Unsterblichkeit (Forts. vom 5.2.20)

Vor wenigen Jahren gab’s hier in der Stadt eine äusserst attraktive Ausstellung, die DER MANN und ich voller Spannung besuchten. Das dort Erfahrene möchte ich Euch heute weitererzählen. Kommt mit mir auf eine lange Zeitreise in den Fernen Osten!

Stellt Euch einen Kaiser vor, dem die irdische Macht nicht genügt und der alles Menschenmögliche unternimmt, um unsterblich zu werden. Das sei nichts Aussergewöhnliches, findet Ihr? In diesem Falle schon. Er lässt nämlich von Sklaven Stück für Stück eine aus Ton geformte Armee von rund 8000 lebensgrossen Kriegern, Schlachtrossen, Beamten, Musikanten und Zirkusleuten erstellen, alle farbig bemalen und lackieren, damit sie seine dereinstige Grabanlage bewachen und seinen Ruhm vermehren mögen. Was für ein immenser fruchtloser Aufwand!

Pinterest.com: Terracotta Krieger

Und was geschieht nach seinem Tod mit seinen vielen Konkubinen? Im Gegensatz zu den tönernen Figuren für Armee und Hofstaat, wünscht er zur Begleitung ins Jenseits keine nachgebildeten Ton-Frauen, sondern die eigenen aus Fleisch und Blut. Wie gelangen sie dahin? Erschlägt man sie? Vergiftet man sie? Oder begräbt man sie bei lebendigem Leibe? Für die Nachwelt wird dies ein Geheimnis bleiben. Jedenfalls sorgt er auch hier vor: er bestimmt, dass sie in seiner Nähe begraben werden müssen, ebenso wie genügend Lebensmittel, die er, unsterblich wie er zu sein glaubt, als Mundvorrat im Jenseits benötigen wird.  

Wikipedia: Kaiserlicher Reisewagen

Seht vor Eurem inneren Auge, wie dieser Kaiser zu Lebzeiten auf Reisen durch sein Reich geht, in einem bronzenen, niederen, von vier Pferden gezogenen Kasten, durch dessen ganz schmales, rechteckiges Schiebefenster er nur wenige Blicke von der Landschaft erhascht. Stellt Euch weiter vor, der Kaiser stirbt unerwartet im engen Kastenwagen auf einer seiner vielen Fahrten. Der mitreisende Hofstaat befürchtet, die Todesnachricht könne im Reich Unruhe auslösen. So beschliessen sie Stillschweigen, treten mit dem Toten im Wagen den langen Rückweg an. Es ist Sommer, in der Hitze beginnt der Kaiser zu stinken. Da belädt man den Wagen zusätzlich mit toten Fischen, die den Leichengeruch übertünchen sollen. Was wird das für eine endlose Fahrt gewesen sein, mit einem zwar unsterblichen, aber zum Himmel stinkenden Kaiser und einer Ladung verwester Fische im Schlepptau? Erst nach zwei langen Monaten trifft der Tross wieder zu Hause ein, kann der Kaiser begraben werden. «Den Göttern sei Dank!» werden sie geflüstert haben. Unsterblich ist er tatsächlich geworden – wenn auch in einem anderen Sinn als von ihm vorgesehen.

Pinterest.com: Qin

Inzwischen habt Ihr wahrscheinlich längst erraten, um welchen Kaiser es hier geht. Richtig, um Qin Shi Huangdi (Qín Shǐhuángdìs), den ersten chinesischen Kaiser, der von 259 bis 210 vor Christus lebte. Seine gigantische Grabanlage hat erst teilweise freigelegt werden können, etwa 1’200 Krieger stehen in ihrer Grube nun für Touristen stramm. Das Grab in der Pyramide, in welchem der Kaiser selbst ruht, ist von einem dick mit Gras überwachsenen Erdwall bedeckt und bisher unangetastet. Es wird noch Jahrzehnte dauern, bis die gesamte gigantische Anlage für Besucher erschlossen sein wird. Bereits spricht man jedoch weltweit im Zusammenhang mit der faszinierenden Terrakotta-Ausgrabungsstätte von einem achten Weltwunder.

Dem lokalen Historischen Museum gelang mit ‚Qin’ eine hervorragende Ausstellung. Es war ein überwältigendes Gefühl, die kostbaren Ausstellungsobjekte von nahem zu bewundern und, als Höhepunkt, Aug in Auge verweilen zu können mit einer ganzen Gruppe von echten, jahrtausendealten Terrakotta-Figuren. Habt Ihr eine Ahnung, wie unsere Stadt in der kleinen Schweiz zu solch sensationellen Ausstellungsstücken gekommen ist? Offenbar dank der Einstein-Ausstellung, die das Historische Museum vor ein paar Jahren seinerseits an China ausgeliehen hat und damit gute Kontakte schaffen konnte. Es lebe Einstein, der ebenfalls, als Mathematikgenie, unsterblich geworden ist!

