Requiem

Freundlich, lustig, stets zu kleinen Streichen aufgelegt, gelenkig wie eine Katze: Das war Jakob, mein Cousin und liebster Spielgefährte meiner Kindheit. Ich nenne ihn Köbi, wie ich ihn immer genannt hatte. Mit ihm ging ich zum ersten Mal in den Kindergarten – ich war dort zwar lediglich zu Besuch, während er schon täglich hingehen durfte. Er war klein, knuddelig, mit grossen dunklen Augen, sah allerliebst aus in seinen Spielhöschen mit dem hellblau/weissen Kölsch-Muster. Wir hatten kaum die erste Geschichte gehört, da machte er in die hübschen Höschen – und beide mussten wir zurück nach Hause.

Photo by mali maeder on Pexels.com

Am Ende des ersten Schuljahres sagte der Lehrer zum aussen rechts sitzenden Buben: «Jakobli, Ich habe eine gute Nachricht für dich. Du darfst noch ein Jahr länger bei mir bleiben.» Mir schien, als sei nur ich traurig darüber!

Doch in der Freizeit waren wir fast täglich zusammen. Im Frühling bauten wir Oster Nestchen und legten sie voller Erwartung an einen trockenen Ort, wir stauten Nachmittage lang den etwa zwei Kilometer entfernten, idyllischen Bach, pflückten Blumen, sammelten im Herbst im Wäldchen Laub für den Gärtner, der uns pro steinhart gefüllten Sack nur ungern 10 Rappen aushändigte. Wir liefen im Winter Schlittschuh auf dem nahen Weiher und dem Bach. Aufregend fand ich auch die Ball- und Seilspiele auf der Strasse, die Schnitzeljagden und ‚Räuber und Police’ durch den halben Ort, die Spiele ‚Der böse Wolf’, ‚Der schwarze Mann’, derer wir nie überdrüssig wurden. Immer waren dann mehr als ein Dutzend Kinder aus der Nachbarschaft beteiligt. Oh, und eh ich’s vergesse: Die Versteckspiele auf dem weitläufigen Grundstück meiner Eltern – Köbi wohnte im gleichen Haus wie wir – hatten es uns Kindern ebenfalls angetan. Ich versteckte mich liebend gern in einer leeren Kiste im Garn-Magazin, wo man mich nie fand und das Kunststück darin bestand, mit lautem Herzklopfen, doch unbemerkt, im richtigen Augenblick zum Anschlagspunkt zu laufen.

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Unser Garten war, wohl nicht zuletzt wegen Köbi, ein grosser Anziehungspunkt im Quartier. Einmal traf er mit einem Gummigeschoss die elektrischen Drähte, die unter dem Dach in unser Haus führten. Zwei Drähte berührten sich, Funken sprühten, es zischte, knallte und «räuchelte». Augenblicklich führte der Kurzschluss zu einem Stromausfall im gesamten Gebäude und der angrenzenden Weberei. Papa kam angerannt und war ziemlich wütend. Als er sah, dass wir alle verdattert waren, ein Kind (nicht Köbi!) sogar weinte, hörte er auf zu schimpfen und sorgte für Abhilfe.

Eines Tages fiel der gehbehinderte Grossvater in seiner Parterrewohnung im engen Abort zu Boden und blockierte die Türe, so dass ihn selbst mein Papa nicht befreien konnte. „Köbi, du bist schmal genug, um durchs Abtritt-Fensterchen hineinzuklettern. Du musst ihm helfen,“ verlangte Papa. Vor dem gestrengen Großvater lief Köbi sonst immer davon… Die Kletterpartie zur kleinen Fensteröffnung dauerte seine Zeit. Kurz, bevor Köbi seinen schmalen Bubenkörper endlich durchgezwängt hatte, wendete er den Kopf zu uns und – grinste. Nach der Rettungsaktion prustete er los: „Großvater sah grotesk aus, wie er zwischen Toilette und Türe auf dem Boden lag, ausgestreckt wie ein Frosch, über und über bedeckt mit Waschpulver, halb versteckt unter Frottierwäsche und Schmierseife. Er hatte beim Fallen das Gestell neben der Tür mit sich umgerissen.“

