Krise!

Lofoten, Norwegen: Foto Michael Blanchette, Photography

«Merry Crisis» (Fröhliche Krise) hat jemand im Stadtzentrum an eine Hausmauer gesprayt. Das tönt zynisch. Denn wir durchleben Verstörendes. Die Pandemie bringt unser ganzes bisheriges Leben ins Wanken und erfordert von jedem von uns zum Teil weniger grosse, zum Teil aber auch grösste Opfer. Können wir etwas tun, oder sind wir dem Geschehen vollständig ausgeliefert?

Ich bin dafür, dass wir nicht kampflos aufgeben! Ich bin dafür, dass wir uns nicht zu Boden drücken lassen! Ich bin dafür, dass wir über das Glück statt über das Unglück reden!

Halt! Darf man in diesen Zeiten überhaupt von Glück reden? Ich will es wagen. Mag sein, dass Ihr nun denkt, die hat gut reden, als Pensionierte hat sie es besser als wir. Das stimmt.

Allerdings haben auch wir im vergangenen Jahr viel Trauriges erlebt, das noch nachwirkt. Am schlimmsten war, dass ich meinen über alles geliebten Sohn verloren habe. Darum weiss ich, dass es nicht leichter wird, wenn wir nur noch von Kummer, Verlust und Verzweiflung reden, dauernd über Belastendes grübeln, uns gar ins Dunkel sinken lassen. Allein die Tatsache, dass wir leben, ist an sich schon etwas Beglückendes. Wir alle erfahren selbst im schwierigen Alltag immer wieder Schönes, glücklich Machendes, nicht wahr? Zugegeben, von Glücksstunden bleibt nur allzu rasch vor allem die Erinnerung. Da ist es gut zu wissen, dass sich intensive Höhepunkte im Leben wiederholen. Wann? Manchmal können wir sie herbeiführen, meistens jedoch nicht. Es heisst also, in geduldiger Erwartung auszuharren. Vielleicht ist gerade das Unerwartete von besonderer Qualität?

Photo by Pixabay on Pexels.com

Nie war die Lebensfreude bei den Menschen grösser als nach einer Krise. Denken wir nur an die goldenen 20er Jahre mit ihren vielen Erfindungen (wovon der Tonfilm nur eine war), und der überschäumenden Lebensfreude – nach Krieg und Spanischer Grippe waren sie eine lebendige, glückliche Zeit. Oder an die Euphorie nach dem zweiten Weltkrieg, die das Leben bereicherte; es entstand der unbedingte Wille, in Zukunft den Frieden zu bewahren, oder das vielgepriesene Wirtschaftswunder, das den Alltag mehr und mehr erleichterte.

Gibt es etwas, worauf wir uns besonders freuen, wenn die Pandemie vorbei ist? Realistische Träume sind ein positiver Motor, sie haben eine erfüllende Kraft in sich und, abgesehen davon, helfen sie momentan über vieles hinweg. Während wir warten, könnten wir uns darauf einstimmen, die unverfälschte Natur wirklich schätzen zu lernen. Ihr Sorge zu tragen, ihre Schönheit zu geniessen – das könnte trotz Verzicht durchaus lustvoll sein. Und stellt Euch vor, wie wir vor Glück jubeln werden, wenn wir einander wieder treffen und umarmen dürfen! Jedenfalls werden wir regelrecht aufblühen, Ihr werdet sehen!

Friedenstaube: Foto Doris Dätwyler

Mitte Januar beobachteten DER MANN und ich vor unserem Küchenfenster ein Taubenpaar, das ein altes Nest auf dem kahlen Ast eines grossen Baumes voller abgestorbener Blätter umflog und begutachtete. Das Weibchen testete es probebrütend sogar kurz. Dumme Vögel? Oder einfach solche, die sich schon jetzt auf den Liebesfrühling freuen?

