Immer und ewig

Foto Fabienne: Bernie , bereit und hochmotiviert an einer der geliebten Messen

Vorgestern Montag, 23. November 2020, war es 6 Monate her, seit Sohn Bernie mitten aus seiner intensiven Lebendigkeit heraus und von unserer Seite gerissen wurde. Wir vermissen ihn und seine lustigen Einfälle mehr denn je!

Einen Tag zuvor, am 22. November, war bei uns Reformierten der Ewigkeitssonntag. Zusammen mit den anderen Menschen der Gemeinde, die im 2020 einen lieben Menschen verloren hatten, wurden wir zur Gedenkfeier eingeladen. Es gab, Corona bedingt, fünf Gottesdienste an diesem Tag. Man musste sich anmelden.

Foto Elisa: Ewigkeitssonntag

Wir besuchten den letzten um 16 Uhr. Er stand unter dem Motto: Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leidens. (Jeremia 29,11)

Nach der Besinnung wurde der Name des/der Verstorbenen abwechselnd vom einen Pfarrer aufgerufen mit den Worten: «Geborgen in Gott, bleibende Erinnerung in unseren Herzen.» Gleichzeitig entzündete der andere Pfarrer an der Osterkerze die entsprechende Kerze, die wir nachher mitnehmen durften.

Auf dem Friedhof, bei den vielen brennenden Kerzen auf den Gräbern, fand die friedliche Stimmung ihre Fortsetzung.

Foto Elisa: Auf dem Friedhof am Ewigkeitssonntag

Trostgedicht von Hilda Domin (1909-2006)
Die schwersten
Wege werden alleine gegangen,
die Enttäuschung, der Verlust,
das Opfer,
sind einsam.
Selbst der Tote der jedem Ruf antwortet
und sich keiner Bitte versagt
steht uns nicht bei
und sieht zu
ob wir es vermögen.
Die Hände der Lebenden die sich ausstrecken
ohne uns zu erreichen
sind wie die Äste der Bäume im Winter.
alle Vögel schweigen.
Man hört nur den eigenen Schritt
und den Schritt den der Fuß
noch nicht gegangen ist aber gehen wird.

Stehenbleiben und sich umdrehen
hilft nicht. Es muß
gegangen sein.

Nimm eine Kerze in die Hand
wie in den Katakomben,
das kleine Licht atmet kaum.
Und doch, wenn du lange gegangen bist,
bleibt das Wunder nicht aus,
weil das Wunder immer geschieht,
und weil wir ohne Gnade
nicht leben können:
die Kerze wird hell vom freien Atem des Tags,
du bläst sie lächelnd aus
wenn du in die Sonne tritts
und unter den blühenden Gärten
die Stadt vor dir liegt
und in deinem Haus
dir der Tisch weiß gedeckt ist.
Und die verlierbaren Lebenden
und die unverlierbaren Toten
dir das Brot brechen und den Wein reichen –
und du ihre Stimme wieder hörst
ganz nahe
bei deinem Herzen.

Wunderbar tröstlich, dieser Ausdruck „die unverlierbaren Toten“. Der Pfarrer ergänzte: Um diese Liebsten müssen wir uns fortan weder ängstigen noch sorgen.

Das feine lyrische Gedicht der Jüdin Hilde Domin und das Zitat aus Jeremia 29,11 können wir als Trost in unser aller Herz hereinnehmen – ist doch dieses Jahr ein schwieriges für beinahe jedes von uns. Weihnachten – so sehr ein Fest für grosse, fröhliche Familientreffen – wird mit Sicherheit einsamer sein als in den Jahren zuvor.

Die Liebe aber hallt in uns wider – als Echo im Herzen. Diese Stimme, gespeist von göttlicher Quelle, besteht nicht nur aus unseren eigenen, zartesten Empfindungen, zu ihr gesellt sich nun auch die Stimme der «unverlierbaren Toten». Die Liebe ist in der Tat unverlierbar, selbst den Schmerz durchdringt sie. In stillen Träumen und schönen Erinnerungen an Verstorbene und Abwesende leuchtet sie hell auf. Das ist wahrhaftig gebündelte Hoffnung.

Horchen wir also auf diese Stimme ganz nah bei unseren Herzen! Sie ist es doch, die uns durchs Leben und durch den Tod trägt.

Elisa, 25.11.2020

Foto Elisa: am Thunersee mit „Niesen“

12 Kommentare zu „Immer und ewig

  1. Liebe Elisa, gleiches dachte ich auch bei dem Ausdruck „die unverlierbaren Toten“, es hat etwas friedliches, beruhigendes. „Um diese Liebsten müssen wir uns fortan weder ängstigen noch sorgen“, das hat der Pfarrer treffend gesagt. Worte können unendlich viel Kraft geben und sie bedeuten sehr viel. Und ich kann mir vorstellen, wie viel sie Dir im Moment bedeuten. Ich wünsche Dir weiterhin viel Kraft und Licht. Viele Grüße, Antje

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  2. Liebe Elisa, ein Philosoph sagte folgende Worte:“Das Leben ist wunderschön, so schön, dass man sterben möchte“. Lange habe ich über den Sinn nachgedacht und bei Deinen mich berührenden Worten weilten meine Gedanken in diesem Zusammenhang auch bei Deinen Sohn Bernie. Wie sein Foto zeigt, voller Datendrang, unternehmungslustig, zufrieden mit sich und der Welt und dann das plötzliche stille unvorstellbare Gehen in eine andere Welt.
    Ich glaube, wir müssen nicht alles verstehen sondern müssen manchmal, wenn auch unsagbar schwer, akzeptieren. Ich finde es sehr schön, wie Du ihn in Erinnerung behälst.
    Ich wünsche Dir gerade in der jetzigen dunklen Jahreszeit viel Kraft und alles Liebe und Gute!
    Ursula

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Ursula, was für ein besonderer Ausspruch! Da geht mir das Herz auf, gerade, weil du ihn auch auf meinen Sohn beziehst. Ich danke Dir herzlich für Deinen lieben Beitrag. Soeben habe ich mit Bernies bestem Freund telefoniert – er hat mich wunderbar aus einem Tief herausgeholt und mir erzählt, wie Bernie das Leben liebte und es in vollen Zügen genoss. Das tröstet mich, auch Deine lieben Worte. Bleibt gesund und tragt Euch Sorge. Herzlichst, Elisa

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