Die Diagnose

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Das entfernt mit mir verwandte Ehepaar war bereits über 80, als eine ärztliche Diagnose den beiden ihre alten Tage vergällte. Der Arzt hatte dem Mann eröffnet, dass er einen Leistenbruch habe, und ihn auch gleich im Spital angemeldet. Auf dem ganzen Heimweg jammerte der Patient: «Ich gehe nicht ins Spital, ich war noch nie im Spital, ich habe Angst vor dem Spital, unter keinen Umständen gehe ich dorthin.» Sie versuchte ihn zu besänftigen, erklärte geduldig: «Du hast doch gehört, dass die Operation unumgänglich ist. Das ist nicht so schlimm, es ist eine leichte Operation. Du musst auch nicht lange im Spital bleiben.» Er aber liess sich nicht beruhigen.

In dieser Nacht schliefen beide schlecht. Am Morgen gegen 6 Uhr schreckte sie aus dem Schlaf auf. Das Bett neben ihr war leer. Sie wohnten im zweiten Stock in einem der historisch wertvollen Altstadtbauten in der Nähe der Kirchenfeldbrücke in Bern. Auf blossen Füssen rannte sie im Nachthemd ins Treppenhaus und sah gerade noch, wie er nach unten ging. Er trug Pantoffeln, einen karierten Pyjama und darüber seinen seidenen Morgenmantel. «Um Gottes Willen, Henri, wo gehst du denn hin in diesem Aufzug?» rief sie ihm nach. Seine Antwort liess sie Schlimmes erahnen: «Ich will nicht ins Spital. Lieber bringe ich mich um. Ich gehe jetzt zur Kirchenfeldbrücke und springe hinunter.»

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Immer wieder haben verzweifelte Menschen mit einem Sprung von dieser Brücke Selbstmord begangen. Nach einer Häufung von Suiziden mit traumatisierten Augenzeugen liess die Stadt 2015 den Brückenzaun mit Fangnetzen sichern, wie das bei der Münsterplattform bereits der Fall war. Zum Zeitpunkt meiner Geschichte waren die Fangnetze jedoch noch nicht angebracht.

Sie geriet in Panik und schrie, den Tränen nahe, nach unten: «Bitte, bitte, tu das nicht, ich flehe dich an. Denk doch…» Da fiel die Haustüre ins Schloss. In fliegender Eile, mit zittrigen Händen, wusch und kämmte sie sich, schlüpfte fahrig in ihre Kleider, um ihm zu folgen. Als sie eben das Haus verlassen wollte, kam er mit gesenktem Kopf zurück und sagte leise: «Heute kann ich nicht springen, es hat bereits zu viele Leute auf der Brücke. Aber ich gehe niemals ins Spital.»

Beinahe hätte sie gelacht. Später am Morgen beschloss der herbeigerufene Arzt, dem alten Mann eine starke Beruhigungsspritze zu verabreichen. Er schlief fest, als ihn zwei Pfleger zu Hause abholten und ins Spital brachten.

Nach der Operation, nachdem er aus der Narkose erwacht war, sah er seine Frau verwundert an und meinte: «Es hat ja gar nicht weh getan. Wenn ich das bloss gewusst hätte…» Da lächelten sie einander an, erleichtert – und fast ein wenig spitzbübisch.

Elisabeth, 29.10.2019

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9 Kommentare zu „Die Diagnose

  1. Puh Elisa, da hast du mich jetzt aber in Angst und Schrecken versetzt – aufgrund des Titels und des ersten Absatzes hatte ich fast Panik weiterzulesen – aber dann gottlob kam die Kurve und mit ihr ein Ende, was mich anrührte und mir ein Lächeln in das angespannte Gesicht zauberte. Toll geschrieben, bzw. beschrieben, Kompliment! 🙂
    Liebe Grüße Bea

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  2. Liebe Brig, ich habe beim Niederschreiben auch gelacht – umso mehr, als ich vom guten Ausgang gewusst habe. Lieber von der Brücke springen als ins Spital gehen, entbehrt nicht einer gewissen Komik… Herzlichen Dank für Deinen Beitrag. Freue mich auf die Gipfelkonferenz. Liebe Grüsse, Elisa

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  3. Du sorgst doch immer wieder für Überraschungen! Beginnend mit Spannung, beendend mit einem Gefühl: Nun ist ja alles gut! Aufatmen! Deine Fotos könnten nicht besser dazu passen.
    In unserer Stadt gibt es auch eine solche Brücke und leider mit den gleichen Vorfällen. Unser Sohn, welcher im Rettungsdienst arbeitet, berichtet uns immer wieder mal davon und es ist graußig was die Rettungskräfte vorfinden. Am Brückengeländer hängt ein großes Tuch mit einer Seelsorgetelefonnummer. Ein ehemaliger Kollege von mir übernimmt dort ehrenamtlich stundenweise die Telefon- bzw. seelische Betreuung. Du siehst, Deine Geschichte hat einen sehr realen Hintergrund im täglichen Leben. Danke liebe Elisa, dass Du auch solche Themen ansprichst. Es grüßt ganz herzlich Ursula

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    1. Liebe Ursula, ich schätze Deine Beiträge sehr, herzlichen Dank für diesen. Es ist das Leben, das meistens für Überraschungen sorgt. Traurig ist es, wenn man keinen anderen Ausweg mehr sieht als den Suizid. Eine Bekannte von mir half jahrzehntelang freiwillig beim Telefondienst „Die Dargebotene Hand“, diese Anlaufstelle ist für viele eine wirkliche Hilfe. Für Henri ist die Geschichte ja gut ausgegangen. Man darf nicht vergessen, dass Menschen unvorhergesehen reagieren können. Die einen verzweifeln wegen etwas, das einem anderen vielleicht gar nicht viel zu schaffen macht. Henri ist übrigens am 90. Geburtstag seiner Frau gestorben, worauf sie sehr krank wurde und auch nicht mehr sehr lange lebte. Liebe Grüsse, Elisa

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