Zu guter Letzt möchte ich zu bedenken geben, dass «ungelebtes» Leben den Keim der Bitterkeit in sich trägt. Unsere Lebenszeit läuft unaufhörlich ab, ob wir uns nun grämen oder zufrieden sind. Kein Tag, keine Stunde kommt zurück. Erich Fried, der österreichisch-jüdische Lyriker, hat den schlaffen, sinnentleerten Zustand des verschwendeten Daseins in einem Gedicht folgendermassen beschrieben:

Kleines Beispiel
Auch ungelebtes Leben
geht zu Ende
zwar vielleicht langsamer
wie eine Batterie
in einer Taschenlampe
die keiner benutzt
Aber das hilft nicht viel:
Wenn man
(sagen wir einmal)
diese Taschenlampe
nach so- und so vielen Jahren
anknipsen will
kommt kein Atemzug Licht mehr heraus
und wenn du sie aufmachst
findest du nur deine Knochen
und falls du Pech hast
auch diese
schon ganz zerfressen
Da hättest du
genauso gut
leuchten können

//Erich Fried (6.5.1921-22.11.1988), aus: Das Nahe suchen, Berlin 1982

Lofoten, Norwegen: Foto Michael Blanchette, Photography

Wollen wir auch in diesen dunklen Wochen unsere «Taschenlampenbatterie» zum Leuchten bringen? Den Mut und die Energie dazu wünsche ich uns allen von Herzen!

20.1.2021 Liebe Grüsse, Elisa

PS. Wann habt Ihr Euch zum letzten Mal selbst Blumen gekauft?

Orchidee: Foto Elisa

17 Kommentare zu „Krise!

  1. Du hast recht, liebe Elisa.
    Ich freue mich über jede sorgenfreie Stunde, darüber, dass ich ohne Corona aus dem Krankenhaus entlassen worden bin. Mein kleines Glück sind meine Katzen. Wenn es den beiden gut geht, geht es mir auch gut.

    Auch ich musste mein Leben in ein Vorher und ein Nachher einteilen, als mein Sohn starb. Ich will niemals vergessen oder verdrängen, sondern dankbar sein. Möglicherweise geht es ihm jetzt besser, als auf dieser Welt. Gott gibt auch, indem er nimmt.

    Ich versuche seit Jahren mein kleines Licht in meinen Gedichten leuchten zu lassen. Schiller schrieb in seinem Gedicht „Resignation“: „Was man von der Minute ausgeschlagen, gibt keine Ewigkeit zurück.“
    Hin und wieder kaufe ich mir einen Strauß Blumen. Tulpen wären heute nicht schlecht.

    Alles Liebe von mir von Herzen
    Gisela

    Gefällt 3 Personen

    1. Ja, liebe Gisela, Dein Licht leuchtet, obwohl Du so viel Schweres durchgemacht hast. Etwa gerade deswegen? Herzlichen Dank und ganz liebe Grüsse, Elisa PS. Ich schicke Dir in Gedanken einen riesigen Blumenstrauss. 🌷🌷Gestern habe ich mir rosafarbene Tulpen gekauft. Sie sind sehr 💐🌸🌺🌻🌼🥀hübsch. 💖💗

      Gefällt 1 Person

      1. Liebe Elisa, danke für die Blumen.🌷
        Da ich nicht rausgehe, muss ich mir die Tulpen online bestellen. Das mache ich heute und freue mich schon jetzt auf den kleinen Frühlingsgruß.
        Hab eine gute Zeit! 😊

        Gefällt 1 Person

  2. Liebe Elisa, da ich im Stress bin, habe ich deine Zeilen nur überflogen – sie aber für zutreffend wahrgenommen.
    Ich werde heute Abend nochmal in Ruhe nachlesen…. 🙂
    Bis dahin hab einen schönen Tag mit positiven Momenten und Bildern…
    Viele Grüße Bea

    Gefällt 2 Personen

  3. Liebe Elisa, jetzt nochmal etwas ausführlicher:
    Du hast es mitnichten besser als wir, denn jeder hat momentan sein Päckchen zu tragen!
    Du trägst die Trauer mit dir, ich trage beispielsweise die Angst um meinen Vater mit mir, auch wenn es ihm gottlob inzwischen wieder viel besser geht, aber die Angst bleibt!
    Andere bangen um ihre Existenz wegen Jobs, die momentan ruhen oder sind überfordert im Job wegen der aktuellen Situation, oder oder oder….
    Aber wie du es sagst, bzw. wie ich es lese: Wichtig ist einzig, die Hoffnung nicht zu verlieren, das beste aus der jetzigen Situation zu machen und sich an den Dingen zu erfreuen, die TROTZ Corona ‚positiv‘ sind.
    Nämlich die Umwelt, die sich an nicht fliegenden Flugzeugen erfreut, das Geld, das wir sparen, weil wir NICHT weggehen, die Nähe, die wir zu unseren Lieben spüren TROTZ oder gerade DURCH den Abstand….
    Und was mich ganz besonders freut ist die Tatsache, dass Amerika seit gestern von einem wirklich kriminellen Idioten befreit ist!!!! Ich habe die Amtseinführung im TV miterlebt und musste zeitweise wirklich schlucken und war vor Rührung den Tränen nah….
    Und morgen werde ich nach der Arbeit zum Bauermarkt bei uns im Kiez gehen und mir einen bunten Strauß Blumen kaufen…. 🙂
    🌺🌻🌼🌸💐🌷🌹
    Bleib so, wie du bist! 💖
    Liebe Grüße Bea