In seinen Jugendjahren interessierte sich Köbi fürs Kunstturnen. Auch aufs Autofahren war er erpicht und erwarb den Führerschein schon mit 18. Für meine ältere Schwester und mich wurde er mit seiner rassigen Fahrweise ein willkommener, gefreuter Begleiter beim Samstagabend-Ausgang. Dann fuhr er uns mit dem Auto irgendwohin auf einen «Hoger» (Hügel) im Appenzellerland, wo wir dann im Bergrestaurant ein Dessert assen, uns köstlich über seine Sprüche und Witze amüsierten und den ganzen Abend lachten. Ich erinnere mich auch, dass er, weil er klein geblieben war, beim Bremsen halb aufstehen musste und manchmal von der Polizei angehalten wurde, weil sie dachten, es sitze ein Bub am Steuer. Köbi löste das Problem, indem er Vaters Hut aufsetzte, so war dann Ruhe, obwohl ihm der grosse Hut manchmal über die Augen rutschte. Zum Glück hatte er in brenzligen Situationen ein fantastisches Reaktionsvermögen.

Köbi, der Ehemann einer tollen Frau, der liebevolle Vater und Grossvater, ist nicht mehr. Vor ein paar Tagen hat er nach langer schwerer Krankheit die Augen für immer geschlossen. Er hinterlässt eine vielköpfige Familie, die sehr um ihn trauert. Für Kinder hatte er sein Leben lang ein grosses Herz und viel Liebe übrig. Ruhe in Frieden, Köbi, mein toller Cousin und bester Freund aus Kindheitstagen. Ihm widme ich diese Erinnerungen.

Photo Wikipedia: Grabkreuz mit dem Christusmononogramm
IHS und der Inschrift Requiescant In Peace, RIP

Ihr Lieben, wenn uns etwas bedrückt, beruhigt es, dass wir zur Feder greifen können – wir als schreib-affine Menschen wissen das aus Erfahrung, oder nicht? Schreiben hat etwas Heilendes. Die Seele kann wieder freier atmen. Danke fürs Lesen.

In schreibender Verbundenheit, Elisa, 16.12.2020

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13 Kommentare zu „Requiem

  1. Liebe Elisa, dieses Jahr hat es wirklich in sich, oder?
    Manmanman 😦
    Das tut mir so leid für dich, dass schon wieder jemand aus deinem engeren Kreis gehen musste….
    Die geschilderten Anekdoten habe ich sehr gerne gelesen, denn sie haben deinem Cousin dadurch ‚ein Gesicht‘ gegeben und sie spiegeln euer sehr vertrautes Verhältnis. Und gleichzeitig sagen sie aber auch, dass Köbi ein sehr glückliches Leben hatte, was vielleicht ein kleiner Trost ist?
    Fühl dich fest in den Arm genommen – ich drücke dich!
    Und ich hoffe, dass dich das Schreiben des Beitrages ein wenig von der Trauer abgelenkt hat.
    Herzliche Grüße Bea

    Gefällt 3 Personen

  2. Liebe Elisa,

    es tut mir sehr leid, dass Du wieder einen lieben Menschen verloren hast. Eine bewegende Geschichte hast Du geschrieben, voller Erinnerungen an eine schöne Zeit mit Köbi. Solange Du ihn in Deinem Herzen trägst, ist er nicht gestorben.

    Ich umarme Dich und sende Dir einen lieben Gruß,
    Gisela

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Gisela, wenn jemand weiss, was Kummer ist, dann bist auch Du das! Vielen herzlichen Dank für Deine lieben Worte. Wenn wir nicht wüssten, dass Schmerzen uns reifen lassen, könnten wir sie weniger gut ertragen, gelt. Ich umarme Dich ebenfalls und grüsse Dich in Verbundenheit, Elisa

      Gefällt 1 Person

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