganz unterschiedlichen Gründen…

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Zu allem Übel wird kurz darauf auch noch die Gattin des neuen Präsidenten beim Griff in die Kasse ihres Arbeitgebers erwischt. Dieser ist ein Ladeninhaber, der weder Spass noch etwas von Musik versteht. Oh weh, man stelle sich vor: Kleptomanie, bei einer solchen Dame mit einem gutverdienenden Ehegatten! Nach diesen neuerlichen (Pauken)-Schlägen bemüht man sich redlich, weiterhin gute Musik zu machen. Das Orchester ist glücklicherweise nicht am Ende: noch ist es kein Schwanengesang. Doch wen erstaunt es, dass nach so viel Pech sein guter Ruf flöten gegangen ist? Und dies, obwohl seine Mitglieder bereits nach der Verhaftung von X.Y. die Rossini-Operette ‚Die diebische Elster’ aus ihrem Repertoire verbannt haben…

Musik beflügelt und beglückt uns Menschen. Dem Himmel sei Dank, bleibt das auch so, wenn die Harmonie dann und wann durch falsche Töne gestört wird.

Wunderbar, nicht? Musik klingt in unseren Ohren… Herzlichst, Elisa
10.03.2021

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2 Kommentare zu „Musik klingt in meinen Ohren

  1. „Musik klingt in unseren Ohren“ – oh ja, liebe Elisabeth, wie sehr fehlen uns in diesen Zeiten Konzerte und andere kulturelle Ereignisse! Du bist ein Multitalent, sprachlich, musikalisch usw.usw. – ich muss immer wieder staunen. Deine Geschichte mit Erinnerungen aus früheren Zeiten habe ich gerne und mit Interesse gelesen.
    Es wiederholt sich vieles, in Deutschland stellte man gerade fest, dass es zu Tausenden Anträge auf Coronahilfe gibt, die auf Falschaussagen und Fälschungen von Dokumenten beruhen. Schlichtweg Betrug. Nun wurden die Auszahlungen vorübergehend gestoppt und alle ehrlichen Antragsteller leiden darunter. Für viele Händler, Geschäfte usw. führt dies zu Existenzängsten.
    Wollen wir hoffen, dass es bald ein Licht am Ende des Tunnels gibt !
    Sei vielmals gegrüßt von Ursula, die Dir viele positiven Gedanken schickt!“

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    1. Liebe Ursula, ach ja, Schönes ist so nah bei Unschönem. Im „Steppenwolf“ von Hesse heisst es, dass man die schöne Musik aus allen Störgeräuschen und Misstönen heraushören soll. Das stimmt und ist ein Trost. Danke vielmals für Deine Zeilen und die positiven Gedanken. Sie freuen mich sehr. Lass dich umarmen. Liebe Grüsse, Elisabeth😍

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