    Gefällt 3 Personen

    1. Liebe Bea, vielen Dank für Deine guten Worte! Ich wundere mich immer wieder, wie unglaublich nah sich Freude und Leid sind. Ich gehe mit Dir einig, dass alle ihr Päckchen tragen müssen, nur nicht immer zur gleichen Zeit, vielleicht ausgenommen letztes Jahr, da hatten die meisten von uns schwere Zeiten. Ich bin ebenfalls sehr glücklich darüber, dass in Amerika eine neue Zeit angebrochen ist. Ganz fest drücke ich die Daumen, dass es Joe Biden gelingt, das tief gespaltene Land zu einen. Ich habe ganz andere Amerika-Erinnerungen als jene der vergangenen paar Jahre. Die Einführungsfeier war wirklich würdevoll, mit starker positiver Ausstrahlung und Inbrunst. Hast Du die Blumen schon gekauft? Viel Freude mit den bunten Farben, und ganz liebe Grüsse, Elisa PS. Deinem Vater wünsche ich viel Liebes und vollständige Genesung. ❤💖🌿☘☘🌱🌹🌸💐🌺🌳💚💛

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  4. Liebe Elisa, Di bringst es auf dem Punkt: Wir werden und dürfen die Hoffnung nicht verlieren, auch wenn es momentan unter den bestehenden Verhältnissen schwer fällt.
    Danke für die schönen Fotos von den Lovoten, wie wunderbar haben wir sie erlebt auf einer Reise zum Nordkap!
    Wie werden wir vieles, was uns bisher selbstverständlich erschien, wieder hochschätzen und dankbarer dafür sein als je zuvor.
    Und ja, ich habe mir heute auch einen wunderschönen Tulpenstrauß gegönnt und ich kann es kaum erwarten, die ersten Winterlinge und Schneeglöckchen im Garten zu entdecken und mit Freude alle Kübel und Pflanzschalen auf der Terrasse mit Stiefmütterchen und Hornveilchen zu bepflanzen. Und natürlich ganz sehr hoffen, dass die Pandemie einen Rückwertsgang einlegt………Liebe Grüße Ursula

    Gefällt 2 Personen

    1. Liebe Ursula, Vielen Dank für Deine lieben Zeilen. Es fällt mir nicht immer leicht, die Hoffnung zu bewahren, das muss ich mir jeden Tag neu erarbeiten. Doch wie schön Du schreibst über deinen Garten, die Pflanzen und die Blumen. Da wird einem das Herz weit. Du Ursula, Du könntest eigentlich einen Reiseblog schreiben! Du und Dein Mann kennen so viele besondere Länder und Gebiete auf dieser Welt. Tragt Euch Sorge. Ich bin froh, kann ich noch Gedankenreisen unternehmen. Ganz liebe Grüsse, Elisa

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  5. Liebe Elisabeth
    Dein Foto hat mich an meine Orchidee erinnert, die im Moment so wunderschön blüht. Die Orchidee gehörte meiner Mutter und blühte, als meine Mutter gestorben ist. Seither ist die Orchidee bei mir und hat bis jetzt nie wieder geblüht.
    Die wunderschönen Blüten erfreuen mich jeden Tag und für mich ist dies wie ein Gruß von meiner Mutter.
    Herzliche Grüße
    Rona 💐

    Gefällt 3 Personen

    1. Liebe Rona, das verstehe ich gut! Es ist schön sich vorzustellen, dass die Blumen dir einen Gruss von deiner Mutter schicken! ☘🌷🌺🌹🌼 Das kann man sich lebhaft vorstellen. Auch Orchideen haben etwas Geheimnisvolles. Zum Tod von Bernie habe ich eine wundervolle weisse Orchidee bekommen, aber sie ging bald völlig ein, neben seinem Bild und dem Tisch mit seinen Andenken – nicht einmal ein Blatt oder eine Luft-Wurzel blieb übrig. Dann habe ich eine neue bekommen, und sie blüht seit Wochen. Manchmal rede ich mit ihr… Ganz liebe Grüsse, Elisa 😊😃💛

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