Aus dem Alltag eines Reiseleiters

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Ein Reiseleiter aus Südafrika erzählt: Vor einiger Zeit passierte mir ein Missgeschick. Nach dem Teehalt in einem schattigen Garten war ich mit meiner Gruppe ein wenig verspätet. Daher ging ich vor der Abfahrt rasch durch die Busreihen, ohne genau hinzuschauen. Weiter hinten sass eine Dame mit grossem Strohhut. Wie gesagt, ich sah nur flüchtig hin – und, ohne es zu merken, zählte ich eine leere Männerjacke mit. Ich gab dem Chauffeur das Abfahrtszeichen, und los ging die Fahrt, bergauf, bergab, um Kurven, einen Fluss entlang. Nach etwas mehr als einer Stunde meldete sich die Frau mit dem Strohhut und jammerte: „Mein Mann ist immer noch im Restaurant, wo wir Tee getrunken haben.“ Du liebe Güte! Warum sagte die erst jetzt etwas? Den sperrigen Bus auf der schmalen Strasse gewendet, eine Stunde zurück gefahren, den verlorenen Mann an Bord geholt und zum zweiten Mal die gleiche Strecke vorwärts – die Verspätung an diesem Tag war nicht mehr aufzuholen. Peinlicher noch: Die Damen in der Gruppe sahen mich vorwurfsvoll oder gar empört an, ein paar Herren lachten hinter vorgehaltener Hand. Seither zähle ich meine Schäfchen immer ganz genau!

Einmal war der schottische Besitzer einer Whiskyfabrik unter meinen Gästen. Er trug stets eine Flasche seines Getränks in der Jackentasche. Der Whisky floss, zumindest bei ihm, in Strömen, die Landschaft nahm er wahrscheinlich trotz klarem Wetter eher verschwommen wahr. Gegen Ende der Woche meldete er besorgt, dass er nurmehr eine einzige Flasche Whisky übrig habe. Dann legte er sich ganz hinten im Bus auf die Rückbank und begann bald zu schnarchen. Nach einer Weile musste der Busfahrer unvermittelt bremsen – der Schotte plumpste ziemlich heftig auf den Boden. Dabei zerbrach klirrend seine letzte Whiskyflasche. Die kostbare Flüssigkeit rann an ihm herunter, bildete eine kleine schwarze Lache auf dem Boden des Busses. Beim Herunterfallen war der Unglücksrabe natürlich aus seinem Schlummer aufgeschreckt. Beunruhigt richtete er sich auf, tastete sein nasses Hosenbein ab. Dann schrie er entsetzt: „Oh Gott, lass es bitte, bitte Blut sein!“

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Ich wünsche Euch schöne Ferienträume, die sind zum Glück trotz Corona jederzeit möglich…

Elisa, 19.8.2020

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4 Kommentare zu „Aus dem Alltag eines Reiseleiters

  1. Immer wieder interessant, was Reiseleiter so erleben. Wir hatten auf einer 3-wöchigen USARundreise Anfang der 90iger Jahre einen österreichischen Reiseleiter, welcher während der Winterzeit als Skilehrer tätig war und hätten wir es gewünscht, stundenlang Episoden erzählen konnte. Egal wo wir in den USA hinkamen, trafen wir auf Bekannte von ihm.
    In den Studios von Hollywood eine Schauspielerin und Freundin, die uns an der Warteschlange vorbeimogelte und uns gleichzeitig einen ganz persönlichen Einblick in ihr Leben gab.
    In New York am Flughafen einen Bekannten, der sich gleich den Problemchen der Reisegruppe bei der Ankunft widmete und damit einen reibungslosen Ablauf der Formalitäten sicherte usw. Er war ein Unikum und hatte gleichzeitig strenge Prinzipien, was das pünktliche Losfahren betraf – d.h. er hatte uns im Griff.
    In Washington begleitete er meinen Mann und mich persönlich zu Bekannten, die wir treffen wollten. Dieser war damals Angestellter im Pentagon und die Hürden ihn und seine Frau zu treffen waren hoch. Aber unser Reiseleiter schaffte es und wir hatten einen sehr informativen Tag, wobei die Wiedersehensfreude überwog.
    Wir werden diesen Reiseleiter namens Toni niemals vergessen und hätten ihn gerne bei weiteren Reisen mitgebucht, wäre es denn möglich gewesen.Liebe Grüße zum Wochenende von Ursula

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  2. Liebe Ursula, wie immer ist es spannend, Deine eigenen Reiseerlebnisse zu lesen, danke Dir vielmals! Ein ausgezeichneter Reiseleiter/in ist Gold wert, sind sie doch eine wahre Quelle des Wissens und der Hilfsbereitschaft! Ich grüsse Dich herzlich aus der sommerlichen Schweiz, Elisa

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