Soviel zur «Unsterblichkeit», wie sie auf dieser Welt möglich ist. (Leider bleiben auch übel beleumdete Menschen und Ruchlose im Gedächtnis der Öffentlichkeit haften. Ihr geht mit mir sicher einig: Ihre Hinterlassenschaft ist weder «unsterblich» noch berühmt, sondern in höchstem Masse berüchtigt.) Weltliche «Unsterblichkeit» widerfährt in der Regel den ganz Grossen, die uns Erdenbürgern etwas Besonderes hinterlassen haben. Spontan fallen mir gleich mehrere ein, die die Menschheit beglückt haben: Marco Polo, Mahatma Ghandi, Mutter Teresa, Johanna Spyri, Nelson Mandela, Martin Luther King, Shakespeare, Goethe, Schiller, Bach, Beethoven, Mozart…. Die Liste lässt sich beliebig verlängern.

Es ist gut so, wie es ist. Wetten, dass Ruhm sowieso keine Rolle mehr spielt, sobald wir die letzte Schwelle überschreiten? Und jenseits schon gar nicht? Was würde man in einer anderen Sphäre auch mit so vielen ruhmreichen Alphatieren anfangen?

Ich glaube an einen lebendigen Gott und damit an ein Weiterleben in einer anderen Dimension – ganz ohne irdische Wegzehrung.

Elisabeth, 15.2.2020

10 Kommentare zu „Unsterblichkeit (Forts. vom 5.2.20)

  1. Danke vielmals, Elisa für’s Teilen deiner Gedanken und Geschichten. Das Grösste allen Bewusstwerdens ist dies, dass das Leben trotz seiner Vergänglichkeit niemals verloren sein wird. Ja, ich glaube auch an einen lebendigen Gott und Schöpfer, ich weiss es tief in mir drin und ich freue mich auf das, was nachher kommt 🙂

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    1. Liebe Brig, mit wenigen Sätzen bringst Du das Wichtigste auf den Punkt, herzlichen Dank! Der Satz, dass das Leben trotz seiner Vergänglichkeit niemals verloren sein wird, gefällt mir besonders. Die Frage ist nur: Warum fürchten sich die Menschen trotzdem vor dem Sterben? Schönen Sonntag und liebe Grüsse, Elisa

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  2. Lieben Dank fürs Mitnehmen, Elisa. Sehr spannende Einblicke in die Ausstellung des „unsterblichen“ Kaisers. Deinem letzten Satz kann ich mich nur anschließen und verbleibe mit einem schönen Sonntagsgruß, Antje

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  3. Wir konnten auf einer 3 wöchigen Chinareise u.a. sowohl auf der berühmten chinesischen Mauer entlangspazieren als auch die Terrakottaarmee vor Ort besichtigen. Auch vor dem noch nicht geöffneten Erdwall (Grab) haben wir gestanden und gerätselt, was es wohl irgendwann hervorbringen wird. Es war, wie auch Du es empfunden hast, mehr als beeindruckend! Da wir im Abstand von mehr als 10 Jahren das zweite Mal in China waren, muss man außerdem die Entwicklung würdigen und anerkennen, wieviel sich für die Menschen in diesem großen Land verbessert hat. Einen schönen Abend wünscht Ursula

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    1. Liebe Ursula, wie gerne wäre ich in China mit dabei gewesen. Das war bestimmt noch beeindruckender als die Ausstellung. China hat mich schon immer fasziniert, habe es aber leider nie so weit gebracht. Herzlichen Dank für Deine Zusatzinformationen. Liebe Grüsse, Elisa

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  4. Zur Thematik „Unsterblichkeit“ fühle ich mich leider spontan außerstande, eine eigene Meinung abzugeben.
    Da bin ich wahrscheinlich zu naturwissenschaftlich geprägt und finde momentan dazu nicht den zielführenden Weg. Diese ehrliche Meinung sei mir bitte gestattet. Angst vor dem Tod, der ja unausweichlich ist, habe ich nicht, eher vor dem „Wie“. LG Ursula

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  5. Liebe Ursula, herzlichen Dank für Deinen Beitrag. Ich setze voraus, dass meine Leser/innen ehrlich sind, nur so entsteht gute Kommunikation. Ich habe gerade kürzlich im Gespräch mit einem interessanten Menschen wieder einmal festgestellt, wie unterschiedlich wir doch alle sind. Das ist wahrhaftig das „Salz in der Suppe“! Wie schön, dass wir frei und unangefochten unser Leben so leben dürfen, wie es uns entspricht. Ich bin zuversichtlich, dass jeder ernsthafte Mensch nach seiner „Façon“ mit dem Sterben fertig wird.

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