Gastfreundschaft

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Mit meiner Patentochter sitze ich draussen vor einem Restaurant in der Stadt. Sie hat mich zum Mittagessen in einem Zunfthaus eingeladen. Es ist strahlend schön, der Frühling ist endlich da, die vorbei bummelnden Leute verbreiten gute Laune, das milde Lüftchen ist wohltuend. Da durchbricht die verstörend schrille Sirene einer Ambulanz die friedliche Stimmung, ganz in der Nähe lärmt sie, aber nach einer Weile ist es wieder ruhig. Gespannt warten wir aufs Essen. Es dauert lange, viel zu lange, finden wir. Endlich wird serviert. Später, beim Bezahlen, fragt die Serviertochter freundlich, ob es geschmeckt habe. „Ja schon“, antwortet meine Patentochter, „doch wir mussten viel zu lange aufs Essen warten.“ „Ja wissen Sie, es gab einen Unfall in der Küche.“ „Hoffentlich nichts Schlimmes?“ frage ich. „Ziemlich schlimm“, lautet die Antwort. „Der Koch schnitt sich derart stark in den Arm, dass er ins Spital eingeliefert werden musste. Überall war Blut.“ Wir nicken verständnisvoll: „Deshalb also die Ambulanz.“ Kurz darauf ruft meine Patentochter bestürzt: „Ui nein, es passierte bestimmt beim Schneiden meines Carpaccios!“

Eine Erinnerung taucht bei mir auf. Mit einer Freundin zusammen hatte ich einen fröhlichen Tag bei einer ausgedehnten Wanderung verbracht. Gegen Abend gelangten wir zu einem Restaurant am Ende des Tales und bestellten etwas zu essen. Derart vergnügt waren wir, dass ununterbrochen lustige Sprüche zwischen uns hin- und herflogen und wir immer wieder in lautes Gelächter ausbrachen. Als wir uns voller Appetit hinter das Essen machten, war es total versalzen. Wir riefen die Wirtin herbei und beschwerten uns. Sie sah uns ernst an und bat um Verständnis: „Mein Mann ist heute total durcheinander. Er hat am Nachmittag mit dem Auto ein kleines Kind überfahren. Wir wissen nicht, ob es überlebt.“ Nicht nur das Essen, auch das Lachen blieb uns im Halse stecken.

Denken wir manchmal daran, wieviel wir anderen Menschen verdanken? Wie selbstverständlich nehmen wir im Alltag Dienstleistungen entgegen! Dabei sorgen tagein tagaus unzählige Menschen für unser Wohlbefinden. Es sind Menschen wie du und ich, mit ihren Freuden, Hoffnungen und Plänen, aber auch mit ihren Sorgen und Nöten. Ohne sie zu kennen, setzen wir jederzeit eine perfekte Leistung voraus. Auf einer Alp ging ich einmal spontan in die Küche, um dem Wirt für das ausgezeichnete Mahl zu danken. Der Mann war zu Tränen gerührt. Er hatte, wie er mir versicherte, so etwas noch nie erlebt.

Sagen wir doch öfters mal «Danke»!

Elisaeth, 11.3.2020

18 Kommentare zu „Gastfreundschaft

  1. Das liebe ich an deinen Beiträgen und deiner Art, zu schreiben, Elisa. Dass du es immer wieder schaffst, den Leser OHNE erhobenen Zeigefinger zum Nachdenken zu bringen! Und für mich kann ich sagen ja, das tut gut. Es bringt mich dazu, mit mehr Besonnenheit durch das Leben zu gehen. Nachzufragen. Nicht alles immer als selbstverständlich anzusehen, bzw. anzunehmen. Ich meine zwar von mir behaupten zu können, sehr empathisch zu sein, aber immer mal wieder angestupst zu werden, kann niemals schaden, keinem! 🙂
    Danke für den Beitrag, ich habe ihn sehr gerne gelesen…. herzliche Grüße Bea

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    1. Liebe Bea, das ist ein wunderbares Kompliment! Ich danke Dir herzlich. Ja, Du hast Recht, in unserer hektischen Zeit ist es angebracht, sich unsere feinen Seiten stets aufs neue in Erinnerung zu rufen. Vieles geht unter, nicht aus bösem Willen, sondern in der Hast des Alltags. Ich empfinde Dich als sehr empathisch. Ganz liebe Grüsse, Elisa

