Im Orient (1.Teil)

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Den begeistert Reisenden unter uns fällt der Verzicht wegen Corona nicht leicht. Deshalb entführe ich Euch heute, wenigstens in Gedanken und Bildern, in den Orient. 1001 Nacht! Zieht Euch das Morgenland ebenfalls in seinen Bann?

Im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert wurde Europa von einer großen Begeisterung für alles Exotische überrollt. Von Wien aus breitete sich um 1900 eine Vorliebe für Orientalistik aus, die alles umfasste: Architektur, Inneneinrichtung, Kleidermode, Kunsthandwerk, Malerei, Reiseliteratur und sogar den Tourismus. Natürlich heizten Vorstellungen vom geheimnisumwitterten orientalischen Harem die Fantasie zusätzlich an.

Lasst uns mit zwei wahren Geschichten beginnen, die typisch sind für die gewitzten Menschen im Orient.

Ein Bekannter erzählte mir von seinem Tagesausflug in Marokko. Am Ziel angelangt, geriet er aus Neugierde in ein Teppichgeschäft und wurde vom Händler derart bedrängt, dass er als letzten Ausweg aus dem Kaufhandel die Ausrede vorbrachte, er habe seine Kreditkarte im 4 Bus-Stunden entfernten Hotel vergessen. „Macht nichts“, meinte der Händler, ihm das teure Stück förmlich in die Arme schubsend, „nehmen Sie den Teppich einfach mit und bezahlen sie ihn im Hotel.“ Mein Bekannter nahm das teure Prachtstück notgedrungen mit und dachte bei sich: „Na warte, den bezahle ich dir natürlich nicht, da bist du selbst schuld.“ Auf der Heimreise hielt der Bus mitten in den Bergen, um einen weiteren Passagier, einen Einheimischen, zusteigen zu lassen.

Zurück am Ferienort betrat der Bekannte mit seiner schweren Last die Hotelhalle – als ihm jemand von hinten auf die Schulter klopfte. Es war der unbekannte Passagier. „Ich bin gekommen, damit sie den Teppich bezahlen können“, sagte er freundlich. „Ich warte hier, bis Sie Ihre Kreditkarte im Zimmer geholt haben.“ Wer meint, als Schweizer einen Araber überlisten zu können, hat die Rechnung ohne den Wirt, will sagen ohne die Schlauheit des arabischen Händlers gemacht!!

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Einer meiner Freunde wurde von einem libanesischen Kollegen gebeten, ihn zu einem Juwelier an der Bahnhofstrasse in Zürich zu begleiten, weil er dort eine Schweizer Uhr für seinen Vater im Libanon kaufen wolle. Der Freund tat ihm den Gefallen. Im eleganten Geschäft standen nach kurzer Zeit zwei Schweizer Uhren in der engsten Auswahl, eine für Fr. 500.–, die andere für Fr. 1000.–. Der Libanese deutete auf die teurere Uhr und sagte: „Die nehme ich für Fr. 500.–.“ Darauf der Juwelier: „Das ist ein Missverständnis, Sie meinen wohl die 500fränkige.“ „Nein, nein“, meinte der Libanese, „das schönere Modell gefällt mir besser, und dieses will ich für Fr. 500.– kaufen.“ Darauf erwiderte der Juwelier höflich aber bestimmt: „Das geht natürlich nicht, Sie sind hier nicht auf einem orientalischen Basar. Bei uns kann man nicht markten.“ Als Antwort bekam er zu hören: „Also gut, dann kaufe ich die Uhr für Fr. 550.–.“ Der Juwelier wurde rot im Gesicht, und zum Begleiter gewandt, sage er: „Erklären Sie bitte Ihrem Bekannten, dass wir in der Schweiz feste Preise haben, und dass es nicht angeht, bei uns um den Preis zu feilschen.“ Der Begleiter gab sich alle Mühe – aber völlig umsonst. Als würde er nicht hören, arbeitete sich der Libanese langsam und geduldig um kleine Preisschritte nach oben. Darüber verging fast eine Stunde. Das Gesicht des Juweliers wurde röter und röter, dem Begleiter die Sache peinlicher und peinlicher. Schliesslich verlor der Geschäftsinhaber die Geduld und schrie fast: „Ich gebe Ihnen die Uhr für Fr. 999.50, aber verlassen Sie ums Himmels Willen mein Geschäft!“ Zur Verblüffung der beiden Schweizer war der Libanese mit diesem Preis sofort einverstanden und kaufte die Uhr mit zufriedenem Gesicht für Fr. 999.50. Draussen meinte er strahlend: „Es geht eben doch, siehst Du? Auch in der Schweiz kann man feilschen!“ (Forts.folgt)

