Gastfreundschaft, Φιλοξενία

Photo by Valdemaras D. on Pexels.com: Weiss und Blau, Griechenlands typische Farben!

Bei diesem Wetter täte uns eine Reise in den warmen Süden gut, oder nicht? Also erzähle ich Euch heute von einer Episode im sonnigen Griechenland. Es ist lange her, doch in meiner Erinnerung scheinen die Wanderferien erst vor kurzem stattgefunden zu haben. Wir waren etwa 25 wandererprobte Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Viel erlebten wir in diesem Spätsommer, landschaftliche Schönheit, friedliche Hirten, kulturelle Sehenswürdigkeiten, heimelige Tavernen.

Photo by Freute: Chania bei Nacht

In der ersten Woche übernachteten wir in Chania an Kretas Nordküste und unternahmen von dort aus täglich mehrstündige Wanderungen. Meine Wanderschuhe waren die rauen Pfade mit den vielen Steinen nicht gewohnt. Gegen Ende der Woche begannen sich die Sohlen zu lösen. So trug ich die Schuhe am Ruhetag zu einem der Schuhmacher im Schuhmachergässlein. Er versprach, sie bis zum Abend zu reparieren, damit ich sie am Samstag für die Wanderung durch die Samaria-Schlucht wieder benutzen könne. Eine Verständigung war indes schwierig, ich war nicht ganz sicher, ob wir einander auch richtig verstanden hatten; doch als ich sie abends abholte, händigte er mir strahlend meine Wanderschuhe aus, die glänzten wie neu. Er verlangte wenig Geld für die Reparatur. Ich war zu einem griechischen Tanzabend eingeladen. Um nicht zu spät zu kommen, stellte ich die Schuhe rasch und unbesehen ins Zimmer.

Photo by Pixabay on Pexels.com: Im Schuhmachergässlein

Am Samstagmorgen mussten wir früh aus den Federn. Beim Versuch, in meine Wanderschuhe zu schlüpfen, erschrak ich: Die Innensohlen von beiden Schuhen waren über und über mit spitzen Nägeln gespickt! Der Schuhmacher hatte die zu langen Nägel einfach von unten her in die Sohlen gehämmert! Ich traute meinen Augen kaum. Du meine Güte! Ein Fakir hätte sich womöglich gefreut, aber eine 7stündige Wanderung in solchen Schuhen war klar ein Ding der Unmöglichkeit. Meine liebe Zimmerkollegin half mir aus der Patsche. In weiser Voraussicht hatte sie zwei Paar Wanderschuhe mitgenommen und lieh mir spontan eines aus. Leider waren sie mindestens eine Grösse zu gross. Doch vorerst war ich guten Mutes.

Nach dem Frühstück fuhr uns der Bus zum Eingang der berühmten Samaria-Schlucht (griechisch Φαράγγι της Σαμαριάς) im Südwesten der Insel. Mit 17 Kilometern Länge ist sie eine der längsten Schluchten Europas. Aus über 1200m Höhe führt sie fast von der Mitte der Insel bis zum Libyschen Meer hinunter. Im kleinen, isolierten Hafenort Agia Roumeli würde uns ein Schiff erwarten, um uns der Südküste entlang für die zweite Ferienwoche nach Chora Sfakion zu bringen. Eine andere Transportart gab es nicht.  

Photo by: Photo Travellers, Samaria Schlucht von oben

Es war ein strahlend schöner Sommertag, als wir in die eindrückliche Schlucht mit den imposanten Felsen einstiegen. Am Anfang ging’s mit den fremden Schuhen soso lala, doch mein Abstand zur Gruppe wurde immer länger. Ich tat, was ich konnte, aber es war nicht genug. Denn auf einmal war ich allein auf weiter Flur. Ich ging etwas mühsam weiter. Auf einmal ertönte in der morgendlichen Stille eine wohlklingende Männerstimme. Nach einer Wegbiegung sah ich etwa 10 Meter vor mir einen jungen, sehr gemächlich gehenden Griechen, der seinem Glücksgefühl singend Ausdruck verlieh. Das bewegte mich. Beim Einholen lächelte ich ihn an und sagte: «Kalimera.» Er lächelte zurück. Als ich an ihm vorbeigehen wollte, erkannte er auf einen Blick meine unbequeme Schuh-Situation und bot mir seine Hand an. Ganz selbstverständlich wanderten wir Hand in Hand weiter. Mit seinem starken Arm half er mir an steilen Stellen, über Bächlein und Felsbrocken hinweg. Ich war sehr dankbar für diese Hilfe, die umso erstaunlicher war, als wir uns kaum unterhalten konnten. Seine spärlichen Englischkenntnisse waren immerhin etwas besser als mein rudimentäres Griechisch. Ich war froh, dass ich wenigstens das Wort «Efcharistó» für «Danke» kannte. Wenig später lernte ich auch seine vorangegangene Familie kennen: Eltern, Tanten, Onkel und sein Bruder, der heute Geburtstag hatte. Sie hiessen mich lachend und gestenreich willkommen.

