Der Praktikant

Wald-Frühlingssträusschen

Er stand am Tisch in unserem Stammcafé und fragte nach unseren Wünschen. Die vom MANN bestellte Schweizer Weinsorte kannte er nicht. «Muss fragen», sagte er und wiederholte 2x das komplizierte Wort. Kurz darauf brachte er die Getränke. Er sah sehr gut aus, war grossgewachsen und schlank, hatte schwarzes Haar und dunkle Augen – und ein Gesicht, das das Lächeln verlernt hatte. Seine Gesichtszüge wirkten fremdartig, aber ich konnte ihn nicht einordnen. «Darf ich fragen, woher Sie kommen?» wollte ich wissen. «Aus Afghanistan», erwiderte er ernst. «Man sagt, das sei ein schönes Land», meinte ich. Wortlos schaute er mich an. Wie taktlos von mir! Was hatte er wohl Schreckliches erlebt?

Einkassieren durfte er nicht. Es waren kaum Leute im Lokal. Wir sahen, wie er fleissig die Tische rund um uns herum abwischte. «Haben Sie einen neuen Kellner?» fragten wir die Chefin, nachdem wir um die Rechnung gebeten hatten. «Nein, er ist Praktikant, man muss ihm alles zeigen», lächelte sie.

Als DER MANN und ich bald darauf wieder im Café sassen, hielt ich Ausschau nach ihm. Er war nicht da. «Er hat sicher seinen freien Tag», meinte DER MANN. Doch als wir das nächste Mal ins Café kamen, hatte er offenbar noch immer «seinen freien Tag». Bei der Serviertochter erkundigten wir uns nach ihm. Sie lachte amüsiert: «Er war nur einen einzigen Tag bei uns. Seither ist er spurlos verschwunden. Niemand weiss, wo er ist.»

Schade? Eine verpasste Chance für ihn? Ich weiss nicht… Warum sollte ein junger, durch Kriegswirren gebeutelter Mensch nicht andere Berufsträume haben, als für eine Wohlstandsgesellschaft Tische sauberzumachen?

Elisabeth, 1. April 2020

9 Kommentare zu „Der Praktikant

  1. Gute Frage….. und ja, sicherlich gibt es weitaus bessere Möglichkeiten für ihn. Und wer weiß, vielleicht ist er ja aus eben diesem Grund nicht mehr da? Weil er etwas zu ihm besser passendes gefunden hat? Ich würde es ihm gönnen! 🙂 Liebe Elisa, ich hoffe, du bist immer noch fit, sowohl körperlich als auch seelisch, denn die Krise schlaucht einen ja doch ganz enorm! Ob man nun will oder nicht, man sitzt ihn diesem Boot und rechnet ständig mit noch höheren Wellen :-/ Für dich daher auch nur die besten Wünsche und auf dass das Boot irgendwann wieder in ruhigen Gewässern treibt! 🍀 Liebe Grüße Bea

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    1. Ja, liebe Bea, uns geht es gut und wir sind dankbar dafür, denn für uns beide wäre es katastrophal, am Corona-Virus zu erkranken. Meistens bleiben wir zu Hause und turnen auf dem Balkon. Hin und wieder gehen wir in den Wald, wo es vor allem auch Pensionierte hat, die alle auf Abstand gehen. Sogar das einzige Ruhebänklein wurde von Paar zu Paar weitergegeben, denn 4 auf der gleichen Bank – das geht ja nicht mehr… Ich hoffe sehr, dass Du auch seelisch gut über die Runde kommst. Es ist alles andere als leicht, zuversichtlich zu sein und sich nicht einsam zu fühlen. Herzlichen Dank für Deinen Beitrag. Ich umarme Dich fest aus der Ferne. Liebe Grüsse, Elisa

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  2. Liebe Elisa,
    zuerst: Ich liebe Deine Fotos, welche Du Deinen Beiträgen immer zuordnest. Das heutige ist wunderschön und läßt das Virus vergessen und den Frühling erahnen!
    Auch ich wünsche den Flüchtlingen eine Chance, die sie nutzen können für ein besseres Leben. Sie zu ergreifen hängt von vielen Faktoren ab, zuerst wohl vom Erlangen der örtlichen Sprache. Bei möglichen Kontakten versuche ich auch immer die Hintergründe zu erforschen, sie sind sehr vielfältig und in einem kurzen Beitrag wie diesem nicht tiefer zu betrachten.
    Bei den jetzt herrschenden erhöhten Ausgaben unserer Regierung für Gesundheit und zur Unterstützung der Wirtschaft wünschte ich mir, dass dafür die Rüstungsausgaben eingeschränkt werden. Leider lese ich heute in der Zeitung, dass das nicht geschieht und alle Zusagen an die NATO eingehalten werden. Nur wenn weniger Waffen hergestellt werden, gibt es weniger Kriege, weniger Leid und weniger Flüchtlinge. Warum handelt man nicht?
    Dir und dem Mann herzliche Grüße und bleibt rundum gesund! Ursula

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    1. Liebe Ursula, Ja, es bräuchte in jedem Land mutige, ehrenhafte und friedliebende Führer und Politiker. Wir fühlen uns alle im Moment besonders verletzlich und wünschen uns eine menschlichere Welt. Ob es gelingt, etwas zu verbessern, wird sich weisen. Wir hoffen mit Dir ganz fest. Bleibt gesund und zuversichtlich in diesen schwierigen Tagen. DEM MANN und mir geht es zum Glück gut, und wir sind sehr dankbar dafür. Herzlichen Dank für Deinen Beitrag. Wie immer denkst und fühlst Du mit! Liebe Grüsse, Elisa

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  3. Liebe Elisa, eine rührende Geschichte, ich hoffe doch, dass er was passenderes gefunden hat! Wie ich schon so oft gesagt habe, sind das super Luxusprobleme wo die Leute bei euch in der Schweiz sich machen! Gerade ein gebeutelter Kriegsflüchtling sollte doch dankbar sein, so eine Chance zu erhalten! Hier unten in Andalusien wo die Arbeitsmöglichkeiten sehr rar sind, sind die Leute viel dankbarer für jede Chance die sie haben und ergreifen sie auch!
    Ihr könnt euch in der Schweiz glücklich fühlen, überhaupt noch rausgehen zu können und sich zu treffen, wenn auch mit Abstand. Hier ist seit dem 15.3.2020 lockdown, kein spazieren gehen oder Leute treffen… denkt mal darüber nach! Das wichtigste Gut ist doch die Gesundheit, seit dankbar, glücklich und zufrieden!
    Herzliche Grüsse aus Andalusien, Anne

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    1. Liebe Anne, herzlichen Dank für Deinen kritischen Beitrag. Du hast Recht, es sind nicht alle Menschen dankbar. Du bist es, wir auch. Was Luxusprobleme sind, darüber scheiden sich wahrscheinlich die Geister, je nach den eigenen Gegebenheiten. Wir freuen uns jeden Tag neu, dass wir gesund sind. Unsere gesundheitlichen Schwachpunkte bewirken jedoch, dass wir ebenfalls sehr vorsichtig sein müssen. Wie geht es Euch unter den in Spanien herrschenden schwierigen Umständen? Ich habe mich schon mehrmals gefragt, wie es Euch mit den wunderschönen, lebhaften Tieren, vor allem den rassigen Pferden, in dieser Lage wohl geht. Sie brauchen doch auch Auslauf, oder nicht? Alles Gute, und möge die schwierige Zeit bald zu Ende gehen. Liebe Grüsse, Elisa

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