Samichlaus

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In weiten Teilen Europas besucht am 6. Dezember der Heilige Nikolaus mit einem schweren Sack auf dem Rücken eines langsamen, manchmal bockigen Esels die Jüngsten und verteilt Süssigkeiten. Bei uns heisst er bekanntlich «Samichlaus». Als Kinder hatten wir Angst vor ihm, aber die Zeiten, wo als Zugabe erzieherische Strafpredigten vom bärtigen Mann im Schwange waren, sind längst vorbei und bei Kindern und Eltern verpönt.

Auch in England gibt es eine rotgewandete Gestalt, die auf den heiligen Nikolaus aus Myra zurückgeht. Er kommt allerdings nicht am 6. Dezember, sondern erst in der Nacht vor Heiligabend. Im Laufe der Zeit haben sich der britische Father Christmas und der amerikanische Santa Claus stetig angenähert. Beide fliegen sie in einem Rentierschlitten über den stillen Nachthimmel. Von jedem Hausdach aus rutschen sie durch den Schornstein und füllen die von den Kindern aufgehängten Socken mit kleineren oder grösseren Geschenken – sagt man. Ob die Sprösslinge das im 21. Jahrhundert noch glauben? Immerhin gibt’s inzwischen ungeahnte neue Möglichkeiten, die den Glauben an die Legende aufleben lassen. Gestern machte ich eine virtuelle Ausfahrt im Niklaus-Schlitten, liess mich von Rentieren über ein geschmücktes virtuelles Weihnachtsdorf hinaufziehen, knapp an der Kirchturmspitze vorbei, über Schneeberge hinweg, mitten hinein in einen sternklaren Winterhimmel. Unglaublich kitschig – und einfach zauberhaft! Nur der Weihnachtsmann liess sich nicht blicken.

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Mein Sohn, er mag damals etwa vierjährig gewesen sein, war beim Hören des Märchens vom schenkenden Christkind skeptisch. So fragte er mich: «Mami, wie nur bringt das Christkind alle Weihnachtsgeschenke zusammen? Nachts ist der «Loeb» doch geschlossen und dunkel. Auch die Fenster sind zu, weil es so kalt ist. Wie kommt es da ins Warenhaus? Und wie trägt es die vielen Spielsachen alleine fort?» Wie Ihr Euch denken könnt, brachten mich die Fragen arg ins Schwitzen!

Das lässt mich an meine englische Freundin Margaret denken. Als junge Frau arbeitete sie eine Zeitlang als Journalistin in Kanada. Ein Schweizer lud sie zu einer Autofahrt ein, wobei er einen Unfall verursachte und beide ins gleiche Spital eingeliefert wurden. Noch vor Ort, machte er ihr einen Heiratsantrag, obschon sie einander kaum kannten. «Wohl aus einem schlechten Gewissen heraus», spöttelte Margaret später. Sie wiederum heiratete ihn, weil nach dem zweiten Weltkrieg Mangel an Männern herrschte…

Ein paar Jahre danach, sie hatten bereits einen kleinen Jungen, siedelten sie in die Schweiz über. Am ersten «Samichlaus»-Tag in der Schweiz stand der Knirps am Fenster und hielt ungeduldig Ausschau nach dem bärtigen Besucher. Margaret erklärte ihm: «Weisst du, der Nikolaus muss mit seinen Rentieren über alle Dächer fliegen, bis er uns findet, das dauert ein Weilchen.» «Blödsinn», rief ihr Ehemann. «Der Samichlaus kommt zu Fuss mit einem Esel, und nicht auf dem Rentierschlitten». Der Kleine sagte nichts. Minuten vergingen. Auf einmal wandte er sich um und sagte zu den Eltern: «Ihr habt beide unrecht, der Samichlaus ist mit dem VW gekommen.»

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Elisabeth, 4.12.2019

5 Kommentare zu „Samichlaus

  1. Nachträglich Grüße zum Nikolaustag Dir liebe Elisa! Schön, wie Du den geschichtlichen Hintergrund und die unterschiedlichen Traditionen in den Ländern beschreibst. Für uns als Kinder hieß es am Abend des 5.12. Stiefel putzen, um am Nikolaustag mit leuchtenden Augen eine kleine Überraschung im Schuh zu finden. Auch vor unserer Tür lagen gestern wieder 2 kleine Schokoladennikoläuse auf einer hübschen Weihnachtsserviette ohne Absender vermutlich von unseren Nachbarn. Eine schöne Geste finde ich. Da ich in den letzten Tagen Plätzchen gebacken habe, verteile ich Kostproben davon auch an Nachbarn. Viele Grüße Ursula

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  2. Liebe Ursula, herzlichen Dank für Deinen Beitrag und Deine Grüsse zum Nikolaustag. Es ist in der Tat faszinierend, wie gleiche Legenden verschieden interpretiert werden. Euer Nikolaus hatte es leichter, da er nicht in den Kamin steigen musste! Am Plätzchenbacken bin ich noch nicht, dafür ist die letzte Woche vor Weihnachten reserviert. Heute haben wir von einer Nachbarin ein liebevolles Samichlaus-Säcklein bekommen. Das sind so die kleinen Freuden des Advents, gell! Ganz liebe Grüsse, Elisa

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