Als wir etwa zur Mitte der Schlucht gekommen waren, erschien schwer atmend meine Reiseleiterin. Kaum erblickte sie mich, schnaubte sie wütend: «Ich bin extra wegen dir zurückgelaufen – und was machst du? Du lachst dir einen fremden Kerl an. Jetzt werde ich mich nicht mehr um dich kümmern. Wir sehen uns am Hafen.» Damit machte sie abrupt kehrt und liess mich stehen, ohne mir Gelegenheit für eine Erklärung zu geben. Ich war baff – was unterstellte sie mir da, ohne nachzufragen? Gute Kommunikation ist immer und immer wieder ein Kunststück!

Foto by: Foto Travellers Samaria Schlucht: So viele Steine!

Nichtsdestotrotz fühlte ich mich wunderbar wohl und unbekümmert. Nun brauchte ich mich nicht mehr zu beeilen. Kurze Zeit später machte «unsere griechische Gruppe» auf flacheren Felsen einen Picknick-Halt. Unsere schweizerische Wandergruppe hatte kein Picknick mitnehmen können. Die Wanderleiterin hatte uns beschieden, wir könnten überall Quellwasser trinken und bekämen dann im Fischerdorf etwas zu essen.

Beim appetitlichen Duft der Speisen, die nun ausgepackt wurden, bekam ich natürlich Kohldampf. Ganz so als wäre ich ein Familienmitglied, teilten die liebenswürdigen Griechen fröhlich ihr Essen und Trinken mit mir, und es schmeckte vorzüglich!

Foto by: Foto Travellers Samaria Schlucht

Als wir Agia Roumeli erreichten, merkte ich, dass ich, statt knapp sieben Stunden, fast neun für die Wanderung (inkl. Picknick) gebraucht hatte. 10 Minuten waren noch übrig bis zur Abfahrt des Bootes! Doch es reichte ja, und es war es mehr als wert gewesen. Mit viel Herzlichkeit verabschiedete ich mich von den freundlichen, grosszügigen Menschen, die mir mit ihrer Wärme das echte Griechenland und seine Gastfreundschaft näher gebracht hatten.

Der Empfang bei meiner Reisegruppe am Hafen war im Gegensatz kühl bis frostig. Was hatte die Reiseleiterin den anderen wohl erzählt?

Die glückliche Stimmung in meinem Herzen konnten sie mir jedoch nicht nehmen.

Elisa, 9.12.2020

Foto by: Rental-center-crete:
Von Chania nach Chora Sfakion, zum Glück nicht gar alles zu Fuss!

7 Kommentare zu „Gastfreundschaft, Φιλοξενία

  1. Eine schöne Urlaubsgeschichte! Die Begegnung mit Menschen in einem anderen Land , finde ich, ist immer eine Bereicherung. Da kann ich selbst auf einige persönliche Erlebnisse gepaart mit großer Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft zurückgreifen, insbesondere bei individuellen Autoreisen durch veschiedene Länder. Es ist immer ein gutes Gefühl, solches zu erleben und man bekommt oft tiefe Einblicke in das jeweilige Leben der Menschen.
    Und ich finde, um diese sollte man sich auch bemühen wenn man fremde Länder bereist. Wie ich Dich liebe Elisa kenne, stimmen unsere Gedanken dazu überein.Liebe Grüße zum 3. Advent von Ursula

    Gefällt 1 Person

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