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      1. Elisa, hier ist es das Selbe – die Schulen bleiben ab sofort bis Mitte April geschlossen, lediglich die Kinder von Eltern, die in einem Sektor arbeiten, der unabkömmlich ist, wie z.B. der medizinische Sektor, haben Anspruch auf Betreuung. Allerdings steht das erst seit Freitagnachmittag fest. Typisch Deutschland – die 2. höchste Infiziertenzahl in Europa, aber bis zum Schluss mit der Entscheidung warten…. 😦
        Anyway – liebe Grüße und pass gut auf dich auf! 🙂

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      2. Liebe Bea, es ist, glaube ich, wichtig, dass wir ruhig Blut bewahren. Ist nicht ganz einfach, da es ja kaum mehr ein anderes Thema gibt. Die Schwierigkeiten, die den Arbeitenden durch die strengen Regeln entstehen, sind einschneidend, während wir Älteren eher um unser Gesundbleiben besorgt sein müssen (unsere Ärztin empfängt nur noch Notfälle, aber wenn der Verdacht auf Corona besteht, dann auch diese nicht…). Es ist, finde ich, eine schwierige Zeit für die ganze europäische Bevölkerung, wohl auch für die verantwortlichen Politiker. Bestimmt stärkt es wenigstens den Zusammenhalt. Ich bekomme so viele rührende WhatsApp aus dem Freundeskreis. Du bestimmt auch. Ganz liebe Grüsse, und trag Dir Sorge, es wird vorbeigehen, Elisa

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      3. Du hast vollkommen recht Elisa – es wird vorbeigehen. Hoffentlich schnell und ohne einschneidende Risiken für uns und unseren Lieben!!!!
        In diesem Sinne bis bald, liebe Grüße Bea 🙂

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  2. Ja, wir sollten viel mehr Komplimente machen, danke sagen und auch mal das Feufi gerade stehen lassen. Wenn man sich darin regelmässig übt, würde es die Gehirnstruktur positiv verändern, so dass man am ende gar nicht mehr anders kann, als zuerst und immer das Gute beim anderen zu suchen 🙂
    Man stelle sich dann die Welt einmal vor, wenn das alle wenigstens versuchen würden…

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  3. Zustimmung auf der ganzen Linie, liebe Elisa! „danke“ ist ein kleines Wörtchen mit großer Wirkung, es tut uns gut, wenn wir die Arbeit und Zuwendung anderer schätzen und anerkennen und es ist wichtig dies an diejenigen, die es verdient haben,weiterzugeben. Es löst für beide Seiten positive Impulse aus und die Welt wäre um vieles besser, wenn man sich gegenseitig um ein gutes Klima bemüht. Deshalb „danke“ an Dich für den Denkanstoß!
    Leider gibt es in Deutschland eine Tendenz, z.B.Rettungskräfte und auch Polizisten eher zu behindern und zu beschimpfen anstatt sich für deren Hilfe zu bedanken. Ich frage mich manchmal, welch eine Erziehung dahinter steckt und warum die Verrohung der Gesellschaft permanent zunimmt. Das ist sehr traurig!

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    1. Liebe Ursula, So wie ich Dich kenne, bist Du ein sehr freundlicher Mensch, dem es leicht fällt, andere zu schätzen und anzuerkennen. Die Verrohung in Teilen der Gesellschaft beschäftigt mich ebenfalls. Wir können nur versuchen, Gegengewicht zu geben. Herzlichen Dank für Deinen Beitrag und liebe Grüsse, Elisa

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  4. Oh ja, freundlich sein, die Leute grüßen, die man sieht, immer ein Lächeln aufsetzen. Wie oft bin ich schon jemand unwirschh begegnet, der es nicht verdient hatte? Als ich ein Praktikume in der Onkologiestation gemacht habe -das war noch zu Schulzeiten, aber nicht allzulange her-, da habe ich beschlossen, jeden, der kam, und jeden, der ging, mit einem Lächeln zu begegnen, mit den Patienten gesungen etc. etc. Viele haben es wertgeschätzt, von keinem wurde diese Freundlichkeit als unangemessen aufgefasst. Ich versuche, das beizubehalten, du hast mich darin bestärkt.

    Liebe Grüße
    Gerry Huster

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      1. Vielen Dank, es freut mich, dir eine Freude bereiten zu können und wünsche dir auch das Gleiche. Mit Fruendlichkeit kann man so viel Freude schenken…

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