Elisabeth, 29.4.2020

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12 Kommentare zu „Im Orient (1.Teil)

  1. Liebe Elisa, das war spannend zu lesen und ja, so unterschiedlich sind Kulturen und Lebensweisen.
    Aber jede Art – betrachtet aus der Sicht Desjenigen, der betroffen ist – ist daher auch um so mehr passend, verständlich und nachvollziehbar!
    …oder wie ich es so oft schreibe: Jeder Jeck ist anders…. 🙂
    Danke für deinen Beitrag und ich freue mich schon jetzt auf die Fortsetzungen…
    Liebe Grüße Bea

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    1. Liebe Bea, herzlichen Dank für Deinen Kommentar. Es freut mich, dass Du meinen Beitrag spannend findest. Zum Glück sind wir alle anders, so wird das Leben reich und bunt. Fremde Kulturen wecken seit jeher mein Interesse. Es ist der Hauptgrund fürs Reisen, nicht? Viel findet man natürlich auch in Museen und Büchern, nur ist das ein wenig „trocken“. Pass gut auf dich auf! Liebe Grüsse, Elisabeth

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      1. Oje, ich wollte Dir keine Angst machen. Wir beide sind einfach noch weniger frei als Ihr, da das Risiko vorläufig bestehen bleibt. Wir werden sehen, kommt bestimmt wieder gut. Liebe Grüsse, Elisa

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  2. Liebe Elisa, mit Deinen Geschichten versetze ich mich mit Begeisterung auf einen orientalischen Basar. Ich muss Dir gestehen, dass mir das Feilschen ungeheure Freude bereitet zum Ärger meines Mannes, der sich das dann manchmal nicht mehr mit anhören bzw. ansehen kann. Ob in Kairo, Marokko, in der Türkei oder selbst im gehobenen Dubai, die Händler erwarten einfach dass man handelt und sehen es unter ihrer Ehre, wenn man sich darauf nicht einlässt. Mir macht es Freude, mich darauf einzulassen und die Ausdauer beider Seiten auszuloten. Es geht mir dabei schon um einen gewissen Sieg, wenngleich ich diesen dann zumeist am Ende nicht wegen des Geldes auskoste sondern wegen des erreichten Ergebnisses. Deshalb habe ich dann auch kein Problem, dem Händler zum Schluss entgegenzukommen und ihm mehr als die erhandelte Summe auszuhändigen. Oft endet die Zeremonie mit einem freundschaftlichen Händeschütteln und einer Einladung zum Tee. Es ist die Atmosphäre und die andere Kultur und Lebensart, die begeistert und diese Reisen so ungeheuer erlebnisreich und spannend macht. Bleiben wir trotz Corona gesund und freuen wir uns auf neue Herausforderungen.
    Ich drücke Euch die Daumen!Alles Gute Ursula

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  3. Liebe Ursula, Ich liebe Deinen Beitrag! Herzlichen Dank dafür. Demnächst werde ich mehr über die Souks in Marokko schreiben. Doch erst auf dem Goldmarkt in Dubai lernte ich, dass Feilschen auch für uns reizvoll ist. Laut dem Marokkaner Aziz ist ein Handel nicht nur eine Kunst, er braucht auch unendlich viel Zeit, und letzten Endes sei nicht der Preis ausschlaggebend, sondern die Zufriedenheit beider, des Händlers und des Käufers. Denn der Preis sei Ausdruck dafür, wieviel einem ein Gegenstand wert sei. Liebe Grüsse Elisa

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